Alt Madlitz. Ein Herz im romantischen Landschaftspark.

Wiese mit Mohn- und Kornblumen
Brandenburg
Alt Madlitz. Ein Herz im romantischen Landschaftspark.
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Hallo! Hier geht‘s mit den Reisefrequenzen zum ältesten englischen Garten in Brandenburg. Ein Kulturspaziergang durch den eindrucksvollen Landschaftspark in Alt Madlitz. Auf den Spuren der Familie Finckenstein und ihrer illustren Gäste in der Zeit zwischen Aufklärung und Romantik. Nah ist‘s auch sehr schön.

Aktualisiert 10/2023
Wir nehmen Sie und Euch mit zu unserem heutigen Ziel, nördlich von Fürstenwalde, auf etwa halber Strecke zwischen Berlin und Frankfurt. Nach Alt-Madlitz. Zu einem beeindruckenden Landschaftspark, zum Dorf, zum Herrenhaus Schloss Madlitz und zur Literatur. Und schließlich zu der Feststellung, daß die Anderen ruhig in die Uckermark fahren sollen.
Unser Zielort liegt im Landkreis Oder-Spree. Der Name klingt nach Bindestrich-Ehe und ein wenig nach Langeweile. Kein Ort, nur der Fluß ist in Szene gesetzt. Doch der Eindruck trügt. 
Es ist ein sanft hügeliges Land zwischen Spree und Oder, dünn besiedelt und landwirtschaftlich genutzt, Wälder und Felder wechseln sich ab. In den Straßen- und Angerdörfern stehen die typischen kleinen Häuser zwischen riesigen Backsteinscheunen.
Wegwarte, Mohn und Schafgarbe blühen am Straßenrand, das Getreide ist erntereif und die Bauern nutzen die warmen, trockenen Tage. Mähdrescher fegen uns fast von der schmalen Straße. Störche schauen aus ihren Nestern und wir ahnen, daß sie schon bald fort sein werden. In den feuchten Wiesen finden sie ihr Futter. Die seedurchlöcherte Landschaft bietet genug Nahrung und Faszination für alle. 

  • Inhalt
    1. Alt-Madlitz und die Familie Finck von Finckenstein
    2. Der Musenhof
    3. Der romantische Landschaftspark
    4. Die illustre Runde der liebenden Romantiker
    Infos, Tipps zu Alt-Madlitz
Rotunde im Park Alt-Madlitz

Hier stehen nicht die großen blumengeschmückten Bauernhäuser aus Bilderbüchern, nicht Starnberg sondern Mark Brandenburg. Und immer wieder bleibt das Gefühl einer Zeitreise. Versteckte und ganz pralle Schönheiten, Kraniche auch im Sommer, besser ein Picknick zur Selbstversorgung mitbringen.
Das Dorf Alt-Madlitz. Noch vor dem Ortsschild sind das Auffälligste die Wandbemalung großer Davidsterne und die Skulpturen aus Altmaterial, die der spanische Künstler Manuel Campanario auf seinen Privatgeländen aufgemalt, aufgehängt und ausgestellt hat. Mitten im Dorf steht die Kirche, grau verputzt und verschlossen. 
Alles ist ländlich, ohne Idylle, ein Abbild jahrhundertelang fehlenden Aufschwungs. Die schönen Aussichten liegen versteckt. 

1. Alt-Madlitz und die Familie Finck von Finckenstein

Madlitz, genauer Alt-Madlitz. 1751 erwarb die aus Ostpreußen kommende Familie Finck von Finckenstein das Gut Madlitz von den Vorbesitzern, der Familie von Wulffen. Bis zur Enteignung in der Bodenreform 1945 schrieben die Finckensteins hier preußische Politik- und Kulturgeschichte. Nach der Wende kaufte Karl Wilhelm Graf Finck von Finckenstein das Anwesen zurück. Das Schloß wurde vom Düsseldorfer Architekten und Immobilienentwickler Walter Brune umfangreich restauriert und wird inzwischen von den Erben Karl Wilhelm Grafs Finck zu Finckenstein privat bewohnt.

Die Finckensteins haben in Preußen Karriere gemacht. Albrecht Konrad Finck von Finckenstein (1660-1735), Feldmarschall Friedrichs I., erzog sowohl Friedrich Wilhelm, den Soldatenkönig, als auch dessen Sohn Friedrich, den späteren Großen. Finckensteins eigener Sohn Karl Wilhelm wurde später Kabinett-Minister unter Friedrich II.. Karl Wilhelm kaufte das Gut Madlitz und sein Sohn Friedrich Ludwig Karl (1745-1818) machte es zu dem, was Madlitz auszeichnete. Friedrich Ludwig Karl von Finckenstein war preußischer Regierungspräsident unter Friedrich II. – bis der Skandal um den Müller Arnoldschen Mühlenprozess zu seiner Entlassung führte. Die Karriere war beendet. Welch Glück für die Intellektuellen und Künstler Preußens, denn nun wurde das Herrenhaus in Madlitz zum Lebensmittelpunkt des „Präsidenten“ von Finckenstein und zum gern und häufig besuchten Musenhof.

2. Der Musenhof in Madlitz

Mit 35 Jahren zog sich Friedrich Ludwig Karl Finck von Finckenstein, finanziell gut aufgestellt, auf sein ererbtes Gut zurück. Später widersetzt er sich vehement den Stein-Hardenbergschen Reformen und landet dafür 1811 kurzzeitig in der Spandauer Haft.  
Friedrich Ludwig Karl Finck von Finckenstein. Er ist modern, aufgeschlossen, hat Geld, ist jung, er hat Beziehungen und er ist ein Kulturjunkie. So stelle ich ihn mir vor.
In den Jahren auf Madlitz managet er einen landwirtschaftlichen Großbetrieb nach neuesten Methoden und baut sein Schloss zu einem repräsentativen Dreigeschosser um. Sein größtes Projekt jedoch ist die Gestaltung der Parkanlagen. 1772 lässt er den existierenden barocken Garten kurzerhand einebnen und konzipiert statt dessen einen zwanzig Hektar großen englischen Landschaftspark nach der neuesten Mode der Zeit.
Der erste englische Landschaftsgarten in Brandenburg! Zwar sind einige englische Gärten in Niedersachen und Thüringen damals schon zwanzig Jahre alt, doch selbst der preußische König besitzt noch keinen und beginnt mit dem Neuen Garten in Potsdam erst in 15 Jahre.
Friedrich Ludwig Karls Herz hängt an seinem Park. Schließlich, und das ist sein letzter Wunsch, lässt er es nach seinem Tod im Landschaftsgarten begraben. Auf dem Herzberg, umgeben von dreizehn Feldsteinen. Jeder Stein steht symbolisch für eines seiner Kinder.

Die intellektuellen Berliner reisen begeistert in die Provinz nach Madlitz. Sie schätzten die geistige Inspiration, die Einladung ins gräflich märkische Landleben ohne Zuzahlung, den entstehenden spektakulären Park und die musischen Darbietung der Töchter des Hauses im Schloß.
Caroline und Wilhelm von Humboldt gehörten ebenso zur illustren Runde wie Achim von Arnim, Clemens Brentano und Schleiermacher, Eichendorff, Chamisso oder der Architekt Genelli. Außerdem Ludwig Tieck, in besonderer Beziehung und gesponsort von den Finckensteins. Rund zwei Jahrzehnte lang war Alt Madlitz ein Musenhof, in dem debattiert, philosophiert und gedichtet wurde.

3. Der romantische Landschaftspark von Alt-Madlitz

In einer der traurigsten Gegenden Deutschlands ist mir ein Garten bekannt, der allen romantischen Zauber auf die sinnigste Weise in sich vereinigt, weil er, nicht um Effekt zu machen, sondern um die innerlichen Bildungen eines schönen Gemüthes in Pflanzen und Bäumen äußerlich zu erschaffen, vollendet wurde…“. „… dieser grüne, herrliche Raum schmückt wahrhaft die dortige Erde, von ihm umfangen vergißt man das unfreundliche Land und wähnt sich in lieblichen Thälern und göttergeweihten Hainen des Altertums zu wandeln.“

Ludwig Tieck, 1773-1853, Phantasus

So schwärmte Ludwig Tieck, Berliner, Schriftsteller und Wegbereiter der Berliner Romantik über den Park von Alt-Madlitz. Nicht ganz uneigennützig möglicherweise, denn Graf Finckenstein war Förderer und Mäzen Ludwig Tiecks und finanzierte den Unterhalt des Dichters auf dem 1802 von den Finckensteins erworbenen Gut Ziebingen östlich der Oder.
Der Park ist ein Geschenk, Eintritt frei.
Mein romantisches Herz ist sehnsüchtig und stolpert doch beim ersten Mal im Park. Verwunschen, die langen Zeiten der Verwahrlosung sind spürbar. Ein britischer englischer Garten würde sich recht verwundert nach dem zerstrubbelten, verwachsenen entfernten Verwandten umschauen. Der Teich ist etwas schlammig, Blesshühner plätschern auf dem Algenteppich. Die anderen Gewässer im Park sind lange schon ausgetrocknet, kein Wasserspiel mehr. Die Wege sind so angelegt, daß sie sich auf geheimnisvolle Weise nicht zu den schönsten Sichtachsen hin öffnen. Hin und wieder tauchen unvermittelt kleine Schildern auf, darauf der Hinweis „Privatweg“, kein Durchgang. Die moderne Wegeführung ist dem Gebrauch angepasst. Beim zweiten Besuch wird es schöner. Die Sonne und die Städterin gewöhnen sich an die Mischung aus Park, Wildnis und praktischer Nutzung. Die planerische Wiederherstellung des Parks lag in den Händen von Clemens Alexander Wimmer. Die größte Überraschung ist der Buchs. Der Park von Madlitz ist ein Refugium für den Buchsbaum, der hier vielfältig von Anfang an angepflanzt wurde und frei und unbeschnitten gedeiht.

Park Alt Madlitz

Unvermutet taucht die Dorische Säulenhalle auf, ein kleines Gebäude mit Säulen im eben dorischen Stil. Geschlossen. Ich halte die Hand schützend an die Scheibe und schaue hinein, es ist ein Trauzimmer des Standesamtes. Jetzt fallen mir auch draußen zwischen dem Grün der Grashalme die kleinen roten Herzen auf. Ein paar Schritte weiter kann ich das Gefühl der Liebenden plötzlich nachvollziehen. In der Ferne einer sonnenbeschienenen Wiese, noch ein wenig von den Blättern einer großen Blutbuche verdeckt, taucht auf einer kleinen Anhöhe ein Rundtempel auf. Die Blicke sind nach allen Seiten über die Wiese frei, ein schöner Platz um in die romantische Literatur einzutauchen und zu lesen. Mitten im Garten. 
Prangend in jungem Grün erscheinst du mir wieder, Gefilde reiner Wonne und Ruh‘. Ihr winkt mir, ihr fröhlichen Hügel, ihr Lust athmenden Auen. Mir eurem Schöpfer, ihr holden Schatten euch schmückt.“ Mit diesen Worten beginnt Friedrich Ludwig Karl Graf Finck von Finckenstein sein Gartenlehrgedicht „Der Frühlingstag im Garten„. Ich blättere in „Graf Finckenstein im Spaziergang mit Karl Foerster“, ein schönes Buch von Anselm Nölle und Horst Schumacher. Und in Günter de Bruyns „Die Finckensteins“.
Das eine, das mich nicht mehr loslässt, kenne ich schon. „Rahels erste Liebe. Märkischer Dichtergarten.“ Hrsg. Günter de Bruyn.

4. Die illustre Runde der liebenden Romantiker

Der Briefwechsel zwischen Karl Graf von Finckenstein und Rahel Varnhagen hält die Liebesgeschichte zwischen dem adligen Erben Karl Graf von Finckenstein und der Jüdin Rahel Varnhagen lebendig. In der Berliner Oper haben sie sich kennengelernt. Leidenschaftlich ist die Liebe, doch die Zweifel Karls und die verneinenden Worte seines Vaters gewinnen an Gewicht.   
Die Verlobung wird gelöst. Die Ehe zwischen einem preußischen Adligen und einer Jüdin ist für den preußischen Adligen unvorstellbar. Rahel wird krank und heiratet später Karl August Varnhagen von Ense.
Fast ebensoviel Aufregung brachte Karls Schwester Henriette in die Mark. Sie war seit 1803 mit Ludwig Tieck liiert. Der aber war mit der Hamburgerin Amalie Alberti verheiratet. Henriette lebte zeitlebens mit den Tiecks als dritte im Bunde und gab ihr Vermögen für den Romantiker aus. Beide Geschwister haben sicherlich für Gesprächsstoff im Hause Finckenstein gesorgt.
Mit ihren zwei Schwestern war Tiecks Gräfin Henriette berühmt als Gesangstrio, das die Melodien von Pergolesi, Palestrina und Gluck als „göttliche Musik“ vortrug, wie Schleiermacher berichtet. Zwei von den Gräfinnen singen den Diskant und die dritte den Alt, der eine Bruder den Tenor und der andere den Baß. Tieck bescheinigt der Familie großzügig echte Humanität und Urbanität.  

Heute brettern die Mähdrescher und Trecker durchs Dorf, die Erntezeit beginnt. In der Umgebung gibt es noch alte holprige Kopfsteinpflasterstraßen, für Pferd und Wagen gebaut. Wahrscheinlich ist damals hin und wieder die ganze Ernte vom Heuwagen gekracht.
Wilde Möhre und Ackerkratzdisteln blühen, die Sonnenblumenfelder sind erntereif. Ihr Gelb winkt dem blauen Himmel mit nickendem Kopf zu. Fischräuchereien bieten ihre Fische und Imker ihren Honig an. 

Sonnenblumen
Sonnenblumen am Feldrand

Fast andächtig sprechen die Leute aus Madlitz vom inzwischen verstorbenen Grafen, seiner symphatischen Art und seinen Leistungen für das Dorf. Zum Wirtschaftsgut gehört das Land, die Jagd, der Wald, aber auch die Schloßbäckerei, die zum Zeitpunkt meines Besuches unglücklich verwaist war. Das Parkcafé vermietet Zimmer zum Übernachten und Räume zum Feiern. In der Nähe liegt am Madlitzer See die Mühle, ehemals von der Stasi zu Bungalows für Schulungen und Ferien der Offiziere und anderer Mitarbeiter ausgebaut. Auch die Stasi wusste, wo es schön ist. Heute steht dort das Wellness- und Tagungshotel „Gut Klostermühle“. Das beste Lokal fand ich auf Empfehlung einer Dame aus Alt Madlitz in Falkenhagen, im Eisgarten Buchholz, ganz in der Nähe.

Tipps und Infos zu Alt Madlitz. Ein Herz im romantischen Landschaftspark.
Was: Alt Madlitz. Der erste englische Landschaftspark in Brandenburg.
Bemerkenswerterweise ist der Eintritt in den Park frei.
Das Herrenhaus ist privat und nicht zu besichtigen.
Wo: Alt Madlitz, ca. 20 km von Fürstenwalde bei Briesen.
Inspiration: Die Literatur.
Graf Finckenstein im Spaziergang mit Karl Foerster, Anselm Nölle u.Horst Schumacher.
Die Finckensteins, Günter de Bruyns.
Rahels erste Liebe, Märkischer Dichtergarten. Hrsg. Günter de Bruyn
Food:
Eisgarten Buchholz in Falkenhagen. Eis, Essen, Kuchen.
Parkcafé in Madlitz.
♥️ Unser Lieblingsplatz: Bei der Rotunde im englischen Landschaftsgarten Alt-Madlitz.

Das waren die Reisefrequenzen. Heute in Alt-Madlitz. Nah ist’s auch schön.

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