Plaue-Briest-Pritzerbe-Bahnitz. Kleine Orte – große Havelliebe.

Reisefrequenzen
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Plaue-Briest-Pritzerbe-Bahnitz. Kleine Orte - große Havelliebe.
Plaue-Briest-Pritzerbe-Bahnitz. Kleine Orte - große Havelliebe.
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Hallo! Hier sind die Reisefrequenzen. Heute mit unserem Motto „Nah ist‘s auch schön“ unterwegs an der Havel. Von Plaue über Briest und Pritzerbe nach Bahnitz. Zwischen Brandenburg und Rathenow.

Bei gutem Wetter mit dem Fahrrad auf dem ausgeschilderten Havelradweg ab Plaue, im Sommer mit dem Paddelboot, bei Trägheit und Kälte motorisiert die gleiche Strecke. 
Die Havel ist eine unprätentiöse Verführerin. Nur wenige Flüsse sind scheinbar so unberührt, machen was sie wollen, wälzen sich träge durch ein mal breites mal schmales Bett zwischen halmbestandenen Ufern. Die Landschaft ist flach. Die Havel braucht kein Drama, keine Theaterkulisse, keine tiefe Rinne in wildem Fels. In Gelassenheit und Ruhe liegt ihre Stärke, ihr Geheimnis im Schilf und Röhricht, ihr Schauspiel sind ihre Seen und Altarme.

Plaue

In Plaue steht ein Schloß mit großer Vergangenheit und einer bröckelnden Gegenwart mit Aussicht. Hier wurde Friedrich II. von seinem Vater zum Ritter geschlagen und Peter der Große, der russische Zar, übernachtete an der europäischen Ost-West Strecke. Das Palais ist immer noch der wichtigste Schloßbau im westlichen Brandenburg. 
1197 wird ein Henrycus de Plawe und damit Plaue erstmals erwähnt. Da ist der Ort schon seit Jahrhunderten besiedelt. Später streiten die Herren der Kirche aus Magdeburg mit den Brandenburger Grafen um diesen optimalen Bauplatz zwischen Havel, Plauer See und Wendsee. Das jetzige Schloß ließ sich Friedrich von Görne um 1715 bauen. Görne war Gutsbesitzer und machte Karriere. 1704 Domdechant in Brandenburg, gleichzeitig Hof- und Legationsrat, später betraut mit der Zentralverwaltung der Staatsdomänen und der Betreuung des Schatullenbesitzes, Leiter des Postwesens und Etatminister. Zuständig für die Finanzen Preußens im 4. Departement und sich auf die eigenen ebenfalls recht gut verstehend. Aus reichgefüllter Schatulle beauftragte er den Bau eines stolzen dreiflügeligen Barockschlosses nach französischer Manier.
Görne setzte auf wirtschaftliche Entwicklung in Plaue. Porzellan war sein Traum, die Realität wurde Textil und Steinzeug. Unter Leitung von David Bennewitz und Johann Mehlhorn wurde die Plauer Keramik der aus Meißen im Äußeren nicht unähnlich. Ein Aufschwung für den Ort. Görne baute Schule, Altersheim und Armenhaus und ließ 1743 mit königlicher Finanzierung den ökonomisch wichtigen Plauer Kanal von der Havel zur Elbe graben.
Unter seinen Nachfolgern verblasst der Glanz. Letztlich übernahmen die Grafen von Königsmarck bis zur Enteignung 1946 Palais und Grundbesitz.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, nach der Plünderung der kostbaren Innenausstattung wurde das Schloß im DDR-typischen Graurauputz verkleidet eine Dolmetscherschule des Außwärtigen Amtes der DDR. Nach der Wende übernimmt das Land Brandenburg. Das Schloß wird verkauft, genutzt und schließlich in die tatenlosen Fänge der zwielichtigen insolventen German Property Group weiterverkauft. Und wartet nunmehr auf den Prinzenkuß.

Wir nehmen den Weg von der Seegartenbrücke durch den Schloßpark. Havelradweg, 7-Seen-Tour, Tour Brandenburg und natürlich der Fontaneweg ziehen ihre Schleifen durch diesen Englischen Garten.

Havel mit Baum in Plaue
Blick aus dem Schloßpark in Plaue

„Ich möchte aufs Meer schauen“. Die anderen lachen. Es ist doch nur die weite Havel. Ein Schubverband fährt langsam übers Wasser. Vielleicht träumt auch er vom Meer. Durch den Elbe-Havel-Kanal zur Elbe und weiter bis zum Nordatlantik. Vielleicht nur bis Kirchmöser, an der nächsten Ecke.

Die Aussichtsterrasse über der fast weißen Stützwand war ein Tontaubenschießstand, um 1900 Novum und der erste seiner Art. Vor den Luken am Bau wurden zwei Abschussschleudern installiert, geschossen wurde von oben in Richtung Plauer See. Tontauben waren den Grafen ein müder Nachgeschmack kolonialer Jagdtrophäen. Hans Graf von Königsmarck ließ in Erinnerung und Sehnsucht an großmännische Großjagden im damals englischen Kaschmir zwei von ihm erlegte Tiere in Beton nachbilden. Den Roten Bär und das fast ausgerottete Markhor, eine zentralasiatische Schraubenziege.
Das Angebot an heutigen Jagdtieren sehen wir an seinen Spuren in der Wiese. Sie stammen vom wilden Schwein.

Auf einem Stichweg gehen wir zum Wasser. Es ist ein uferloser Blick. Nichts mehr, bis auf eine Tafel, erinnert an den einstigen DDR-Zoll-Kontrollpunkt an dieser Stelle. Ein Zollort war es auch schon 1334.

Ein paar Schritte weiter steht unter Bäumen Herr Fontane, Theodor. Obwohl er bereits in seinem dritten Wanderband 1869/70 über das Schloss berichtete, reiste er erst 1874 bis nach Plaue. Kalt geschrieben gut getextet, nicht gewandert nur gefahren. Der Reiseschriftsteller im Lehnstuhl, denke ich mit einem Schmunzeln. Hier grüßt er uns als bronzene Figur, geschaffen von Dirk Harms. Auf seinem Bronzefuß liegt ein kleiner bemalter Stein, darauf die Raupe Nimmersatt und über ihr die Sonne.

Fontane, Bronzefigur iim Schloßpark Plaue

Wir machen einen Abstecher durchs Engelstor zum Friedhof und zur gotischen Backsteinkirche, die um- und ausgebaut wurde von Matthias von Saldern, den wir durch die Saldernsche Schulstiftung in Brandenburg kennenlernten und der im 16. Jahrhundert Lehnsherr auf Plaue war.

Die Hauptstraße führt durch den Ort. Laute Musik scheppert über uns hinweg. Das ehemalige Rathaus ist ein Arthaus, Schöpfung statt Verwaltung ist ein charmanter Gedanke. Gegenüber werden Waffen verkauft und Fischereibedarf.

Das Schloß ist im schwierigen Zustand, ein lost und rotten Place zugleich. Vor dem Verkauf war es ein schöner Ort, jetzt ist es in der Schwebe. Eine DDR Lampe steht vor dem leeren Hof.
Das Gästehaus ist renoviert und wird als Unterkunft vermietet. Mein Kollege hat hier sein Fahrrad die steile Treppe hochgeschleppt, damit es sicher übernachtet. Dafür reiche ich ihm ein Krönchen.

Am Ufer sitzt ein zweiter Fontane und hebt sein Glas. Nicht wegen Schloss und Herrschaft kam er nach Plaue, sondern um Carl Ferdinand Wiesike zu besuchen. Mit ihm pflegte er die besten Gespräche und den besten Tropfen. Zusammen widmeten sie sich den drei wichtigen Dingen im Leben. „Der Schöpfung eines Parks, der Homöopathie Hahnemanns und der Philosophie Schopenhauers“. Fontane sitzt mit Abstand und speist mit sich selbst. Ein Corona-gerechtes Mahl. „Die Havel ist ein aparter Fluß“ hat er einst geschrieben. „Am schönsten ist es aber doch am Rand des Sees, wo Weidicht und Rohr abwechseln. … Hier sitzen im Abendschein“.

Plaue-Briest-Pritzerbe-Bahnitz. Kleine Orte - große Havelliebe.

Die Plauer Brücke ist gesperrt, von unten sehen wir durch die Rostlöcher den Himmel. 1904 wurde sie mit Halbparabel-Fachwerkträgern gebaut, das jetzt abgebaute Geländer zeigt den schönsten Jugendstil.
“Hei! Wie Splitter brach das Gebälk entzwei.” “Tand, Tand Ist das Gebilde von Menschenhand.” Fontane wendet sich von der Brücke ab und denkt an eine Andere, brüchige.

Den Kunstpfad verlassen wir. Weiter stromabwärts werden Hausboote vermietet, die lauten Flußknatterer. Die Ruhe ist die kalte Stille.

Ein Fischer zieht seine wind-wasser-wetterdichte Hose an. Die schönste Zeit ist der Winter. Die Fische beißen besser, das Kraut ist weniger. Mir bleibt der Eindruck, daß ihm der Fisch entkommen mag, ihm wichtig ist die Zeit mit sich allein. Im Winter ist die Wasserfläche seins, so sagt er, ruhig und fast mystisch.

Wir nehmen den Weg nach Briest. Neben der Straße ist der Fahrradweg in Bau und das scheint noch zu dauern. Im Moment herrscht Pause im märkischen Sand. 

Briest

Das Schilf steht hoch, die Halme wiegen sich im leichten Wind. Vielklingende Vogelgeräusche ertönen, im Landeanflug lässt ein Schwan die Wassertropfen aufstieben. 
Die langen Grundnetzpfähle stehen wie ein Tipi aufgestellt. Sie warten auf ihren Einsatz für die Fischindianer. Mit einem kleinen Fischerboot werden sie zur Markierung der Netze transportiert. Der medienportraitierte Fischerheld des Dorfes heißt Jörg Mehlhase. Noch arbeiten ein paar Männer entlang der Havel in diesem uralten Beruf. Sie fahren morgens um 4 Uhr raus und schauen, was in ihre Netze geht. Im Sommer sind sie vor den Hausbooten und den anderen lauten Motoren unterwegs. Doch die Havel wird krautiger, niedriger und fischleerer. Und die Kunden wollen Fisch ohne Kopf und ohne Gräten. Der Laden Mehlhase ist direkt gegenüber an der Dorfstraße, blau gestrichen und mit einem fischverzierten Tisch davor. Jetzt ist er Pandemie-verordnungsbedingt geschlossen.
Linkerhand ist die Einsatzstelle für Kanus der Wasserwanderer.
Briest. Fontane Leser*innen horchen auf und denken an die junge Effi, die dramatisch Tragische. Doch ist das wohl die falsche Fährte. Nicht Effi, die ihren Namen nach einem Adelsgeschlecht mit Sitz Nennhausen trägt, sondern die Birke auf slawisch gilt als Namensgeber.

Die Briester Kirche ist einer dieser unerwarteten Havellandmomente. Heute ist das Gebäude kein Gotteshaus mehr aber immer noch ein Platz für Zusammenkünfte und inspirierende Ideen. Die neoromanische Kirche wurde 1870 gebaut, 2005 verkauft und heißt jetzt Havelprater. Laut Internet ist sie einer der beliebtesten Coworking Spaces in Deutschland. Ohne Internet. Auf der Empore stehen Betten und das Doppelbett dort, wo der Altar einst stand. Ein Airbnb in himmlischer Nähe.
Idylle war in Briest nicht immer. 1914 wurden die Brandenburgischen Flugzeugwerke gegründet. Nach dem 1. Weltkrieg stillgelegt, für den 2. Weltkrieg wieder in Betrieb genommen. Seit 2009 sind sie endgültig geschlossen. Seitdem herrscht wieder Ruhe über der Havel.

Ein paar Minuten später passieren wir Kranepfuhl. Auf der rechten Seite liegt ein großer See, enstanden durch den Abbau der Tonerde. Das sind die Spuren der Geschichte der Ziegeleien Brandenburgs. 24 gab es einst am Abschnitt unseres heutigen Weges. Bis 1973 standen in Kranepfuhl die Ringöfen zur Herstellung der Klinker auch der Berliner S-Bahn-Bögen. Inzwischen ist Schluss mit Ton, aber immer noch werden hier Baustoffe produziert.

Fähre Pritzerbe

Die nächste Station unserer Havelreise ist Pritzerbe, seit 2002 mit umliegenden Dörfern die Stadt Havelsee. Am Ufer liegt das Museumsschiff, ein Schleppkahn im Groß-Finowmaß. Ilse-Lucie, die früher Paloma hieß und längst die Träume vom Fliegen und Ferne aufgegeben hat. 
In der Rohrweberei, der einzigen in Deutschland, wird das Röhricht zu Matten verwoben. Derzeit geschlossen. Wir hoffen auf Zeiten nach Corona.

Wir nehmen die Drahtseilfähre nach Kützkow. Havelfähre, das ist Freiheit, Wind und Wellen. Im märkischen Maß. Der Fährmann schwärmt von Sonnenuntergängen. Er legt in Kützkow an.

Am Ortsende von Kützkow steht eines dieser Straßenhinweisschilder, die das Normale versprechen und das Unerwartete bieten. Die Straße ist nicht wirklich eine. Wie manchmal bei unseren Erkundungen in Brandenburg wissen wir erst auf der Strecke, warum niemand uns hier begegnet. Der erste Teil ist eine prachtvolle Allee. Der zweite führt dann doch nach Bahnitz.

Bahnitz

150 Einwohner, davon 40 Berliner und 35 Künstler. Wahrscheinlich mancher doppelt gezählt. In Bahnitz ist die Welt zu Ende, die Straßen führen hin, doch nicht hindurch. Wie der Weg so ist das Ziel. Bahnitz galt allgemein als 50 Jahre zurückgeblieben, in den 1870er Jahren erhielten die Höfe aus französischen Reparationen neue Stallgebäude und Scheunen in Backstein-Bauweise. In den 1880er Jahren wurden auch die alten Wohnhäuser ersetzt. Nichts Besonderes. Gäbe es nicht an vielen Ecken Zeit und weiten Raum für Kunst in diesem Dorf.

Aufschrift am Kunsthof in Bahnitz

Am Ufer der Havel tanzt die Nixe, die Wappenfrau vom Havelgrund. Alles ist anders in Bahnitz, unerwartet. Ich kneife die Augen zusammen und schaue zweimal. Dort, auf der Sandbank in der Havel, steht ein Weihnachtsbaum. Die Silberkugeln glänzen in der Sonne.


Einige Schritte weiter geduldet sich die feinsandige Badestelle bis zum Sommer. Ein Biwakplatz mit Schutzhütte und eine Feuerstelle am Fluß versprechen Romantik. Die Nixe tanzt nur mit sich selbst, sie scheint auf niemanden zu warten.

Auf dem Weg am Fluß entlang steht ein phantasievoll eingestricktes Fahrrad. Und kein Fisch und keine Fischschwanznixe weit und breit zu sehen.

Plaue-Briest-Pritzerbe-Bahnitz. Kleine Orte - große Havelliebe.

Die Bahnitzer Schleuse ist der Schlußpunkt unserer Reise. Eine von 34 Havelschleusen, erbaut 1904 und erneuert 2011. Sie ist 215 m lang und ferngesteuert.
Dabei ist hier alles ganz nah und nichts fern. Das Wasser, das Schilf, der Sand, die Weite, das Glück.

Havel bei der Bahnitzer Schleuse

Das waren die Reisefrequenzen. Heute auf der Strecke von Plaue über Briest und Pritzerbe nach Bahnitz. Nah ist‘s auch schön.

Wo: Entlang der unteren Havel zwischen Plaue und Bahnitz.
Was: Unterwegssein und Erkunden. Mit dem Rad, dem Boot oder dem Auto. Kanu ausleihen in Plaue und Pritzerbe.
Inspiration: “Mit Fontane zu Tisch”, das Kunstwerk stammt von JEssica Dörhöfer. Die andere Brücke ist “Die Brück’ am Tay”. Mehr über die Ziegeleien an der Havel im Text Glindow. Heiße Ware aus der Ziegelmanufaktur.
♥️ Unser Lieblingsplatz: Immer an der Havel. In Bahnitz. Auf der Fähre. An Sonnentagen im Winter.
🗝 Wir führen Euch gerne nach Plaue und zu den anderen Destinationen der Reisefrequenzen.

8 Gedanken zu „Plaue-Briest-Pritzerbe-Bahnitz. Kleine Orte – große Havelliebe.“

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