Potsdam. Der Neue Garten und das Geheimnis am Marmorpalais.

Wiese mit Mohn- und Kornblumen
Brandenburg
Potsdam. Der Neue Garten und das Geheimnis am Marmorpalais.
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Aktualisiert 2023
Hallo! Hier gehts zu den Reisefrequenzen. Auf einem Spaziergang durch Potsdams Neuen Garten entdeckst Du bekannte und unbekanntere Sehenswürdigkeiten.
Von der Glienicker Brücke zum Marmorpalais. Mit Geschichten über eine Geliebte, einen Mord und den Eingang zur Unterwelt.
Nah ist‘s auch schön.

Der Neue Garten in Potsdam ist immer ein schöner Ort zum Schauen und Flanieren.
Wir nehmen Sie und Euch mit zum heutigen Ziel. Nach Italien, nach Griechenland, in die Niederlande, nach Ägypten, nach England, nach Norwegen. Oder: einfach in den Neuen Garten in Potsdam. Zwischen der Havel und dem Heiligem See und zum Marmorpalais.
Der Neue Garten in Potsdam: Zwei Schlösser, ein See mit Badestelle, ein Landschaftsgarten mit alten, großen Solitärbäumen, mehrere weitere Gebäude, viel Geschichte und Geschichten.
Ohne Stopps ist die Strecke in einer Stunde zurückgelegt, mit Muße geht im Neuen Garten gemächlich der ganze Tag vorüber. Damit uns keine Eile treibt, teile ich den Spaziergang in zwei. Heute spazieren wir im ersten Teil zum Marmorpalais und zur Gotischen Bibliothek. Im zweiten Teil folgt Schloss Cecilienhof.
Der Neue Garten gehört zu den Top Sehenswürdigkeiten in Potsdam und ist sicher kein Geheimtipp. Gut so. Es gibt viel zu entdecken.

1. Von der Glienicker Brücke zur ehemaligen Matrosenstation Kongsnaes. Von der deutsch-deutschen Teilung.

Wir beginnen unseren Spaziergang an der Glienicker Brücke, die zum Symbol der deutschen Teilung und der Agentenaustauschthriller wurde. Den Schloßpark Glienicke lassen wir auf der Berliner Seite hinter uns, ein letzter Blick schweift zur „Großen Neugierde“, der als Teepavillon errichteten Rotunde mit Blick auf den Jungfernsee der Havel. Oben glänzt die vergoldete ehemalige Aussichtsplattform, nachgebaut dem Athener Lysikratesmonuments.

Glienicker Brücke zwischen Potsdam und Berlin
Auf der Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam war Deutschland geteilt

In der Mitte der Brücke läuft ein Metallband quer über die Straße. „Deutsche Teilung bis 1989“. Von hier aus schweift der Blick weit über die Havel, dieses brandenburgische Gewässer, das eigensinnig jede Sandkuhle zur Seenbildung nutzt. Links thront das Schloß Babelsberg in seinem britischen Windsor-Outfit, rechts auf der anderen Seite über dem Jungfernsee steht die Sacrower Heilandskirche direkt am Ufer. Die weite Kulturlandschaft gehört zum Welterbe der UNESCO „Schlösser und Parks von Potsdam und Berlin“ und ist einfach schön.

Direkt nach dem Überqueren der 1907 errichteten Brücke kommen wir in Potsdam an und biegen rechts auf den Uferweg. Hier stand die Mauer. Kein See war vom Land zu sehen, der Blick durchtrennt von Mauer, Stacheldraht und Todesstreifen. Acht bebilderte Stelen erinnern an die Geschichte der deutsch-deutschen Teilung, an das Sperrgebiet und die Ereignisse hier an der DDR-Grenze zu West-Berlin. Inzwischen sind die Blicke frei, die Grenzanlagen seit langem abgerissen. Linkerhand steht die Villa Schöningen, 1843 von Ludwig Persius für den Hofmarschall des Prinzen Carl von Preußen, Kurd Wolfgang von Schöning erbaut. Sie ist aufwendig restauriert und strahlt in weiß.

Potsdam. Der Neue Garten und das Geheimnis am Marmorpalais.

In der Villa Schöningen gibt es wechselnde Ausstellungen und ein kleines Café. Die spätsommerlichen Plätze unter alten, weiten Buchen sind ein guter Platz für einen ersten Stopp.
Die nächste Station am Havelufer auf dem Weg in den Neuen Garten ist Kongsnaes, die Landzunge des Königs.

2. Norwegen an der Havel in Kongsnaes. Von der Royal Louise, dem Mauerbau, einem Rekord im Funken und einem Restaurant

Eine Kaiserliche Matrosenstation im norwegischen Drachenstil wollte der Norwegenliebhaber Kaiser Wilhelm II. hier haben. Bis 1895 ließ er einen Bootsschuppen, eine Empfangshalle und drei Wohnhäuser am Jungfernsee der Havel errichten. Ursprünglich gehörte das Grundstück dem Müller Craatz. Windmühle stand neben Windmühle, auf alten Potsdamer Stadtplänen ist das gut zu sehen. Hier, in der Mühlenhäuser Gegend, wickelte der General-Gartendirektor Peter Joseph Lenné 1841 im Auftrag des zukünftigen Königs FW IV den Kaufvertrag für das spätere Kongsnaes ab.

Endlich konnte eine Anlegestelle für die „Royal Louise“ gebaut werden. Die „Royal Luise“ war eine königliche Miniaturfregatte, ein Geschenk des britischen Königs Wilhelm IV. an die preußischen Verwandten. Den neuen Anleger nutzte die königliche Familie für Überfahrten zur schmucken Pfaueninsel, man war des langwierigen Landwegs durch den Wald längst überdrüssig.
1850 kamen die ersten Matrosen, doch eine hübsche Station fehlte noch. Erst sollte auf der abgebrannten Mühle des Müllers Craatz ein Haus entstehen, dann ein neogotisches Ensemble á la Babelsberg. Erst Wilhelm II entschied sich nach seinen Nordlandfahrten für den Drachenstil und den Architekten Holm Hansen Munthe. Norwegen an der Havel.

1897. Georg Graf von Arco und sein Lehrer Adolf Slaby holen Kongsnaes aus dem Funkloch. Das ist fast revolutionär. Sie funken drahtlos vom gegenüberliegenden Turm der Sacrower Heilandskirche zum 1,6 Kilometer entfernten Kongsnaes. Der Erste Funkversuch war in Berlin, der zweite hier, der dritte schon der Weltrekord.

Der Mauerbau teilte das Ensemble. Die Wohnhäuser wurden bewohnt, verbaut, notdürftig instand gehalten. Die alte Empfangshalle und der Bootsschuppen brannten am Ende des Zweiten Weltkrieges ab. Der kaiserliche Traum von Salutschüssen neben dem Pinasse-Schuppen war lange schon vorbei.
Inzwischen sind Empfangshalle und Bootsschuppen im alten Stil samt modernen Versorgungsgebäude durch einen privaten Investor neu errichtet. Die Wohnhäuser sind nicht denkmalgerecht restauriert und bewohnt. Die Differenzen um das jetzt luxuriöse Ensemble samt kleinem noblen Yachthafen bleiben bestehen. Ab und zu legt die 1998 von einem Verein nachgebaute „Royal Louise“ an.
Nun ist in der Bootshalle Kongsnaes ein Restaurant. Einmalig schön ist der Standort, der Blick schweift weit übers Wasser, Urlaub zuhause in schicken Polstern und ebensolchen Preisen.

Seerosen auf dem Hasengraben am Neuen Garten in Potsdam
Der Hasengraben unter der Potsdamer Schwanenbrücke

3. Von der Schwanenbrücke durch den englischen Landschaftsgarten zum Marmorpalais im Neuen Garten. Vom Garten-Vorbild in Wörlitz, einer Badestelle und einem Armeemuseum.

Das Tor zum Neuen Garten in Potsdam. Wir nehmen die Schwanenbrücke über den aufgestauten Hasengraben, Seerosen blühen auf seinem grünen Wasser. Er regelt den Wasserstand im Heiligen See und ist die Verbindung zur Havel. Etwas weiter links gibt es den ersten Traumblick. Im Vordergrund die Kulisse des Heiligen Sees, eingerahmt von hohen Bäumen, im Hintergrund das schönste Haus am See: das Marmorpalais.

Marmorpalais in Potsdam
Das Marmorpalais im Neuen Garten zu Potsdam mit noch kleinen Bäumen

Der Neue Garten mit dem Marmorpalais ist das Projekt des Königs Friedrich Wilhelm II. Es ist der radikale Gegensatz zum alten Garten, dem Park des Onkels Friedrich II. um Sanssouci, der damals noch nicht der uns vertraute Landschaftsgarten war. Friedrich Wilhelm II und Friedrich II. Gegensätzlicher konnten Charaktere, Temperamente und Interessen wohl kaum sein. Der neue König sucht nach neuen Wegen und der Name „Neuer Garten“ ist sein Programm.

Ursprünglich wurden hier Obstbäume und Weinreben angebaut, Windmühlen drehten ihre Flügel, Schafe weideten und am Rande der Felder standen wenige Häuser. Die alten Häuser von damals sind die sogenannten Bunten Häuser. Mit ihren roten und grünen Fassaden blieben sie Teil der neuen königlichen Gartengestaltung und spiegelten im englischen Landschaftsgarten die (vermeintliche) Idylle des ländlichen Lebens. Es ist als schaue der Betrachter auf ein Gemälde von John Constable. Schafe, Bäume, Himmel, Wolken, See, einzelne Gebäude, eine Idylle.
Kaum gekrönt, hatte der neue König endlich den Zugriff auf das Geld in der Schatulle, um den Neuen Garten anlegen zu lassen. Nichts Barock, nichts Rückwärtsgewandtes, nichts Sanssouci, sondern modern. Und modern hieß in der Gartengestaltung des Jahres 1787 – englisch.
Noch breiten die großen alten Bäume ihre Laubdächer über uns aus. Durch Buchenkronen glitzert das Licht, geschwungene Wege führen zwischen sommerlich hohem Gras, die Schafgarbe wächst und die blauen Natternköpfe blühen in der Farbe des märkischen Himmels.
Zwischendrin eröffnen sich jetzt im Sommer interessante Blickachsen mit überraschenden Aussichten auf nackte Körper. An der offiziellen Badestelle am Heiligen See ist Schwimmen erlaubt und Nacktbaden sehr beliebt.

Vorbild in Wörlitz
FWII. wollte Neues. Neugierig schaute er nach Wörlitz, dort gab es seit 1769 einen modernen englischen Garten. Den Tipp aus Wörlitz hatte ihm Wilhelmine gegeben, die nach einem Aufenthalt dort begeistert berichtete. Wilhelmine. Von ihr werden wir hören. Unverzüglich beauftragte FWII. den Sohn des Hofgärtners aus Wörlitz, Johann August Eyserbeck, mit der Planung für den Neuen Garten in Potsdam. Die Lage zwischen See und Havel war eine Steilvorlage zur malerischen Gestaltung. Doch was wir heute sehen, ist auch hier nicht mehr die ursprüngliche Anlage. 1816 kam Peter Joseph Lenné zunächst als Geselle in einen halb verwilderten Park und plante ihn als Teil seiner genialen Potsdam-Berliner Gartenlandschaft neu. Garten und Gebäude sind eine Gesamtkomposition des Bildes, das für den Betrachter wie ein Gemälde wirkt. Der Garten als Bild.
Heutzutage stehen zwei Hauptgebäude im Neuen Garten. Das Marmorpalais und Schloß Cecilienhof. Ersteres ist das Schloß FWII und seiner Geliebten und Freundin Wilhelmine Enke, verheiratete Ritz, geadelte Gräfin Lichtenau. Über ihren Einfluß werde ich gleich berichten. Das Schloß Cecilienhof wurde erst am Anfang des 20. Jahrhunderts in den Park geklotzt.

Das Marmorpalais am Heiligen See. Eine großartige Kulisse für das Schauspiel zwischen Wolken, See und Haus. Unter allen preußischen Schlössern ist es das Einzige im Stil des Frühklassizismus. Der Architekt Carl von Gontard hat es geplant, 1793 war es fertig zum Bezug. Ein neuer englischer Landschaftsgarten und ein frühklassizistisches Schloß. Schluß mit dem Rokoko aus Sanssouci.
Das Schloß ist ein kubischer Backsteinbau, oben auf eine Rotunde mit Ausblick bis zur Pfaueninsel. Ein schöner Ort für besondere Stunden, so stelle ich es mir dort oben vor. Das rote Backsteinschloß ist mit grauem Marmor aus Schlesien verkleidet, der ihm auch den Namen gab. Seeseitig wurde eine große Terrasse angelegt mit Bootsanlegestelle direkt davor.
Einige Jahre nach der Fertigstellung ergänzte 1797 der Architekt Michael Philipp Boumann den kubischen Block durch zwei einstöckige Flügel und lässt dafür den Schneckenberg genannten Aussichtshügel abtragen. Diese ebenerdigen Bauten sollten dem im Alter kranken König das Treppensteigen ersparen. Die Reihen schmückender Marmorkolonaden vor den Flachbauten wurden kurzerhand von der Hauptallee in Sanssouci recycelt. Ihre Fertigstellung hat Friedrich Wilhelm II nicht mehr erlebt. Er starb am 16. November 1797 hier im Palais. Erst 1843-48 beendete FWIV. die Um- und Anbauten.

In den kommenden Zeiten wird das Gebäude Spielball der Geschichte. 1882 zog Wilhelm mit Auguste ein, 1905 der nächste Kronprinz Wilhelm mit Cecilie und Familie. Bevor er ein paar Meter weiter ins neue Schloß Cecilienhof weiterzog. In den 1920er Jahren wurde der preußische Staat Besitzer und eröffnete 1932 für nur wenige Jahre das Schlossmuseum.
Nach Kriegszerstörungen kamen die Plünderer, das Marmorpalais wurde Offizierskasino der Roten Armee. 1961, im Jahr des Mauerbaus, übernahm die DDR das Gebäude und im frühklassizistischen Musentempel entstand das Deutsche Armeemuseum. Innen Waffen, außen Waffen. Panzer standen auf der Seeterrasse und im jetzt wieder hübsch bepflanzten Garten.
Ab 1988 wurde saniert und bis 2018 auch die Gartenanlage restauriert. 40 Innenräume strahlen im historischen Glanz.

Exkurs: Die Geliebte. Wilhelmine, Gräfin Lichtenau.

Im Inneren und auch im Garten spiegeln sich die Ideen einer Frau, ihre Shopping-Touren und ihr Geschmack.
Wilhelmine Enke, später verheiratete Ritz und ab 1796 geadelte Gräfin Lichtenau, ist die Geliebte, Vertraute, Mätresse, Mutter sechs gemeinsamer Kinder und die Freundin des Königs. Die Frau an der Seite Friedrich Wilhelm II. ist Besitzerin mehrerer Immobilien, darunter ein nobles Palais „Unter den Linden“ in dem sie zum Salon lud. Sie kam aus Dessau, war Tochter eines an der königlichen Oper in Berlin musizierenden Hornisten. Mit 15, dem damaligen legalen Heiratsalter, wird sie die Geliebte des noch Kronprinzen Friedrich Wilhelm. Wie Pygmalion formt er sich eine Frau, doch sie wird sich emanzipieren und ihm in Manchem überlegen sein. Zeitgenossen nennen sie die „schöne Wilhelmine“ und beschreiben sie als hochbegabt, musisch und sympathisch.
Doch die Staatsräson spielte die Hauptrolle. Noch bevor Friedrich Wilhelm die Thronfolge antritt, trennt er sich von ihr und verheiratet sie mit seinem Kammerdiener Ritz. Die Ehe wird geschieden, Wilhelmine bleibt die engste Freundin des Königs. Nach dessen Tod wird sie vom Nachfolger verbannt und schließlich auf Intervention Napoleons doch noch rehabilitiert. Was für ein Leben.  
FWII. hatte ihr ganz in der Nähe ein Palais errichten lassen, in Sichtweite direkt am Eingang des Neuen Gartens. Doch wahrscheinlich hat sie dort nie gewohnt sondern es ihrem Mann Ritz überlassen. Heute ist es restauriert im zartrosa Anstrich, aber die laute vielbefahrene Straße davor zerstört die Idylle.
Im Schloß konzipierte sie die Innenausgestaltung der Seitenflügel. Das ikonographische Programm galt der Zurschaustellung eines an Antike und italienische Kultur geschulten Bildungsbewusstseins, daß sie auf ihrer einjährigen Grand Tour durch Italien gepflegt und vertieft hatte. Italien! Die Grand Tour war auch als Einkaufstour geplant, Geld spielte keine Rolle. Sie ließ sich von Angelika Kauffmann malen, kaufte Skulpturen, Teppiche, Mitbringsel und ein Model des Kolosseums aus Kork. Kunsthistoriker sind sich einig, daß ihr Einfluß auf den Frühklassizismus in Preußen nicht zu unterschätzen ist.
Doch auch Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorf und Carl Gotthard Langhans sind in Potsdam beteiligt. Die Räume sind von schlichter Eleganz und mir gefallen besonders die inneren Sichtachsen auf den See. Zwei Vasen aus der englischen Wedgewood-Manufaktur zeigen den Sinn für das damals Moderne. Das ganz aus verschiedenfarbigem Marmor gestaltete Vestibül, der unmittelbar am Wasser gelegene Grottensaal sowie der Konzertsaal bilden die Höhepunkte der zum Großteil noch im Original erhaltenen Räume des Schlosses. Und dann bleibt noch Tausend-und-eine-Nacht. Es ist das Türkische Zeltzimmer, ausgeschlagen mit blau-weißem Atlas, für die orientalischen Träume über dem Heiligen See.
Für mich ist das Marmorpalais das Schönste der 16 Schlösser in Potsdam. Oder mindest das Zweitschönste. Eine klassische Schönheit am See. Niemals überlaufen strahlt es gelassene Würde an einem perfekt schönen Ort aus.

Marmorpalais am Heiligen See in Potsdam
Der Blick über den Heiligen See zum Marmorpalais

4. Das Gedenken an einen Mord

Draußen, am Ufer des Sees, steht auf einem hohen Sockel eine Marmorurne. Die meisten Besucher schlendern achtlos vorbei. Es ist die Gedenkurne für Alexander von der Mark, einem gemeinsamen Sohn Wilhelmines und Friedrich Wilhelms. Die Eltern wollten den Gedenkort von ihrem Lieblingsaufenthaltsort aus immer im Blick haben. Inzwischen sind die Bäume hochgewachsen und der direkte Blick versperrt. Alexander ist acht, als er plötzlich stirbt. Todesursache ungeklärt. Das Wort Mord steht im Raum. Giftmord. Mord aus Eifersucht. Sogar Mord durch Friedrich Wilhelm III, den legitimen Thronfolger, der den Thron für sich durch den illegitimen bevorzugten Sohn seiner Eltern in Gefahr sah. Für den Vater war Alexander der Lieblingssohn. Die Eltern lassen bei Schadow ein Grabmal in Auftrag geben, heute ist es in der Alten Nationalgalerie zu sehen. Am See im Neuen Garten Potsdams steht seit 2005 wieder die lange verschollene und aus dem trüben Wasser gefischte weiße Gedenkurne. Hier hörte der Vater Friedrich Wilhelm, den Geheimbünden und der Magie zugetan, die Stimme seines Sohnes.

Der Blick schweift über den Heiligen See, auf der anderen Seite wohnen in größtenteils architektonisch uninteressanten Häusern die Reichen und vielleicht auch Schönen. Die Wolken ziehen übers Wasser. Früher, als es noch kalte Winter gab, war der See eine gute Eisbahn und die Kulisse des Marmorpalais steht in meiner Erinnerung für fast breughelsche unübertroffen malerische Bilder.

5. Vom Marmorpalais zur Gotischen Bibliothek vorbei an der Schlossküche und der Pyramide im Neuen Garten. Vom Eingang der Unterwelt und von zwei Beethoven-Sonaten.

Wir spazieren durch den Park und was jetzt kommt, ist wie eine Reise durch die Welt.
Rechts unten am Weg, nah am Wasser, steht ein scheinbar ruinöses Gebäude halb versunken im Uferbereich, Säulen schauen nur noch zur halben Höhe heraus, die Fassade eines Tempels. Es ist die Schloßküche. Sie wurde abseits des Hauses errichtet, damit, falls die Küche Feuer fängt nicht das ganze Schloss abfackelt. Arbeitsraum im Design einer Tempelruine. Fast Süditalien.
Landeinwärts hingegen spazieren wir nach Ägypten. Unerwartet taucht eine steinerne Pyramide zwischen den hohen Bäumen auf. Merkwürdige Hyroglyphen sind über dem Eingang angebracht und in den Stein gemeißelt. Rätselnd und gedankenverloren stehen wir davor. Sind es Symbole für Mann und Frau oder für die sieben in der Antike bekannten Planeten? Zeichen der Freimaurer und des spirituellen Ordens der Rosencreutzer, dem Friedrich Wilhelm angehörte. Für ihn war der Garten sein Weg zur Selbsterkenntnis und der Ort für die Zwiesprache mit den Toten. 1833 wurde die Pyramide umgebaut. Das ursprüngliche Schmuckprogramm ist verloren. Innen verbirgt sich ganz profan der Eiskeller, Eiskuthe genannt. Hier lagerte das winterliche Eis des Heiligen Sees bis in 5m Tiefe zur Kühlung von Lebensmitteln.
Ein weiteres Stück ägyptischer Imitationen ist der Obelisk, der seitlich vor dem Marmorpalais steht. Zitat der Obeliskenzitate, die sich durch ganz Potsdam ziehen. Vier Männerköpfe zieren seine Seiten, einer jünger als der andere. Unter Mitwirkung Schadows sind die Lebensaltern als Symbol der Jahreszeiten ganz der Antike folgend gestaltet.

Gotische Bibliothek im Neuen Garten in Potsdam
Gotische Bibliothek

Am Seeufer flanierend erreichen wir an der Spitze des Sees die Gotische Bibliothek, einen kleinen neogotischer Bau. Die Neogotik, für die Potsdam mit dem Nauener Tor eine Vorreiterrolle in Deutschland einnahm, war immer noch eine recht neue Baukunst. Sie brachte England nach Potsdam, so wie der Garten ein englischer ist. Das Bibliotheksgebäude ist zweistöckig. Unten gab es französische Literatur, oben die deutschsprachige. Endlich durften Schiller und Lessing gelesen und aufgeführt werden, das war unter dem vorherigen König, unter Friedrich dem Großen, undenkbar.
Hier, in der gotischen Bibliothek, sollen die mystischen Rosenkreuzer-Abende stattgefunden haben, an denen Friedrich Wilhem II begeistert teilnahm. Nachts leuchteten die Fackeln und wenn es neblig wurde, war die Stimmung am See fremd und mystisch.

Blick über Blumenbeet zur Orangerie des Neuen Gartens in Potsdam
Die Orangerie in Potsdams Neuem Garten

In weitem Bogen spazieren wir landeinwärts. Entlang der sogenannten Holländischen Etablissements, den für die Bediensteten errichteten roten Backsteinhäusern, kommen wir am Kavaliershaus vorbei und fühlen uns wie in den Niederlanden. In dieser Zeile stand das erste Gebäude für Wilhelmine, inzwischen wird es das Hofdamenhaus genannt.
Am Ende der Häuserreihe taucht wieder Ägypten auf. Eine Sphinx und zwei schwarze ägyptische Gottheiten von Schadow bewachen die Orangerie und den Eingang zum Palmensaal. Davor ist ein üppig blühender Staudengarten angelegt. Schon kurz nach der Fertigstellungen finden im Palmensaal der Orangerie während des Sommers, wenn die Pflanzen in ihren Kübeln draußen stehen, musikalische Konzerte statt. FW II spielte ganz passabel das Cello. Beethoven widmete ihm zwei Sonaten für Klavier und Violincello und war dann doch mit der Bezahlung unzufrieden, wie es heißt.

Brunnen im Neuen Garten in Potsdam
Der Garten an der Orangerie

Über uns ragen die Kronen der Bäume in den Himmel. Linden, Tulpenbäume, Eßkastanien, Roteichen, Sumpfzypressen, Stieleichen und viele Andere laden zum Schauen und Verweilen. Einmal sah ich sogar Kraniche über dem Neuen Garten kreisen.
Der Neue Garten in Potsdam bietet endlose Entdeckungen. Fast am Ausgang steht der Parasol. Ein überdimensionaler chinesisch anmutender Sonnenschirm war 1787 die erste Gartenstaffage, bevor Schloss und Bäume kamen. Demnächst flanieren wir weiter zum Schloss Cecilienhof und seiner Umgebung.

Ein Ausflug in den südlichen Teil des Neuen Garten in Potsdam. Von der Glienicker Brücke zum Marmorpalais und zur Orangerie.

6. Tipps für den Besuch im Neuen Garten in Potsdam:
Was: ein Parkspaziergang mit Schloßbesichtigung und Badegelegenheit durch den Neuen Garten.
Der Garten ist Eintritt frei und tagsüber geöffnet.
Wo: In Potsdam.
Öffnungszeiten Potsdam Marmorpalais:
Sa, So 10-16 Uhr (Winter, gültig ab 1.11.2023)
Di-So 10-17.30 Uhr (Sommer, gültig 2023/2024)
Essen und Trinken Neuer Garten Potsdam:
In der Orangerie im Neuen Garten gibt es in den Sommermonaten ein kleines hübsches Café.
Kongsnaes für gehobene Ansprüche und Preise mit Blick direkt auf die Havel.
Villa Schöning für Kuchen und Kleinigkeiten unter großen Buchen. Sommer: Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr (1. April-31. Oktober) Winter: Freitag bis Sonntag 12-18 Uh
Inspiration: Beethovens Cellosonaten Nr. 1 F-Dur und Nr. 2 g-Moll, gewidmet FW II.
Zum zweiten Teil des Spaziergangs im Neuen Garten geht es hier. Potsdam. Der Neue Garten, vom schwarzen Adler zum roten Stern.
♥️ Unser Lieblingsplatz im Potsdamer Neuen Garten: Auf der Terrasse des Marmorpalais mit Blick zum See. Im Frühling zwischen den hohen Bäumen und ihrem frischen Laub.
🗝 Wir führen Sie und Euch gerne durch Potsdams Neuen Garten und viele andere Orte der Reisefrequenzen.

Das war die Reisefrequenz in Potsdams Neuem Garten. Nah ist’s auch schön.

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