Potsdam. Der Neue Garten und das Geheimnis am Marmorpalais.

Reisefrequenzen
Reisefrequenzen
Potsdam. Der Neue Garten und das Geheimnis am Marmorpalais.
Potsdam. Der Neue Garten und das Geheimnis am Marmorpalais.
/

Aktualisiert im April 2021.
Hallo! Hier gehts zu den Reisefrequenzen. Nah ist’s auch schön. Ein Kulturspaziergang in Potsdams Neuem Garten. Von der Glienicker Brücke zum Marmorpalais.

Wir sind Reiseleiter und wir sitzen fest. Also suchen wir die Ferne in der Nähe. Der Neue Garten in Potsdam ist jetzt im Frühling besonders schön!

Wir nehmen Sie mit, jetzt gleich, zum heutigen Ziel. Nach Italien, nach Griechenland, in die Niederlande, nach Ägypten, nach England, nach Norwegen. Oder: einfach in den Neuen Garten in Potsdam. Zwischen Havel und Heiligem See, zum Marmorpalais.
Der Neue Garten. Zwei Schlösser, ein See mit Badestelle, ein Landschaftsgarten mit alten, großen Solitärbäumen, mehrere weitere Gebäude, viel Geschichte und Geschichten. Ohne Stopps ist die Strecke in einer Stunde zurückgelegt, mit Muße geht, ohne daß man sich versehen hat, der ganze Tag vorüber. Damit keine Eile uns treibt, teile ich den Spaziergang in zwei. Heute spazieren wir im ersten Teil zum Marmorpalais und zur Gotischen Bibliothek.
Der Neue Garten gehört zu den Top Sehenswürdigkeiten in Potsdam und ist sicher kein Geheimtipp. Gut so. Es gibt viel zu entdecken.

Von der Glienicker Brücke nach Kongsnaes

Wir beginnen unseren Spaziergang an der Glienicker Brücke, die zum Symbol der deutschen Teilung und der Agentenaustauschthriller wurde. Den Schloßpark Glienicke lassen wir auf der Berliner Seite hinter uns, ein letzter Blick zur „Großen Neugierde“, der als Teepavillon errichteten Rotunde mit Blick auf den Jungfernsee. Oben glänzt die vergoldete ehemalige Aussichtsplattform, nachgebaut dem Athener Lysikratesmonuments. Wir verzichten fürs Erste auf Teestunden und dionysische Wettbewerbe – und gehen über die Brücke.

Glienicker Brücke zwischen Potsdam und Berlin
Die Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam

In der Mitte der Brücke läuft ein Metallband quer über die Straße. „Deutsche Teilung bis 1989“. Von hier aus schweift der Blick weit über die Havel, dieses brandenburgische Gewässer, das eigensinnig jede Sandkuhle zur Seenbildung nutzt. Links thront das Schloß Babelsberg in seinem britischen Windsor-Outfit, rechts auf der anderen Seite über dem Jungfernsee steht die Sacrower Heilandskirche direkt am Ufer. Alles, was wir sehen, gehört zum Welterbe der UNESCO, „Schlösser und Parks von Potsdam und Berlin“.

Direkt nach der Brücke biegen wir rechts ab und folgen dem Ufer. Hier stand die Mauer. Kein See war vom Land zu sehen, der Blick durchtrennt von Mauer, Stacheldraht und Todesstreifen. Acht bebilderte Stelen erinnern an die Geschichte der deutsch-deutschen Teilung, an das Sperrgebiet und die Ereignisse hier an der DDR-Grenze zu West-Berlin. Inzwischen sind die Blicke frei, die Grenzanlagen seit langem abgerissen. Wir gehen vorbei an der Villa Schöningen, die 1843 von Ludwig Persius für den Hofmarschall des Prinzen Carl von Preußen, Kurd Wolfgang von Schöning gebaut wurde. Sie ist aufwendig restauriert und strahlt in weiß. Es gibt wechselnde Ausstellungen und ein kleines Café bietet sommers Plätze unter alten, weiten Buchen. Unsere erste Station am Ufer der Havel ist Kongsnaes, die Landzunge des Königs. Eine Kaiserliche Matrosenstation im norwegischen Drachenstil, das war die Idee des Norwegenliebhabers Kaiser Wilhelm II. Bis 1895 ließ er einen Bootsschuppen, eine Empfangshalle und drei Wohnhäuser am Jungfernsee der Havel errichten. Ursprünglich gehörte das Grundstück dem Müller Craatz. Windmühle stand neben Windmühle, auf alten Stadtplänen ist es gut zu sehen. Hier, in der Mühlenhäuser Gegend, wickelte der General-Gartendirektor Peter Joseph Lenné 1841 im Auftrag des zukünftigen Königs FW IV den Kaufvertrag ab. Von nun an war das Gelände im Besitz des Königs. Auch solche kaufmännischen Aufgaben gehörten, ganz nebenbei, in die sonst gartengestaltende Hand Lennés.
Endlich konnte hier eine Anlegestelle für die „Royal Luise“ gebaut werden. Die „Royal Luise“ war eine königliche Miniaturfregatte, geschenkt vom britischen König Wilhelm IV., nachdem man einen ersten, ebenfalls vom britischen Königshaus verschenkten Dreimaster hatte verrotten lassen. Den neuen Anleger wollte die königliche Familie für Überfahrten zur schmucken Pfaueninsel nutzen, man war des langwierigen Landwegs überdrüssig.
1850 kamen die ersten Matrosen, doch eine hübsche Station fehlte noch. Erst sollte auf der abgebrannten Mühle des Müllers Craatz ein Haus entstehen, dann ein neogotisches Ensemble á la Babelsberg. Erst Wilhelm II entschied sich nach seinen Nordlandfahrten für den Drachenstil und den Architekten Holm Hansen Munthe. Norwegen an der Havel.

Der Mauerbau teilte das Ensemble. Die Wohnhäuser wurden bewohnt, verbaut, notdürftig instand gehalten, während die Empfangshalle und der Bootsschuppen am Ende des Zweiten Weltkrieges abbrannten. Der kaiserliche Traum von Salutschüssen der Geschütze neben dem Pinasse-Schuppen war lange schon vorbei und die zum Schiffspark gehörende Schraubendampfyacht „Alexandria“ seit 1923 nach Wien verkauft. Auch die „Royal Luise“ gab es nicht mehr.
Inzwischen sind Empfangshalle und Bootsschuppen im alten Stil und ein modernes Versorgungsgebäude durch einen privaten Investor neu errichtet. Die Restaurierungsmaßnahmen an den Wohnhäusern machen Fortschritte. Die Differenzen um den nicht historisch gerechten Aufbau und um die Nutzung von Kongsnaes als nobler Yachthafen währten lange und bleiben bestehen.  
Bis 1998 wurde der Rahsegler „Royal Luise“ von einem Verein nachgebaut und ist seitdem auf den Berlin-Potsdamer Gewässern unterwegs.
Nur das vom Förderverein gebaute Eingangstor zu Kongsnaes wurde im vorvergangenen Jahr von einem städtischen Müllfahrzeug geschreddert. Der Fahrer versuchte ohne Höheneinschätzung hindurchzufahren.
Nun ist Kongsnaes ein Restaurant. Einmalig schön ist der Standort, der Blick schweift weit übers Wasser, Urlaub zuhause in schicken Polstern. Wir gehen weiter.

Seerosen auf dem Hasengraben am Neuen Garten in Potsdam
Der Hasengraben

Von der Schwanenbrücke zum Marmorpalais

Das Tor zum Neuen Garten. Wir nehmen die Schwanenbrücke über den Hasengraben. Dieser Hasengraben ist schnurgerade und aufgestaut, Seerosen blühen auf dem grünen Wasser, er regelt den Wasserstand im Heiligen See. Etwas weiter links gibt es den ersten Traumblick. Im Vordergrund die Kulisse des Sees, eingerahmt von hohen Bäumen, im Hintergrund das Marmorpalais. Das schönste Haus am See.

Marmorpalais in Potsdam
Das Marmorpalais

Der Neue Garten mit dem Marmorpalais ist das Projekt Friedrich Wilhelm II. Er ist der radikale Gegensatz zum alten Garten, dem Park des Onkels Friedrich II. um Sanssouci, der damals noch nicht der uns vertraute Landschaftsgarten war. Friedrich Wilhelm II und Friedrich II, gegensätzlicher konnten Charaktere, Temperamente und Interessen wohl kaum sein. Der neue König sucht nach neuen Wegen und der Name „Neuer Garten“ ist Programm.

Ursprünglich waren es Grundstücke, auf denen Obst und Wein angebaut wurden, Windmühlen standen, Schafe weideten und Gebäude in der Landschaft standen. Einige dieser alten Häuser blieben Teil der königlichen Gartengestaltung, um im englischen Landschaftsgarten die (vermeintliche) Idylle des ländlichen Lebens zu spiegeln. Als schaue der Betrachter auf ein Gemälde von John Constable. Schafe, Bäume, Himmel, Wolken, See, einzelne Gebäude, eine Idylle. Die alten Häuser von damals sind die sogenannten Bunten Häuser. In ihnen wohnen heute die Mitarbeiter der Stiftung, das rote Haus duckt sich in eine Mulde und sieht verlassen aus. Kaum gekrönt, hatte der neue König endlich den Zugriff auf das Geld in der Schatulle, um den neuen Garten tatsächlich anlegen zu lassen. Nichts Barock, nichts Rückwärtsgewandtes, nichts Sanssouci, sondern modern. Und modern hieß in der Gartengestaltung 1787: englisch.
Große alte Bäume breiten ihre Laubdächer über uns, durch Buchenkronen glitzert das Licht, geschwungene Wege führen zwischen sommerlich hohem Gras, die Schafgarbe wächst und die blauen Natternköpfe blühen in der Farbe des märkischen Himmels. Immer wieder öffnen sich die Weiten durch verblüffende Blickachsen. Vom Hasengraben aus, über den wir in den Garten spazieren, eröffnen sich jetzt im Sommer überraschend erste interessante Aussichten – auf nackte Körper. An der offiziellen Badestelle ist Schwimmen erlaubt und Nacktbaden beliebt.  

FWII wollte Neues. So wie in Wörlitz, wo um 1769 ein englischer Garten entstanden war. Den Tipp aus Wörlitz hatte ihm Wilhelmine gegeben, die nach einem Aufenthalt dort begeistert berichtete. Wilhelmine. Von ihr werden wir hören. Unverzüglich beauftragte FW den Hofgärtner aus Wörlitz, Johann Friedrich Eyserbeck, mit der Planung für Potsdam. Die Lage zwischen See und Havel war eine Steilvorlage zur malerischen Gestaltung. Doch was wir heute sehen, ist auch hier nicht mehr die ursprüngliche Anlage. 1816 kam Peter Joseph Lenné in einen halb verwilderten Garten und veränderte ihn als Teil seiner genialen Potsdam-Berliner Gartenlandschaft. Garten und Gebäude sind eine Gesamtkomposition des Bildes, das für den Betrachter wie ein gemalter Garten wirkt. Der Garten als Bild.
Heutzutage stehen zwei Hauptgebäude im Garten. Das Marmorpalais und Schloß Cecilienhof. Ersteres ist das Schloß FWII und seiner Geliebten und Freundin Wilhelmine Enke, verheiratete Ritz, geadelte Gräfin Lichtenau. Über ihren Einfluß werde ich gleich berichten. Das Schloß Cecilienhof wurde erst Anfang des 20. Jahrhunderts in den Park geklotzt.

Marmorpalais in Potsdam
Das Marmorpalais am Heiligen See

Das Marmorpalais am Heilgen See. Eine großartige Kulisse für das Schauspiel zwischen Wolken, See und Haus. Unter allen preußischen Schlössern ist es das Einzige im Stil des Frühklassizismus. Der Architekt Carl von Gontard hat es geplant, 1793 war es fertig zum Bezug. Ein neuer englischer Landschaftsgarten und ein frühklassizistisches Schloß. Schluß mit Rokoko.
Das Schloß ist ein kubischer Backsteinbau, oben auf eine Rotunde, von der man weiten Blick bis zur Pfaueninsel genießen können soll. Ich stelle mir einen schönen Ort für besondere Stunde vor. Das rote Backsteinschloß ist mit grauem Marmor aus Schlesien verkleidet, der ihm auch den Namen gab. Seeseitig wurde eine große Terrasse angelegt mit Bootsanlegestelle direkt davor.
 
Einige Jahre nach der Fertigstellung wurde ergänzte 1797 der Architekt Michael Philipp Boumann den kubischen Block durch zwei einstöckige Flügel. Diese ebenerdigen Bauten sollten dem im Alter kranken König das Treppensteigen ersparen. Die Reihen schmückender Marmorkolonaden vor den Flachbauten wurden kurzerhand von der Hauptallee in Sanssouci recycelt. Die Fertigstellung hat Friedrich Wilhelm II nicht mehr erlebt. Er starb am 16. November 1797 hier im Palais. Erst 1843-48 beendete FWIV die Um- und Anbauten.

In den kommenden Zeiten wird das Gebäude Spielball der Geschichte. 1905 zog Kronprinz Wilhelm mit seiner Familie ein, bevor er ein paar Meter weiter ins neu fertiggestellte Schloß Cecilienhof umzog. In den 1920er Jahren wurde der preußische Staat Besitzer und eröffnete 1932 für nur wenige Jahre das Schlossmuseum. Nach Kriegszerstörungen kamen Plünderungen, das Marmorpalais wurde Offizierskasino der Roten Armee. 1961, im Jahr des Mauerbaus, übernahm die DDR das Gebäude und im frühklassizistischen Musentempel entstand das Deutsche Armeemuseum. Innen Waffen, außen Waffen. Panzer standen auf der Seeterrasse und im hübsch bepflanzten Garten. Ab 1988 wurde saniert und bis 2018 auch die Gartenanlage restauriert. 40 Innenräume strahlen im historischen Glanz – doch in Corona Zeiten ist nichts davon zu sehen, immer noch geschlossen.

Die Geliebte. Wilhelmine, Gräfin Lichtenau.

Wenn offen wäre, würden wir in den Räumen den Einrichtungsstil einer Frau finden. Im Inneren, der Einrichtung und auch im Garten spiegeln sich die Ideen, Shopping-Touren und der Geschmack einer Frau.
Wilhelmine Enke, später verheiratete Ritz und ab 1796 geadelte Gräfin Lichtenau, ist die Geliebte, Vertraute, Mätresse, Mutter sechs gemeinsamer Kinder, Freundin des Königs. Die Frau an der Seite Friedrich Wilhelm II. Besitzerin mehrerer Immobilien, darunter ein nobles Palais „Unter den Linden“ in dem sie zum Salon lud. Sie kam aus Dessau, war Tochter eines Hornisten, der Hofmusiker an der königlichen Oper in Berlin war. Mit 15, dem damaligen legalen Heiratsalter, wird sie die Geliebte des noch Kronprinzen Friedrich Wilhelm. Wie Pygmalion formt er sich eine Frau, die sich emanzipieren und ihm in Manchem überlegen sein wird. Von Zeitgenossen wird sie die „schöne Wilhelmine“ genannt und als hochbegabt, musisch und sympathisch beschrieben.  Noch bevor Friedrich Wilhelm die Thronfolge antritt, trennt er sich von ihr, verheiratet sie mit seinem Kammerdiener Ritz. Die Ehe wird geschieden. Wilhelmine bleibt enge Freundin FW II. Nach dessen Tod wird sie vom Nachfolger verbannt und schließlich auf Intervention Napoleons rehabilitiert. Was für ein Leben.  
FWII hatte ihr ganz in der Nähe ein Palais errichten lassen, in Sichtweite direkt am Eingang des Neuen Gartens. Heute ist es restauriert im zartrosa Anstrich, aber die laute vielbefahrene Straße davor zerstört die einstige Idylle.
Im Schloß konzipierte sie die Innenausgestaltung der Seitenflügel. Das ikonographische Programm galt der Zurschaustellung eines an Antike und italienische Kultur geschulten Bildungsbewusstseins, daß sie auf ihrer einjährigen Grand Tour durch Italien gepflegt und vertieft hatte. Italien! Die Grand Tour war auch als Einkaufstour geplant, Geld spielte keine Rolle. Sie ließ sich von Angelika Kauffmann malen, kaufte Skulpturen, Teppiche, Mitbringsel und ein Model des Kolosseums aus Kork. Kunsthistoriker sind sich einig, daß ihr Einfluß auf den Frühklassizismus in Preußen nicht zu unterschätzen ist.
Doch auch Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorf und Carl Gotthard Langhans sind in Potsdam beteiligt. Die Räume sind von schlichter Eleganz und mir gefallen besonders die inneren Sichtachsen auf den See. Zwei Vasen aus der englischen Wedgewood-Manufaktur zeigen auch hier den Sinn für das Moderne. Das ganz aus verschiedenfarbigem Marmor gestaltete Vestibül, der unmittelbar am Wasser gelegene Grottensaal sowie der Konzertsaal bilden die Höhepunkte der zum Großteil noch im Original erhaltenen Räume des Schlosses. Und dann bleibt noch Tausend und eine Nacht. Das Türkische Zeltzimmer, ausgeschlagen mit blau-weißem Atlas, für die orientalischen Träume über dem Heiligen See.
Für mich ist das Marmorpalais das Schönste der 16 Schlösser in Potsdam. Oder mindest das Zweitschönste. Eine klassische Schönheit am See. Niemals überlaufen, wenn es wieder offen sein wird, strahlt es gelassene Würde aus.

Marmorpalais am Heiligen See in Potsdam

Draußen, am Ufer des Sees, steht auf einem hohen Sockel eine Marmorurne. Die meisten Besucher schlendern achtlos vorbei. Es ist die Gedenkurne für Alexander von der Mark, einem gemeinsamen Sohn Wilhelmines und Friedrich Wilhelms. Die Eltern wollten den Gedenkort von ihrem Lieblingsaufenthaltsort aus immer im Blick haben. Inzwischen sind die Bäume hochgewachsen und der direkte Blick versperrt. Alexander ist acht, als er plötzlich stirbt. Todesursache ungeklärt. Das Wort Mord steht im Raum. Giftmord? Mord aus Eifersucht? Sogar Mord durch Friedrich Wilhelm III, den Thronfolger, der den Thron für sich in Gefahr sah? Für den Vater war Alexander der Lieblingssohn. Die Eltern lassen bei Schadow ein Grabmal in Auftrag geben, heute ist es in der Alten Nationalgalerie zu sehen. Am See steht die weiße Gedenkurne.

Der Blick schweift über den Heiligen See, auf der anderen Seite wohnen heutzutage in architektonisch uninteressanten Häusern die Reichen und vielleicht auch Schönen. Die Wolken ziehen übers Wasser. Früher, als es noch kalte Winter gab, war der See eine gute Eisbahn und die Kulisse des Marmorpalais steht in meiner Erinnerung für fast breughelsche unübertroffene Bilder.

Vom Marmorpalais zur Gotischen Bibliothek

Wir spazieren durch den Park und was jetzt kommt, ist wie eine Reise zuhause durch die Welt. Sehnsucht stillen in Coronazeiten.
Rechts unten am Weg, nah am Wasser, steht ein scheinbar ruinöses Gebäude halb versunken im Uferbereich, Säulen schauen nur noch zur halben Höhe heraus, die Fassade eines Tempels. Es ist die Schloßküche. Sie wurde abseits des Hauses errichtet, damit, falls die Küche Feuer fängt nicht das ganze Schloss abfackelt. Arbeitsraum im Design einer Tempelruine. Fast Süditalien. Landeinwärts hingegen spazieren wir nach Ägypten. Unerwartet taucht eine steinerne Pyramide zwischen den hohen Bäumen auf. Merkwürdige Hyroglyphen sind sowohl über dem Eingang angebracht als in den Stein des Gebäudes gemeißelt. Rätselnd und gedankenverloren stehen wir davor. Sind es Symbole für Mann und Frau, Frau und Mann? Zangen und Gestirne? Es sind wohl Symbole der Freimaurer und der spirituellen Gemeinschaft der Rosencreutzler. Geisterbeschwörung im Sinne Friedrich Wilhelm II und seiner Präferenz des Okkulten. Allerdings wurde die Pyramide 1833 umgebaut. In ihr verbirgt sich ganz profan der Eiskeller. Das winterliche Eis des Heiligen Sees wurde hier bis in 5m Tiefe für die Küche eingelagert. Ein weiteres Stück ägyptischer Imitationen ist der Obelisk vor der Schloßseite, Zitat der Obeliskenzitate, die sich durch ganz Potsdam ziehen. Vier Männerköpfe zieren seine Seiten, einer jünger als der andere. Unter Mitwirkung Schadows wurden die Lebensaltern als Symbol der Jahreszeiten ganz der Antike folgend hier gestaltet.

Gotische Bibliothek im Neuen Garten in Potsdam
Gotische Bibliothek

Am Seeufer flanierend erreichen wir an der Spitze des Sees die Gotische Bibliothek, einen kleinen neogotischer Bau. Die Neogotik, für die Potsdam mit dem Nauener Tor eine Vorreiterrolle in Deutschland einnahm, war immer noch eine recht neue Baukunst. Sie brachte England nach Potsdam, so wie der Garten. Das Bibliotheksgebäude ist zweistöckig. Unten war die französische Literatur verfügbar, oben die deutschsprachige. Endlich durften Schiller und Lessing gelesen und aufgeführt werden. Das war unter FII undenkbar. Während der Große schrieb „kein Deutscher (könne) was Gutes oder Sinnvolles schreiben“ war sein Nachfolger des Großen Königs endlich fortschrittlich.
Hier, in der gotischen Bibliothek, sollen die mystischen Rosenkreuzler Abende stattgefunden haben, an denen Friedrich Wilhem II begeistert teilnahm. Nachts leuchteten die Fackeln und wenn es neblig war, wurde es noch mystischer am See.

Blick über Blumenbeet zur Orangerie des Neuen Gartens in Potsdam
Orangerie im Neuen Garten


In weitem Bogen spazieren wir landeinwärts. Entlang der sogenannten Holländischen Etablissements, der roten Backsteinbauten, die für die Bediensteten errichtet wurden, kommen wir am Kavaliershaus vorbei und fühlen uns wie in den Niederlanden. Am Ende der Häuserzeile taucht wieder Ägypten auf. Eine Sphinx und zwei schwarze ägyptische Gottheiten bewachen die Orangerie und den Eingang zum Palmensaal. Davor ist ein hübscher Staudengarten angelegt. Von Anfang an finden im Palmensaal im Sommer, wenn die Pflanzen in ihren Kübeln draußen sind, Konzerte statt. FW II spielte das Cello, Beethoven widmete ihm zwei Sonaten für Klavier und Violincello und war dann doch mit der Bezahlung unzufrieden, wie es heißt.

Brunnen im Neuen Garten in Potsdam
Garten an der Orangerie

Über uns ragen die Kronen der Bäume in den Himmel. Linden, Tulpenbäume, Eßkastanien, Roteichen, Sumpfzypressen, Stieleichen und viele Andere laden zum Schauen und Verweilen. Einmal sah ich sogar Kraniche über dem Neuen Garten kreisen. Bevor wir weiter zum Schloß Cecilienhof spazieren, in eine andere Zeit und zu einem anderen Geist, schauen wir noch einmal hinüber zum Marmorpalais.  

Ein Ausflug in den Neuen Garten in Potsdam, erster Teil.

Tipps:

Was: ein Parkspaziergang mit Schloßbesichtigung und Badegelegenheit.
Wo: In Potsdam.
Inspiration: Beethovens Cellosonaten Nr. 1 F-Dur und Nr. 2 g-Moll, gewidmet FW II.
Zum zweiten Teil des Spaziergangs im Neuen Garten geht es hier. Potsdam. Der Neue Garten, vom schwarzen Adler zum roten Stern.
♥️ Unser Lieblingsplatz: Auf der Terrasse des Marmorpalais mit Blick zum See. Im Frühling zwischen den hohen Bäumen und ihrem frischen Laub.
🗝 Wir führen Sie und Euch gerne durch Potsdams Neuen Garten und viele andere Orte der Reisefrequenzen.

Das war die Reisefrequenz in Potsdams Neuem Garten. Nah ist’s auch schön.

Schreibe einen Kommentar

Wir freuen uns über Feedback

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Mit Absenden Ihres Kommentars werden Ihre Einträge in unserer Datenbank gespeichert. → weitere Infos in unserer Datenschutzerklärung