Brandenburg/Havel. Neun Stationen in der alten Neustadt.

Brandenburg/Havel. Neun Stationen in der alten Neustadt.
Brandenburg

 
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Hallo! Hier geht‘s zu den Reisefrequenzen. Heute in die Neustadt von Brandenburg/Havel. Nah ist‘s auch schön.

Veröffentlicht am 27.11.2020
Ankunft am Hauptbahnhof Brandenburg. Kleingedruckt steht unter den großen Lettern am Bahnhofsgebäude der Zusatz „an der Havel“. So kann kein Irrtum aufkommen. Die Fassade ist saniert und rosa-weiß gestrichen. Unter der Farbe verbirgt sich als architektonisch bemerkenswerter Ziegelbau der schon 1846/48 errichtete Haltepunkt der Berlin-Magdeburger Eisenbahn. Somit gehört der Brandenburger Bahnhof zu den ältesten erhaltenen Bahnhofsbauten in Deutschland.  
Wir lassen ihn und den Vorplatz hinter uns und nehmen die Route in Richtung Stadt. Einmal noch schauen wir zurück auf das Altrosa und stellen uns die frühen Lokomotiven von August Borsig keuchend auf den Gleisen vor.

Die Hinweisschilder des touristischen Leitsystems zeigen klar und farbig, wohin der Weg führt. Wir beginnen unsere Erkundungen, wie immer subjektiv. Vom Bahnhof aus einfach geradeaus bis zum Neustädtischen Friedhof. Früher lag er außerhalb der Stadt, hinter dem Stadtkanal. Am Anfang, 1740, war das Gelände viel zu groß für wenige Begräbnisse. Die ausgewiesenen Flächen wurden als Ackerland gebraucht, an die Tuchmacher vermietet oder landestypisch zum Exerzieren genutzt. Wer im 18. Jahrhundert ein Erbbegräbnis wollte, musste im Gegenzug die Friedhofsmauer zahlen. Die Mauer ist bezahlt, die Flächen wieder leer. Der Neustädtische Friedhof ist eine Parkanlage und der Spaziergang zwischen den Gräbern der Bürgermeister, Kirchenvorsteher, Maurer und vieler anderer eine abwechsunglreiche Lebensfreude.
Noch ein paar Schritte gehen wir durch die Bahnhofsvorstadt. Östlich grenzen die Fabrikgebäude der ehemaligen Brennabor-Werke, der Industrie am damaligen Stadtrand, an den Friedhof. Brennabor, der sagenhafte Name den es als Stadtname nie gegeben hat, war das Synonym für Kinderwägen, Fahrräder, Motorräder und Autos. Die Hauptproduktion lag später außerhalb der Innenstadt.

Neustädtischer Friedhof Brandenburg und ehemalige Brennabor-Werke.
Neustädtischer Friedhof und ehemaliges Brennabor-Werk

Brandenburgs Neustadt ist umschlungen. Auf allen Seiten ist Wasser und mittendrin seit spätestens 1196 die Stadt am Handelsweg von Spandau nach Magdeburg. Nur die Altstadt ist noch ein paar Jahre älter. Zwischen Niederhavel, Näthewinde und Stadtkanal wuchs die neue Stadt. Der Stadtkanal war die alte Stadtgrenze gen Osten. Von der Paulibrücke schweift unser Blick über den rechts und links von Promenaden unter Bäumen flankierten Kanal. Wie ein Blick Monets auf die Seine lockt diese Aussicht die Gedanken in die Ferne. Jungfernstieg und St. Annen-Promenade hingegen laden zum Verweilen. Doch uns zieht es weiter, übers Wasser in die Neustadt. 

Brandenburg/Havel. Neun Stationen in der alten Neustadt.

Vor uns liegt die rötliche Backsteinwand des ehemaligen Dominikanerklosters St. Pauli. Hier errichteten die Askanier, die Gründer der Mark, nach dem Fortzug von der Dominsel ihr erste Residenz. 1286 verschenkte Otto V. den askanischen Hof an die Dominikaner. Sofort begannen sie mit einem Klosterbau. Bis zur Reformation der Neustadt blieben die Mönche, dann mussten sie gehen. Die Kirche wurde evangelisch, der Konvent ein Krankenhaus. Am 29. April 1945, neun Tage vor Kriegsende, brannte während der Eroberung Brandenburgs durch die Rote Armee, das Kloster und das ganze Viertel lichterloh. Zwischen den ausgebrannten Außenmauern blieb nur ein Glimmen.
Vor den rötlichen Backsteinmauern spricht uns ein älterer Herr an. Er führt seinen Hund an der Leine und hat in diesen stillen Coronatagen Zeit zum Plaudern. Nach wenigen Worten kommt er in seinen Erinnerungen an und erzählt. Das Gewölbe der Kirche war zum Teil schon eingestürzt. Unter großer Gefahr schlängelten sie, die Kinder, sich in den Kirchraum und zogen die alten Ziegel zum Neuverbau heraus. Sie bildeten eine Kinderkette, die Kleinsten krochen in die Zwischenräume. Irgendwann brach einer der gotischen Pfeiler in sich zusammen, ein großer Schreck und Glück zugleich, denn es gab keine Verletzten. So wandern seine Gedanke in die lang vergangene Zeit und in ein Leben voller Erfahrungen. Weil nichts zur Sicherung der Ruine getan wurde, stürzten 1958 die restlichen südlichen Pfeiler ein. Bäume wuchsen in der Ruine, sie war ein Spielplatz, später abgesperrt. Der fremde Herr betrachtet die Backsteinfassade, als würde er sie mit den Augen streicheln. Die Freude über den wiederhergestellten Bau strahlt in seinen Augen. Jetzt sei es wieder unvergleichlich schön, genau hier nebenan zu wohnen. Dann muss er weiter, der Hund zeigt Desinteresse am Gespräch. 
Das St. Paulikloster ist vollkommen rekonstruiert und mit Kirche und Konvent wieder erstanden. 2008 wurde in den denkmalpflegerisch neu errichteten Gebäuden das Archäologische Landesmuseum eingeweiht. Innen liegen Faustkeile und Pfeilspitzen und eine der weltweit ältesten Textilien. Im Eingangsbereich sehen die jetzt verlassenen Stühle eines Cafés idyllisch und nach Sehnsucht aus.

Durch die Paulinerstraße, über die Steinstraße mit Blick zum Steintorturm, geradeaus in die schmale Gasse erreichen wir den Katharinenkirchplatz.

Für uns Fans mittelalterlicher Architektur und regionaler Leckereien ist der Katharinenkirchplatz ein guter Ort. Fast an jedem Tag der Woche prägen einige Marktstände die Atmosphäre und die gotische Katharinenkirche ist mehr als eine spektakuläre Kulisse. Auf dem gepflasterten Platz stehen Bänke unter Lindenbäumen, wir kaufen uns ein kleines Marktpicknick und genießen es am Ort. Das Angebot ist klein, ausgesucht, regional und so schön ohne Latte. Es gibt Backwaren aus Dinkel, Brotaufstriche, Öle und frischen Fisch aus Plaue. Honig und Bienenwachskerzen, Blumen und Setzlinge für den Garten. Die Havelländische Hofkäserei bietet immer freitags natürlich Käse und Familie Huth verkauft Obst und Gemüse. Manchmal gibt es Wild und im Frühjahr jede Menge Spargel. Von der Bank unter den Linden lässt sich das kunstvolle Maßwerk der Katharinenkirche in Ruhe betrachten. Die filigrane Fassadengestaltung ist ein Meisterwerk. Wir schauen hoch, durch die Luftfenster aus Formziegeln scheint der blaue Himmel. Die verschieden großen Rosetten aus fast schwarz gesinterten Ziegelsteinen sind eine auffällige Zier. Baumeister der Hauptkirche in der Neustadt war Hinrich Brunsberg. Er kam, so wird vermutet, aus dem Baltikum und starb in Stettin. 1401 wurde die Katharinenkirche geweiht und war eine geplante neustädtische Prahlerei gegenüber den anderen Kirchen, die in der damals eigenständigen Altstadt standen. Die Neustadt blieb ein erfolgreicher Newcomer in Handel und Wandel und das zeigten ihre Bürger hier. Durch die Jahrhunderte wurde der Bau verändert. 1474 entschieden sich die Brandenburger statt eines Saalchors für den Hallen-Umgangschor. 1535 wurde Katharinen reformiert, als Zugeständnis lieferten die Lutheraner dem Kurfürsten Joachim II ein Silberkreuz und zahlreiche Reliquien aus dem Kirchenschatz nach Berlin. 1536 wurde der erste lutherische Pfarrer Thomas Baltz eingesetzt. 1582 stürzte der Westturm ein und wurde neu gebaut. 
In einer Nische der Fassade steht die Terrakotta–Figur der heiligen Katharina und schaut hinunter. Sie und die heilige Amalberga, die beiden Kirchenpatroninnen, sind die einzigen Frauen, die hier draußen zwischen all den anderen Skulpturen stehen. Und sie sind die einzigen, die zwar Kopie, doch aus dem Mittelalter stammen. All ihre männlichen Kollegen an der Kirchenwand haben es über die Jahrhunderte nicht ausgehalten und mussten neogotisch neu gestaltet werden. 

Katharinenkirche Brandenburg
Katharinenkirche

An der Südseite ist die Schöppenkapelle mit ihrer gefalteten Fassadenlinie und den Fialen angebaut. Innen sind die Reste der Fresken zur Gerichtsbarkeit erhalten. 
Die ganze innere Schönheit des sakralen Baus bleibt uns heute verborgen, denn anders als ihre Schwestern in der Altstadt und auf der Dominsel ist die Katharinenkirche in Coronazeiten zu.

Auf der Hauptstraße an kleinen Läden vorbei schlendern wir zur „Jahrtausendbrücke“. Auf der anderen Seite der Niederhavel liegt die Altstadt. Wir haben sie und die Brücke in Brandenburg/Havel. Die Altstadt in der alten Stadt. schon gesehen.

Brandenburg/Havel. Neun Stationen in der alten Neustadt.

Wir grüßen kurz hinüber und wenden uns gen Norden. Am Restaurant „Werft“ mit seinem Wasserambiente vorbei folgen wir dem Lauf der Niederhavel. Kurz nachdem wir den Historischen Hafen der ehemaligen Wiemann-Werft passierten, treffen wir die Schöne. Sie kniet nackt mit Aussicht auf ihr Element, das Wasser. Ihr Name ist Undine. Der Blick ist melancholisch, ihre Haltung selbstbewusst. Ihre Geschichte ist tragisch, ihre Überzeugung die Liebe. Undine ist die Kunstfigur des romantischen Schriftstellers Friedrich Heinrich Karl Baron de la Motte Fouqué, der 1777 in Brandenburg als Sohn einer hugenottischen Migrantenfamilie geboren wurde und später in Nennhausen lebte. Sie ist ein Mädchen aus einer anderen Welt und Hauptfigur der Erzählung über die gescheiterte Liason zwischen einer Seejungfrau und einem Ritter, über Liebe und Rache, über Schmerz und Tod. Die 1811 veröffentlichte Schilderung ist ein Klassiker der Literaturgeschichte und die Vorlage diverser Filme.

Dort wo die Näthewinde, ein Nebenarm der Havel, in die Niederhavel fließt, hat das Meermädchen ihre Brandenburger Denkmalheimat gefunden. An dieser Stelle scheint es, als habe „die Erdzunge (…) sich aus Liebe zu der bläulich klaren, wunderhellen Flut in diese hineingedrängt, als auch, das Wasser habe mit verliebten Armen nach der schönen Aue gegriffen,….“ In der einen Hand trägt Undine eine Muschel, die das Weibliche verkörpern soll, in der anderen für die Männlichkeit einen Fisch. Die Bronzefigur wurde von Heike Adner und Knuth Seim gestaltet und vom Rotary-Club finanziert. Zum Nachdenken über die Liebe und ihre Untiefen und über die Sache von Fisch und Fahrrad, auf die wir später zurückkommen werden, spazieren wir weiter entlang des Gewässers mit dem seltsamen Namen Näthewinde. Sie trennt die Dominsel von der auch schon alten Neustadt. Die Beschäftigung mit der Liebe macht hungrig und das Lokal „Zum Bootshaus“ unterwegs ist eine Empfehlung für gutes Essen und schönes Draußensitzen. Wenig später begegnet uns einer der ausgewilderten Loriotschen Waldmöpse. Am Ende des Weges stehen in einem hübschen kleinen Park breite Holzliegestühle mit Blick aufs Wasser und auf das Neustädtische Mühlentor. Zum glücklichen Nachsinnen gibt’s Liegen im Heckenseparee. 

Wir sinnen auch darüber nach, warum der uns hauptstädtisch vertraute Vandalismus hier fast völlig fehlt. Kein Geschmiere und Zerhacke und der Müll ist in der Tonne. 
Entlang der neustädtischen Fischerstraße erreichen wir den Neustädtischen Markt. Alles was hier war ist in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges in Schutt und Asche gefallen. Der größte Verlust ist das Herz der Stadt, das gotische Neustädtische Rathaus. An seiner Stelle parken Autos und nebenan steht das in fast allen deutschen Städten obligatorische hässliche Einkaufszentrum. Der Platz bleibt eine Leerstelle.

Brandenburg/Havel. Neun Stationen in der alten Neustadt.
Blick von der Jahrtausendbrücke in die Brandenburger Neustadt. Die Katharinenkirche im Hintergrund.

Voller Eindrücke und vollen Herzens schlendern wir zurück zum Bahnhof. Brandenburg ist schön. Der Weg war weit. Plötzlich kommen uns wieder Fisch und Fahrrad in den Sinn. Ein Fahrrad wäre eine Alternative. Auch für die Stadterkundung. Brandenburg hatte überraschendes zu bieten.

Das Corona-Fahrrad

Der Name klingt wie aus einem mittelschlechten Film und ist doch wahre Geschichte. Von 1891 bis 1932 gab es in Brandenburg die Corona-Werke. Sie produzierten Fahrräder und später Motorräder und Automobile. 40.000 Corona-Fahrräder kamen aus Brandenburg! Wir nehmen den Zug.

Wo: Brandenburg/Havel. Die Neustadt.
Was: Neun Stationen Stadterkundung.
Food: Regionale Leckereien vom Markt. „Zum Bootshaus“ auch zum schönen Draußensitzen.
Inspiration: Brandenburgische Konzerte, Johann Sebastian Bach. Zwar ist im Titel nicht die Stadt Brandenburg gemeint, sondern Markgraf Christian Ludwig von Brandenburg, der jüngste Sohn des Großen Kurfürsten. Man hatte sich in Karlsbad kennengelernt. Am 24.3.1721 erfolgte Bachs Widmung und der Name entstand.
Undine. Spielfilm von Christian Petzold. Spielt in Berlin. Das ist Unrecht und Glück für Brandenburg zugleich.
♥️ Unser Lieblingsplatz: Der Katharinenkirchplatz. Zum Relaxen der Weg an der Näthewinde.

Das waren die Reisefrequenzen zum Fernhören. Heute in Brandenburgs Neustadt. Nah ist‘s auch schön.

5 Gedanken zu „Brandenburg/Havel. Neun Stationen in der alten Neustadt.“

  1. Hallo, das ist eine tolle Location. Bin absolut beeindruckt und so wahnsinnig fasziniert. Die Architektur ist so traumhaft schön und das wäre genau das richtige für romantische Tage.

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  2. Superschön zu lesen – würde am liebsten gleich auf deinen Spuren auf Entdeckungsreise gehen. Schade, dass Brandenburg für uns Süddeutsche gerade außerhalb der Reichweite liegt.

    Freue mich schon auf die nächste Geschichte!

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  3. Mit dieser Reisefrequenz in die Neustadt Brandenburg wähnte ich mich fast wie in einer Sagenwelt.
    Als Musikliebhaberin freute mich zusätzlich der Hinweis auf die “Brandenburgischen Konzerte” von J.S.Bach. Vom Humor der Brandenburger zeugen die “ausgewilderten Waldmöpse” von Loriot. Aber was bedeutet STEK an der Bahnhofsfassade?
    Doch für meine Reise gibt es keine “Corona-Fahräder” mehr .
    Darum sage ich ganz herzlichen Dank für diese lebendig erzählte, schön bebilderte Reise im Havelland.

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    • Das ist wirklich schade, dass es keine Fahrräder der Firma „Corona“ aus Brandenburg mehr gibt. Damit zu radeln wäre jetzt sicher ein Hingucker. – Danke für den netten Kommentar!

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