Brandenburg/Havel. Die Altstadt in der alten Stadt.

Reisefrequenzen
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Brandenburg/Havel. Die Altstadt in der alten Stadt.
Brandenburg/Havel. Die Altstadt in der alten Stadt.
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Hallo! Hier geht‘s zum in die Ferne hören. Die Reisefrequenzen. Oder: Nah ist’s auch schön. Zu unserem heutigen Ziel, der Altstadt Brandenburgs.

Der Stadtkern in Brandenburg ist zu dritt. Neustadt, Dominsel und Altstadt heißen die drei Schwestern im alten Teil der Stadt. Zwischen den drei Schönen fließt das Wassernetz der Havel. Die sich abzeichnende Verwirrung wird durch ein perfektes touristisches Leitsystem gestoppt. Alles ist ausgeschildert und klar nach Farben sortiert. 
Der Weg führt uns vom Bahnhof in gut 20 Minuten bis zur Altstadt, die letzte Hürde zwischen Neu- und Altstadt ist der Brückenschlag. „Jahrtausendbrücke“ heißt der Übergang. Er ersetzt die alte „Lange Brücke“ über die Niederhavel und wurde 1929 zur 1000-Jahrfeier ursprünglich eingeweiht. Das Jahrtausend ist in der ersten Erwähnung Brandenburgs festgehalten, die uralte Urkunde liegt im Kloster Corvey an der Weser. Für den Neubau der Jahrtausendbrücke wurde die Straße höher gelegt und einige Häuser flach. Beim Hinübergehen entdecken wir eine Plakette. Eingeweiht am 01.12.1996. Da war das Jahrtausend schon älter und die Brücke nach Schäden auch aus dem Zweiten Weltkrieg wieder neu.
Seit spätestens 1348 stand direkt neben der Langen Brücke das oberste Gericht der Mark. Der Brandenburger Schöppenstuhl, ein Fachwerkbau auf Holzpfählen. Über 700 Hexenprozesse fanden bis 1730 statt, auch über Fontanes „Grete Minde“ wurde hier gerichtet. Statt Gerichtsbarkeit steht jetzt die „Cafébar“ mit Törtchen und Kaffee bereit.
Auf der Brücke geht es sich schön in der Sonne und die Straßenbahn rattert langsam vorbei. Unten links fläzen sich die breiten Haveltreppen am Salzhof, sie wurden großzügig und neu zur BUGA 2015 gestaltet. Von hier aus fahren „Anna“ und „Frieda“ im Fährdienst zum Breitlingsee. Wir bleiben in der Stadt. 

Unweit des Ufers steht die gotische Johanniskirche. Im herbstlichen Sonnenlicht glüht das Rot der Backsteine unter dem tiefen Blau des Himmels. Es ist die schönste Zeit für diese Farben. 
Die Kirche war der Mittelpunkt des Franziskanerklosters. Der Krieg hat ihr das Dach geraubt und auf der Westseite ein riesiges Loch der Zerstörung gerissen, als sei ihr Körper brutal durchhackt. Das hohe steile Dach wurde zur BUGA wieder aufgebaut und geschickt die tiefe Wunde mit einer gigantischen Glasfront verschlossen. Sie lässt den Blick frei, von außen nach innen und durch die gotischen Spitzbogenfenster wieder hinaus. 
Die Schönste am Bau der Johanniskirche ist die Fensterrosette im letzten noch existierenden Joch auf der Nordwestseite des Langhauses. Sie liegt an ungewöhnlicher Stelle und ohne symmetrischen Gegenpart. Gearbeitet aus präzisen Formsteinen lässt diese größte Fensterrosette der Mark Brandenburg das Licht hindurch zum Spiel im Innenraum.
Bis 1258 wurde der Konvent der Franziskaner von Ziesar in die Altstadt Brandenburg verlegt. Die erste Kirche war vermutlich schmuck- und turmlos. Der jetzige Bau stammt von 1411, blieb über hundert Jahre Franziskanerklosterkirche und nach der Reformation Kirche ohne Kloster. In die Gebäude der Abtei zog zunächst ein Hospital. Im 19. Jahrhundert nutzte eine Firma das Refektorium zum Bierbrauen. 1865 wurde das letzte Klostergebäude zugunsten eines Schulneubaus abgerissen. Die von Saldern’sche Schule oder kurzerhand die „Saldria“ von 1589 war im Gegensatz zur adligen Ritterakademie am Dom die Bürgerschule Brandenburgs. 1944 wurde sie zerstört. 
Neben der Kirche, ein wenig abseits, steht ein niedriger grauer Betonblock. „Loriot. Vicco von Bülow. 12.11.1923 Brandenburg Havel. 22.03.2011 Ammerland am Starnberger See.“ Zwei Tage nach dem 12. stehen wir vor diesem Stein „Der Tod ist eine ernste Sache“, sagt Loriot, der gebürtige Brandenburger. Der Sockel ist leer. Fast. Zwei Schuhabdrücke mit Blick zur Havel, davor in einiger Entfernung ein Waldmops. Mich zwinkernd Bildgeschulte erinnert das an frühe religiöse Darstellungen von Christi Himmelfahrt. In orthodoxen Kirchen oder auf dem Rostocker Taufbecken ist so etwas zu sehen. Nur der Abdruck der Füße ist noch da, der Körper Christi fliegt gen Himmel. Loriot, dessen Name dem Hauswappen der von Bülows entsprechend der „Pirol“ bedeutet, ist vielleicht ein humorvoll Fortgeflogener. 

Wir gehen die Ritterstraße hinauf, vor uns weitet sich der Raum zum Altstädtischen Markt mit direktem Blick zum gotischen Rathaus. Auf der Seite entziffern wir ein Straßenschild Parduin (Parduhn). Es kommt mir französisch vor und ziemlich unbekannt. „Niederdeutsch für Flussarm“, steht erklärend auf einer Tafel. Der lange Arm der Havel, der germanischen Habula. Das heißt nichts anderes als Bucht, die Vorfahren haben genau hingeschaut. In Parduin lebten, so vermuten Historiker, neben einer slawischen Festung schon früh deutsche Siedler.
Am Altstädtischen Markt öffnet sich der Platz. In der strahlenden Sonne eines Coronanachmittags ist er fast leer.

Rathaus Altstädtischer Markt Brandenburg

Das Rathaus ist ein gotisch-nördlicher Backsteinbau, errichtet zwischen 1470 und 1480. Die Schauseite ziert der blendengeschmückte Staffelgiebel, die Wappen der Ratsfamilien sind farbig am ältesten Bauteil, der Rats- und Schreibstube eingelassen. Bis zur Vereinigung von Alt- und Neustadt im Jahre 1715 saß hier der altstädtische Bürgermeister. Anschließend musste das Gebäude als Warenlager, Kornmagazin, Gericht und schließlich Bachantfabrik herhalten. Für einen Stoff aus Baumwolle und Leinen. 
Schließlich wird das Rathaus als Kleiderkammer an die Garnison verkauft, letztlich dem Verfall preisgegeben. Kurz vor dem geplanten Abriß Anfang des 20. Jahrhunderts kaufte die Stadt ihr Rathaus zurück und baute es wieder auf. So sehen wir es heute. Seit 2007 darf es wieder das sein, was es schon vor 500 Jahren war. Ein Rathaus. Zusammen mit dem „Ordonnanzhaus“ nebenan. Es profitiert vom Schwesterntod. Das Neustädtische Rathaus, seit 1715 Ort der gemeinsamen Verwaltung, wurde im Krieg zerstört.

Zwei Herren auf dem Altstädtischen Markt in Brandenburg

Es ist ein Dilemma, zwischen zwei Männern entscheiden zu müssen. Der eine ist riesig, alt, beeindruckend, steinern und steht in ganzer Rüstung vor dem Rathaus. Der andere hat eine große Knollennase, ist aus Holz und sitzt etwas angestrengt auf einer Bank schräg daneben. Neben ihm ist noch Platz, ich setze mich dazu.
Der Große heißt Roland und ist seit dem Rolandslied um Karl den Großen das Symbol rechtlicher städtischer Selbständigkeit. Er stammt von 1474 und steht im Exil auf dem weitläufigen Altstädtischen Markt. Bis zum Zweiten Weltkrieg war seine Heimat vor dem Neustädtischen Rathaus, ursprünglich sogar mitten auf dem Markt. Doch brauchte Friedrich Wilhelm I Marschfreiheit zum Exerzieren der Soldaten auf dem Neuen Markt und ließ ihn daher näher vors Neue Rathaus rücken. Rechtzeitig vor dem Zweiten Weltkrieg wurde er gesichert, in Segmenten in die Rieselfelder Wendgräben gelegt und nach dem Krieg wieder aufgebaut. Er ist aus Sandstein, 5,34 Meter groß und wiegt 8,5 Tonnen. Er hat ein falsches Bein und 89 Steinstücke an ihm sind eingearbeitete Teilprothesen, mit Shellack eingebrannt und dunkel geätzt. In der rechten Hand hält er ein Schwert, das senkrecht in den Himmel ragt. In der Linken hält er seinen Dolch dezent vor dem Gemächt. Auf dem Kopf wächst ihm ein grünes Kraut, das Hauswurz oder Donnerkraut genannt wird und vor Gewitter schützen soll.
Der andere Mann ist eher menschlich statt zu imponieren. Es ist das hölzerne Knollennasenmännchen, sein zeichnender Schöpfer war Loriot. Mit großer Nase, Segelohren, breitbeinig und mit leicht zusammengekniffenen Lippen sitzt er da und wartet. Die beiden sind recht unterschiedlich, ein Gespräch kommt nicht zustande.  

Die zwei Schweigsamen bleiben auf dem großen Platz zurück. Gleich nebenan, in einem alten Fachwerkhaus, bietet sich für die Hungrigen und Gesprächigeren das „Inspektorenhaus“ zur guten Einkehr an.
Brandenburg war eine reiche Stadt. 412 Wohnhäuser wurden zur Mitte des 16. Jahrhunderts in der Altstadt gezählt. Doch dann schlägt die Pest zu und der Dreißigjährige Krieg. Zum Ende des Krieges ist etwa die Hälfte der Häuser zerstört. 1645 sind lediglich noch 152 Häuser bewohnt.

Langsam verlassen wir den Platz. Vorbei an einem Fachwerkhaus mit bunten Muschelornamenten machen wir einen Abstecher in die Bäckerstraße. Wir freuen uns auf Bäckerei Rettig – zu früh. Der Bäcker Rettig in der Bäckerstraße mit seinen Leckereien schließt samstags schon um zehn. Das ist fast vor dem Aufstehn.

Rathenower Torturm in Brandenburg

In einiger Entfernung steht der Rathenower Torturm. Viereckig, massig, einer von einstmals acht, jetzt noch vier Türmen der ab 1290 aufgemauerten Stadtmauer. So mächtig er ist, seine frühere Wehrhaftigkeit hat er verloren. Die Doppeltoranlage mit Brücke im Doppeltorwall existiert nicht mehr. Das große gotische Tor, dessen Bogen noch gut zu sehen ist, wurde schon im Mittelalter vermauert. Der Turm wurde ein Kerker. Seit 1588 steht er fast unverändert, bis auf den 1920 geschaffenen großen Durchbruch für Fußgänger, an der Ausfallstraße Richtung Rathenow.
In ein paar Schritten sind wir bei der Kirche der Altstadt. St. Gotthardt. Breit und behäbig liegt sie von Bäumen umgeben da, auch sie ein backsteingotischer Bau. Im beschaulichen Viertel drumherum steht ein Fachwerkhaus, die ehemalige Lateinschule, ein Café und eine Töpferei. 
Die Kirche ist trotz der novembrigen Coronazeit geöffnet. 
1147 wurde sie, wahrscheinlich von Pribislaw, dem letzten dann als Heinrich getauften Fürsten der slawischen Heveller, in Auftrag gegeben und geweiht. Die eingesetzten Prämonstratensermönche wurden aus Leitzkau berufen. Mehr dazu in Leitzkau. Weserrenaissance und Fake News nah der Elbe.
1165 zogen die Prämonstratenser weiter auf die Dominsel und St. Gotthardt wurde zur Gemeindekirche. Seit 1540 ist sie evangelisch. 
Der Unterbau aus massivem Feldstein war als Doppelturmanlage geplant, es ist der älteste Kirchbau in der Mark. Ein romanisches Portal ist Zeugnis dieser Zeit. 1456 wurde das Kirchenschiff, jetzt in Backstein, von Heinrich Reinstorp als dreischiffige Hallenkirche, umgebaut.

St. Gotthardt, Kirchturm, Brandenburg
St. Gotthardt

Ihre Ausstattung ist voller Schätze. Die Kirchengemeinde gestaltet liebevoll eine Entdeckungsreise durch Zeit und Kirchraum. Die Ratsempore ist der beste Platz für den groben Überblick. Seelenruhig schauen wir, ohne gesehen zu werden. Auf der Brüstung ist ein Fernglas festgekettet und zusätzlich sind kleine Fernrohre montiert. Das ist ein fast verborgener Platz. Mit scharf gestelltem Glas lässt sich der 17m hohe Innenraum der Kirche inspizieren. Im Chor steht der Altar. Die von Wilhelm Gulden gemalten Altartafeln sind die erste protestantische Auftragsarbeit in Brandenburg, nachdem die Lutheraner im Bildersturm die katholischen Tafeln zerstörten. Die Kanzel wurde 1623 von der Tuchmachergilde spendiert und gilt als die Schönste in der Mark. Plötzlich rückt ein Einhorn ins Blickfeld. Es scheint gerade aus dem Spielzeugladen entflohen zu sein. Beim nachjustieren des Fernglases tauchen zahlreiche kleine weiße Einhörner, die in versteckten Ecken einen Unterschlupf gefunden haben, unvermutet auf. Der Emporenfernglasblick schweift über die Epitaphien und Glasfenster und Einhörner und findet Ruhe im Triumphkreuz in der Kirchenmitte.
Ein Teil des Interieurs ist von oben nicht zusehen. In einer Seitenkapelle steht das Taufbecken, seit dem 13. Jahrhundert wird es von vier bronzenen Männern getragen. Hier wurde am 30.12.1923 Vicco von Bülow alias Loriot getauft. Darüber, fast schwebend, der mehrstöckige geschnitzte Deckel aus dem 17. Jahrhundert. Daneben hängt der fein gewirkte „Einhornteppich“ aus dem 15. Jahrhundert. In der Mitte sitzt Maria mit dem Einhorn. Das ist, sozusagen, das Muttereinhorn aller Brandenburger Kircheneinhörnern. Der Teppich stammt vermutlich aus Lüneburg und wurde um 1480 gewirkt. Ursprünglich hing er hinter den Kirchenbänken um vor der kalten Mauerfeuchtigkeit zu schützen. Marienkult und Minnesymbolik finden in der Einhornallegorie ein Miteinander.
Ein paar Schritte weiter öffnet sich die Tür zur Sakristei. „Zum Gespräch sind wir geboren“ steht mit grünen Lettern auf einem alten Tisch. Es sprechen Philipp Melanchthon, der Mitstreiter Luthers, und der erste evangelische  Brandenburger Pfarrer Seyfried ab 1541. Melanchthon war Brandenburg verbunden, da Georg Sabinus, Sohn des Brandenburger Bürgermeisters Schuller, der bekannteste humanistische Dichter der Mark und schwieriger Schwiegersohn Melanchthons war. 
An einer Stange hängen Kleider zum Verkleiden, damit können Kinder in die Rollen von Philipp M., Martin L. und Anna S. schlüpfen und sich durchs 16. Jahrhundert spielen.
In einer Seitenkapelle stehen in einem großen Sandbecken die Teelichter zum Anzünden. Gedankenzeit um Platz zu nehmen.
Nachdenklich über den Lauf der Zeiten verlassen wir die Kirche und schauen auf den nach der Wende neu gestalteten Turm zurück. Über die Homeyenbrücke verlassen wir die Altstadt. Seit 1384 trägt sie diesen Namen, der als Homeye eine mittelalterlichen Wehranlage an Brücken bezeichnet. 
Vor uns liegt die Dominsel. Das ist ein nächstes Thema. Brandenburg ist einfach schön und es gibt unglaublich viel zu sehen.

Das war ein Spaziergang durch die eine Schwester der drei schönen Brandenburgerinnen, die Altstadt. 

Wo: Brandenburg/Havel
Was: Die Altstadt im alten Stadtkern
Food: Beim Bäcker Rettig, in der Cafébar auf der Brücke, im Inspektorenhaus
Inspiration: https://reformation.stadtmuseum-brandenburg.de
♥️ Unser Lieblingsplatz: Bei den Männern auf dem Altstädtischen Markt. In der St. Gotthardt Kirche. Am Salzhof an der Havel.

Das waren die Reisefrequenzen, heute in der Altstadt von Brandenburg. Nah ist‘s auch schön.

3 Gedanken zu „Brandenburg/Havel. Die Altstadt in der alten Stadt.“

  1. Danke für diesen schönen Ausflug in Gedanken in einer Zeit, in der man nur schwer selbst hinfahren kann. Der wunderschöne Text wird dazu führen, mich selbst mal persönlich von der Schönheit, die da beschrieben wird, zu überzeugen. Herzlichen Dank😊

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  2. Dieser entdeckungsfreudige Einblick in die Altstadt Brandenburgs begeistert mich! Geschichtliche Hintergründe werden genannt und durch besondere Bauwerke eindrücklich.
    Den Roland hätte ich im Havelland nicht vermutet. ( Hoffentlich wird das grüne Kraut auf seinem Kopf gepflegt!) Der interessant und liebevoll gestaltete Innenraum der Kirche lässt auf Brandenburger schließen, denen man gern begegnen möchte.
    Herzliche Dank für diese Reise!

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