Hameln an der Weser. Renaissance und Rattenfänger.

Nah ist’s auch schön
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Hameln an der Weser. Renaissance und Rattenfänger.
Hameln an der Weser. Renaissance und Rattenfänger.
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Hallo! Hier geht‘s zu den Reisefrequenzen. Heute, Flötentönen folgend, zu einem Streifzug durch die niedersächsische Rattenfängerstadt. Hameln.

Statt eines bunten Pfeifers begleitet uns Kollege Andreas Trapp. Er macht die schönen Fotos in der Vorweihnacht von Sternen über den Straßen und der Stadt.

Hameln an der Weser. Renaissance und Rattenfänger.

Die Bäckerstraße, der Markt, die Osterstraße und die kleinen Straßen links und rechts. Verlaufen ist unmöglich. Auf der einen Seite der Altstadt fließt träge und gen Norden die Weser, auf der anderen wird die alte Stadt vom Dreiviertelkreis des ehemaligen Walls, der jetzt Umgehungsstraße ist, umschlossen. Ein Turm der alten Mauer steht noch.
Hameln heißt, der Sage folgen und den Ratten. 
Die Nager schwänzeln auf dem Pflaster und sind die bronzene Markierung für einen Rundweg durch die Altstadt. Hameln. Weltbekannt in Zeit und Raum durch eine sagenhafte Gestalt, die im Jahr 1284 erst mit süßen verführerischen Melodien den Ort von einer Rattenplage befreite und dann, aus Rache über Vertragsbruch und verweigerte Bezahlung, die Kinder der Stadt auf Nimmerwiedersehen entführte.

Hameln an der Weser. Renaissance und Rattenfänger.

„Ich bin der wohlbekannte Sänger, der viel gereiste Rattenfänger, den diese altberühmte Stadt gewiß besonders nöthig hat“. Goethe rückt die Stadt 1803 ins Licht der Literatur und der Leser. (Ich rate dennoch nicht, das ganze Gedicht zu lesen, sonst ist die beste Zeit mit Goethe längst gewesen.)
Die besten Marketing- und Tourismusfachleute für Hameln waren die Brüder Grimm. Sie haben die Legende um den zwiespältigen bunt gekleideten Flötenspieler in ihre Sammlung “Deutsche Sagen“ aufgenommen, erschienen in der Nicolaischen Buchhandlung 1816/1818. Die Bände wurden gemeinsam mit den Kinder- und Hausmärchen ein dramatischer Erfolg. Nebst der Lutherbibel sind sie die auflagenstärksten Bücher deutscher Sprache. Der Rattenfänger kam und kommt in fast jedes Haus. 
Den internationalen Erfolg des bunten Pfeifers begründete der Brite Robert Browning mit einem langen, aufwühlenden Gedicht 1842. „Alas, alas for Hamelin!“ Damit flötete sich der Pied Piper of Hamelin in die englischsprachige Welt. 
2370 dann findet er Erwähnung auch im All. Angesichts einer Rattenplage auf Deep Space 9 in der Serie Star Trek gibt es eine Szene, in der Dax Chief O’Brien eine Flöte von Dr. Bashir überreicht, auf der hinweisend ,Es funktionierte in Hameln’ steht.
Die Geschichte färbt sich, der Inhalt bleibt der Gleiche. Die Wahrheit hinter der Sage ist bitter. Die Stadt bleibt schön.
In der Weihnachtszeit leiten uns die Sterne. Und über den Straßen schweben in leuchtenden Buchstaben märchenhafte Sagenzeilen. Die Stadt hat sich herausgeputzt, auch und gerade in diesem geplagten Jahr 2020.

Unseren vorweihnachtlichen Streifzug beginnen wir nahe der gemächlich fließend breiten Weser unter dem leuchtenden Herrnhuter Stern der Münsterkirche. Wie ein Lichtzeichen ist er von Weitem beim Eintritt in die Stadt zu sehen. Das Hamelner Münster St. Bonifatius, seit über 1200 Jahren die erste Kirche der Stadt, war zunächst Teil eines Klosters, dann ein Kollegiatstift für Chorherren. Im 11. Jahrhundert entstand eine romanische Kreuzbasilika, nach einem Brand 1209 wurde sie gotisch wieder aufgebaut. In diesem damals neuen Glanz muß der Rattenfänger das Münster gesehen haben, als er flötend mit einem Rattenschwanz hier vorbei gen Weser zog. Doch die Zeiten blieben nicht gut für den Kirchbau. 1576 die Reformation, 1760 der Abriß des Kreuzganges ausgerechnet für einen Festungsbau. Schließlich wurde die Kirche aufgegeben und die Gemäuer zu Stall und Speicher. Erst im historistischen 19. Jahrhundert intervenierte Pastor Franz Georg Ferdinand Schläger und sorgte für den Wiederaufbau. Sein Denkmal steht der Kirche gegenüber. In der abendlichen blauen Stunde ist die Eingangstür zum Kirchenschiff geschlossen. Der mächtige gotische Steinbau mit seinem unspektakulären Westturm steht wie ein ruhiger Wächter am Eingang der Stadt. 

Nach ein paar Schritten biegen wir links in die Bäckerstraße ab. Wir stehen mitten in der Innenstadt. Fachwerkhäuser rechts und Fachwerkhäuser links. So weit das Auge schaut. Seit über 800 Jahren gehen Menschen diesen Weg, seit über 800 Jahren stehen manche der Häuser an diesem Straßenrand. Früher fuhren die Karren durch den lehmigen Matsch, später wurde die Straße gepflastert. Seit Ende der 1970er Jahre ist hier Fußgängerzone. 
Die über der Straße hängenden Weihnachtssterne weisen den Weg.
Bäckerstraße 12, einer der ältesten Hamelner Zeugen der Zeit und einst die Löwenapotheke. Seit dem 13. Jahrhundert steht das gotische Haus mit seinen drei Meter dicken Mauern. Nur die typisch niederdeutsche Utlucht, der ebenerdige Erker zur Ausschau, ist neueren Datums. Davor rockt der Scherenschnitt des Rattenfängers zwischen zwei grünen Tannenbäumen.

Hameln an der Weser. Renaissance und Rattenfänger.

Bäckerstraße 16, der Rattenkrug. Welch stolze schöne Sandsteinfassade, welch großartige Straßenansicht. Wir sind beeindruckt. Eine klar horizontal gegliederte Schauseite, für ihre Zeit recht große Fenster, ein Stufengiebel mit Voluten à la Renaissance, die damals neue doppelstöckig Utlucht. Weserrenaissance vom Feinsten. 1568 wurde das alte Haus von vorne in ein topmodernes Gewand gehüllt, von hinten blieb es gotisch. Die spektakuläre neue Hülle war Prestige. Schlimme Jahre hatten die Hamelner hinter sich. Die Pest fraß 1400 Leben, ein Stadtbrand zerstörte 160 Häuser, die Flut riss die Weserbrücke mit sich. Doch jetzt kam eine neue Zeit.
Johann Rike, Patrizier, Bürgermeister, ein Mann mit einem Wittenberger Hochschulabschluß, bestellte Cord Tönnies als Baumeister für sein Haus. Ebenjenen Cord Tönnies, der Schloß Schwöbber baute und Schloß Leitzkau, der in Lemgo und Detmold arbeitete und schließlich hauptsächlich in Hameln tätig war. 
Seit 1870 ist der Krug der Ratte eine Gaststätte. Nur das Schild „Paulaner. München“ irritiert uns, südliche Käsespätzle stehen auf der Karte. 

Die Weserrenaissance. Ein Baustil entwickelt entlang der Weser, eine Mode zwischen der Reformation und dem Dreißigjährigen Krieg, ein Bauboom der florierte, als die Weser ein lukrativer Transportweg für Waren und Ideen war. Der erste, der diesen Baustil baute, war ein Schwabe. Jörg Unkair kam aus Tübingen und prägte ab 1530 die Weserrenaissance. Geometrische Formen, Halbkreisgiebel, Fächerrosetten. Etwas später kam aus den Niederlanden die Idee der Rollwerkgiebel mit Kugelbesatz, der Voluten, der Kerbschnittquader und der so auffälligen Utlucht, eines ebenerdigen Erkers. 
Genug der Fremdworte und Fachbegriffe.

Was die Reichen sich aus Sandstein leisteten, bauten die anderen Bürger in Fachwerk nach. Auf den inzwischen krumm gewordenen Balken der Gebäude wachen Schnitzfiguren unter Fächerrosetten. Jahreszahlen und die Namen ehelicher Bauleute stehen in gold oder weiß geschrieben. Daneben ein Bibelspruch, ein wohlmeinender Rat oder eine Warnung. Wer plattdeutsch kann hat kein Problem beim Lesen. 

Im Knotenpunkt der Altstadt steht das „Hochzeitshaus“, die 43 m lange repräsentative Manifestation der Weserrenaissance. Das Haus für Hohe Zeiten, für Feste und fröhliche Gelage wurde bis 1617 erbaut und ist das imposanteste Gebäude der alten Stadt. Im ersten Stockwerk war der Festsaal, im zweiten die städtische Waffenkammer und unten die Weinschenke nebst Apotheke. Erst trinken und dann im Notfall zu den Waffen. Die Ratsapotheke wurde ab 1821 von Friedrich Wilhelm Sertürner geführt, der knapp 20 Jahre vorher das Morphium entdeckte. Das war in Paderborn und Hameln wurde keine Schlaftablette. 
Am Giebel läuft der Rattenfänger dreimal täglich im Figurenspiel Parade. Jetzt strahlt das Haus adventlich in 40.000 Lichtpunkten, die entlang der Gesimse romantisch das Dunkel erhellen.
Nebenan erhebt sich die Marktkirche St. Nicolai aus dem 13. Jahrhundert mit ihrem grünen spitzen Kirchturmhelm, die Wetterfahne ist ein Schiff. 

Nur ein Gebäude fehlt, das Rathaus mit dem Bäckerscharren. Es wurde, wie die Marktkirche, in den letzten Tagen des Krieges zerbombt. 05.April 1945. Die Lücke ist die einzige Kriegswunde in Hamelns charmanter Innenstadt. Die Kirche ist, anders als das Rathaus, wieder aufgebaut. Alle anderen städtischen Wunden wurden im 20. und 21. Jahrhundert selbst geschlagen. Zugunsten von Einkaufszentren und einem Busbahnhof.
Gegenüber flirrt der Traum in Rosa. Am Markt 7. Unten Sandstein, oben sanftes pink. Unten Bossenquader, oben Fachwerk. Alles in schönster Weserrenaissance. „Tobias Dempter und Anna Brocks ließen mich erbauen“, so steht es seit 1607 über dem Eingang, auf Latein, man war ja Bürgermeister. Dempterhaus heißt dieser Petticoat in Renaissance. 
Die alten Häuser mit ihrer langen Geschichte, mit ihren Ecken und Kanten sind wie Persönlichkeiten und tragen einen Namen. Daneben die moderne Einkaufspassage, ihr Eingang noch barock verhuscht. Gesichtslos.

Hameln an der Weser. Renaissance und Rattenfänger.

Über den Lütjen Markt, hinter dem Hochzeitshaus vorbei, biegen wir in die Osterstraße. Sterne und Sprüche schaukeln funkelnd im leichten Wind über der breiten Fußgängerstraße, helle Lichtkegel werfen ein heimeliches Licht. Übergroß stehen vor manchen Häusern schwarz-auf-weiße Scherenschnitte und erzählen Märchenszenen und zaubern Stimmung trotz aller Plagen.
Vor dem Stiftsherrenhaus steht der große Weihnachtsbaum und leuchtet in die Nacht. 

Osterstraße 8, die Fassade des breitseitig an der Straße stehenden Fachwerkhauses gleicht einem Buch biblischer Motive, in Holz geschnitzt und bunt bemalt. Fächerrosetten und viele große Fenster rhythmisieren die Fassade. 1558, in der Boomzeit Hamelns, ließ Friedrich Poppendiek sein Haus erbauen. Kaufmann, Bürgermeister und ein Mann mit klarer Haltung. Die Frontsteine der vorgelagerte Plattform im Eingangsbereich stellen Lucretia, Symbol für die Tugendhaftigkeit und Ecclesia, die Kirche, dar. Gleich nebenan reiht sich das Leisthaus. Vor seinem Eingang steht der Rattenfänger, schön bunt und schön still. Zusammen mit dem Stiftsherrenhaus ist es das Stadtmuseum. Der Kern des Hauses ist gotisch, zur zeitgemäßen Umgestaltung beauftragte der Investor Gerd Leist 1585 Cord Tönnies als Architekten. Das machte er, 20 Jahre später, Herrn Rike aus der Bäckerstraße nach. Auch Leist war Bürgermeister und wollte seinem Vorgänger nicht nachstehen. Und auch er stellte, wie sein Nachbar Poppendiek, seine Weltanschauung in die Straße. Die Sandsteinfassade des Hauses ist mit Backsteinen bemalt und auf der Utlucht steht Lucretia. Der Brüstungsfries zeigt acht Tugendallegorien und ganz von oben schaut der Neidkopf, er ist golden.

Hameln an der Weser. Renaissance und Rattenfänger.


Der architektonische Imagewettbewerb in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts hat Hameln wesentlich und dauerhaft verschönert. 
Unsere Blicke schweifen nach oben. Jeder Giebel fasziniert, Stein und Fachwerk lösen sich ab, Inschriften und Figuren brauchen das scharfe Auge des Betrachters. 

Hameln an der Weser. Renaissance und Rattenfänger.


Wenige Schritte später kommen wir an der alten wilhelminischen Post vorbei, jetzt wird in dem Gebäude die lokale Zeitung produziert. Auch vor ihren Räumen steht ein Rattenfänger. Bronze, eng anliegende Hose, geschmückte Jacke, schreitet er auf einem Brunnen und bläst Schalmei. 

Am Ende der Osterstraße spitzt sich das Drama zu. Am Rattenfängerhaus steht es geschrieben. “ANNO 1284 AM DAGE JOHANNIS ET PAULI WAR DER 26 JUNII DORCH EINEN PIPER MIT ALLERLEI FARVE BEKLEDET GEWESEN CXXX KINDER VERLEDET BINNEN HAMELEN GEBON TO CALVARIE BI DEN KOPPEN VERLOREN” (Im Jahre 1284 am Tage Johannis und Pauli war der 26. Juni durch einen Pfeifer mit allerlei Farbe bekleidet gewesen 130 Kinder verleitet in Hameln geboren zu Kalvarie bei den Koppen verloren)
Kindesentführung durch Rattenfänger. Das ist der Exodus. Die Worte stehen an der Bungelosenstraße. Niemals mehr durfte in dieser Gasse, die Bunge, die Trommel geschlagen, musiziert und getanzt werden. Zu groß war das Leid durch den Verlust.
Das Rattenfängerhaus, Osterstraße 28, wurde von Hermann Arendes 1602 in Auftrag gegeben und zeigt uns nocheinmal die Pracht der Weserrenaissance. 
Wir sind am Ende angekommen. Und wir haben längst nicht alles gesehen. Die kleinen Gassen rechts und links mit ihren alten Häusern, die Cafés, Läden und Hotels die auf Öffnung warten. Der Kopmannshof, das Bürgerhus, das ganze schöne Fachwerkgassengewirr. Immer auf der Spur der Ratten durch die Stadt. 

Hameln an der Weser. Renaissance und Rattenfänger.

In diesen herausfordernden Weihnachts-Zeiten schließen wir nicht mit dem Rattenfänger, sondern mit einem bedeutenden, fast vergessenen Sohn der Stadt. Karl Philipp Moritz, in der Neuen Marktstraße geboren, später Wegbereiter der modernen Psychologie, Autor von „Anton Reiser“ und Professor in Berlin.

„Macht das Glück fröhlich, so macht das Unglück – weise, und die Weisheit macht doch am Ende trotzdem wieder fröhlich.“ 
Die Sterne leuchten durch die Nacht und wir bedanken uns zwischen dem beleuchteten Brunnen und dem Klingeln leiser Windharfen beim Fotografen.

Hameln an der Weser. Renaissance und Rattenfänger.

Wo: Hameln an der Weser.
Was: Ein Stadtbummel auf der Spur der Ratte, nicht nur zur Vorweihnachtszeit.
Fotos der Weihnachtszeit: Andreas Trapp http://andreas-trapp-photography.de/. https://www.facebook.com/andreas.trapp953/
Food: Ein paar Schritte weiter, der Wochenmarkt. Frisch, regional, vielfältig. Getränke und Snacks. Schöne Atmosphäre. Immer Mittwoch und Samstag am Rathaus.
In der Stadt gibt es zahlreiche Cafés und Restaurants.
Inspiration: Zur Weserrenaissanve auf diesem Blog Leitzkau. Weserrenaissance und Fake News nah der Elbe
Das Gedicht von Robert Browning https://poets.org/poem/pied-piper-hamelin
Musik von Hannes Wader. Der Rattenfänger. 1974.
Berlin Connection. Nicht nur für unsere Mitreisenden aus Berlin und Brandenburg, die unserem Blog folgen: Die Grimms sind auf dem St.-Matthäus-Friedhof in Schöneberg begraben. Karl Philipp Moritz hat in der Münzstraße gelebt und wurde auf dem St.-Georgen-Friedhof, beides Berlin, begraben.
Eine Schifffahrt auf der Weser ist auch ein Vergnügen.
♥️ Unser Lieblingsplatz: Beim Rattenfänger. Vor jedem Haus der Weserrenaissance. In den Gassen zwischen Fachwerkhäusern.
🗝 Wir führen Euch durch Hameln und durch viele andere Orte der Reisefrequenzen.

Das waren die Reisefrequenzen. Heute in Hameln an der Weser. Nah ist‘s auch schön.

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