Komturei Lietzen. Von Tempelrittern, Kirche und Speicher.

Brandenburg
Brandenburg
Komturei Lietzen. Von Tempelrittern, Kirche und Speicher.
Komturei Lietzen. Von Tempelrittern, Kirche und Speicher.
/

Hallo! Hier geht’s zu den Reisefrequenzen. Heute ist unser Ziel die Komturei Lietzen, der ehemalige Sitz der Ritter vom Orden der Templer im östlichen Brandenburg. Wir nehmen Euch auf diesen Ausflug wie immer gerne mit. Nah ist’s auch schön.

Wir sind Reiseleiter und wir sitzen fest. Doch wir nehmen Sie und Euch mit, so wie wir es immer getan haben. Jetzt gleich, zum heutigen Ziel, nördlich von Fürstenwalde, auf halber Strecke zwischen Berlin und Frankfurt. Diese zweite Etappe führt von Alt Madlitz zur Komturei Lietzen und schließlich zu der Feststellung, daß die Anderen ruhig in die Uckermark fahren sollen.
30km nördlich von Fürstenwalde, entlang des Mühlenfließes auf der eiszeitlichen Lebuser Platte. Vom Schmielensee zum Schwarzen See zum Burgsee zum Mühlenteich zum Mühlensee und, die Seenkette scheint unendlich, zum Küchensee.
Der nördliche Nachbar der Finckensteins aus Madlitz ist Graf Gebhard von Hardenberg. Sein Besitz, die Komturei Lietzen, ist ein schmuckes Kleinod und ein Platz der märkischen Superlative zugleich. 

Kirche in Komturei Lietzen
Templerkirche der Komturei Lietzen

In den späten Nachmittagsstunden eines heißen Spätsommertages kommen wir an, kein anderer Besucher, kein anderer Mensch ist zu sehen. Nur an der Toreinfahrt grüßt freundlich ein Herr, der uns Fußgänger im dunkelgrünen Landrover überholt. 

Die Komturei Lietzen, der letzte erhaltene Rittersitz des Templerordens in Brandenburg

Das ist der erste Superlativ des Ortes. Um 1232 wurde sie errichtet und 1312, im Schicksalsjahr der Templer, den Johannitern geschenkt.
Die Templer. Der Orden wurde in Jerusalem gegründet, wahrscheinlich im Jahr 1118. Um 1119 konnte er mit seinem  Hauptsitz auf den Tempelberg umziehen und sich dementsprechend prestigeträchtig benennen. Seine erste selbstgestellte Aufgabe war der Schutz der christlichen Pilger auf den Wegen im Heiligen Land. Als erster christlicher Orden vereinbarten die Templer die mittelalterlichen Vorstellungen von klösterlichem Mönch und kämpferischem Ritter.
Hier, auf der Lebuser Platte kamen sie spät an. Nachdem der Lebuser Bischof Laurentius ihnen 1229 erste Grundstücke übertragen hatte und 1244 Lietzen erwähnt wird, entstanden bis 1250 sechs Niederlassungen zwischen Oder und Barnim auf dem dünn besiedelten Land. Die Templer stifteten Teile ihrer Einnahmen aus ihren Gütern der Kathedrale von Lebus und erhielten dort wiederum das Recht, bei der Vergabe der Ämter mitzusprechen und Einnahmen aus Messen zu sichern. Der Landausbau in der Germania Slavica war ein langer Prozess, der das landwirtschaftliche Wissen der Einwanderer in die Mark brachte und die Assimilierung der mehrheitlich slawischen Bevölkerung bedeutete. Der Orden der Templer unterstützte diesen Landausbau durch die Urbarmachung der damals wilden Natur Brandenburgs. Die Aufgabe einer Komturei, lat. commendare/anvertrauen, war dann die Verwaltungen der Pfründe.
1312 wurde der Orden der „Armen Ritterschaft Christi und des salomonischen Temples zu Jerusalem“ nach mehreren Schauprozessen verboten. Alle Besitzungen fielen bis 1318 an die Johanniter. Dazu gehörte die auch Komturei Lietzen. Nach der Reformation verblieben die Güter im Besitz der „Balley Brandenburg des Ritterlicher Orden Sankt Johannis vom Spital zu Jerusalem“.

Die von Hardenbergs werden die neuen Besitzer in Lietzen

Bis 1812 waren die Johanniter in Lietzen, dann verloren sie durch die Säkularisation in Folge des Reichsdeputationshauptschlusses – seit meiner Schulzeit ein Lieblingswort – die Besitzungen. Komturei Lietzen wurde Eigentum des preußischen Staates. Friedrich Wilhelm III schenkte das Gut  zusammen mit dem Gut Quilitz – seit 1815 heißt es Neuhardenberg – und fünf weiteren Dörfern seinem gerade in den Fürstenstand erhobenen Staatskanzler Karl August Fürst von Hardenberg. Grund für die Beförderung waren dessen Verdienste in den Stein-Hardenbergschen Reformen. Damit wurde endlich die Leibeigenschaft abgeschafft. 1810. Aus Protest gegen diese Reformen saß Hardenbergs Nachbar Finckenstein übrigens 1811 kurzzeitig in Spandauer Haft. 

1944 werden die Hardenbergs enteignet, der Grund für die Nationalsozialisten ist die Beteiligung Carl-Hans Graf von Hardenbergs am Attentat auf Hitler am 20.Juli. 1945/46 behält die Verwaltung der sowjetischen Besatzungszone diese Entscheidung im Rahmen der Bodenreform bei. Der ehemalige Besitz der Templer ist nun die Lietzener VEG Tierproduktion mit 150 Angestellten und einer Mastanlage für 6-7000 Schweinen. In dieser Zeit begann trotz der intensiven Schweinemast unter Hans-Jürgen Darge und mit der Beratung Ernst Badstübners langsam die Instandhaltung und Renovierung der mittelalterlichen Gebäude, hauptsächlich der Kirche.
Durch Rückübertragung 1993 ist die Komturei Lietzen wieder im Besitz der Familie Hardenberg. Graf Gebhard von Hardenberg kam aus Göttingen als Erbe in die Mark. Er ließ die gesamte Anlage denkmalgerecht sanieren und sicherte ihre stille Schönheit. 

Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Jagd und Fischerei spielen wie eh und je die herausragende wirtschaftliche Rolle. Die Hardenbergs setzen auf den Marktfruchtbetrieb mit 23 Angestellten, wie wir der Presse entnehmen. Demnächst sollen Ferienwohnungen als neuer Geschäftszweig hinzukommen. Das hätte sicher schon in diesem CoronaJahr gut funktioniert.

Das älteste Steingebäude östlich der Elbe

Eine dicke Feldsteinmauer, Zeugnis der frühesten Bauzeit, schottet die Komturei Lietzen zur Straße hin ab. Hinter der Mauer öffnet sich dort, wo in der Zeit des VEG Betriebes die Schweineställe standen, ein kleiner Paradiesgarten. Es ist sehr ruhig und es riecht nach Spätsommer. Apfelbäume stehen auf der Streuobstwiese, Fallobst liegt im hohen Gras. Ich probiere einen der Äpfel, noch nicht ganz reif. Zwischen den Bäumen steht der imposante alte Speicher. Fünf Stockwerke solider Feldstein. Dieser Speicher, und das ist der zweite Superlativ in Lietzen, stammt aus dem 13. Jahrhundert und ist wahrscheinlich das älteste profane Steingebäude östlich der Elbe. Ein steiles Satteldach ragt über den mehr als einen Meter dicken Feldsteinmauern, im Inneren ist der Speicher ausschließlich aus Holz konstruiert. Der Keller ist durchgängig gewölbt. Die steinerne Vorratskammer. So wichtig war die Versorgung der Ritterschaft in Lietzen und darüberhinaus. 

Feldsteinspeicher mit Hortensien in Lietzen
Ältestes Profangebäude östlich der Elbe. Der Speicher.

Wir passieren diesen imposanten Speicher und erreichen das Herzstück der Anlage. Die Kirche St. Sebastian, das Herrenhaus und einige weitere Wohn-, Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude. Die Hardenbergs haben sich mit der Farbgebung für altrosa entschieden. Die Farbe, in der die meisten Häuser verputzt sind, gibt einen schönen Kontrast zum Himmel, zu grünen Wiesen und den weißen Hortensien, die in schier unendlichen Mengen blühen. Alles ist perfekt gepflegt. Wir, die Besucher, dürfen bis auf wenige „privat“ gekennzeichnete Orte  umherstreifen und Teil der unaufgeregten Stimmung und Atmosphäre werden. Als käme gleich ein weit gereister Ritter mit dem roten Templerkreuz auf dem Umhang vorbei. Fast so.

Komturei Lietzen. Von Tempelrittern, Kirche und Speicher.

Die Kirche St. Sebastian

Mit leichtem Knarren öffnet sich die überraschend niedrige Kirchentür. Zum Glück für den Besucher ist sie fast immer offen. Die St. Sebastian Kirche ist ein Feldsteinbau des 13. Jahrhunderts mit einem erneuerten gotischen Chor aus dem 15. Jahrhundert. Innen öffnet sich das Himmelblau des Sternengewölbes im Chor über uns. An den Wänden hängen runde Gedenktafeln für die Herrenmeister des Johanniterordens und alte Grabsteine erinnern an Verstorbene seit dem 13. Jahrhundert. Im Osten steht ein barocker Kanzelaltar aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Mein persönlicher Favorit ist der Taufengel, der scheinbar eilig fliegend mit den Füßen wedelnd im Eingangsbereich die Eintretenden empfängt. Heinrich Bernhard Hattenkerell, dessen Arbeiten zwischen 1703 und 1730 nachweisbar sind und der seine Werkstatt in Mohrin, heute Polen, hatte, schuf ihn für die Johanniterkirche.

Das dritte, zumindest zum Teil noch mittelalterliche Gebäude der Komturei Lietzen, ist das Herrenhaus. Unter dem mehrstöckigen barocken Haus liegt ein zweistöckige Gewölbekeller und ein Brunnen, der selbst bei größter Trockenheit nicht versiegt. Die Räume darüber wurden vom Johanniterorden für Repräsentationszwecke und zum Feiern im Barock umgebaut, heute sind sie privat.  

Der Weg zum See

Über die Wiesen gehen wir den Hügel hinunter zum See. Einst war er die Vorratskammer für Speisefische. Ein Holzsteg reicht hinaus. Teichrosen blühen. Eine große Ruhe breitet sich aus, wir hören unserem eigenen Atem zu. Etwas oberhalb steht eine Bank unter einem alten Baum, ein schöner Platz für eine Pause. Ein Reiher schaut kurz vom Ufer herüber. Die Gedanken schweifen zu den Templern zwischen Brandenburg und Jerusalem. Zur Schlacht um die nahen Seelower Höhen 1945, die Lietzen wundersamerweise verschonte. In den August 1919, seitdem alle Bürger vor dem Gesetz gleich sind und die Vorrechte des Adels abgeschafft. Innehalten in einer tröstlichen Landschaft an einem kontemplativen Ort. 

Wolkenspiegelung auf Küchensee in Lietzen
Der Küchensee

Das waren die Reisefrequenzen. Heute in der Komturei Lietzen. Nah ist’s auch schön. 

Was: Das einzige erhaltene Anwesen der Templer in Brandenburg. Das älteste profane Steingebäude östlich der Elbe. Eine Kirche mit himmelblauem Gewölbe und Taufengel, ein See, ein schöner Platz.
Wo: Komturei Lietzen, 10 km südlich von Seelow im östlichen Brandenburg. Rucksackverpflegung.
Inspiration: Einen Kulturspaziergang durch den Park der Nachbarn Finckenstein in Alt Madlitz gibt es hier: Alt Madlitz. Ein Herz im romantischen Landschaftspark.
♥️ Unser Lieblingsplatz: Der Taufengel in der Kirche. Der Blick auf den stillen See.

Schreibe einen Kommentar

Wir freuen uns über Feedback

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Mit Absenden Ihres Kommentars werden Ihre Einträge in unserer Datenbank gespeichert. → weitere Infos in unserer Datenschutzerklärung