Alt Madlitz. Ein Herz im romantischen Landschaftspark.

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Alt Madlitz. Ein Herz im romantischen Landschaftspark.
Alt Madlitz. Ein Herz im romantischen Landschaftspark.
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Nah ist’s auch schön. Ein Kulturspaziergang.

Wir sind Reiseleiter und wir sitzen fest. Deshalb nehmen wir Sie mit, so wie wir es immer getan haben. Jetzt gleich, zu den heutigen Zielen, nördlich von Fürstenwalde, auf etwa halber Strecke zwischen Berlin und Frankfurt. Nach Madlitz, zur Komturei Lietzen und nach Steinhöfel. In Etappen, weil zu viel des Neuen den Geist verwirrt. Erster Stop in Alt-Madlitz. Zu Landschaftsparks, Herrenhäusern, einer Kirche, Literatur und schließlich zu der Feststellung, daß die Anderen ruhig in die Uckermark fahren sollen. 
Unsere Ziele liegen im Landkreis Märkisch-Oderland und im Landkreis Oder-Spree. Die Namen klingen nach Bindestrich-Ehen und ein wenig nach Langeweile. Kein Ort, nur der Fluß ist in Szene gesetzt. Doch der Eindruck trügt. 
Es ist ein sanft hügeliges Land zwischen Oder und Spree, Wälder und Felder wechseln sich ab. Es ist dünn besiedelt und landwirtschaftlich genutzt. In den Straßen- und Angerdörfern stehen die für die Mark Brandenburg typischen niedrigen kleinen Häuser zwischen den riesigen Backsteinscheunen, in deren rotem Backstein die französischen Reparationen des Krieges von 1870/71 und der Gründerjahre mit verbaut wurden. 
Wegwarte, Mohn und Schafgarbe blühen am Straßenrand, das Getreide ist erntereif und die Bauern nutzen die warmen, trockenen Tage. Mähdrescher fegen uns fast von schmalen Straßen. Störche schauen aus ihren Nestern auf uns herab und wir ahnen, daß sie schon bald fort sein werden. In den feuchten Wiesen finden sie ihr Futter. Die Seedurchlöcherte Landschaft bietet genug für alle. 
Hier stehen nicht die großen blumengeschmückten Bauernhäuser aus Bilderbüchern, nicht Starnberg sondern Mark. Zwei Stunden wandern, ohne jemanden zu treffen. Baden ist an fast jeder Ecke möglich und immer wieder bleibt das Gefühl einer Zeitreise. Versteckte und ganz pralle Schönheiten, Kraniche auch im Sommer, besser ein Picknick mitbringen, erst recht in Corona-Zeiten. 
Das erste Ziel ist Madlitz, genauer Alt-Madlitz. 1751 erwarb die aus Ostpreußen kommende Familie Finck von Finckenstein das Gut Madlitz von den Vorbesitzern, der Familie von Wulffen. Bis zur Enteignung in der Bodenreform 1945 schrieben die Finckensteins hier preußische Geschichte und Kulturgeschichte. Nach der Wende kaufte Karl Wilhelm Graf Finck von Finckenstein das Anwesen zurück. Das Schloß wurde mit Plänen des Düsseldorfer Architekten und Immobilienentwicklers Walter Brune umfangreich restauriert und wird inzwischen von den Erben Karl Wilhelm Grafs Finck zu Finckenstein privat bewohnt.

Alt Madlitz. Ein Herz im romantischen Landschaftspark.

Die Finckensteins haben in Preußen Karriere gemacht. Albrecht Konrad Finck von Finckenstein (1660-1735), Feldmarschall Friedrichs I., erzog Friedrich Wilhelm, den Soldatenkönig, und dessen Sohn Friedrich, den späteren Großen. Finckensteins eigener Sohn Karl Wilhelm wurde später Kabinett-Minister Friedrich II.. Karl Wilhelm kaufte das Gut Madlitz und sein Sohn Friedrich Ludwig Karl (1745-1818) machte es zu dem, was Madlitz auszeichnete. Friedrich Karl Ludwig Finck von Finckenstein war preußischer Regierungspräsident unter Friedrich II., bis der Skandal um den Müller Arnoldschen Mühlenprozess zu seiner Entlassung führte. Die Karriere war beendet. Ein Glück für die Intellektuellen und Künstler Preußens, denn nun wurde Madlitz zusammen mit dem 1802 gekauften Gut Ziebingen östlich der Oder zum Musenhof. Mit 35 Jahren zog sich Friedrich Karl Ludwig Finck von Finckenstein, finanziell gut aufgestellt, auf sein ererbtes Gut zurück. Später widersetzt er sich vehement den Stein-Hardenbergschen Reformen und landet dafür 1811 kurzzeitig in der Spandauer Haft.  
Friedrich Ludwig Karl Finck von Finckenstein. Er ist modern, aufgeschlossen, hat Geld, ist jung, er hat Beziehungen und er ist ein Kulturjunkie. So stelle ich ihn mir vor.
In den Jahren auf Madlitz managet er einen landwirtschaftlichen Großbetrieb nach neuesten Methoden. Er lässt sein Schloss zu einem Dreigeschosser umbauen. Sein größtes Projekt ist der Park. 1772 lässt er die barocke Anlage einebnen und gestaltet statt dessen einen zwanzig Hektar großen englischen Landschaftspark nach der Mode der Zeit. Der erste englische Landschaftsgarten in Brandenburg! Zwar ist das zwanzig Jahre nach den ersten englischen Gärten Deutschlands in Niedersachen und Thüringen, aber noch vor dem König in Potsdam.
Friedrich Ludwig Karls Herz hängt an seinem Park. Schließlich, und das ist sein letzter Wunsch, lässt er es nach seinem Tod im Landschaftsgarten begraben. Auf dem Herzberg, umgeben von dreizehn Feldsteinen, die jeder eines seiner Kinder repräsentieren.
Die intellektuellen Berliner reisen begeistert nach Madlitz. Sie schätzten die geistige Inspiration, die Einladung ins gräflich märkische Landleben ohne Zuzahlung, den entstehenden Park und die musischen Darbietung der Töchter des Hauses im Schloß.
Illustre Zeitgenossen reisen in die Provinz. Caroline und Wilhelm von Humboldt waren hier ebenso zu Gast wie Achim von Arnim, Clemens Brentano und Schleiermacher, Eichendorff, Chamisso oder der Architekt Genelli, außerdem Ludwig Tieck, in besonderer Beziehung und gesponsort von den Finckensteins. Rund zwei Jahrzehnte lang war Alt Madlitz ein Musenhof, in dem debattiert, philosophiert und gedichtet wurde.

Das Dorf. Noch vor dem Ortsschild sind das Auffälligste die auf Wänden aufgemalten große Davidsterne und die Skulpturen aus Altmaterial, die der spanische Künstler Manuel Campanario auf seinen hier erworbenen Privatgeländen aufgemalt, aufgehängt und ausgestellt hat. Sie ziehen die Aufmerksamkeit auf sich und sorgen für Fragezeichen und zwiespältige Ansichten. 
Mitten im Dorf steht die Kirche, grau verputzt und verschlossen. 
Alles ist ländlich, ohne Idylle, ein Abbild jahrhundertelang fehlenden Aufschwungs. Die  schönen Aussichten liegen versteckt. 
„In einer der traurigsten Gegenden Deutschlands ist mir ein Garten bekannt, der allen romantischen Zauber auf die sinnigste Weise in sich vereinigt, weil er, nicht um Effekt zu machen, sondern um die innerlichen Bildungen eines schönen Gemüthes in Pflanzen und Bäumen äußerlich zu erschaffen, vollendet wurde…“, schrieb Ludwig Tieck (1773-1853) in seinem Werk “Phantasus” “… dieser grüne, herrliche Raum schmückt wahrhaft die dortige Erde, von ihm umfangen vergißt man das unfreundliche Land und wähnt sich in lieblichen Thälern und göttergeweihten Hainen des Altertums zu wandeln.”
So schwärmte Ludwig Tieck, Berliner, Schriftsteller und Wegbereiter der Berliner Romantik über den Park von Alt-Madlitz. Nicht ganz uneigennützig möglicherweise, denn Graf Finckenstein war Förderer und Mäzen Ludwig Tiecks und finanzierte den Unterhalt des Dichters in Ziebingen. 
Der Park ist ein Geschenk, Eintritt frei.
Mein romantisches Herz ist sehnsüchtig und stolpert doch beim ersten Mal. Im Park. Verwunschen, die langen Zeiten der Verwahrlosung sind spürbar. Ein englischer englischer Garten würde sich recht verwundert nach dem zerstrubbelten, verwachsenen entfernten Verwandten  umschauen. Der Teich ist etwas schlammig, Blesshühner sind auf dem Algenteppich. Die Gewässer im Park sind ausgetrocknet, lange schon. Die Wege sind so angelegt, daß sie sich auf geheimnisvolle Weise gerade nicht zu den schönsten Sichtachsen öffnen. Das liegt an der modernen Wegeführung. Hin und wieder tauchen unvermittelt kleine Schildern auf, darauf der Hinweis „Privatweg“, kein Durchgang. Beim zweiten Besuch wird es schöner. Die Sonne und die Städterin gewöhnen sich an die Mischung aus Park, Wildnis und praktischer Nutzung. Die planerische Wiederherstellung des Parks lag in den Händen von Clemens Alexander Wimmer. Die größte Überraschung ist der Buchs. Der Park von Madlitz ist ein Refugium für den Buchsbaum, der hier vielfältig von Anfang an angepflanzt wurde und frei und unbeschnitten gedeiht. Und nirgends sah ich eine Zünsler.

Park Alt Madlitz

Unvermutet taucht die Dorische Säulenhalle auf, ein kleines Gebäude mit Säulen im eben dorischen Stil. Geschlossen. Ich halte die Hand schützend an die Scheibe und schaue hinein, es ist ein Trauzimmer des Standesamtes. Jetzt fallen mir auch draußen zwischen dem Grün der Grashalme die kleinen roten Herzen auf. Corona hat die Liebenden nicht gestoppt. Und ein paar Schritte weiter kann ich dieses romantische  Gefühl plötzlich nachvollziehen. In der Ferne einer sonnenbeschienenen Wiese, noch ein wenig von den Blättern einer großen Blutbuche verdeckt, taucht auf einer kleinen Anhöhe ein Rundtempel auf. Die Blicke sind nach allen Seiten über die Wiese frei, ein schöner Platz um in die romantische Literatur einzutauchen und zu lesen. Mitten im Garten. 
“Prangend in jungem Grün erscheinst du mir wieder, Gefilde reiner Wonne und Ruh’. Ihr winkt mir, ihr fröhlichen Hügel, ihr Lust athmenden Auen. Mir eurem Schöpfer, ihr holden Schatten euch schmückt.” Mit diesen Worten beginnt Friedrich Ludwig Karl Graf Finck von Finckenstein sein Gartenlehrgedicht “Der Frühlingstag im Garten”. Ich blättere in „Graf Finckenstein im Spaziergang mit Karl Foerster“, ein schönes Buch von Anselm Nölle und Horst Schumacher. Und in Günter de Bruyns „Die Finckensteins“.
Das eine, das mich nicht mehr loslässt, kenne ich schon. „Rahels erste Liebe. Märkischer Dichtergarten. Hrsg. Günter de Bruyn.
Der Briefwechsel zwischen Karl Graf von Finckenstein und Rahel Varnhagen hält die Liebesgeschichte zwischen dem adligen Erben Karl Graf von Finckenstein und der Jüdin Rahel Varnhagen lebendig. In der Berliner Oper haben sie sich kennengelernt. Leidenschaftlich ist die Liebe, doch die Zweifel Karls und die verneinenden Worte seines Vaters gewinnen an Gewicht.   
Die Verlobung wird gelöst. Die Ehe zwischen einem preußischen Adligen und einer Jüdin ist für den preußischen Adligen unvorstellbar. Rahel wird krank und heiratet später Karl August Varnhagen von Ense.
Fast ebensoviel Aufregung brachte Karls Schwester Henriette in die Mark. Sie war seit 1803 mit Ludiwg Tieck liiert. Der aber war mit der Hamburgerin Amalie Alberti verheiratet. Henriette lebte zeitlebens mit den Tiecks als dritte im Bunde und gab ihr Vermögen für den Romantiker aus. Beide Geschwister haben sicherlich für Gesprächsstoff im Hause Finckenstein gesorgt.
Mit ihren zwei Schwestern war Tiecks Gräfin Henriette berühmt als Gesangstrio, das die Melodien von Pergolesi, Palestrina und Gluck als “göttliche Musik” vortrug, wie Schleiermacher berichtet. Zwei von den Gräfinnen singen den Diskant und die dritte den Alt, der eine Bruder den Tenor und der andere den Baß. Tieck bescheinigt der Familie großzügig echte Humanität und Urbanität.  

Heute brettern die Mähdrescher und Trecker durchs Dorf, die Erntezeit beginnt. In der Umgebung gibt es noch die alten Kopfsteinpflasterstraßen, die so holprig sind, daß ich mich frage, ob ein Auto das überlebt. Die Wege sind für Pferd und Wagen gebaut, wahrscheinlich ist damals hin und wieder die ganze Ernte vom Heuwagen gekracht. Oder aber die Straßen sind über die Jahrhunderte nie repariert worden.
Wilde Möhre und Ackerkratzdisteln blühen, die Sonnenblumenfelder sind erntereif. Ihr Gelb winkt dem blauen Himmel mit nickendem Kopf zu. Fischräuchereien bieten ihre Fische und Imker ihren Honig an. 

Sonnenblumen
Sonnenblumen am Feldrand

Fast andächtig sprechen die Leute aus Madlitz vom inzwischen verstorbenen Grafen, seiner symphatischen Art und seinen Leistungen für das Dorf. Zum Wirtschaftsgut gehört das Land, die Jagd, der Wald, aber auch die Schloßbäckerei, die zum Zeitpunkt meines Besuches unglücklich verwaist war. Außerdem verschiedene Räume zur Vermietung zum Feiern. Das Parkcafé vermietet hübsche Zimmer. In der Nähe liegt am Madlitzer See die Mühle, ehemals von der Stasi als Bungalows für Schulungen und Ferien der Offiziere und anderer Mitarbeiter ausgebaut. Auch die Stasi wusste, wo es schön war. Heute steht dort das Wellness- und Tagungshotel „Gut Klostermühle“. Doch das beste Lokal fand ich auf Empfehlung einer Dame aus Alt Madlitz in Falkenhagen, im Eisgarten Buchholz, ganz in der Nähe.

Alt Madlitz. Ein Herz im romantischen Landschaftspark.
Was: Alt Madlitz. Der erste englische Landschaftspark in Brandenburg. In der Umgebung Wald zum Wandern, Seen zum Baden, Wege zum Radfahren. 
Wo: In Alt Madlitz, ca. 20 km von Fürstenwalde bei Briesen.
Inspiration: Die Literatur. Graf Finckenstein im Spaziergang mit Karl Foerster, Anselm Nölle u.Horst Schumacher. Die Finckensteins, Günter de Bruyns. Rahels erste Liebe, Märkischer Dichtergarten. Hrsg. Günter de Bruyn
Food: Eiscafé Restaurant Buchholz in Falkenhagen. Eis, Essen, Kuchen.
♥️ Unser Lieblingsplatz: Bei der Rotunde.

Das waren die Reisefrequenzen zum Fernhören. Heute in Alt-Madlitz. Nah ist’s auch schön.

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