Leitzkau. Weserrenaissance und Fake News nah der Elbe.

Reisefrequenzen
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Leitzkau. Weserrenaissance und Fake News nah der Elbe.
Leitzkau. Weserrenaissance und Fake News nah der Elbe.
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Hallo! Hier geht‘s zum in die Ferne hören. Die Reisefrequenzen. Oder: Nah ist’s auch schön. Zum heutigen Ziel, zum Schloß der Münchhausens nach Leitzkau südlich von Magdeburg im Jerichower Land in Sachsen-Anhalt, ganz in der Nähe der Elbe.

Familie von Münchhausen

Die Münchhausens, die 2020 ein Jubiläum feiern und eher das heimatliche Plätschern der Weser als das der Elbe hörten.
Vor 300 Jahren wurde Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen geboren. Er ist der bekannteste Vertreter einer Adelsfamilie, die aus der Gegend des Steinhuder Meeres bei Hannover stammt und zu einer der wohlhabendsten Familien ihrer Zeit avancierte. Ob er je in Leitzkau war ist umstritten, wenn dann als Kind oder Jugendlicher. Doch Wahrheiten aus seiner Biografie sind spärlich überliefert. Um den Erfolg der Familie zu gewährleisten hatte das Erfinden von Lügengeschichten eine gewisse Tradition. Gerlach Adolph von Münchhausen, Minister Georg II. in Hannover ganz ohne Lügen, gründete die Universität in Göttingen. Emilie von Münchhhausen, verheiratete von Werthern, brannte mit August Einsiedel durch. Mit diesem Skandal sorgte sie für Klatsch und Tratsch am Weimarer Hof und für despektierliche Äußerungen Goethes.
Hilmar von Münchhausen, der 200 Jahre vor dem Lügenbaron lebte, war einer der reichsten Männer des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation. Vorzugsweise sammelte er mit seinem Vermögen Immobilien und investierte in Neu-und Umbauten. Seine damalige Schloßsammlung liegt im heutigen Niedersachsen und im östlichen Zipfel Nordrhein- Westfalens. Mit einer verblüffenden Ausnahme. Das heutige Ziel liegt in Sachsen-Anhalt. Schloß Leitzkau. Bauherr war Hilmar von Münchhausen, 1512-1573 hat er gelebt. Weserrenaissance an der Elbe. 
Über der Ebene erhebt sich, weithin sichtbar wie ein Fixpunkt hinter den auf fruchtbaren Lössböden wogenden Getreidefeldern, das Schloß. Es ist ein imposanter Anblick. Ein Turm aus Hausteinen ragt als Zeigefinger auf und drei Renaissancegiebel versprechen mehr. Der blaue Himmel schwebt über der weißen Fassade, als beschütze er den alten Bau in dem weiten Land. Auf der sicheren Höhe über dem Urstromtal der Elbe, am Ende des Flämings, wurden hier einst die Truppen gesammelt, um in die Kriege weiter gen Osten, gegen die Slawen zu ziehen. Die „Kampfgasse“ im Ort erinnert daran. Der Versammlungsplatz war der Anfang, der sicher erhabene Platz ideal für eine Burg. So sicher, daß die Bischöfe von Brandenburg im Mittelalter nach der Zerstörung ihrer eigenen Kirche für eine Weile hierher ins Exil flüchteten.

Es ist, als wäre die Zeit stehen geblieben. Der Ort ist still, die Kopfsteinpflasterstraßen sind holprig. Sehr. Wir verpassen das Hinweisschild zum Schloß und erreichen die Anlage von der Rückseite des ehemaligen Wirtschaftshofes. An der hinteren Schloßmauer sind die Bauten teils marode. Bröckelnde Einbauten ragen wie Skelette über die Steinmauer. Einige Gebäudeteile sind bewohnt, andere verfallen langsam. Riesige Mauern stehen ohne Dach, Rosen ranken an einer Steinwand. Vor uns zieht sich eine Sandsteinmauer quer durch den Wirtschaftshof, dahinter steht die große Schloßkirche und das helle Schloß. Doch hier geht es nicht weiter. Warnschilder stoppen neugierige Besucher, durch eine vergitterte Pforte erhaschen wir Blicke auf die Renaissancebauten im Innenhof. Über die Mauer hinweg ist die Schönheit der Anlage zu sehen. Gegenüber wachsen Obstbäume.

Leitzkau. Weserrenaissance und Fake News nah der Elbe.
Blick vom Wirtschaftshof

Also zurück zur Straße, an der Schloßmauer entlang, an einem Baugewerbehof und der KITA „Schloßgeister“ vorbei bis zum vorderen Eingang. Wie ein Dornröschenschloß, ein wenig verschlafen, steht der stolze Bau auf der Anhöhe,  eine alte Lindenallee zeigt die Richtung alter Wege. 

Die ehemalige Klosterkirche – Althaus – Neuhaus

Das Schloß ist das Eine. Die stattliche und ältere romanische ehemalige Klosterkirche das Andere. Sancta Maria in Monte, 1155 im Beisein Albrecht des Bären geweiht, war eine mächtige romanische Kirche, die den christlichen Glauben weithin sichtbar machte. Auch wenn sie über die Jahrhunderte ihre kirchliche Bedeutung verloren hat und der Bau durch Umbauten der Münchhausens und vor allen Dingen durch Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg nur noch eine Hohlform ist, bleibt die großartige souveräne Architektur. Wir stehen in dem harmonischen Raum und sammeln die Augenblicke kontemplativer Ruhe.
Sancta Maria in Monte teilt das Schicksal vieler Klosterkirchen. Erst kam die Reformation, dann die Auflösung des Klosters. Vorher hatte noch Martin Luther persönlich dreimal mahnend nach Leitzkau geschrieben, 1517, an den Probst des Stiftes Georg Mascow, der ein Mitstreiter der Reformation war. Nach der Reformation wurden die Liegenschaften verkauft. Hilmar von Münchhausen griff zu. 70.000 Taler soll er bezahlt haben und ließ prompt mit dem Bau zweier Schloßteile beginnen, mit dem „Althaus“ auf dem alten Konventsflügel und dem „Neuhaus“ statt des anderen Klosterflügels. Aus der alten Probstei wurde nach Umbau das Hobeckschlößchen, benannt nach dem von hier verwalteten Landbesitz, mit einem verbindenden Wendelstein im Stil der Renaissance. Für den Umbau der Klosterkirche zur Schloßkirche ließen Hilmar und sein Sohn zum Hammer greifen. Seitenschiffe und Chor wurden abgerissen, das Querhaus wurde ein überdimensionaler Speicher, innen wurden die Kapitelle abgeschlagen. Was damals Schloßkirche wurde ist heute Kriegsruine und immer noch ein beeindruckender Ort. Für den Umbau des Klosters zum Schloß beauftragten die Münchhausens die ihnen vertraute Riege ihrer Handwerker aus dem Wesergebiet. Wahrscheinlich war sogar der Lieblingsarchitekt Cord Tönnies aus Hameln verantwortlich. 

Schloßhof mit Turm
Innenhof

Auf der Hauptseite ist der Schloßhof offen, wir können hinein. Das Schloß ist am Ende des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach teilweise zerstört worden und die Anlage daher disparat. Auf dem Hof jedoch umgibt uns immer noch die Welt der Renaissance. Der Treppenturm hat ein reichgeschmücktes Portal, zwei Giebel mit den typischen Voluten und einem Kugelabschluß schauen auf den Hof. Besonders fasziniert uns die dreigeschossige verbindenden Loggia mit ihren offenen Bögen. 

Hilmar von Münchhausen – von der Weser an die Elbe

Die Münchhausens kamen ursprünglich aus Munichehusen, einem festen Ort, der zum Schutz des Zisterzienserkloster Loccum angelegt wurde. Bis zu Hilmar vom Münchhausen hatten sie sich im südlichen Niedersachsen ausgebreitet, aber erst Hilmar brachte Ruhm und Geld in die Familie.
Nicht alles war auf immer ehrliche und moralisch einwandfreie Weise erwirtschaftet. Hilmar war eigenständiger Militärunternehmer, der als Söldnerführer mit der Anwerbung von Soldaten und ihrem für ihn gewinnbringenden Einsatz in ausländischen militärischen Konflikten handelte. Er selbst war ein geschickter und erfolgreicher Heerführer.
Eine intrigante Seite schien im nicht fremd. Obgleich in spanischen Diensten des katholischen Philipp II., kämpfte er auf der Seite Wilhelm von Oraniens, des Führers der Unabhängigkeitsbewegung gegen die Spanier. Hilmar ist dem spanischen Herzog Alba verpflichtet, leiht aber Wilhelm von Oranien Geld. Die skrupellose Taktik bringt ihm Wohlstand. Die Spanier bezahlen ihn mit dem aus Südamerika geraubten Gold und Silber. Eine globalisierte Welt des 16. Jahrhunderts und die Eroberungskriege finanzieren auch Schloß Leitzkau. 

Leitzkau. Weserrenaissance und Fake News nah der Elbe.
Schloß Leitzkau rückseitig
Leitzkau. Weserrenaissance und Fake News nah der Elbe.
Detail einer Sitznische

Das Erbe Hilmars wird unter seinen Söhnen durch Los geteilt. Später gibt es Familienkrach und die weiträumige Anlage muß mittels einer Mauer geteilt werden. Im Schloßmuseum ist diese Teilung an einem Modell zu sehen. Das Ende ist der Zweite Weltkrieg. Deutsche Soldaten verschanzen sich im Schloß, es wird von amerikanischen Truppen besetzt und schließlich der Sowjetarmee übergeben. Der Schloßteil Althaus wird entsprechend der politischen Vorstellung im Umgang mit Adelssitzen in der DDR abgerissen, nachdem der Konservator vergeblich für den Erhalt plädierte. Der Schloßteich wird mit den Steinen des Abbruchs verfüllt. Dann zieht eine Schule ein und fast wäre aus der demolierte Kirche eine Turnhalle geworden. Die letzte Erbin Münchhausen hat sich damals, so erzählt es uns eine Dame die wir im Hof treffen, nach dem Verlust des jahrhundertealten Familienbesitzes nach Mallorca zurückgezogen. 

Heute hat die Kulturstiftung Sachsen-Anhalt hier ihren Sitz. Ein Museum informiert in einer interessanten Ausstellung über Schloß und Schloßgeschichte. Und die Mutigen können im Trauzimmer des Standesamtes unter dem Bild der skandalumwitterten Emilie von Werthern heiraten. 

Skandal im Schloß – die Puppe im Sarg

Wir blättern in einem antiquarischen Schloßführer: „Das „Gut Althaus“ kam später an Philipp Adolfs drei Enkel, den Weimarer Kammerherrn Ernst Friedemann, den hannoverschen Premierminister Gerlach Adolph und den hannoverschen Minister Philipp Adolph.
Zu den Kindern des Letzteren gehörte die verheiratete Amalie von Werthern (1757–1844). 1785, ganz Weimar plaudert aufgeregt. Skandal. Amalie von Werthern arrangiert in Leitzkau ihr eigenes Scheinbegräbnis. Und brennt gleichzeitig mit August von Einsiedel nach Afrika durch. Die Holzbüste aus ihrem Sarg war noch 1938 in Leitzkau zu sehen.

Skandal. Eine Holzpuppe im Sarg. Mai 1785.
Besser hätte es der 37 Jahre ältere Hieronymus von Münchhausen, der Lügenbaron, nicht erfinden können. Tatort: wahrscheinlich das Kaminzimmer, in dem heutzutage im Schloß standesamtlich geheiratet werden kann. Personen: Amalie von Werthern, auch Emilie genannt, geb. von Münchhausen. Ihr Ehemann: von Werthern, 20 Jahre älter, von Goethe als Großmaul beschrieben. Ihr Geliebter: August von Einsiedel, Philosoph, Naturforscher, Freund Herders. Der Bruder und Herr auf Leitzkau: Georg von Münchhausen. Die Zofe.
Was war geschehen? Nicht viel, wie die amüsierte Weimarer Gesellschaft, zu der August von Einsiedel und Emilie von Werthern gehörten, später erfuhr. 
Doch zunächst meldete die Zofe verwirrt und geschockt, soeben habe sich Emilie, zu Besuch bei ihrem Bruder Georg auf Leitzkau weilend, die Kehle durchgeschnitten. Trotz aller Hilfe sei die junge Frau im Blutbad verschieden. Georg, der Bruder, der das viele Blut nicht sehen wollte, ließ die Selbstmörderin ohne Leichenschau bestatten und betrauern. Das allerdings war nicht das Ende der Geschichte. Wochen später wurde Emilie von Werthern mit August von Einsiedel in Straßburg gesichtet. Der aufgebrachte Herr von Werthern ließ, so wird erzählt, das Grab in Leitzkau öffnen und fand doch nur eine Holzpuppe. Nach anderen Berichten war es gar nur eine mit Steinen beschwerte Strohpuppe. Da befanden sich Emilie und August schon auf dem Weg nach Afrika. Welch unglaubliches Vorhaben für eine Frau um 1785 ins Innere Afrikas reisen zu wollen. August von Einsiedel hatte, gemeinsam mit seinem Bruder, diese Forschungsreise schon lange geplant und nun waren sie gemeinsam mit Emilie unterwegs. Allerdings endete das Vorhaben vorzeitig. Die reisenden Liebenden kamen nur bis Tunis. Weiter südlich herrschte eine Pandemie, die sie stoppte. Die Pest war ausgebrochen. 
Nach der Rückkehr wurde die Ehe mit Werthern geschieden und Emilie heiratete August von Einsiedel. Goethe hatte sich mehr Drama erwartet und schrieb an Charlotte von Stein “Wie abscheulich! Zu sterben, nach Afrika zu gehen, den sonderbarsten Roman zu beginnen, um sich am Ende auf die (all-)gemeinste Weise scheiden und kopulieren zu lassen.” 

Heute wird das Schloß für Hochzeiten genutzt und verschiedene Veranstaltungen und Märkte finden im Hof, im Kemnatensaal und in der Basilika statt. Im Schloß Neuhaus gibt es die Ausstellung zur Geschichte und schöne Renaissancedecken. Ab und zu werden Filme gedreht und somit Geschichten erfunden. 2008 wurden fünf Filmminuten der „Die Päpstin“ hier gedreht, die fünf Minuten dauerten in Leitzkau vier ganze Wochen.

Die Alte Elbe

Ein Abstecher in Richtung der nahen Elbe lohnt sich immer. Kornblumen, Mohnblumen, Getreide rechts und links der Straße. In den Hecken blüht der Holunder, im Mai der Raps. Die Alte Elbe zwischen Dornburg und Magdeburg ist eine der längsten noch erhaltenen Altflußadern in Europa. Die Auen sind ein Refugium für Störche, Fischottern, Biber und die in Deutschland sehr seltene Europäische Sumpfschildkröte. Ein wahres Paradies für Naturliebhaber. Badenixen können in kleinen Seen schwimmen und Ornithologen Reiher und Fischadler beobachten. Wandernd und Radfahrend erschließt sich die Gegend. Zum Anschauen gibt es die Kirchen an der Straße der Romanik, das Pretziener Wehr, ein technisches Denkmal von 1875 und von außen das Schloß Dornburg, das der Mutter von Katharina der Großen gehörte.  

Leitzkau. Weserrenaissance und Fake News nah der Elbe.
Die alte Elbe bei Pretzien

Ein Ausflug nach Leitzkau. Weserrenaissance und Fake News nah der Elbe.

Was: Ein Schloß im Stil der Weserenaissance, eine Kirche an der Straße der Romanik. In der Nähe: die längste Altflußader Europas: die alte Elbe. Badeseen. Elberadweg.
Wo: Leitzkau, eigenständig liegender Stadtteil von Gommern. 25 km südlich von Magdeburg an der Straße der Romanik.
Mehr zur Weserrenaissance: https://reisefrequenzen.de/podcast/hameln-an-der-weser-renaissance-und-rattenfaenger/
Stay: Pension Elisabeth in Prödel. http://www.pension-elisabeth-proedel.de/. Übernachten, im Garten relaxen, gut frühstücken, ein Fahrrad ausleihen, sich freundlich umsorgen lassen.

Das waren die Reisefrequenzen. Heute in Leitzkau und an der Elbe. Nah ist’s auch schön. 

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