Potsdam. Der Neue Garten, vom schwarzen Adler zum roten Stern.

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Potsdam. Der Neue Garten, vom schwarzen Adler zum roten Stern.
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Zum heutigen Ziel, dem Neuen Garten in Potsdam. Zum Schloß Cecilienhof, der Meierei und über den Garten hinaus in die Bertinistraße. 
Das ist der zweite Teil unserer Erkundungen des Neuen Gartens, der erste Teil erzählt vom Geheimnis am Marmorpalais. Nach der Enthüllung waren wir erschöpft, jetzt schweift ein letzter Blick zurück, dann spazieren wir dem Jungfernseeufer folgend in nördliche Richtung. Die Zweige der Weiden tauchen ihre Spitzen ins Wasser, Schwäne suchen in den Buchten nach Futter, Brombeeren reifen in ihren Hecken in der Sonne. Wir habe das Nordende des Parks erreicht. Eine kleine Halbinsel mit einem merkwürdigen Namen ragt in die Havel hinaus. Am Quapphorn. Das Wasser schwappt von vorn. Jemand badet unerlaubt an dieser Stelle und wir stecken uns unerlaubt einen schönen Kieselstein in die Tasche. Der Quapp, die Quappe ist ein nahezu ausgestorbener Speisefisch. Weggefuttert, sozusagen. 
An dieser idyllischen Stelle, mit weitem Dreiseitenblick über den See, steht ein mit Baumborke verkleidetes kleines Gebäude unter einem reetgedeckten Dach. Es ist die einsame verschwiegene Eremitage oder Einsiedelei. Seit ein paar Jahren ist sie wieder da. 1964 musste sie, drei Jahre nach dem Mauerbau, dem freien Schußfeld der DDR Armee hier nahe der Grenze zu Westberlin weichen. 2008 wurde ihre Hülle aus Holz wieder aufgebaut und vier Jahre später mit Eichenrinde verkleidet, finanziert vom Rotary-Club.  Der ursprünglichen Bau entstand 1796, geplant von Carl Gotthard Langhans und ausgeführt vom Hofzimmerermeister Johann Gottlob David Brendel. Das Innere ist verloren. In der Raummitte war einst eine Weltkarte mit Marmorintarsien im Fußboden verlegt, die Wände zeigten Abbildungen von astronomischen Geräten und Gipskopien antiker Statuen standen schmückend in den Ecken des Raumes. Zwei Tische, zwei mit blauer Seide überzogene Sofas, schlichte Eleganz. Licht kam einzig durch ein Oberlicht im Dach, niemand konnte hinein oder hinaus schauen. Ein Raum für gewisse Stunden und mystisch Abende. 
Wir gehen weiter durch einen kleinen Hain am Ufer des Sees entlang. Die Blicke schweifen über das stille Wasser der Havel zum gegenüberliegenden Königswald. Bis zum Mauerfall endete die Aussicht hier direkt an einer grauen Wand, von Seeblick keine Spur. Jetzt ist die Sicht auf das Havelpanorama wieder frei und die Schubverbände ziehen langsam vorbei. 

Schloß Cecilienhof liegt breit und behäbig auf der linken Seite. Doch vor uns, auf dem Uferweg, taucht plötzlich ein verwunschenes Gebäude auf. Wie ein überdimensionaler Maulwurfshügel, dunkel, auf einer Seite etwas grasig, sieht es aus. Aufgeschichtet aus Tuff, Schlacke, Ziegelsteinen und Raseneisensteinen steht es im Schutz einiger Sträucher und Bäume. Als sei es eine Haus aus Hobbiton. 1791 – 1794 wurde an einem künstlich angelegten Hügel vom Oberhofbaurat Krüger diese Crystal- und Muschelgrotte nach dem Vorbild aus Oranienburg angelegt. Das Grotto, ein must have in jedem englischen Landschaftsgarten, ist einstmals ein verzaubernder Ort gewesen. Im Inneren spiegelten sich Muscheln in Spiegeln. Blauer und roter Glasfluss, Marienglas und Serpentingestein glitzerten bei flackernder Beleuchtung in einer funkelnden Welt. Große Türen öffneten sich zur Natur. Ein Ort zum Feiern, für dekadente Partys, für geheimnisvolle Feste. Meine Phantasie malt bunt zwischen Romantisch, Frivol und Verboten. Es fehlten nur ein opulentes Mahl oder ein perfekt zubereitetes Fingerfood-Picknick und sicher die Getränke in dieser Abgeschiedenheit. Da die versunkene Küche am Marmorpalais einen Marsch weit durch den Park entfernt lag, ließ Friedrich Wilhelm II in der Nähe der Muschelgrotte eine zweite unauffällige Küche bauen. Die Borkenküche. Sie scheint in ihrer braunen Rindenverkleidung aus einem Märchenbuch kopiert. Verstohlen schaue ich mich nach der Hexe um. Aus dem Dach des Borkenhäuschens ragt ein Schornstein aus Blech der aussieht, als säße eine Eule auf einem Baumstamm und beobachte von dort die Welt. 

Wie verwunschen, abgeschieden und phantastisch sind Einsiedelei, Grotto und Küche einst gewesen. Bevor am Anfang des 20. Jahrhunderts das Schloß Cecilienhof in den Landschaftsgarten geklotzt wurde. 176 Zimmer, 40 kunstvoll gestaltete Schornsteine, zwei große Höfe und drei kleinere, es ist ein Bau im Stil der Tudorzeit des englischen Königs Heinrich VIII. Es fügt sich doch erstaunlich gut in den alten Garten. Schloß Cecilienhof ist das letzte Schloß der Hohenzollern. In den Jahren 1913-1917, während des 1.Weltkrieges, wird es für die Familie des Kronprinzen Wilhelm gebaut. Benannt wird es nach Cecilie, der Frau des Kronprinzen aus dem Haus Mecklenburg-Schwerin. Cecilie, gebildet, sprachgewandt mit einer Vorliebe für die Farbe Rosa und für elegante Hüte, wäre heute mit ihrer auffälligen Ballonfrisur Stilikone oder Influencerin. Ihre Mutter, und das ist eine kleine yellow press Info am Rande, die Großfürstin Anastasia Michailowna Romanowa, ist die Urgroßmutter der Königin Margarethe von Dänemark. 

Potsdam. Der Neue Garten, vom schwarzen Adler zum roten Stern.
Blick über den Schloßgarten zum Jungfernsee

Mit ihren fünf Kindern wohnt die Kronprinzenfamilie im Marmorpalais, daß ihnen bald zu klein und zu unmodern erscheint. Das sechste und letzte Kind wird nach dem Umzug ins neue Haus in der großen Wohnhalle am 09.11.1917 auf den Namen Cecilie getauft. Das Fest ist gleichzeitig die Einweihung des Schlosses mit dem gleichen Namen. 

Das Schloß Cecilienhof wird Kulisse für die Annäherung der Hohenzollern an das nationalsozialistische Führungspersonal und mit Ende des 2.Weltkrieges Kulminationspunkt der deutschen Geschichte. Kein anderes Schloß tritt so weit hinter die sich dort abspielende Geschichte zurück  wie das Potsdamer Manorhouse aus Backstein und Eichenfachwerk.

Für den Neubau im Park wurde der Architekt Paul Schultze-Naumburg beauftragt. Der Kronprinz und seine Frau wünschten sich ein Haus im englischen Landhausstil, im Neo Tudorstil oder Tudor revival. Die verwitwete Kaiserin Viktoria, gebürtige Britin, hatte diese Mode nach Kronberg in den Taunus gebracht. Cecilie wählte den Tudor Revival Stil wohl auch als Reminiszenz an das Jagdschloß ihrer Eltern in Gelbensande bei Rostock. Dort hatte die Kronprinzessin, aufgewachsen in Schwerin und Cannes, Kindheitszeiten verbracht und sich später mit Wilhelm verlobt. Dem Architekten wurde, damit er sich mit dem Tudorstil vertraut machen konnte, eine Bildungsreise nach Großbritannien finanziert. Er studierte den Typus des englischen Manorhouse und die stilprägende Elemente des späten Mittelalters, die Schornsteine und den Fachwerkbau. So wurde der Neubau im Neuen Garten außen spätes Mittelalter und innen modern. 
Schultze-Naumburg veröffentlichte elf Jahre später sein furchtbares Buch „Kunst und Rasse“.
Für den speziell von Cecilie gewünschten maritimen Innenausbau im Stil von Schiffskabinen auf dem Trockenen war Paul Ludwig Troost zuständig. Ihn hatte Cecilie als Innenarchitekten der Transatlantik-Schnelldampfer der Norddeutschen Lloyds kennengelernt. Später wurde Troost der erste Lieblingsarchitekt Adolf Hitlers, gestorben 1934.

1918, der Einschnitt. Der Kaiser geht ins Exil. Der Kronprinz muß Deutschland ebenfalls verlassen und lebt auf der niederländischen Insel Wieringen. Ab 1920 zieht Cecilie mit ihren vier jüngeren Kindern auf die schlesischen Besitzungen in Oels. Die beiden älteren Söhne bleiben zur Wahrung der Besitzansprüche in Potsdam. 1923 kommt der Kronprinz aus dem Exil zurück, da ist die Beziehung der Eheleute lange schon zerrüttet. 1926 wird der Kronprinzenfamilie für drei Generationen das Wohnrecht im Schloß Cecilienhof zugesprochen, bis 1945 bleibt es ihr offizieller Wohnsitz.  Derweil baut der Kronprinz seine Beziehungen zu den späteren Nationalsozialistischen Machthabern aus. 1926 empfängt er Göring, Röhm und Hitler auf Schloss Cecilienhof, 1932 versucht er erneut ein gemeinsames Bündnis mit den Nationalsozialisten zu schmieden. Heute fordert Georg Friedrich Prinz von Preußen als Oberhaupt der Hohenzollern das Schloß Cecilienhof zurück.

8. Mai 1945 Kapitulation, Ende des Krieges. Die Alliierten der Sowjetunion, der USA und des Vereinigten Königreiches planen die „Dreimächtekonferenz von Berlin“. Doch Berlin ist zerbombt. Sie entscheiden sich für das ebenfalls zerbombte aber doch besser erhaltene Potsdam und den Tagungsort Cecilienhof. Vom 17.Juli bis zum 2.August 1945 tagen sie mit Blick auf den Jungfernsee. Die Konferenz findet auf sowjetischem Besatzungsgebiet statt und die sowjetischen Geheimdienste sind auch dabei. Churchill, Stalin und Truman eröffnen die Konferenz, Attlee, Stalin und Truman werden sie beenden. Churchills Arbeitszimmer ist mit dunklem Holz vertäfelt, damit der Zigarrenrauch nicht die Tapete färbt. Vielleicht fühlt er sich ein wenig an England erinnert im englischen Landschloß Potsdams.  Die Beschlüsse der Konferenz formen die deutsche Nachkriegsgeschichte. Sie betreffen die Bestätigung der Ostgrenze, die Demokratisierung, die Entmilitarisierung, die Entnazifizierung, den Umgang mit deutschen Kriegsverbrechern, die Dezentralisierung und damit das Ende Preußens sowie die Zahlung von Reparationen an die Siegermächte. Am 02.08.1945 wird das Potsdamer Abkommen veröffentlicht. Zwischendurch, am 25. Juli 1945, erteilte Truman aus Babelsberg den Befehl zur atomaren Bombardierung Japans. Drei Tage später wurde als erstes Ziel Hiroshima festgelegt.

Von der Wasserseite aus versuchen wir einen ersten Blick durch die großen Fenster in den historischen Sitzungssaal und auf den runden Tisch zu werfen. Es ist fast nichts zu sehen. Im englischen Parterregarten mit seiner hübschen Staudenbepflanzung schaut Narziss in sein Spiegelbild.
Mit Blick auf die sorgsam beschnittenen tierischen Topiaries, den aus Büschen geschnittenen Tierfiguren, gehen wir um das in den letzten Jahren aufwendig sanierte Schloß herum. Der Haupteingang ist auf der gegenüberliegenden Seite. Über dem großen Eingangstor streckt vom roten Schornstein aus ein Stier seine Zunge heraus. Stier und Zunge sind aus Backstein. Die repräsentativen Schornsteine sind mit den Wappentieren der Hohenzollern und der Mecklenburger geschmückt. Adler und Ochsenkopf für Wilhelm und Cecilie.

Eingang Schloß Cecilienhof mit Flaggen der Alliierten für die Ausstellung zum Potsdamer Abkommen.
Haupteingang Schloß Cecilienhof mit den Flaggen der Alliierten

Das große Tor bleibt in CoronaZeiten geschlossen. Dahinter verbirgt sich der berühmte aus Geranien gepflanzte Rote Stern, dessen Vorgängerstern Stalin als Hausherr 1945 anpflanzen ließ. Zu sehen ist der stets nachgepflanzte Stern im Rahmen einer Besichtigung. Ein Besuch des Schlosses zeigt seine beiden Seiten. Von der nationalen Begegnungsstätte zum internationalen Tagungsort. Das Schloß als Wohnort der Kronprinzenfamilie und als Ort der Potsdamer Konferenz, mit allen Folgen für Deutschland und Europa. Auf der Potsdamer Konferenz und der Neuordnung der Welt liegt der Schwerpunkt des Rundganges. 

Frontansicht Schloß Cecilienhof
Schloß Cecilienhof

Nach dem Spaziergang durch den Neuen Garten und der schwer verdaulichen Geschichte des Schlosses Cecilienhof haben wir Durst und doch auch Hunger. In dieser idyllischen Umgebung gibt es zur Einkehr keinen besseren Ort als die Meierei. Am Ende des Gartens steht sie als vermeintliche normannische Burg, die seit 1791 in mehreren Bau- und Umbauphasen von Carl Gotthard Langhans und Ludwig Persius errichtet wurde. Ursprünglich diente sie der Milchverarbeitung. Die Kühe weideten nicht weit entfernt draußen im Park und boten ein romantisch ländliches Ambiente, die Milch galt als Superfood und machte müde Monarchen munter. Friedrich Wilhelm II trank seine Milch aus grünen Waldglasgläsern und schon um 1800 gab es auch für die Parkbesucher ein Glas Milch und eine Tasse Kaffee. 1857 wurden die Kühe ausgelagert und im Stall ein Dampfpumpwerk eingebaut, es war das Ende der Molkerei an diesem Ort. Nach dem 1.Weltkrieg und dem Ende der Monarchie wurde die Meierei  in eine Gaststätte verwandelt. So ist es heute wieder, statt Molkerei mit eigenem Brauhauses. Bier statt Milch aus grünem Glas. Dazu Pommes und Wurst und ein Eisbein im Winter. Ein schöner Ort für den Blick über den See. 

Blick von der Gartenseite auf die Meierei im Neuen Garten
Meierei im Neuen Garten

Dann verlassen wir den Neuen Garten durch die niedrige Pforte. 

Gleich dahinter ragt der Bootssteg für die Anlegestelle Cecillienhof der Potsdamer Schifffahrt weit ins Wasser. Von hier aus gibt es Fahrten zurück in die Stadt. Doch ein paar Schritte weitergehen lohnt sich. Nicht weit vom Garten, in der Bertinistraße, ließen sich die Reichen und vielleicht auch Schönen prachtvolle Villen mit Wasserblick errichten. Zwischen 1830 und 1930 entstanden die herrschaftlichen Seeblickvillen der gründerzeitlichen Industriellen und Bankiers. Ein Spaziergang zwischen dem See und der noblen Architektur, vorbei an der Casa Bartholdy des Bankiers Otto Mendelssohn, an der Villa Gutman, die dem Sohn des Gründers der Dresdener Bank gehörte und jetzt Nadja Uhl, an der Galerie Kunst-Kontor bis zur Villa Jakobs des Zuckerbarons und seinem Weinberg im Garten. Unterwegs steht plötzlich ein DDR Wachturm. Wir sind im Hinterland der ehemaligen Grenze zu Westberlin, auch wenn der eigentliche Grenzverlauf 1200m weiter östlich verlief. Fototafeln erklären die Situation an der Grenzübergangsstelle Nedlitz und den Verlauf der ehemaligen Pontonbrücke hier. Einige bauliche Einrichtungen der ehemaligen Zollkontrollstelle sind erhalten. So endet unser Rundgang durch den Neuen Park und die deutsche Geschichte wie er an der Glienicker Brücke begann, mit den Spuren der deutschen Teilung. Das war der Intensivkurs Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Narziss am Brunnen, Skulptur im Garten Schloß Cecilienhof
Narziss am Schloß

Ein Ausflug durch den Neuen Garten in Potsdam, zu Eremitage, Grotte und zum Schloß Cecilienhof. Geschichte des 20. Jahrhunderts kompakt.
Was: Spaziergang durch den Park, Weiterblicken wo die Mauer stand, Schloßbesichtigung, Pause in der Meierei, die Villen der Bankiers und Industriellen. Intensivkurs Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Wo: Potsdam. Neuer Garten. Vom Marmorpalais zu Eremitage, Grotto, Küche, zum Schloß Cecilienhof und zur Bertinistraße.
Inspiration: Sonderausstellung zur Potsdamer Konferenz im Schloß Cecilienhof bis 31.10.2021.
Über die Villa Gutmann und das Leben einer Bankiersfamilie in der Bertinistraße gibt es ein informatives und bebildertes Buch: Herbert M. Gutmann und der Herbertshof in Potsdam. Vivian J. Rheinheimer. 
Der erste Teil des Spaziergangs durch den Neuen Garten heißt Potsdam. Der Neue Garten und das Geheimnis am Marmorpalais.

Das waren die Reisefrequenzen. Nah ist‘s auch schön.

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