Dom St. Marien zu Havelberg. Von Kontemplation, Koch und Kellermeister.

Reisefrequenzen
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Dom St. Marien zu Havelberg. Von Kontemplation, Koch und Kellermeister.
Dom St. Marien zu Havelberg. Von Kontemplation, Koch und Kellermeister.
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Hallo! Hier sind die Reisefrequenzen. Heute betrachten wir den Dom in Havelberg und nehmen Sie und Euch wie immer mit. Der Dom ist eine Perle.

Wir stehen vor dem mächtigen Dom in Havelberg, der wie eine Arche auf dem Berg über der Havel gelandet ist. Weithin sichtbar an idealer Stelle steht der Westriegel erhaben wie ein Bergfried, in seinem Schatten liegt das Kirchenschiff. In den Löchern des Gemäuers, die vom Gerüstbau zurückgeblieben sind, nisten die Dohlen und wir hören über uns den hohen Ruf des Turmfalken. 

Zar Peter vor dem Dom in Havelberg
Zar Peter vor dem Dom zu Havelberg ©️ Andreas Trapp

Ein schneller Blick in die lange Geschichte

Die frühe Geschichte ist umstritten. Das Gebiet war besiedelt von Langobarden und Semnonen, nach der Völkerwanderung von Westslawen und mit der Landnahme schließlich von Siedlern aus dem Westen. Möglicherweise gab es anstelle des Doms eine Kultstätte der Slawen. Die erste sächsisch-deutsche Siedlung war, so zeigen neue Funde, auf der Stadtinsel im Tal der Havel.
946 gründeten die Ottonen in Havelberg ein Bistum, neben Brandenburg ist es der älteste Bischofssitz östlich der Elbe. 40 Jahre später war er schon wieder an die Slawen verloren und Bischof Dudo rettete sich ins Exil. 1147 eroberte Albrecht der Bär das Bistum Havelberg zurück und setzte den Prämonstratenser Anselm als Bischof ein. Anselm, Berater dreier Kaiser und an seinem Karriereziel Bischof von Ravenna, war ein hochgebildeter Mann mit unbekannter Herkunft. Er organisierte das Prämonstratenser – Chorherrenstift in Havelberg zukunftssicher neu. Die Chorherren kamen aus Leitzkau, das liegt südlich von Magdeburg. Dort waren die Prämonstratenser schon seit den 1130er Jahren etabliert.

Fassade des Havelberger Doms
Fassadendetail ©️ Andreas Trapp

An einer Ziegelmauerwand vor dem Ostchor des Doms erzählt eine Folge von modernen Reliefdarstellungen aus dem Leben der Prämonstratenser. Die Reliefs vom Havelberger Künstler Bernd Streiter stellen den Gründer des Ordens, Norbert von Xanten, Bischof von Magdeburg, den Bischof von Havelberg, Anselm und Albrecht den Bären als Kämpfer der Askanier da. 

Beeindruckt schauen wir nochmals am Westturm hinauf. Die befestigte Anlage ist Zeichen der Angst und der Erfahrung, das Rückeroberung im 12. Jahrhundert möglich war. Das Westwerk ist als sicherer Rückzugsort vor einem möglichen nächsten Angriff der paganen Slawen aufwendig gebaut. 1908 wurde es aufgestockt und so sein heutiges Aussehen geprägt.
Soweit die Vorgeschichte. Jetzt kommt der Dom.
Manch Forscher hoffte, dass der große Bau auf das 10. Jahrhundert und das erste Bistum zurückgehen würde und somit ottonisch sei. Doch alle Erforschungen der Architektur sagen, der Baubeginn ist das 12. Jahrhundert. Vorbilder des Havelberger Kirchenbaus standen in Halle und bei den Prämonstratensern in Leitzkau.
Am 16. August 1170, vor gut 850 Jahren, wurde der Dom über der Havel zu Ehren der Maria geweiht. Das waren die letzten Züge der Romanik.
Hundert Jahre später folgt die Katastrophe. Ein verheerender Großbrand ist Desaster und doch auch Chance. Das Feuer von 1279 ist ein wesentlicher Einschnitt. Die Holzdecke des Kirchenschiffs und die fast gesamte Ausstattung verbrennen, nur die äußere Hülle hält noch stand.
Das Domkapitel entscheidet sich für den Aufbau der Ruinen im modernen Stil. Seitdem ist der Dom sozusagen ein Paket. Unter einer teils umgebauten Außenhaut verbirgt sich fast vollständig die alte von Pfeilern getragene dreischiffige romanische Basilika. Der alte Bau aus Grauwackebruchstein, ein Sandstein mit viel Quarz und Feldspat, steht mit seinen kennzeichnenden Rundbögen als feste Basis da. Darüber erhebt sich das hochgezogene Mittelschiff aus Backstein mit einem Kreuzrippengewölbe. Ein gotischer Chor wurde neu gebaut, bis 1380 war er fertig. Und in die alten Wände sind die großen gotischen Fenster hineingemeißelt worden. Innen Romanik, an Fenstern und im Obergeschoss die Gotik. So ist das etwas vereinfachte dargestellte Fazit.

Blick auf Dom und Stadtmodell in Havelberg
Der Dom mit dem Stadtmodell im Vordergrund ©️ Andreas Trapp

72,5 m lang, 22 m hoch und 22,5 m breit. Das Westwerk steht mit 30 m Breite wie ein Riegel davor. Kein Querschiff, keine Krypta, keine Vierung. 

 Die Spur der Steine 

Der Bruchstein der Grauwacke, aus dem der romanische Dom gebaut wurde, kam aus der Nähe von Gommern ins bruchsteinlose Havelland. Dreimal Vorteil. In der Nähe von Gommen gibt es die letzten steinreichen Höhenzüge vor der endlos sandigen Tiefebene. Die Verschiffung war relativ einfach in Lastkähnen über die Elbe und ein letztes Stück über die Havel, die Mündung lag damals näher an der Stadt als heute. Gommern und Umgebung gehörten zu den Besitzungen der Prämonstratenser in Leitzkau, man pflegte die Beziehung. 
Wir schauen an der Fassade hinauf. Unten Bruchstein, oben Ziegel.

Fassade des Doms in Havelberg
Fassade des Doms in Havelberg

Der Innenraum des Havelberger Doms

Wir gehen durch die Seitentür, die jetzt der Eingang für Besucher ist, in den Havelberger Dom hinein. Vor uns streckt sich eines der längsten romanischen Kirchenschiffe Norddeutschlands. Unser Blick wird zum Chor im Osten gesogen, gebremst durch den bemerkenswerten Lettner und die Triumphkreuzgruppe von 1280. Die romanische Grauwackenbasilika ist innen überputzt und mit Backsteinen gotischen verblendet. Um 1300 entsteht das gotische Gewölbe statt der abgefackelten flachen Decke. 

Seit dem Ende des 14. Jahrhunderts füllte sich die finanzielle Schatulle der Chorherren zu Havelberg rasant und neue Ausstattungsstücke im Dom wurden finanziert. Der Grund lag in der Nähe zur Bad Wilsnacker Wunderbluthosie. Bad Wilsnack wurde aufgrund des Wunders zu einem der wichtigsten Pilgerziele in Europa, es stand an fünfter Stelle aller Pilgerreisen. Und dieser Strom von reisenden Pilgern brachte Geld, auch nach Havelberg.

Der Lettner
Der Lettner ist die große Bühne. Das Schauspiel ist eröffnet. Der Lettner und die Chorschranke entstanden Ende des 14. Jahrhunderts und zeigen in 20 Reliefs von höchster Qualität die Szenen des Lebens, Leidens und Sterbens Jesu Christi. Zwischen den Relieftafeln stehen 14 Heiligenfiguren. Mindestens zwei verschiedene kunsthandwerkliche Schulen waren hier am Werk. Die eine etwas statisch und zurückhaltend in der Gestaltung, die andere expressiver, maniristisch, mit Parallelen zur Prager Plastik. Der Lettner als Podium der Passion. Lange betrachten wir die vielen dargestellten Gesichter mit ihren ganz eigenen Ausdrücken, mit ihren Emotionen und Schrecken. 
Wir sehen auch das negative Judenbild in diesen Szenen. Mindestens 14 Handwerker aus Mitteldeutschland und Böhmen haben mitgearbeitet, ihre Steinmetzzeichen sind an versteckten Stellen in den Stein geschlagen. 

Ursprünglich war der Lettner farbig, doch im 19. Jahrhundert, ganz nach dem Modell von edler Einfalt und stiller Größe, wurde er mühevoll blank geputzt. Welch ein Verlust. 
Wie anders muss der ganze Raumeindruck gewesen sein. Der farbige Lettner in diesem riesigen Dom. Während draußen nur die kleinen, fahlen Fachwerkhäuser standen.
Auftraggeber war Bischof Johann III. Wöpelitz, dessen Grabplatte und Alabasterfigur von 1411 im Chor liegen. Der Herr hat nicht nur an die Kirche sondern auch an sich selbst gedacht und trug zu Lebzeiten eine Mitra mit 460 Edelsteinen. 

Dom St. Marien zu Havelberg. Von Kontemplation, Koch und Kellermeister.
Im Vordergrund steht der Koch aus Stein ©️ Andreas Trapp

Aus dem Vorgänger, dem älteren Lettner, existieren noch drei Figurengruppen. Sie stehen als Leuchter auf der Stufe zum Chor in einigem Abstand vor dem Barockaltar. Die Figuren sind fröhlich, gut genährt und lebensnah. Der Koch und der Kellermeister stehen links, rechts steht ein Chorherr und ein Novize. Der Koch strahlt Ruhe aus und schaut besinnlich in den Himmel. Mit einer Hand hält er die Kochkelle vor dem geschnürten Gewand, die andere greift nach der Sandsteinsäule. Er sieht so aus, als äße er seine Gericht auch gerne selber. In der Mitte ist der steinerne Leuchter positioniert. Wir sehen noch die Ansatzspuren die zeigen. dass die Gruppen einst zu einem größeren Ganzen gehörte.

Das Chorgestühl
Der älteste Teil wurde um 1280 gemeißelt und geschnitzt und gehört damit zu den ältesten in Deutschland erhaltenen.
An einer Wange des Gestühls hängt kopfüber ein Fabelwesen aus Esel und Ziege, möglicherweise um Böses abzuwenden. 

Die Fenster

Leuchtend wie Perlen sind die Fenster.
Doch ganz ursprünglich waren sie nicht farbig und recht klein. Eines der romanischen Fenster ist noch über dem Domeingang des Kreuzgangs erhalten.
Während der gotischen Umbauphause entstanden die großen Grisallaienfenster in grau, schwarz und hell. Ihr alter Standort war im Chor, jetzt sind sie im Kirchenschiff zu sehen. 
Die bunten Scheiben, die leuchtenden Farben stammen teilweise noch aus dem 15. Jahrhundert. Sie erzählen den Christuszyklus in bunten Bildern. Finanziert aus den Einnahmen der Pilger, die unterwegs nach Bad Wilsnack waren. 
In den Fenstern spiegelt sich die ganze Welt des Mittelalters, samt Gerätschaften und Trachten.

Es gibt hier keine Heizung, bei den Renovierungen Ende des 19. Jahrhunderts sprengte sie den Kostenrahmen. Es ist kalt. Ich ziehe mir den Schal fest um die Schulter. Doch unserer Begeisterung tut das keinen Abbruch. 

Wir gehen an der Taufe von 1587 vorbei. Ihre tragenden Figuren stehen lustig im Spiel- und Standbein da und proben Renaissance.
Aus dem Barock stammen Hochaltar und Kanzel sowie die Orgel von 1777, gebaut vom Meister Gottlieb Scholtze.
Es ist an diesem frühen Frühlingstag ganz still im Dom. 
1506 verließen die Prämonstratenser Havelberg und die Verwaltung übernahmen adlige Domherren. Seit 1561 sind Havelberg und der Dom evangelisch und 1819, mit dem Reichsdeputationshauptschluß, wurde auch das evangelische Domstift aufgelöst. Heute gehört der Dom der „Kulturstiftung Sachsen-Anhalt“, die für Finazen und Bau verantwortlich ist. 
Der Dom zu Havelberg bleibt ein sakraler, beeindruckender und meditativer Ort.

Kreuzgang des Doms St. Marien in Havelberg
Kreuzgang am Havelberger Dom ©️ Andreas Trapp

Wir verlassen den Dom durch den Kreuzgang. 
Inzwischen hat sich der Himmel grau bezogen und die Gebäude aus Backstein sind dunkelrot. Die Anlage entspricht dem Klosterplan von St. Gallen und ist im Geviert gebaut. Die ältesten Teile entstanden um 1170 und in den folgenden Jahrhunderten wurde weitergebaut. Die stilistischen Unterschiede ihrer Zeiten sind den Gebäuden anzusehen. In den oberen Klostersälen ist das Prignitz-Museum untergebracht. 

Dom St. Marien zu Havelberg. Von Kontemplation, Koch und Kellermeister.
Kreuzgang

Ich danke herzlich Antje Reichel, der Museumsleiterin, die mir die Besichtigung ermöglicht und mit unzähligen Informationen bereichert hat. Deshalb hier ein Bild von einem ihrer Lieblingsorte, der Konsolfigur. Ich zwinkere dem lockigen Gewölbestützer zum Abschied einmal zu.

Konsolfigur im Dom zu Havelberg
Konsole ©️Andreas Trapp


Dank auch an Andreas Trapp (AT), der die meisten der schönen Fotos aufgenommen hat.

Das waren die Reisefrequenzen. Heute im wunderbaren Dom zu Havelberg. Nah‘ ist es auch schön!

Tipps:

Wo: Havelberg
Was: Ein Rundgang durch den Dom
Inspiration: Das Prignitz-Museum https://www.prignitz-museum.de
Infos zum Dom, Öffnungszeiten, Konzerte /https://havelberg-dom.de
Beitrag zu Leitzkau Leitzkau. Weserrenaissance und Fake News nah der Elbe
Fotografie: Die mit ©️ gekennzeichneten Fotos sind von Andreas Trapp (AT) http://andreas-trapp-photography.de/
♥️ Unser Lieblingsplatz: staunend vor dem Lettner. Und bei Koch und Kellermeister.

2 Gedanken zu „Dom St. Marien zu Havelberg. Von Kontemplation, Koch und Kellermeister.“

  1. Die Präsentation des Doms St. Marien zu Havelberg begeistert mich! Beeindruckend steht da das monumentale Westwerk, wunderbar die hochgotische Fassade. Die reiche Kunst des Lettners, das Figurenspiel, die buntstrahlenden Fenster- “Bilderbücher” nehme ich staunend wahr.
    Und neben dem Kirchbau gibt es eine ausgedehnte Klosteranlage die heutzutage sinnvoll genutzt wird. Z. B. beherbergt da das Prignitz -Museum interessante Exponate.
    Mein Wunsch: Diesen Ort möchte ich besuchen! Und bitte mit der kenntnisreichen Reiseleiterin Marike Langhorst!

    Antworten
    • Sehr gerne! Havelberg, der Dom, das Museum und die Umgebung sind nicht nur im Sommer eine Reise wert. Nah ist‘s auch schön.

      Antworten

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