Werder, Wachtelberg. Saale-Unstrut an der Havel.

Reisefrequenzen
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Werder, Wachtelberg. Saale-Unstrut an der Havel.
Werder, Wachtelberg. Saale-Unstrut an der Havel.
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Hallo! Hier geht‘s zum in die Ferne hören. Die Reisefrequenzen. Oder: Nah ist‘s auch schön. Also suchen wir die Ferne in der Nähe. Die Phantasie ist das Luftschiff und wir beginnen die Reise. Unser heutiges Ziel ist der Wachtelberg, ein Weinberg in Werder bei Potsdam.

Wir nehmen den Weg von der Stadtinsel Werder, gehen durch ein Wohnviertel, biegen links ab und vor uns liegt der Berg. 59m Höhe inmitten des flachwelligen Havellands. Wir stapfen den schmalen Fahrweg bergauf. Zwischen den Baumwipfel ist ein normannischer Turm in nicht allzu gutem Erhaltungszustand zu sehen. Der zinnenbewehrte Backsteinturm ist das Wahrzeichen der neogotischen Wachtelburg, einer  ehemaligen Ausflugsgaststätte auf der nördlichen Kuppe des Wachtelbergs. Seit 1946 wird sie von der Gemeinde der Siebenten-Tags-Adventisten als Jugend- und Freizeitzentrum genutzt, 1948 hat die protestantische Freikirche die Wachtelburg gekauft und über schwierige Zeiten instand gehalten. 

Oben angekommen. Welch Überraschung! Soweit das Auge reicht wachsen Rebstöcke. Jetzt, im frühen Herbst, hängen sie voller Trauben, dicht an dicht. Dunkellila, rosaseiden, hellila, gelbgrün, kräftiger grün. Die Sonne spiegelt sich in jeder Frucht. Der Süden im Norden.

Werder, Wachtelberg. Saale-Unstrut an der Havel.
Reife Trauben

Der Wachtelberg ist die nördlichste Qualitätsweinlage Europas. Mitten in Brandenburg. Es gibt keinen nördlicheren Weinberg, der weingesetzlich erfasst ist. Er gehört zum Bereich Mansfelder Seen im Anbaugebiet Saale-Unstrut. Die Schilder auf dem Wachtelberg erläutern es. „Im Jahre 1991 wurde dieser Weinberg als „Großlagenfreie Einzellage“ in das Weinanbaugebiet Saale-Unstrut unter der Nr. 11.1.5.-017 aufgenommen, durch die EU anerkannt und in die Weinbergrolle eingetragen.“ 
Mikroklima Süden. Brandenburg hat mehr Sonnenstunden als Mailand oder Rom, mehr als alle anderen Bundesländer bis auf das noch nördlichere Mecklenburg-Vorpommern. Die Havel und die Seen in der Umgebung, der Glindow-See und der Großen Plessower, sorgen zusätzlich für eine erhöhte Temperatur und weniger Frost. Die leicht lehmigen, diluvialen Sandböden erwärmen sich bei jedem Sonnenstrahl.

Der älteste Weinberg Brandenburgs ist 1173 in der Stadt Brandenburg urkundlich belegt. Deutsche Siedler brachten ihre heimischen Kenntnisse mit und die Mönche der neuen Zisterzienserklöster waren hauptverantwortlich für die berauschenden Tropfen. Werder und der Weinberg gehörten dem Kloster in Lehnin. 1578 führte Kurfürst Johann Georg die erste märkische Weinmeister-Ordnung ein. Heimischer Wein fehlte weder auf der kurfürstlichen Tafel noch beim kirchlichen Abendmahl. Zahlreiche Weinbergstraßen in den Dörfern und Städten der Mark erzählen davon, bis ins 19. Jahrhundert gab es 500 Weinorte im Märkischen. Von den 192 Einwohnern, die Mitte des 18. Jahrhunderts in Werder wohnten, sind 30 als Weinmeister in der Ortschronik verzeichnet. Sie bewirtschafteten über 200 Weinberge und kelterten im Jahresdurchschnitt 1650 hl Wein. Friedrich II. verlangte zwar später vehement für seine Truppen nach Getreideanbau statt nach Wein, doch Werders Bürgermeister wandte sich an die Kurmärkische Kammer und lehnte ab. 
Im 17. und 18. Jahrhundert waren die Hänge vollständig mit Reben bewachsen. Dann wurde das Wetter kühler, der Anbau schwieriger und schließlich brachte die Eisenbahn den billigen Rheinwein nach Werder und Berlin. Die Weinstöcke wurden durch Obstbäume ersetzt. Obst wurde gekeltert und Schnaps gebrannt. 
Mit dem seit 1879 stattfindenden Baumblütenfest zum 1.Mai, einem Synonym für Besäufnis und antisozialem Verhalten, hat der Wachtelberg nichts gemein. Das Baumblütenfest ist seit 2020 gestrichen. Nicht Corona sondern Vandalismus ist die Ursache. 
In den 1950er Jahren wuchsen noch Rebstöcke der Rebsorte Gutedel auf dem Wachtelberg, doch den harten Wintern und der Kollektivierung der kleinen privaten Gartenbaubetriebe trotzten nicht alle. Das Obst, sonst so üppig im Havelland, wollte hier nicht wachsen. Der Berg lag fast brach. 1984 kam der Wein zurück, aus Ungarn und Sachsen angepflanzt. 1987 wurde die ersten 274 Flaschen gekeltert. Nach der Wiedervereinigung und dem Befall mit falschem Mehltau, nach den Herausforderungen zwischen Treuhand, Eigentumsproblematik, Vermarktung und der Liquidation der GPG Obstproduktion übergab die GPG Obstproduktion Werder 1993 ihr Eigentum von 17.200 Rebstöcken, dem Gerüst, dem Weinbergsgebäude und einer mehr als anderthalb Kilometer langen Zaunanlage kostenlos der Stadt Werder. Seit 1996 bewirtschaftet der Pächter Dr. Manfred Lindicke mit Familie erfolgreich den Weinberg mit all seinen nördlichen Herausforderungen. Der Wachtelberg selbst gehört zu 90% der Stadt Werder. Während der Weinberg am Wachtelberg um 1800 etwa 20 Hektar Rebfläche hatte, sind es heute wieder sieben. Das Weingut Lindicke produziert mehr als 60.000 Liter Wein pro Jahr, die seit 2012 auch in Werder, derzeit von Kellermeister Paul Birkner, gekeltert werden. 
Der Wachtelberg ist nicht der einzige Weinberg in und um Werder. Zu den weiteren Lagen gehört der Galgenberg, der älteste historisch belegte Weinberg der Stadt. Auch der Dichter Christian Morgenstern hat hier getrunken und gedichtet. Sein Resultat sind die Galgenlieder. Der Galgenberg ist seit 2012 ebenfalls an den Weinbau Lindicke verpachtet und wird über die Aktion „Miet Dir einen Rebstock“ finanziert. Keine Chance, seit 2013 sind alle Stöcke vermietet. Das Weingut Klosterhof bewirtschaftet den Weinberg in Töplitz und in Phöben gibt es einen weiteren Wachtelberg. Heute wächst auf ca. 30 Hektar Wein in Brandenburg.

Werder, Wachtelberg. Saale-Unstrut an der Havel.
Der Wachtelberg

Oben auf der Hügelkuppe steht ein Aussichtsturm, in frischem Gelb gestrichen und von der Stadt Werder finanziert. Er gibt den 59 Höhenmetern noch ein paar Meter extra und ermöglicht den Blick weit über die Reben zur Havel und über die Häuser hinweg bis zu den umliegenden Wäldern. Im Hintergrund liegen die Hügel der großzügig benannten Glindower Alpen, die einst durch den Abbau der Tonerde für das backsteinerne Berlins entstanden. Unter uns stehen die Rebstöcke geordnet in Reihen, das Laub ist noch grün und dicht. Unsere Augen folgen den Wellenbewegungen der Pflanzreihen, dem auf und ab, den Hügel leicht hinauf und auf der anderen Seite sanft hinunter. Die Weinwelt über dem Havelland. 
Das eine Vergnügen ist der weite Blick über den Streuweinberg ins Havelland. Das andere ist die Weintiene. Weintiene ist die nördlichste Strauß- oder Besenwirtschaft Deutschlands. Wieder so ein brandenburgisches Phänomen. Blauäugige mögen beim Weingenuss denken, Tiene sei der Name der Wirtin. Doch die Tiene ist ein Holzbottich. Entwickelt in Werder, aus Holz geküfert, benutzt für den Transport der Trauben. Jede Tiene ist ein konisch zulaufender Holzbottich, fasst 4,5 kg, war mit den Initialen oder einem Zeichen des Besitzers versehen und wurde mit einem Leinensack zugebunden. In der Weintiene können Weinproben bestellt werden, dazu etwas Käse, eine Laugenstange oder Wildgulasch. Seit August gibt es auch den Federweißer. Oder ein Glas Sekt, durch dessen Perlen die Sonne leuchtet. Bis die Sonne hinter den Rebstöcken untergeht und die Havel durch die blaue Stunde fließt. 

Wir spazieren eine Runde auf den erlaubten Wegen durch den Weinberg, die Reben wachsen aufgedrahtet in langen Reihen. Dieser Rundweg ist ein Lehrpfad, ein Meeting mit den verschiedensten Züchtungen des Weins. Sie werden auf kleine Schildern beschrieben. Herkunft, Bedeutung im Weinbau und eine Einschätzung des Geschmacks. Die größten Flächen gehören Müller-Thurgau und Regent. Weitere Aufrebungen sind Sauvignon, Saphira, Kernling, Muscaris, Cabernet Blanc, Solaris, Dornfelder und Pinotin. Vor jedem Rebenerziehungssystem des Lehrpfades wächst eine malerische Rose. Ihre Blütenblätter schmiegen sich an das noch grüne Weinlaub. Amor, der den Göttern einen Becher Nektar reichen wollte, verschüttete das Getränk der Götter. Aus dem tropfenden roten Wein wuchs ein Rosenstrauch der Liebe.

Ein Ausflug nach Werder. Saale-Unstrut an der Havel.
Wo: Werder. Wachtelberg
Was: Der Weinberg. Das Lokal Weintiene, von Ostern bis Oktober geöffnet. Der Süden im Norden. Inspiration: Zum Lesen: die „Galgenlieder“ von Christian Morgenstern. Sie sind auf dem Werderaner Galgenberg entstanden. Dort gibt es das einzige Museum, daß an Christian Morgenstern erinnert. Brandenburg ist überraschend.

Das war die Reisefrequenz zum Fernhören. Nah ist’s auch schön.

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