Schloß Marquardt / Potsdam. Kulisse und Mythos.

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Schloß Marquardt / Potsdam. Kulisse und Mythos.
Schloß Marquardt / Potsdam. Kulisse und Mythos.
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Aktualisiert 2021.
Wir nehmen Euch mit zu unserem heutigen Ziel, ins Havelland. Zum Park, zum See und zum Schloss in Marquardt. Am nördlichen Rand der Stadt Potsdam, abseits der Touristenwege, direkt am Schlänitzsee. Theodor Fontane, der brandenburgische Chronist, erzählt. „Marquardt, ein altwendisches Dorf, ebenso anziehend durch seine Lage, wie seine Geschichte. Wir(…) durchschneiden den »Königsdamm« und münden unmerklich aus der Chaussee in die Dorfstraße ein, zu deren Linken ein prächtiger Park bis an die Wublitz und die breiten Flächen des Schlänitzsees sich ausdehnt.“

Marquardt. Der Name lässt nicht aufhorchen. Dabei sind Schloss und Park offensichtlich unübersehbar. Als Drehorte für Film- und Fernsehproduktionen waren sie seit den 1930er Jahren Kulisse für über 50 Filme mit teils internationaler Besetzung. „Kudamm’ 56“, „Hanni und Nanni 3“,„Unsere Mütter- unsere Väter“, „Saphierblau“ , „6 auf einen Streich“, „Johann Strauß – der ungekrönte König“ mit internationaler Besetzung 1986, „Effi Briest“ mit Julia Jentsch und Sebastian Koch, „Der ganz große Traum“ mit Daniel Brühl 2010, „Das Mädchen mit den Schwefelhözern“, „Die Bücherdiebin“, „Bridge of Spies“ mit Tom Hanks, „Lotte Ulbricht – Der rote Faden“ – alles und noch viel mehr wurde hier gedreht, zumindest in einzelnen Szenen. Der letzte große hier gedrehte Film war „Spencer“ mit Kirsten Stewart. Eine Geschichte über Lady Di. Hinzu kommen Musikvideos von Musikern einer recht skurilen Mischung. Peter Maffay, Sarah Connor, Rammstein, die Beatsteaks. Gefilmt wird im Park, am See und in den Innenräumen des Schlosses, die auch als Event- und Hochzeitslocation vermietet werden.
Park und Schloss Marquardt sind ein Lost Place. Die Attraktivität des Ortes ist der morbide Zustand des Hauses, der verwunschene Landschaftspark mit seinem alten Baumbestand und die Lage am See. Das kleine Extra ist die mystische Geschichte um die blaue Grotte.

Wir stehen vor dem großen schmiedeeisernen, rostigen, weit geöffneten Tor zum Park. 1897 wurde es noch auf der Brüsseler Weltausstellung präsentiert, seitdem gehört es zum Park in Marquardt. Baustellenschilder warnen vor dem Zutritt, wir zögern. Ein Passant spricht uns an. „Da können Sie ruhig reingehen. Wir machen das auch. Und essen können Sie im „Alten Krug“  gleich um die Ecke“. Wir danken für die Infos. Vor uns liegt ein geschotterter Weg, Bauschutt, wilde Sträucher und ein wenig Aussicht auf ein Hauch von See. Der Park ist öffentlich, der Weg hinein erlaubt. Neben uns steht die Ruine des zum Schloß gehörenden Gutshofes. Alles hier bröckelt.  Durch ein Gebüsch nähern wir uns dem modernden Verfall. Der Gutshof war ein stattlich massiver Ziegelbau, doch der Zahn der Zeit hat sich hindurchgebohrt. Ein Brennereigebäude, ein Wasserturm mit Aussichtsplattform – wie schön wäre der weite Blick auf den Schlänitzsee – das Kastellanhaus mit dem Fachwerkgiebel und die zusammengesackten Nebengebäude. 

Der Weg zum Schloss Marquardt

Vor uns liegt der Weg zum Schloss. 1313 wird es zum ersten Mal erwähnt und heißt damals noch Schorin
Die adligen Besitzer wechseln während der Jahrhunderte, keinem der Geschlechter gelingt es, sich für lange Zeit in Marquardt festzusetzen. Schließlich fällt der Besitz an Friedrich I.. Der König entscheidet machtpolitisch und verschenkt Gut und Grundbesitz an einen seiner erfolgreichsten Mitarbeiter. 1704 wird Marquard Ludwig von Printzen (1675–1725) der neue Eigentümer des Gutes am Schlänitzsee. Von Printzen ist ein begabter Diplomat und Karrierist am Hofe. 1705 tritt er, gerade zum „Wirklichen Geheimen Staats- und Kriegsrat“ ernannt, mit 30 Jahren in die oberste Regierungsbehörde ein. Der Karriereschritt ist mit einer erheblichen Gehaltserhöhung ausgestattet. All seine Einkünfte zusammengerechnet verdient er nicht weniger als 15.000 Taler jährlich, mindestens. Marquard Ludwig von Prinzten, narzisstische Züge sind ihm wohl nicht abzusprechen, bittet den König, um Umbennenung seines Gutes in Schorin. Fortan soll es seinen eigenen Namen tragen. Marquard. Das T als Abschluß kommt erst später in den Namen, vermerkt von einem Pastor 1843. Vielleicht ist dieses T ein Schreibfehler, vielleicht einfach ein schönes Ende nach dem D. 
1708 schon, verkaufte Marquard von Printzen das Gut und Schloß Marquardt und erwarb statt dessen Carow bei Genthin.

Schloß Marquardt wird weiterverkauft und weitergereicht. Die Lage am See und der kurze Reitweg bis Potsdam macht es für die im höfischen Dunstkreis Flirrenden attraktiv. Zwischen 1708 und 1781 gehört die Anlage der Familie Wyckersloot vom Niederrhein. Theodor Fontane konstatiert, dass „wir in dem kurzen Zeitraum von 1781 bis 1795 Marquardt in den Händen von vier verschiedenen Familien sehen. Die Nähe Potsdams spielte dabei eine Rolle. Wer dem Hofe nahe stand, oder, wer außer Dienst, es schwer fand, sich ganz aus der Sonne zurückzuziehen, wählte mit Vorliebe die nahe gelegenen Ortschaften. Unter diesen auch Marquardt.“ Es war Fontane, der aus dem Gut ein Schloss machte, durch einen Federstreich.

Nach dem Großen Brand wurde General Hans Rudolf von Bischoffwerder 1795 neuer Eigentümer von Marquardt. So begann eine mystische, geheimnisumwobene Epoche auf dem Gut am Schlänitzsee. Bischoffswerder war Freimaurer, Sachse, Jurist und seit 1778 erneut in preußischen Diensten tätig, schließlich in leitender Funktion als Generalmajor. Er war engster Vertrauter des Königs Friedrich Wilhelm II. und ein kompromissloser Anhänger von Mystik und Alchemie. Seit 1779 prägte er den Potsdamer Gold- und Rosenkreuzerorden mit geheimbündlerischen Inszenierungen, Geisterbeschwörungen und Verschwörungstheorien. Gemeinsam mit Johann Christoph von Woellner, einem weiteren hochrangigen Rosenkreuzer, begeisterte er ab 1781 den preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm II. für den antiaufkläreischen Orden.

Der Mythos der verschwundenen Blauen Grotte in Marquardt

Mit dem Rosenkreuzerorden und Hans Rudolf von Bischoffswerder begann die Geschichte der Blauen Grotte und die Geschichte des Geheimnisses unter dem Rasen. 
Die „Blaue Grotte“ in Marquardt war ein oberirdischer Raum für spiritistische Sitzungen und geschickt inszenierte Psychodramen. Hierher ritt der König Friedrich Wilhelm II., gute 10 km von seinem Wohnort im Marmorpalais entfernt, zu geheimen und durchaus dramatischen Treffen mit den Rosenkreuzern. Jedoch, die geheimnisvolle „Blaue Grotte“ existiert nicht mehr. Abgerissen zwischen 1860 und 1870. 
Wir gehen suchend durch den Park, betrachten skeptisch jede kleine Erhebung im noch grünen Rasen und stoßen mit den Füssen die kleinen hier und da liegenden Steine fort. Wir suchen einen blauen Stein und wir suchen die Grundmauern. Beides werden wir nicht finden.
Auf einem Parkplan Peter Joseph Lennés von 1823 ist die Grotte eingezeichnet. Theodor Fontane, der die Grotte 1860 kurz vor ihrem Abbruch sah, berichtet von einem Kronleuchter im Innenraum. Unsere Phantasie triumphiert. Das Kerzenlicht des Leuchters flackert unruhig über die blauen Wände. Die blaue Farbe glitzert in den Schlackesteinen, die bei der Herstellung des kostbaren dunkelblauen Kobaltglases übrig blieben und hier verbaut wurden. Schillernde Licht- und Farbeffekte verfremdeten die Wirklichkeit. Abseits gelegen, uneinsehbar, ein Zauberraum. Solch mystisch und befremdlich schönen Orte aus der Zeit FWII. haben wir schon in Potsdams „Neuem Garten“ kennengelernt. https://reisefrequenzen.de/podcast/neuer-garten-marmorpalais/

Diese „Blaue Grotte“ wurde zum Ort des Geschehens. Hier hielten die Rosenkreuzer ihre Sitzungen ab, der König kam um teilzunehmen. Kurz besuchte er sein Patenkind, den Sohn des Bischoffswerder Hans Rudolf Wilhelm Ferdinand und dann begann in der Grotte eine durchaus unheimliche Inszenierung. Geisterstimmen flüsterten, sphärische Klänge waberten, Tote sprachen. Der König hörte die Stimmen seiner Vorfahren, darunter auch, bis ins Mark erschütternd, die seines toten Lieblingssohnes Alexander. Schweißgebadet, ängstlich und voller Schuldgefühle angesichts seiner unzähligen Liebschaften ist der König dem Zusammenbruch nahe. Atemnot plagt ihn nach der Sitzung. Man trägt ihn aus der Grotte. Langsam kommt er zu sich. 
Ein Schauspiel, Psychoterror fast und politische Einflussnahme. Die Sphärenklänge wurden auf der Glasharmonika gespielt, das Instrument war eine brandneue irische Erfindung. Die Geisterstimmen und das Murmeln der Verstorbenen kamen aus der verborgen eingebauten doppelten Rückwand der Grotte, zwischen den beiden Wänden nahm der Geistersprecher Platz. „In Brusthöhe befinden sich zwei heimliche Eingangslöcher, mit Steinen versetzt“ beschreibt Fontane. 
Zwei Jahre dauert das Spiel. 1797 stirbt FWII im Marmorpalais. Durch Zukäufe vergrößerte Bischoffwerder seinen Besitz. Zu seinen Bauern soll er ein gutes Verhältnis gehabt haben, er verringerte die Abgaben und verlangte weniger Gespanndienste, als bislang üblich war. 

Der Park am See

Nachdenklich und verwirrt gehen wir über die Rasenfläche. Vielleicht sollten wir heimlich, wie es zum Ort hier passt, nach den Fundamenten der „Blauen Grotte“ mit einer Schaufel graben und nicht nur oberflächlich schauen. Doch das haben schon andere vor uns vergeblich getan. Das Gras ist aufgewühlt, die Erde von Wildschweinen zerfurcht.
Das Gelände zwischen Schloß und See ist ein englischer Landschaftspark, angelegt gleich nach 1795 und 1823 unter der verändernden Skizzenfeder von Peter Joseph Lenné erweitert und ergänzt. Da ist der alte Bischoffswerder schon 20 Jahre tot und mit ihm auch die Rosenkreuzer. Sein Sohn wird der letzte Erbe sein. 

Schloßpark Marquardt, Blick auf den Schlänitzsee
Der verwunschene Park am Schlänitzsee

Der Park ist ein in jedem Detail aufmerksam gestaltet wunderbarer Ort. Er ist eine Palette in Grün, selbst die Wasserlinsen auf den Teichen spielen mit. Auf der einen Seite liegt die Wublitz mit ihrem breiten Bauch, dem Schlänitzsee. Auf der anderen der träge fließende Sacrow-Paretzer-Kanal. Einige verlassene Nutzteiche sind Teil des englischen Gartens. Auf 14 Hektar schlängeln sich Wege, führen Brückchen übers Wasser, eröffnen sich überraschende Sichtachsen. Alles scheint noch größer, noch verwunschener. Wir lassen uns verzaubern. Der Kalmus schützt als Röhricht alle Ufer, doch ein kleiner Sandbadestrand hat sich den Platz gebahnt. Hohe Bäume wachsen auf einer romantischen Insel, unweit steht der 200jährige westliche Zürgelbaum. 

1858 stirbt der letzte Bischoffswerder. Ab 1860 ist Schloß Marquardt im bürgerlichen Besitz, die Hochzeiten des Adels neigen sich dem Ende. Nach unstetem Wechsel kauft Louis Auguste Ravené 1892 das Ensemble. Die Ravenés sind eine hugenottische Familie mit migrantischer Erfolgsgeschichte. Louis Auguste Ravené ist im Aufsichtsrat der Reichsbank, im Beirat der Deutschen Bank, im Aufsichtsrat der Neuginea-Kompagnie, er ist Vorstand der Deutschen Arbeitgeberverbände, Besitzer einer öffentlich zugänglichen Kunstsammlung. Reich geworden im Eisen- und Stahlhandel, Profiteur der industriellen Revolution und der Kriege. Die prachtvollen Geschäftbauten der Familie sind vor Kurzem in der Berliner Wallstraße aufwendig saniert worden.
Er lässt Schloß Marquardt aufstocken und L-förmig erweitern, einen Turm anbauen und schließlich den ovalen Festsaal mit neobarocker Fassade anbauen. Ein wenig Neorokoko wird für den Zeitgeschmack noch hier und da angebracht. Und es wird das Tor, das schmiedeeiserne Eingangstor, durch Beziehungen im Eisenhandel aus Brüssel eingekauft.

1932 verpachtet die Familie Ravené an Kempinski und ein Hotel in bester Lage mit traumhafter Seeblickterasse ensteht. 10 Einzelzimmer und 14 Doppel. Tee- und Weinstube und der ovale Festsaal. Dann kommen die Nationalsozialisten und der Krieg. Die Kempinskigruppe wird 1937 arisiert, im März 1942 verkauft Ravené an die Aschinger AG. Was folgt ist die Enteignung, die Nutzung als Heimatvertriebenhaus, als Taubstummenschule, als Gartenbauschule und schließlich für die LPG Obstproduktion. Heute gehört es den TLG Immobilien, und steht laut Internet, wenn es denn stimmt, für 6,9 Millionen Euro zum Verkauf. 
Wir verlassen den Park und schlendern durchs Dorf. Sonnenblumen blühen und hübsche Häuser stehen an baumbestandenen Straßen. Auch das ist ein hübscher Weg.

Schloß und Park Marquardt, welch ungeahnt dramatischer Ort. Das rostige Parktor führt in die Welt des Surrealen zwischen Lost Place, Film und „Blauer Grotte“ und in einen wahrhaft malerischen Park.

Wo: Marquardt. Ein Dorf das zu Potsdam gehört.
Was: Park und Schloßkulisse. Der Park ist öffentlich zugänglich, das Schloss privat.
Inspiration: Theodor Fontane, Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Havelland. Potsdam und Umgebung. Daraus auch die Zitate.
♥️ Unser Lieblingsplatz: Picknick im Park (Achtung, keine Einkaufsmöglichkeit in Marquardt) 
🗝 Wir führen Euch gerne persönlich durch Marquardt oder durch andere Orte der Reisefrequenzen.

Das waren die Reisefrequenzen am Schlänitzsee in Marquardt. Nah ist’s auch schön.

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2 Gedanken zu „Schloß Marquardt / Potsdam. Kulisse und Mythos.“

  1. Vielen herzlichen Dank für die Beschreibung dieser geschichtsträchtigen Lokation ! Abenteuerlich erscheint mit besonderem Reiz die mystische Blaue Grotte. Allzugern möchte ich als ” Landei” diese durch Wasserläufe , Teiche und Seen ganz besonders geprägte Landschaft sehen. Das Schloss und die ” verfallenden ” Bauten darum herum sind wirklich Besonderheiten
    Da ich aber z. Zt. nicht reisen kann, freue ich mich sehr in Wort und Bild das sagenhafte Marquardt kennen zu lernen.
    Schon freue ich mich zur nächsten Reise eingeladen zu werden!!!

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    • Vielen Dank für den Kommentar und die Reise mit den Reisefrequenzen! Ich freue mich sehr auf den nächsten “Ausflug mit den Ohren” mit Euch Leser*innen und Hörer*innen!

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