Potsdam/Das Holländische Viertel. Bilderbuchholland auf preußisch.

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Potsdam/Das Holländische Viertel. Bilderbuchholland auf preußisch.
Potsdam/Das Holländische Viertel. Bilderbuchholland auf preußisch.
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Hallo! Hier geht‘s zu den Reisefrequenzen. Heute nehmen wir Sie mit zu unserem Streifzug durch das vorweihnachtliche „Holländische Viertel“ in Potsdam.
134 Häuser aus Ziegelsteinen, erbaut zwischen 1733 und 1742. Vier Karrees, dazwischen die Mittel- und die Benkertstraße. Holland auf preußisch. 59 rote Traufhäuser in der Benkertstarße und 75 rote Giebelhäuser in der Mitte, große Sprossenfenster, weiße Fensterrahmen und farbige Fensterläden, hin und wieder schmuckvolle Hauseingänge im niederländischen Barock. Nach der Wende saniert, wieder aufgebaut und chic gemacht. Das Viertel sind zwei Straßen zum Schlendern, Schauen und Stöbern. Nur die dicht an dicht am Pflasterstraßenrand geparkten Autos stören uns im niederländischen Flair des 18. Jahrhundert. Bis 1828 gab es statt der Fahrzeuge hier Vorgärten.

Sinterklaas, der niederländische Nikolaus, der sonst aus Spanien durch die Niederlande eilend am 5. Dezember nach Potsdam anreist, konnte in diesem Jahr nicht kommen. Der heilige Nikolaus tritt alljährlich zum großen Showdown auf, gefördert durch den Verein zur Pflege niederländischer Kultur in Potsdam. Doch aufgrund von Reisebeschränkungen und Übernachtungsverboten war ihm die Anreise unmöglich. Trotzdem schauen wir uns in der Vorweihnachtszeit um, hier ist es schön auch ohne ihn. Die Straßen sind ruhig, Besucher und Restaurants fehlen in diesem so speziellen Jahr. Die Sterne leuchten und die kleinen Läden sind geöffnet.
Wir beginnen unsere kleine Reise in die nahe Ferne Hollands am Potsdamer Bassinplatz. Ein großer Platz, eine öde mit einigen Bäume bestandene unstrukturierte Leere, die landestypisch nicht französisch näselnd sondern im heimischen Kollorit „Basseng“ gesprochen wird. Nur die katholische St. Peter und Paul Kirche, die seit 1870 mit ihrem einen Turm den markanten Abschluß der Brandenburger Straße bildet, ist ein Highlight in dem Vakuum.
Gegenüber steht, wie eine Kulisse, die Fassadenwand der roten Giebelhäuser als ein einziges endloses Reihenhaus. Das Bild wird untermalt durch einen kleinen Markt, auf dem täglich regionales Obst und Gemüse, Backwaren, Käse, Wurst und internationale Strümpfe angeboten werden. 

Holland in Preußen, das war die Sehnsucht Friedrich Wilhelm I. Er selbst war qua Erbe „Prinz von Oranien“, seine Großmutter Henriette kam aus Den Haag. Mit 12 Jahren ging seine erste große Bildungsreise in die Niederlande. Vier Jahre später, 1704/05 war er wieder dort. Nüchtern protestantisch, wirtschaftlich erfolgreich, erfinderisch in der Agrarpolitik und einflussreich in der Kunst. Die Niederländer. Dieses westliche Vorbild sehnte Friedrich Wilhelm sich, wie schon sein Großvater, nach Osten. 1732 reiste er noch einmal in die Niederlande, auch um kenntnisreiche, gut ausgebildete Neusiedler für Potsdam zur Unterstützung seines Projektes anzuwerben.

Bevor wir vom Bassinplatz aus die wenigen Schritte zum Viertel gehen, lassen wir uns durch eine Gedenktafel ablenken. Linkerhand, an dem ebenfalls holländisch aussehenden aber später errichteten Gebäude mit der Nr. 10 steht die Info. „Hier wohnte Mozart im Frühjahr 1789“. Das war im April, zweieinhalb Jahre vor seinem Tod. Anlass des Besuchs in Potsdam war Mozarts Marketing in eigener Sache beim preußischen König Friedrich Wilhelm II. Bedingt erfolgreich. In einem Brief an seine Frau Constanze schrieb er „Mein liebes Weibchen! Potsdam ist ein teurer Ort, und ich muss hier auf eigene Kosten zehren. Mit der Akademie ist nicht viel zu machen … So musst Du Dich bei meiner Rückkehr schon mehr auf mich freuen als auf das Geld ….“ Die barocke Häuserreihe, in der er logierte, entstand vermutlich unter der Bauleitung von Carl von Gontard auf Anregung Friedrich II. Am Besten erhalten ist Nr. 3. Mozart wohnte bei dem Waldhornisten Karl Türrschmidt und verkehrte als gern gesehener Gast in den Häusern der Nachbarn und den Etablissements der Grenadiere im holländischen Viertel. Wahrscheinlich war auch ein Billardtisch und die Gelegenheit zum Spiel nicht weit. Der erhoffte Auftrag blieb bescheiden. Sechs leichte Klaviersonaten für die Prinzessin Friederike von Preußen sollten es sein, doch Mozart lieferte nur eine ab. Es ist seine letzte Klaviersonate, Juli 1789 in D-Dur, Köchelverzeichnis 576.
Gedankenvoll stehen wir vor dem Haus mit der Tafel. Falls es das richtige Gebäude ist, was nicht exakt bewiesen werden kann. 

Potsdam/Das Holländische Viertel. Bilderbuchholland auf preußisch.

Das eigentliche Geheimnis liegt unter dem Pflaster. Ohne ein tragfähiges Fundament wäre das holländisch anmutende Viertel im märkischen Sumpf versackt. Daher wurde zunächst nahe des Bauplatzes ein Becken ausgehoben, in dem sich das Wasser sammelte. Das Wasserbecken benannten die Potsdamer damals mit einem topmodernen Wort aus der Gartenarchitektur, das gerade aus Frankreich herüberschwappte. Das Bassin. So heißt der Platz, nun trocken, bis heute. Das aus den Baugruben im „Holländisches Viertel“ ablaufende Wasser sammelte sich im Bassin und wurde über einen Kanal zum Heiligen See am Neuen Garten abgeleitet. 
Die Idee funktionierte gut, doch mit den Jahren wurde das Bassin zum Problemfall. Verschlickt, vermüllt, stinkend. Friedrich II ließ es als Teich neu anlegen, Peter Joseph Lenné verschönerte die Gestaltung, 1871-76 wurde es aus Rücksicht auf Geruchssinn und Gesundheit zugeschüttet. Ob Mozart den Gestank bemerkte ist in keinem Brief vermerkt.
Nur die kleine Gloriette von 1739 inmitten des Bassins als pavillonartiger Point de vue errichtet, überdauerte die Zeiten und auch den Krieg noch unbeschadet. Dann wurde das Gebäude abgerissen, es musste dem sowjetischen Soldatenfriedhof weichen. 
Nach der Entwässerung wurde aus hunderten von Baumstämmen ein Pfahlrost gegründet. Darauf liegt das Fundament aus großen Kalksteinen, die aus dem über 80 km entfernten Rüdersdorf herangekarrt wurden. Auf diesem sicheren Grund wuchsen die Stilhäuser, um, so der Plan, niederländische Handwerker nach jodwede, nach Brandenburg zu locken. 

Jan Boumann, der Baumeister des Viertels, Adrianus den Ouden, Anton de Ridder und Huigbrecht Keetel waren die ersten Niederländer in Potsdam. Von 134 Häusern, sechs wurden in den Zeiten zerstört und zwei wieder aufgebaut, wurden 22 von holländischen Familien bewohnt. Ein Teilerfolg. Der Leerstand wurde preußisch gelöst und französische Hugenotten, Künstler, Handwerker und die Soldaten des II.Bataillon des 1. Garderegimensts zu Fuß hier einquartiert.

Wir haben uns ablenken lassen. Das „Holländische Viertel“ ist ein gemaltes Stillleben. Der Traum von Friedrich Wilhelm I war es, mit ihnen vertrauter Architektur Wohnraum für Arbeitsimigranten zu schaffen, für green card Besitzer bestimmter Berufe und Qualifikationen. 
Zunächst entstanden die beiden westlichen Karrees. Zusätzlich zur Unterkunft wurde den holländischen Siedlern Befreiung vom Militärdienst, Steuererleichterungen, Gewinnzusagen und Mahlrechte offeriert. Und als schon klar war, daß sie nicht in Vielzahl kamen, ließ Friedrich II doch noch zwei östliche Karrees errichten und führte damit, trotz der oft geschilderten miserablen Familienbeziehung, die Pläne seines Vaters aus.
Vielleicht war das Holländische Viertel einfach ein wenig zu preußisch billig. Typenhäuser, quasi eine Werkssiedlung, Backstein, oft rot gestrichen um die billigen, fehlerhaften Ziegel zu vertuschen. 

Holländisches Viertel, Potsdam, Fassaden

Schauen wir uns um. Gegenüber des Bassinplatzes hat die französisch-reformierte Gemeinde ihren Sitz. In der Kreuzstraße 15, heute Benkertstraße und nach einem Hofbildhauer benannt, hat Theodor Storm gewohnt. Es war im April 1856 seine letzte Potsdamer Station. Als politischer Flüchtling lebte er in Potsdam und hat es nicht geliebt. Ganz in der Nähe gibt es prima Eis bei Frida, im Sommer ein Vergnügen.

Im Mittelpunkt der vier Karrees, an der Kreuzung Benkert- Mittelstraße, ist rechts das „La Maison du Chocolat“ und links der „Fliegende Holländer“. Ich entscheide mich, und das ist kein Geheimnis, für die Schokolade.
Mittelstraße 3. Beim Altwarenhändler Berthold Remlinger erwarb 1806 der Hochstapler Friedrich Wilhelm Voigt, der sich als Hauptmann von Köpenick einen Namen machte, eine Uniform des Garderegiments zu Fuß. Das Regiment hatte schon 1878 das Viertel ver- und einige Devotionalien zurückgelassen.

Mittelstraße 8, das Jan Boumann Haus ist ein Museum. Jan Boumann war der Meister des Viertels. Als ausgebildeter Tischler und Schiffsbaumeister kam er aus Amsterdam nach Potsdam. Hier und in Berlin machte er Kariere. Kastellan des Potsdamer Stadtschlosses betraut mit der Oberleitung von Um- und Ausbau des Stadtschlosses, 1755 Oberbaudirektor für Berlin und Potsdam. Architekt des nicht mehr existenten Doms in Berlin, der Akademie der Wissenschaften, des Palais Prinz Heinrich (heute Humboldt-Uni). In Potsdam war er weiterhin verantwortlich für das zerstörte Berliner Tor und die Französische Kirche, zu deren Gemeinde er gehörte. 
In dem nach ihm benannten Haus hat er nie gewohnt. Der erste Bewohner war ein niederländischer Grenadier. Anfang des 20. Jahrhunderts lebten in dem einen Haus, das für zwei Parteien vorgesehen war, acht Mietparteien mit drei Küchen. Im Museum ist das restaurierte Ensemble aus Vorderhaus, Hof, Fachwerk-Hofgebäude und Hausgarten erlebbar, so wie es ursprünglich angelegt wurde. Das Holländische Viertel war nicht immer fein. Boumann selbst wohnte in einem Haus im Park. Später wurde es nach Umbau das Schloß Charlottenhof, im südlichen Teil des Parks von Sansoucci gelegen. Boumann selbst zog nach Berlin, Französische Ecke Markgrafenstraße. 
Im Museum sind barocke Details erhalten und die Geschichte des Viertels wird gezeigt. Verblüffend, dass die roten Giebel, das Markenzeichen, gar nicht alle Zeiten überlebten. Abgerissen, die Ecken gerundet, Gründerzeit angeklebt. Seit den 1990er wurde auch mit Mitteln der Stiftung Wüstenrot saniert und wiederaufgebaut. Holland in Potsdam.
Unser Streifzug ist ein Bummel durch eine sanfte Stille. Die inhabergeführten Läden bieten Weihnachtliches und Warmes. In Nr. 38 wartet das große Käsekuchenglück. Es gibt Mode für Herren und Damen, auch secondhand. Kunst und Galerien, zu anderen Zeiten Cafés und Restaurants und zwischendrin ein Holzschuhpaar zuviel. Bilderbuchholland.

Am Ende der Mittelstraße gehts rechts zum Nauener Tor. Das graue, burgenartige Stadttor versperrte den in der Stadt stationierten Soldaten den Weg hinaus. Die hier stehenden Wachen erfüllten die Aufgaben der Kontrolle und der Zolleinnahmen. Zwei Rundtürme, Zinnen, drei gotische Bögen rechts, drei links und ein großes Tor in der Mitte. Dieses Tor gen Nauen ist das erste neogotische Gebäude auf dem Kontinent. Die Mode kam aus England und Friedrich der Große mit seinem Architekten Heinrich Büring setzten sie sofort um.
Nebenan bietet Café Heider im altmodisch stylishen Ambiente Torten und kleine Speisen. Früher war an dieser Ecke Café Rabien, Potsdams Hofkonditorei. Die Offiziere und die Damen der Gesellschaft gingen ein und aus im Haus. Auch Carl von Ossietzky, Chefredakteur der Weltbühne, Friedensaktivist, von den Nazis umgebracht, war oft im Café Rabien. Adlige, Schriftsteller und Tortensüchtige kamen zum Plaudern, Arbeiten und Genießen.

Welch schönes Viertel für Besucher, gerade auch in der leisen CoronaLeere. Und es ist nicht allein. Im architektonisch multikulturellen Potsdam gibt es noch andere niederländische Zitate. Den Stadtkanal, die Etablissements im Neuen Garten und das Jagdschloß Stern in der Parforceheide. 

Potsdam/Das Holländische Viertel. Bilderbuchholland auf preußisch.
Kaffeeausschank in CoronaZeiten

Das waren die Reisefrequenzen zum Fernhören. Heute im Holländischen Viertel in Potsdam. Nah ist‘s auch schön.
Wo: Potsdams Holländisches Viertel.
Was: Bummeln und Schauen.
Food: Käsekuchen und Cheescake im Café Guam, Mittelstraße 38.
Café Rabien, Potsdams ehemalige Hofbäckerei, die Nicht-nur-Baumkuchenverführung zur Weihnachtszeit jetzt in Berlin. http://rabien-berlin.de
Inspiration: Das Museum im Jan Boumann Haus.
Mozarts Klaviersonate, Sonate Nr. 18 D-Dur KV 576 
Zu Potsdam in unserem Blog:
Potsdam. Der Neue Garten, vom schwarzen Adler zum roten Stern.
Potsdam. Erfüllt grenzenlos Sehnsucht.
Potsdam. Der Neue Garten und das Geheimnis am Marmorpalais.
♥️ Unser Lieblingsplatz: das ganze Holländische Viertel.
🗝 Wir führen Euch gerne persönlich durch das Holländische Viertel oder durch andere Orte der Reisefrequenzen.

4 Gedanken zu „Potsdam/Das Holländische Viertel. Bilderbuchholland auf preußisch.“

  1. Liebe Marike,
    herzlichen Dank für die schönen und interessanten Ausführungen zum Holländischen Viertel in Potsdam sowie für die stimmungsvollen Fotos. Leider wohne ich in Stuttgart und kann meiner spontanen Lust, mir alles vor Ort anzuschauen, leider im Moment nicht nachgeben.
    Dir alles Gute und uns allen hoffentlich ein besseres 2021 mit deutlich weniger Einschränkungen! Deine Anja

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