Uetz – Paretz – Ketzin. Die Lieblingsgegend einer Königin.

Reisefrequenzen
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Uetz - Paretz - Ketzin. Die Lieblingsgegend einer Königin.
Uetz - Paretz - Ketzin. Die Lieblingsgegend einer Königin.
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Hallo! Hier sind die Reisefrequenzen. Heute unterwegs von Uetz nach Paretz und Ketzin. An der Havel, zwischen Potsdam und Brandenburg.

Unterwegs zu den Lieblingsgegenden einer stylischen Königin. Unterwegs zu dem Dorf, das ihr Mann für sie kaufte und mit königlichem Understatement umgestalteten ließ. Die schöne Königin Luise von Mecklenburg – Strelitz (1776-1810) und Friedrich Wilhelm III. Unterwegs in Dörfern, die jahrhundertelang von Brandenburger Bauern und Fischern und später von Tonstechern bewohnt wurden. Und heute, zumindest im einst königlichen Dorf Paretz, von Zuzüglern aus Schwaben. 
Unser Weg beginnt in Uetz. Das Fahrrad ist für diese Strecke eine gute Option, wer wandern möchte braucht ein Herz für die Ästhetik ausgedehnter Datschenkolonien. 

Uetz - Paretz - Ketzin. Die Lieblingsgegend einer Königin.

Uetz

Uetz, was für ein Name. In der ersten urkundliche Erwähnung von 1313 heißt das Dorf noch Vzzytz. 
Die erste und viel frühere jungsteinzeitliche Siedlung in dieser Gegend liegt seit 1939 unter der Autobahn A 10 „Berliner Ring“. Der nationalsozialistische Trassenzug veränderte Uetz für immer. Es wurde laut und es wurde trocken. Die Feuchtgebiete und der einst breite Lauf der Wublitz sind jetzt fast ausgedörrt und zugeschüttet.
Der Mittelpunkt von Uetz war lange Zeit das Rittergut. Erst gehörte es den von Bardelebens, dann für rund 300 Jahre den von Hakes. Zwei schwarze Haken im Ortswappen sind alles, was von ihnen blieb.
Ich öffne das kunstvoll schmiedeeiserne Tor zum Kirchhof und nehme Euch mit hinein. Die neogotische Kirche steht auf einem Hügel sicher vor den früheren Überflutungen im Luch. Ihre Türen bleiben fest verschlossen. Drumherum die Gräber auf dem Friedhof sind gepflegt und frühlingshaft geschmückt. Plötzlich ist fern, dann näherkommend und sich windend, ein lautes Schnattern und Trompeten über uns in diesem endlos blauen Himmel. Dann können wir sie sehen. Erst fliegen Gänse über uns hinweg, es sind hunderte im eleganten Pfeil. Dann kommen ruhiger und weiter in der Höhe die Kraniche. Frühlingsspektakel! 
Wir schließen das alte Tor. Ein Schlüssel für den Schuppen hängt bereit, aber wir lassen die möglichen Geister eingesperrt. 
Gegenüber steht ein Langstall, eine Krone aus Gips als Giebelschmuck markiert ihn als zum königlichen Schatullgut Uetz zugehörig. 1836 kaufte Friedrich Wilhelm III., der Uetz durch seine Passage auf dem Weg nach Paretz kannte, das alte Gut. Bis 1945 blieb es im Besitz der Hohenzollern. 
Ein Gutshaus, der Langstall und drei Speichern, 1860 bis 1901. Zu DDR-Zeiten LPG Obstproduktion Marquardt und jetzt gehört es dem Verfall.

Uetzer Fährhaus

An der Dorfstraße kurz vor der Autobahn erreichen wir das Fährhaus von Uetz. Ein Bergchalet der Schweizer Alpen mitten in Brandenburg. Kein Fährmann holt mehr über, kein Charonspfenning für den Schiffer. Statt Flüßchen Wublitz ist jetzt Autobahn. Doch das alte Fährhaus an der königlichen Wegstrecke nach Paretz steht noch und ist gerettet. Es ist ein Erstlingswerk von Ludwig Persius, der später viel in Potsdam baute. Persius entwarf das Haus als Wohn- und Arbeitsstätte für den Fischer, der gleichzeitig auch Fährmann war. Für den König gestaltete er einen separaten Raum, das Teezimmer. Falls das Wetter unwirtlich war oder sonstige Gründe einen königlichen Aufenthalt hier unabdingbar machten, konnte er zumindest in ansprechender Atmosphäre bei einer Tasse Tee auf die feine Art den kleinen Finger spreizen. 
An dieser Stelle könnte die junge Königin Luise nach der Überfahrt gestanden haben. Jetzt wächst dort eine Eiche.
„Du schönster Ort im ganzen Havelland, Wer könnte dich je ungerührt verlassen“ sinnierte einst der Dichter Schmidt von Werneuchen über Uetz und das Fährhaus. Jetzt schmälern Verkehrslärm und Verfall die Rührung. 

Von Uetz nach Paretz

Wir folgen sozusagen dem königlichen Paar und ihren Kindern. Rechts am Weg steht eine Bockwindmühle, still und unbeweglich. 
Wir nehmen die Allee nach Paretz. Plötzlich bleiben wir aufgeregt ganz leise stehen. Direkt neben uns, am Rand der Straße, possieren drei Kraniche. Ganz aus der Nähe können wir die stolzen großen Vögel sehen.
Unser nächster Stopp nach der schicken neuen blauen Brücke über den Nauen-Paretzer Kanal ist das Paretzer Schöpfwerk.

Die Paretzer Schleuse

1719 wurde auf Befehl Königs Friedrich Wilhelm I. mit der Melioration des Havelländischen Luchs begonnen. Wasserwirtschaft zur Bodengewinnung.
Mit dem Bau der Anlagen an der Paretzer Schleuse fanden diese Arbeiten ihren Abschluss, fast 200 Jahre nach ihrem Beginn. Von 1913 – 1916 bauten französische und englische Kriegsgefangene hier ein Bauensemble im Stile der Berliner Industriearchitektur. Im Inneren des Schöpfwerks warten die über hundert Jahre alten technischen Anlagen auf Liebhaber der Sanierung. 
Wir stehen auf dem Steg vor dem alten Pumphaus, schauen auf die Schleusenmechanismen und auf den eisbedeckten Kanal. Wieder fliegen Gänse über uns hinweg. Singschwäne segeln übers Eis. Ein Silberreiher steht verharrend in der Ferne. Das Schilf raschelt, sonst ist in der Kältestarre unter uns noch nichts zu hören. 
Das Schleusenwärterhaus ist 1945 im Endkampf abgebrannt. Heute steht hier die Paretz-Akademie der Helga Breuninger Stiftung, Schwaben im Havelland. Schmuck anzusehen, EU-mitfinanziert, von zwei Hunden bewacht, die wir bitte nicht füttern sollen.

Das Dorf Paretz

Paretz ist ein altes schmuckes sehr kleines Dorf, 1197 wurde es zum ersten Mal erwähnt. Viele Jahrhunderte lang lebten hier Fischer und Bauern. Sie waren Leibeigene der Dierickes, der Arnims und der Blumenthals bis der spätere König, Friedrich Wilhelm 1795 das Dorf für 85.000 Thaler kaufte. Sein Projekt war der Bau eines modernen Musterdorfes samt Sommerwohnsitz für die königliche Familie. Die alten Kossätenhäuser wurden abgerissen und aus der Schatulle des Königs neu errichtet. Doch dafür gab es einen Preis. Die Stube im Giebel eines jeden Hauses blieb für königliche Dienerschaft reserviert und im Stall musste Platz für herrschaftliche Pferde frei bleiben.
Zur gestalterischen Unterstützung engagierte er die Architekten Gilly, Vater und Sohn. Friedrich Gilly kam von der Grand Tour nach Frankreich zurück, hatte dort die Revolutionsarchitektur studiert und plante so für Paretz revolutionär en miniature. Moderne Landwirtschaft trifft königliches Wohnen.
Entlang der Kopfsteinpflasterstraße von Paretz entstanden für das preußische Modellgut zehn Bauernhäuser im gleichen Stil, dazu ein aufwendigeres Amtshaus, das Spritzenhaus, ein Haus für die Leineweber und die Schmiede im Gotischen Haus, die seit 1910 eine Gastwirtschaft beherbergt. Der König ließ den Bau der alten Schmiede neogotisch nach englischer Manier verblenden, damit sein schöner Ausblick aus dem Schloß nicht von schnöder Arbeitsatmosphäre verstellt wurde. Zwei kleine Torhäuser rechts und links der Straße markieren den Ortseingang nach Osten. Das eine war ein Schafstall und das andere des Schäfers Wohnung. 

Schloss Paretz
Schloß Paretz

Schloß Paretz

Das Schloß ist ein unauffälliger Bau in beige und hellgelb. Langgestreckt, zweigeschossig, allein der Mittelteil durch ein Rundbogenfester und Rosetten betont, frühklassizistisch. Friedrich Wilhelm selber gab den Auftrag beim Bau „nur immer daran zu denken, daß er für einen armen Gutsherren baut im ländlichen Stil“. Ein unaufgeregter Familiensitz für die Sommerzeiten, den Freunde und Eingeweihte »Schloß Still-im-Land« nannten. In der DDR ergraute es, Plattenanbauten kamen hinzu, der Park litt unter fehlender Pflege. Das Paretzer Schloß beherbergte die Bauernhochschule der DDR, später dann VEB Tierzucht.
Jetzt ist der Zauber, den Königin Luise hier in Paretz fand, zurück. Obgleich im Inneren nicht mehr ist, was einstmals war. Das Mobiliar, so lese ich, ist nach 1945 verschwunden und vielleicht in manch Paretz oder Potsdamer Haus. Aber die wertvollen Papiertapeten sind zurück und neu geschaffen. Es ist ein Traum in Tapete. Die Felder der Umgebung wachsen in die Zimmer hinein, Kornblumen und Mohnblumen blühen auf allen Seiten. Obst reift auf den Bäumen und Vögel sitzen in den Zweigen. Der Wanddekor im Schloss Paretz ist ein Hingucker und eine Anregung für elegantes klassizistisches Raumdesign. Und wir sind nicht zum ersten Mal hier. Denn jetzt gerade ist geschlossen.

Es wird der Lieblingsplatz von Königin Luise. Im Zimmer des Königs ranken die Weinreben, in den Zimmern Luises strahlen ihre Lieblingsblumen saftig in Rot und Blau. Der pflanzenbemalte Gartensaal scheint  wie eine Erweiterung der Potsdamer Garten- und Parklandschaft, das Draußen im Drinnen. 
Wir können uns gut vorstellen, dass Luise hier am liebsten, wenn nicht im romantischen Gartensaal, dann in ihrem Bett frühstückte. „3 Tassen Schokolade. mit Saane vermischt“. Und nachmittags ein Stettiner Bier.

Für die Gestaltung der Parkanlagen vor und hinter dem Schloß Paretz wurde David Garmatter aus Neu-Töplitz angestellt. In den drei durch Landstraßen umschlossenen Parkanlagen versuchte er die Nachahmung der Gärten von Klein-Trianon als englischer Landschaftsgarten. Klein Versaille in Paretz mit Sichtachsen zur Havel.
Das Grotto ist gerade wieder neu entstanden, es wurde quasi aus der Erde wieder ausgegraben. „Der Tempel“ oder das „Versunkenen Tempelchen“ nahe Luisens Lieblingsplatz „Gedenkt der Abgeschiedenen“, gedenkt Luise und der Verwandten. Dem Park fehlt noch der Wiederaufbau eines japanischen Pavillons und einer Kettenbrücke über den leicht müffelnden und merkwürdig nicht zugefrorenen Graben, der den Park begrenzt. 
In der Remise stehen Kutschen und eine Sänfte der Luise. Vielleicht kam sie auch darin über alle Gräben.

Die Kirche in Paretz

Gegenüber steht die Paretzer Kirche und sie ist offen. Das ist in diesem Winter ein ganz besonderes Gefühl. Ein Ort ist offen und er ist nicht Kommerz. Die Kirche ist ein neogotischer Umbau der alten gotischen Dorfkirche, außen gelb und innen hell. Der Entwurf stammt von Valentin von Massow, an der Ausführung waren David Gilly und Martin Friedrich Rabe beteiligt. Eine Umgestaltung in den 1850er Jahren verrät die Handschrift August Stülers. Es ist ein kleines Kirchlein mit aufgemaltem neogotischem Gewölbe und Resten mittelalterlicher Fresken. Wir gehen hinaus und sehen dann die zweite Tür. Sie führt zur Königsloge. Zwei Stühle stehen in der falschen Richtung, ein imitierter Mohnblumenstrauß und Gottfried Schadows Apotheose zur Verklärung der Königin Luise. Der Mythos lebt.

Königsloge Kirche Paretz
Königsloge

Seilfähre Charlotte in Ketzin 

Auf dem Weg nach Ketzin treffen wir den Kaskadeur. Ein Herr am Gartenzaun erzählt uns von seiner Mitarbeit bei Filmen mit Emma Watson und Gerard Depardieu. Ketzin und die Welt. Der Kaskadeur, frage ich unwissend nach, heißt heutzutage Stuntman. Der Mann am Zaun gleicht einer Kaskade von Geschichten.  
Links unten liegt “Charlotte”. Die „Charlotte“ bei Ketzin setzt nach Schmergow über und ist die einzige Möglichkeit, die Havel zwischen Brandenburg und Werder zu queren. Seit 1991 ist sie in Betrieb, doch schon im 14. Jahrhundert gab es auch hier den Fährmann. Und Achtung: an jedem dritten Mittwoch fährt sie nicht. Dann wird das Getriebe geölt und nach der Kette geschaut. Jetzt ist sie noch gesperrt und liegt im Eis. Auf der anderen Seite der Havel scheint das Gänseparadies zu sein. Aufruhr der Vögel. Plötzlich, gestört durch eine fette laute Drohne, fliegen sie zu hunderten in einem Schwarm auf, kreisen, und lassen sich dann langsam wieder nieder.
Neben der Fähre picknicken wir und schauen einfach übers Eis und in die Sonne.

Ketzin

Durch die Laubenpieperwelt, am Strandbad vorbei erreichen wir die Altstadt von Ketzin. 1197 erstmals erwähnt war auch Ketzin ein Ort für Fischer und Bauern. Bis 1860 der Lehrer Kaselitz unter feuchtem Wiesengrund die Tonerde entdeckte. 1865 wurden die ersten Töpfer sesshaft, ab 1870 breiteten sich um Ketzin Ziegeleien aus. 1882 gab es 14 große Ziegeleien und 13 Tongruben. Heute sind die Gruben mit Wasser geflutet und Datschen mit Seeblick und Bootssteg stehen dazwischen. Unsere Erkundung ist ernüchternd, wild vermüllt statt wild romantisch. 
Wir gehen in den hübschen Ort.

Stadtansicht Ketzin


An der Havelpromenade sind alle Bänke besetzt, Gesichter lächeln in die frühlingswarme Sonne und manchmal zum Passanten, ein Blesshuhn auf der Havel findet die ersten eisfreien Wasserpfade. Rechterhand ist die Anlegestelle der Havelschifffahrt und ein privater Bootssteg. Havel fast maritim.
Aus der Ortskulisse ragt der mächtige mittelalterliche viereckige Turm der St.-Petri-Kirche. Er steht auf schweren Feldsteinen, ein Kirchenschiff aus dem 18. Jahrhundert schließt sich an. 


Das große Tor zum ehemaligen Friedhof ist unverschlossen. Ein spiegelndes Objekt dreht sich im Schatten und völlig unerwartet stehen wir vor der Kunst. Eine Installation, künstlich beleuchtet, in Bewegung. Wir sind berührt in diesen Ausstellungslosen Zeiten. Hier, in der kleinen Stadt Ketzin, finden wir was wir so lange schon vermissen. „Kunst Garten Eden Ketzin“ heißt das Projekt. Ein Zerrspiegel aus Stahlhelmen, Nachdenken über uns selbst und Charlie Chaplins Rede an die Menschheit wird uns aus einem Notruftelefon vorgespielt. SOS. Kein Louvre aber ungestreamt. 

Uetz - Paretz - Ketzin. Die Lieblingsgegend einer Königin.

Der Rückweg führt entweder über die fast gleiche Strecke oder, mit Fahrrad oder Auto, über Falkenrehde und Paaren als Rundtour.

Das waren die Reisefrequenzen. Heute unterwegs von Uetz nach Paretz und Ketzin. Lieblingsgegend einer Königin.

Tipps:

Wo: Von Uetz nach Ketzin, an der Havel.
Was: Dorf Uetz, Schleuse, Schloß Paretz, Kirche, Park, Stadt Ketzin. Die Havel.
Im Winter ein Paradies für Kraniche, Gänse und ihre Beobachter. Im Sommer Badesachen nicht vergessen.
Tipp: Fähre fahren. Für 1,– Euro hin und zurück.
Bockwindmühle Uetz: mühle-paretz.de
Literatur: Fontane, aus Wanderungen. Havelland.
„Um diese Zeit – der König wählte immer den Wasserweg – wurde Ütz zu einer vielgenannten Fährstelle. Der Fischer, der den Dienst versah, hatte seine goldnen Tage […] und die Dorfstraße entlang, in der bisher bei Regenwetter die Dungwagen steckengeblieben waren, schaukelten sich nunmehr die königlichen Kutschen.“
„Von Ütz nach Paretz ist noch eine gute halbe Meile. … Der Weg führt durch Wiesen rechts und links; der Heuduft dringt von den Feldern herüber und vor uns ein dünner, sonnendurchleuchteter Nebel zeigt uns die Stelle, wo die breite, buchten- und seenreiche Havel fließt. Paretz selbst verbirgt sich bis zuletzt. […] wir sind am Ziel: links das Schloß,….“
Kraniche: Linum. Tausende Kraniche und das Geheimnis des Glücks.
♥️ Unser Lieblingsplatz: Die Tapetenzimmer im Schloß Paretz.
Bei “Charlotte” an der Fähre Ketzin.

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