Brandenburg/Havel. Die Dominsel war das Herz.

Veröffentlicht am 4.12.2020
Hallo! Hier geht‘s zu den Reisefrequenzen zum Lesen. Heute auf die Dominsel in Brandenburg/Havel. Zum letzten Teil unserer Brandenburg-Trilogie. Nah ist‘s auch schön.

Wir nehmen Sie und Euch mit, so wie wir es immer getan haben. Heute auf die Brandenburger Dominsel. Nachdem wir durch die Alt- und Neustadt geschlendert sind, zieht es uns ins Herz der Stadt. Die Dominsel ist der Anfang. Ohne sie kein Berlin und kein Potsdam und kein Bundesland Brandenburg. Sie ist die Wiege der Mark und der Beginn von allem, was daraus folgte, inklusive Preußen. Ohne dieses Zentrum wäre alles nichts.
Aus der Altstadt kommen wir über den Grillendamm zwischen dem Kleinen Beetzsee und dem Wasserlauf des Domstreng. Links und rechts der Straße liegt ein rostbrauner in der Sonne glühender Teppich aus weichen Nadeln. Erstaunt schaue ich mich um, zunächst auf den Boden und dann ganz weit nach oben ins Geäst. Es sind Echte Sumpfzypressen, die hier ihre Nadelblätter herbstlich streuen. Die ältesten stehen seit über 170 Jahren an diesem bereits im Mittelalter genutzten Fahrdamm. 
Über einen Parkplatz biegen wir nach rechts ab und vor uns liegt die „Himmelsbrücke“. Sie führt in sanftem Schwung zur Insel der Geistlichkeit. 2011 wurde die fünf Jahre zuvor errichtete Himmelsbrücke umbenannt und trägt seit dem den Namen des ehemaligen Brandenburger Bischofs Albrecht Schönherr.

Brandenburg Dominsel von der Brücke aus gesehen
Dominsel Brandenburg

Die Brücke ist der Weg über den Domstreng in die Welt des Doms. Bis 1929 war das heute komplett unter Denkmalschutz stehende Viertel um die Kirche eigenständig, die nicht zur Stadt gehörende Gemeinde Brandenburger Dom. 
Wie ein Zeigefinger ragt der eine backsteinrote Kirchturm aus dem Kiez. Obgleich nicht alle Häuser alt sind und vieles neu, versetzen Fassaden und Kopfsteinpflaster uns in ein scheinbar frühneuzeitliches Ambiente. Die, grob gesagt, zwischen Beetzsee und Niederhavel  gelegene Brandenburger Dominsel erzählt Geschichte und bewahrt sie. 

948 gründete Otto I. das erste Bistum östlich der Elbe und damit gleichzeitig das erste Bistum der Mark Brandenburg. Wenige Jahre später, 983, eroberten die Slawen die Havelinsel zurück und vertrieben die Brandenburger Bischöfe  nach nur 40 Jahren Brandenburg-Erfahrung ins Exil,  wo sie unvermutet lange gleich fast 200 Jahre blieben. 1157, am 11. Juni, setzte Albrecht der Bär aus dem Hause Askanien seine Standarte und damit das Symbol der Rückkehr und des Landesausbaus. Das Datum wird als Geburtstunde der Mark vermerkt. Die Geistlichkeit kommt ebenfalls zurück und setzt sich die Aufgabe der Missionierung. Zunächst gründete der Prämonstratenser Orden Pardwin mit Chorherren aus Leitzkau ein Kloster in der Altstadt. 
Wenig später wurde 1165 der Grundstein für den romanischen Backsteindom in den sumpfigen Sand gelegt. Der Ort liegt gut geschützt zwischen den Havelarmen. Doch die feuchte Standortwahl blieb wacklig und unsicher. Bis heute sind in der Kirche die großen Eisenanker zur Stabilisierung sichtbar und in den 1990er Jahren drohte fast der Einsturz. Den letzten Krieg hingegen hat der Dom, anders als die Stadt, unbeschadet überstanden.

Brandenburg, Dom. Frontansicht mit Turm

Der Dom auf der Brandenburger Insel

Wir drücken die schwere Eingangstür zur Kirche auf und freuen uns darüber, dass sie sich in diesen CoronaZeiten öffnend bewegen lässt. Vor uns, im späten Nachmittagslicht der tiefstehenden Sonne, liegt der Raum ruhig und schon ein wenig dämmrig. Weiß und rot sind seine Farben. Die Wandflächen sind weiß, die Stützbögen rot gefasst, im Gewölbe ist die dritte Farbe der Fassung ein helles Grau.
Welch schlichter monumentaler Raumeindruck. Große romanische Bögen tragen das Mittelschiff. Über einer hohen Krypta erhebt sich der gotische Chor. Die Lichtgaden und die Fenster in den Seitenschiffen sind ebenfalls spitzbogig gotisch. Die Ausstattung ist sparsam und stammt aus vielen Jahrhunderten. Das Augenmerk gilt dem Triumphkreuz und dem „Lehniner Altar“. Er stammt aus einer Leipziger Werkstatt, wurde 1518 für das Kloster Lehnin erworben und kam wenige Jahre später während der Reformation nach Brandenburg. Seit 500 Jahren steht er am gleichen Ort im Hohen Chor. Darunter ist die Krypta. Zwei romanische Rundbogenöffnungen öffnen den Weg hinunter. Wie ein Schlund in eine andere Welt.
Vorne, am Eingang des Domes, steht eine ehrenamtliche Wächterin. Wir plaudern mit der wachsamen Dame, niemand außer uns ist hier im Kirchenschiff. In einem leicht verstaubten Schrank, dessen Tür beim Öffnen quietscht, sucht sie nach einem Ordner. Sie möchte uns mehr zeigen über ihren Dom. Schließlich findet sie die gesuchten Kopie in Folie eingebunden. Es ist eine Zeichnung, die den Kirchraum im 19. Jahrhundert veranschaulicht. Damals hat der Dom gewisse bauliche Schwächen und der Architekt Karl Friedrich Schinkel wurde um Hilfe und Ideen gebeten. Schinkel, der am Theater geschulte Architekt, der für viele seiner Bauten eine Bühne zauberte, hatte auch im Brandenburger Dom den Blick für die Inszenierung.  Statt der halbrunden Öffnungen in die Unterwelt der Krypta und eines vom Kirchenschiff aus unzugänglichen Hochchores baute er eine breite geschwungene Freitreppe hinauf. Doch der Weg nach oben wurde in einer neogotisierenden Abrißwelle in den 1960er Jahren entfernt. Seitdem bleibt es bei den beiden höhlenartigen Löchern ins dunkle Gewölbe der Gebeine.
Von Schinkel blieben nur die Fenster, die einen in intensivem Blau, die anderen im Schinkelmix aus mittelalterlichen und neueren Glasscheiben.
Die Wagner-Orgel von 1723 mit ihrem Klangreichtum und der berauschenden Fülle schweigt coronabedingt. Das Dommuseum ist ebenfalls geschlossen. Die mittelalterlicher Textilkunst , die Urkunden und sakralen Gegenstände machen Pause vom Betrachter. Was zählt das schon, in ihrem Alter.
Eintürmig ist der Dom geblieben, der Südturm wuchs nie heran, die Fassade scheint etwas aus dem Gleichgewicht. Am westlichen Giebel fällt uns das große Hexagramm aus Formsteinen ins Auge. Es ist ein großer Davidstern. Warum und wer es an so prominenter Stelle anbringen ließ, bleibt ungeklärt. Ebenso ob das Zeichen an der Wand Unheil abwehren sollte vom mittelalterlichen Dom oder den durch Bischof Bodecker im 14. und 15. Jahrhundert angeregten interreligiösen versinnbildlichen.

Zum Dom gehörte die Klosteranlage mit all ihren Nebengebäuden. Die Reformation beendete 1540 das klösterliche Leben und das Ensemble wurden fortan anders genutzt. An der lange auch schon ehemaligen Ritterakademie lernten seit 1704 die Söhne des Adels. Jeder, der in den preußischen Staatsdienst wollte, musste mindestens zwei Jahre Französisch, Naturwissenschaften, Staatsrechtslehre und manch anderes Fach an solch einer Schule pauken. Heute sind die Evangelische Grundschule und das Evangelische Gymnasium, mit viel Engagement ins Leben gerufen, hier zuhause. Die Spiegelburg steht gegenüber und ist das zweitälteste Gebäude auf der Insel. Vermutlich war sie der bewehrte Bischofssitz.
Vor dem Dom steht ein mächtiger Baum, 16 Meter hoch, etwas mehr als drei unumfassbare Meter dick. Die schwedische Mehlbeere ist ein in unseren Breiten seltenes Gewächs. Mehr als 100 Jahre hat die alte Schwedin auf dem Borkenbuckel und betrachtet gelassen das Geschehen auf dem Domhof. Wir streichen ihre Rinde und denken an den Lauf der Zeit.
Nebenan glänzt saniert das Hotel Brandenburger Dom und das Restaurant Remise bietet regionale Küche. 

Brandenburg/Havel. Die Dominsel war das Herz.

Vor dem Burghof steht die Petrikapelle. Sie ersetzt wahrscheinlich die alte Burgkapelle der Askanier. Ihr schönster Teil, ein spätgotisches Zellengewölbe, überspannt den inneren Kirchraum. Bei Sanierungsarbeiten fand sich eine Stele, die ein Doppel in Leitzkau hat und eventuell das Grabmal Heinrich-Pribislavs war, des letzten slawischen Hevellers und ersten christlichen Königs, der die Prämonstratenser aus Leitzkau nach Brandenburg holte. Eine hohe Mauer umschließt die Kapelle, wir lassen sie hinter uns und gehen Richtung Mühlendamm zur Neustadt. Doch weit noch vor dem Mühlentor stehen an der Domlinde die Tritonen, halb Mensch, halb Fisch sind sie dem Meer entkommen. Begleitet werden sie von Galatea statt Undine. Der Gedanke an Gewässer ist nie weit in Brandenburg. Die Granitfiguren stammen aus dem barocken Italien und wurden 1910 für den Park von Sanssouci in Potsdam gekauft. Nach 1918 gab es kein Geld und keinen Kaiser mehr, die Stadt Brandenburg erwarb die Skulpturengruppe für einen Brunnen. Der wiederum wurde nie gebaut, die Tritonen und ihre Galatea stehen auf dem Trockenen und sehnen sich nach Wasser.

Brandenburg/Havel. Die Dominsel war das Herz.
Galatea

Das war die Reisefrequenz zum Lesen auf der Brandenburger Dominsel. Nah ist‘s auch schön.

Was: Ein Spaziergang über die Brandenburger Dominsel.
Wo: Brandenburg/Havel. Dominsel.
Food: Remise
Stay: Hotel Brandenburger Dom
Inspiration: Orgelkonzert im Dom.
Für literarische Romantiker: Friedrich de la Motte Fouqué. Lebensgeschichte, Undine und andere Texte.
Hier im Blog: Leitzkau. Weserrenaissance und Fake News nah der Elbe.
Brandenburg/Havel. Die Altstadt in der alten Stadt.
Brandenburg/Havel. Neun Stationen in der alten Neustadt.
♥️ Unser Lieblingsplatz: Im Dom. Und unter der schwedischen Mehlbeere.

Brandenburg/Havel. Die Dominsel war das Herz.
Brandenburger Dominsel

1 Gedanke zu „Brandenburg/Havel. Die Dominsel war das Herz.“

  1. Hier werde ich in einen unvergleichlich geschichtsträchtigen Ort eingeführt! Das wunderbare ist, dass er dokumentiert wird durch die Architektur.
    Sehr erstaunt bin ich auch über die hier wachsenden, mir bisher nicht bekannten Bäume.
    Tausend Dank für diese Exkursion nach Brandenburg!

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