Glindow. Heiße Ware aus der Ziegelmanufaktur.

Brandenburg
Brandenburg
Glindow. Heiße Ware aus der Ziegelmanufaktur.
Glindow. Heiße Ware aus der Ziegelmanufaktur.
/

Hallo! Hier geht’s zum in die Ferne hören. Die Reisefrequenzen.
Oder: nah ist’s auch schön.
Heute unterwegs zum Ziegeleimuseum und der Ziegelmanufaktur in Glindow.

Aktualisiert am 10. Septemner 2021. Derzeit ist der Ofen in Glindow kalt, die Produktion wurde möglichen Käufern zu teuer. Doch es besteht Hoffnung, daß der historische Ringofen 2022 wieder in Betrieb gehen kann. Derzeit gibt es eine Kunstausstellung im kalten Ofen.

Zum heutigen Ziel, zum „Märkischen Ziegeleimuseum“ und der „Neuen Ziegelmanufaktur“ in Glindow, zu einem Spaziergang am Glindower See und einem Abstecher in die Glindower Alpen. Zu einem erst heißen und dann harten Objekt.
An einem sonnigen Herbstnachmittag stehen wir vor einem auffälligen Ziegelturm am Ortsende von Glindow. An der Tür hängt ein Schild „Museum“. Die Uhr am Turm zeigt kurz vor sechs, sehr lange schon. Das untere achteckige Stockwerk sieht aus wie eine Zuckerdose oder ein orientalisches Aufbewahrungsgefäß oder ein wenig wie der Torre del Oro in Sevilla. Unser Goldturm steht leuchtend in der Herbstsonne. Die gelben Ziegel sind von einem roten Backsteinmäanderband durchzogen, die Fenstereinfassungen interessant gemustert. Von oben schweifen seit bald 140 Jahren Blicke über den Glindower See und hielten ursprünglich nach Transportkähnen Ausschau, die voll beladen mit Backsteinen in die Hauptstadt fuhren und leer zurück. „Berlin ist aus dem Kahn gebaut“, mit Ziegeln auch aus Glindow.

Ziegeleimuseum Glindow

Das Wort Glin gibt den Ton in Glindow an, sein Ursprung ist slawisch. Auch im Russischen heißt гли́на „Ton oder Lehm“.

Besichtigung des Ziegeleimuseums

Nach einer unvorhergesehen langen Wartezeit, während der wir die Kraniche über uns beobachten, wird die Tür zum Museum geöffnet. Unser Museumsguide nickt uns zu und murmelt „Gerd“. Engagiert, weißhaarig, voller Humor und ein in Sachen Ziegel nahezu allwissender Erzähler. Und das Museum ist gar keins. Ab 1990 lautet das Motto in der Ziegelmanufaktur ein „Denkmal produziert für Denkmale“. Es ist ein Ort, an dem seit 500 Jahren das Handwerk der Ziegelfertigung betrieben wird. Der Brennpunkt unserer Besichtigung des „Märkischen Ziegeleimuseum“ ist der Rundgang in der „Neuen Ziegel-Manufaktur Glindow“. Hier wird gearbeitet und produziert und das nicht als kleine Show für uns Besucher, sondern in einem marktwirtschaftlich orientierten Betrieb. Im 19.Jahrhundert wurden hier Ziegel hergestellt, nach dem Krieg erst Kohlepresslinge und schließlich Blumentöpfe. Inzwischen kommen die Aufträge für den wieder auf Ziegel spezialisierten Betrieb hauptsächlich aus der Denkmalpflege.
Es wird ein ausführlicher Rundgang mit vielen brennenden Fragen. Fotografieren ist leider nicht erlaubt.
Im Turm, der vom Förderverein des Märkischen Ziegelmuseums betreut wird, sind Dokumente über die Geschichte der Ziegeleien in Glindow im Besonderen und der Mark im Allgemeinen ausgestellt. Die geologischen Voraussetzungen für die Ziegeleien sind ideal. Im gesamten mittleren Havelgebiet, in jedem Nebenbecken der trägen Havel, in jeder Niederung gibt es als Relikt der Eiszeit leicht abbaubare Tonablagerungen. Sie sind feinkörnig, kalkhaltig und für die Verarbeitung im Handstrichverfahren gut geeignet. Die Vorkommen liefern Massenware für die Hauptstadt, sind jedoch für das spätere maschinelle Strangpressverfahren schlecht geeignet. Zwischen all diesen „Haveltonen“ liegt die Königin, der „Glindow-Ton“. Der diluvialen Tonmergel ist besser zu verarbeiten und auch für Verblendziegel geeignet. Die gute Qualität des „Glindow-Tons“ kannten auch schon die Mönche aus Lehnin. https://reisefrequenzen.de/podcast/kloster-lehnin-die-vision-unter-der-eiche/
Hinzu kamen die idealen Transportwege übers Wasser nach Berlin. Die Großstadt ist, sozusagen, entlang der Havel entstanden.
Wir verlassen den Aussichtsturm. Gerd schließt die Eingangspforte zum Werksgelände auf. Hier liegen auf der großen Außenfläche die Ziegel nach Farben sortiert auf Holzpaletten gestapelt, wie ein buntes Klötzchenkinderpuzzle. Ich nehme einen in die Hand. Ziemlich schwer. Ist das Backstein, Ziegel oder Klinker? Auf keinen Fall ein Stein, bemerkt unser Guide entschieden.

Der Weg durch die Ziegelmanufaktur

Ein Stein wird nicht gebrannt, ein Ziegel schon, es sein denn es ist ein nur getrockneter Lehmziegel. Ein Backstein im Süddeutschen und im Mittelalter, ein Ziegel im Norddeutschen und allgemein gebräuchlich. Gebrannt wird er zwischen 950 und 1100 Grad. Ein Klinker hat meist einen höheren Silikatgehalt und wird bei mehr als 1150 Grad gebrannt. Dabei verflüssigt sich die Oberfläche und wird beim Erkalten dicht und glatt. Sie ist versintert und wasserdicht. Wir sind im Schnellkurs Baukeramik. Der ist schon sprachlich eine Herausforderung. Der extrem verdichtete und versinterte Ziegel heißt dann Steinzeug, obgleich kein Stein und wohl auch kein „Zeugs“. Die regional sprachliche Verwirrung ist nicht in Stein gemeißelt, sie liegt wohl auch am hohen Alter des Werkstoffes. Seit über 10.000 Jahren ist er in Gebrauch. „Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen!“ (1. Mose, 11,3).


Die Roten sind eisenhaltig, die Gelben aus Glindow mit Kupfer versetzt. Vorne liegen Ziegel mit rauen Oberflächen, sie wurden vor dem Brennen in Sand gewendet. Wie ein paniertes Schnitzel. Daneben sind die mit glatten Oberflächen gestapelt, versintert. Der gebrannte Ziegel wird erhitzt, die Oberfläche weicht auf und erstarrt erneut. Jetzt verstehe ich, was mit dem großen Tonklumpen vor dem Eingang des Museums geschehen war, der zusammengeklebt und verbacken dort lag. „Wenn einem Ziegelmeister das passierte, konnte er sich fünf Jahre lang nicht mehr im Dorf blicken lassen. Woanders bewerben musste er sich auch nicht mehr“. Der Brennmeister hatte den Ofen zu heiß werden lassen.
Wir gehen über das Gelände der Ziegelmanufaktur. Ein kurzer Schuppen heißt das „Lange Elend“. Länge und auch Elend sind ihm abhanden gekommen. Hier wurden die Ziegel nach dem Formen zum Trocknen aufgestapelt und mussten an diesem zugigen Platz jeden Tag gewendet werden. Das war Kinderarbeit noch in den 60er Jahren. Davor steht eine langsam verrostende Maschine, die mich auf den ersten Blick an eine überdimensionale Ölpresse erinnert. In ihr wurde der Ton eingesumpft. Vor der Maschine erledigten diese Arbeit Kinder und Frauen durch kräftiges Stampfen im Ton. Um Kosten zu sparen wurde der Einsatz von Tieren versucht, doch anders als Menschen fanden sie weder die kleinen Steinchen noch die störenden Wurzeln im Ton, die jeden Ziegel gesprengt hätten.
Gerd öffnet die Tür zur Fertigungshalle. Erstaunt schaue ich mich um. Alles ist von einer rötlichen Staubschicht bedeckt, Körnchen flirren durch das Streiflicht, kleine rötliche Stalaktiten wachsen von der Decke und ich frage mich etwas mulmig, ob die offen liegenden elektrischen Leitungen resistent gegen den roten Feinstaub sind. Wir sind auf einer Zeitreise, wenn auch trotz der hier ausgeführter Handarbeit eindeutig ins Maschinenzeitalter.
Der Ton wird gesumpft und nach Vorarbeiten in die je nach gewünschtem Format verschiedenen Model gepresst, außen Holz und innen Stahl. Das ist nicht anders als bei der Herstellung von Butter. Anschließend wird schwungvoll mit einem Draht über dem Model händisch abgezogen, eine Art Flitzebogen ist das Werkzeug. So entsteht die glatte Oberfläche. Stück für Stück für Stück. 700 am Tag pro Mann.
Spezielle Formziegel fertigen Frauen in Feinarbeit. Der grobe Ziegel wird zwischen zwei Kunststoffformscheiben gespannt und überstehende Tonmasse dann abgeschnitten. Auch das erinnert ans Backen. So entstehen Fensterelemente und andere Schmuckformen, 100 – 150 jeden Tag in der Ziegelmanufaktur.
„Wer einmal Ton anfasst, bleibt daran kleben“.

Von der rötlichen Halle aus geht es in einen schummrigen Gang, in dem die 38 Trocknungsöfen stehen. An ihren schwarzen Flügeltüren heften Laufzettel mit Informationen zum Inhalt und der vorgesehenen Trocknungszeit der Ziegel. Das Wenden im „Langen Elend“, das herunterlassen schützender Rollos, das nur im Sommer arbeiten können, all das ist vorbei. Die Produktion ist wetterunabhängig geworden.
Wir folgen unserm Guide hinaus. Vor uns steht ein beeindruckend großes Gebäude das einem Mittelding zwischen Festung und Lokschuppen gleicht, der obere Teil ist ein Fachwerkbau mit Fenstern, darüber ein flaches Dach. Ein paar Stufen hinauf und „wir stehen jetzt auf dem Ofen“. Ungläubig schaue ich mich im dämmrigen Licht um. Ruß stäubt durch die Luft. Unsere Schuhsohlen wirbeln eine zentimeterdicke Staubschicht auf. Durch die, um Staubexplosionen zu verhindern, stets geöffneten Fenster fällt das milde Streiflicht. In der gedämpften Stimmung scheinen die Figuren aus den Erzählungen von Charles Dickens zu spazieren. Boomzeit der Industrialisierung. Seit 1868 lodert der Ringofen unter uns nahezu ununterbrochen. 1859 meldete Friedrich Eduard Hoffman das Patent auf diese Innovation an, 1867 erhielt er dafür den Grand Prix auf der Pariser Weltausstellung. Gebaut, um Berlin zu bauen.
Hier oben auf dem Ofen ist es trüb und spooky. In regelmäßigen Abständen stecken moderne Stahlteile im Boden. Es sind Thermometer mit denen die Temperatur der darunterliegenden Brennkammer gemessen wird. Ist es unten nicht heiß genug, wird Kohlenstaub, ein kostenloses Abfallprodukt der Brikettherstellung, von hier oben in die Brennkammern geschüttet .Schubkarren, schwarz gefüllt, stehen bereit.
Bevor es die jetzt genutzten computergesteuerten Thermometer gab, schob der Brennmeister ein schlüsselartiges Instrument mit einem unendlich langen Schaft durch die schmale Öffnung in die Brennkammer. Je nachdem wie glühend es heraufgezogen wurde, sah der Brennmeister durch bloße Erfahrung die Temperatur. Zu rot, zu heiß. Zu schwarz, zu kühl. Wir verlassen die lichtarme frühindustrielle Szene.

Im Glindower Ringofen

Jetzt kommt der Höhepunkt. Die Innensicht des Ringofens. Schön warm ist es hier. Im Eingang steht eine Schubkarre mit feuchtem Ton, mit dem später die Türen der gefüllten Ofenkammern schließend verstrichen werden. Wir gehen in eine der leeren Kammern des Ofens hinein. Hier fackelt kein Feuer, diese Kammer ist in der Abkühlungsphase. Gerd weist uns einen sicheren Platz zum Stehen an. Wir sind in einer ziegelgemauerten Höhle, in einer der 14 Kammern des Ringofens, in dem das Feuer endlos wandernd brennt. Immer in zwei Wochen im Kreis herum. Eine Feuerschlange. Wie sie funktioniert, beschreibt Theodor Fontane. „Zunächst seine Form und Einrichtung. (…) Denken wir uns also eine gewöhnliche runde Torte, aus der wir das Mittel- oder Nußstück herausgeschnitten und durch eine schlanke Weinflasche ersetzt haben, so haben wir das getreue Abbild eines Ringofens. Denken wir uns dazu die Torte in (…) gleich große Stücke zerschnitten; so haben wir auch die Einrichtung des Ofens (…). Die in der Mitte aufragende Weinflasche ist natürlich der Schornstein. (…) Das Verfahren ist nun folgendes. In vier oder fünf der vorhandenen, durch Seitenöffnungen miteinander verbundenen Kammern werden die getrockneten Steine eingekarrt, in jede Kammer zwölftausend. (…) Nun beginnt man in Kammer eins ein Feuer zu machen, nährt es, indem man von oben her durch runde Löcher ein bestimmtes Quantum von Brennmaterial niederschüttet und hat nach vierundzwanzig Stunden die zwölftausend Steine der ersten Kammer völlig gebrannt. Aber (und darin liegt das Sparsystem) während man in Kammer eins eine für zwölftausend Steine ausreichende Rotglut unterhielt, wurden die Nachbarsteine in Kammer zwei
halb, in Kammer drei ein Drittel fertig gebrannt und die Steine in Kammer vier und fünf wurden wenigstens »angeschmoocht«, wie der technische Ausdruck lautet. (…) Der Gesamtziegelbetrieb ist, (… ), in Händen weniger Familien: Fritze, Hintze, Fiedler;(…). Die Gesamtmasse produzierter Steine geht bis sechzehn Millionen, früher ging es über diese Zahl noch hinaus.“ 32 Schlote hat Fontane allein in Glindow gezählt.

Das Grab der Familie Hoffman auf dem Dorotheenstädtischen Berlin
Das Grab der Familie Hoffman und ihrer vier an Scharlach verstorbenen Kinder

Friedrich Eduard Hoffman ist auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin in einem aufwendig mit Ziegeln und Keramik gestalteten Grab bestattet. Neben ihm seine Frau und vier seiner sechs Kinder. Innerhalb weniger Tage waren sie tot. Gestorben an Scharlach.
Ein weiterer Ringofen steht direkt nebenan. Verfallen, bedauerlicherweise.
Der Ringofen machte die Ziegel billiger, die schlechten Arbeitsbedingungen blieben. Erst musste der schwere Ton abgebaut werden, dann folgte die anstrengende Arbeit des Handstrichs und die Transporte in und aus der Ofenkammer. Drinnen herrschte Hitze, draußen oft Kühle und Regen, Rauchgase strömten aus, Staub füllte die Luft und die Lunge. Die durchschnittliche Lebenserwartung aller Menschen lag um 1875 bei unter 40 Jahren. Da brannte der Glindower Ofen seit sieben Jahren.
Wanderarbeiter halfen bei der Saisonarbeit, die meisten kamen traditionell aus Lippe, manche aus Italien. Nachts schliefen sie unter umgekippten Booten, in denen tags die Ware nach Berlin verschifft wurde. Vor der Globalisierung waren Stadt und Land ein voneinander abhängiges Gemenge.
Gerd schließt die Tür, wir blinzeln ins Herbstlicht. Der Glindower Ringofen ist eine heiße Entdeckung.

Der Weg zum Glindower See

Ein paar Schritte nur sind es hinunter zum See. Ein schmaler Pfad schlängelt sich direkt am Ufer des Glindower Sees. Der Blick schweift zum anderen Ufer, dort lugen Häuser der Stadt Werder durch die Bäume. Bis zum Schloss Petzow ist es nicht weit. Ein paar Schritte hinauf führt der Anstieg in die Glindower Alpen, zu den Verwerfungen des Tonabbaus. Gute Wegweiser und Wandertafeln sind vorhanden, ein Parkplatz ebenfalls.

Tipps:

Wo: Glindow bei Werder.
Was: Das Märkische Ziegeleimuseum und die Neue Ziegel-Manufaktur Glindow. https://www.ziegeleimuseum-glindow.de
Inspiration: Theodor Fontane. Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Havelland. Der Schwielow und seine Umgebungen. Glindow.
Die Werke der Künstler auf dem Ausstellungsgelände der Ziegel-Manufaktur betrachten.
Ein Spaziergang am See zum Schloß in Petzow.
Im Sommer Baden an der Badestelle.
Wandern durch die Glindower Alpen. Gutes Schuhwerk.
♥️ Unser Lieblingsplatz: Der Ringofen. Der Ende Mai 2021 geschlossen werden soll.

Das waren die Reisefrequenzen, heute zu den Ziegeln in Glindow. Nah ist’s auch schön.

Schreibe einen Kommentar

Wir freuen uns über Feedback

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Mit Absenden Ihres Kommentars werden Ihre Einträge in unserer Datenbank gespeichert. → weitere Infos in unserer Datenschutzerklärung