Vilnius. Die baltische Schönheit im Zentrum Europas.

Hallo! Hier sind die Reisefrequenzen. Unterwegs in Vilnius, der Hauptstadt von Litauen. Vilnius steht im Reigen der drei baltischen Hauptstädte und tritt gegenüber Riga und Tallin mit charakteristischen Eigenarten und fernab vom Meer entspannt aus der Reihe. Fazit: Vilnius lohnt sich!

Unzählige barocke Kuppeln und Türmchen ragen aus dem Häusermeer und zieren das einstige Bollwerk der Gegenreformation. Die riesige zum UNESCO-Welterbe gehörenden Altstadt, vollgepackt mit Geschichte und Gegenwart, ist Entdeckung pur. Unter einem unerwartet nördlichen Himmel komme ich im Nordosten Europas an. 544 386 Einwohner, ziemlich relax, viel Grün, entspannte Cafés und Restaurants, Street Art und sakrale Kunst, Altstadtatmosphäre und modernes Leben, Baulücken und Hochhäuser. 40 Kilometer bis Belarus und 180 bis Minsk.
Das nationale französische Geographieinstitut rechnete die geographische Mitte Europas als Flächenschwerpunkt aus. Die Mitte Europas liegt kurz vor Vilnius.

Vilnius. Die baltische Schönheit im Zentrum Europas.

Die Reisefrequenzen auf Stadterkundung.

  • 1. Vom Flughafen zum Bahnhof im Stadtzentrum von Vilnius
    2. Vom Tor der Morgenröte zur Burg und zur Kathedrale
    3. Der Gediminas Boulevard in Vilnius. Von der Kathedrale zum Parlament
    4. Bummel durch Užupis und zur St.Annen und Bernhardiner-Kirche
    5. Das ehemalige jüdische Viertel
    6. Noch mehr Tipps für Vilnius
Vilnius. Die baltische Schönheit im Zentrum Europas.

1. Vom Flughafen zum Bahnhof im Stadtzentrum von Vilnius

Ankunft am Vilnius International Airport, 7 Kilometer südlich der Hauptstadt. Mein Koffer ist vor mir am Kofferband, die Wege sind kurz. Das alte Ankunftsgebäude neben der modernen Abfertigungshalle stammt aus sowjetischer Zeit und gleicht einem Bahnhof. Innen stuckierte Kassettendecke, modellierte Girlanden und auskragende Leuchter. Außen die groben Monumentalfiguren von Soldaten, Arbeitern und Fliegern.
Zur Fahrt in die Innenstadt stehen Taxen, alle 15 bis 20 Minuten der Linienbus und einmal in der Stunde die Bahn bereit. Ich entscheide mich für den Zug und erreiche einen einzigen Bahnsteig eines einzigen Gleises unter dem freien Himmel der Station Flughafen. „Oro uostas“. Die litauische Sprache bleibt eine Herausforderung. Sie gehört zu den baltischen Idiomen und bewahrt vermutlich uralte indogermanische Formen. Mir bleibt sie ein Rätsel.
Der zweiwagenlange Zug rollt ein. Auf den rot lackierten Waggons prangt der Vytis, der Verfolger aus dem litauischen Wappen. Ein geharnischter, schwertschwingender Reiter auf seinem silbernen Roß.
Die Türen öffnen sich. Für einen Augenblick bin ich verdutzt. Fünf steile Stufen. Wie früher, als Koffer getragen und nicht gerollt wurden hieve ich mein Gepäck das stählerne Treppchen hinauf. Manchmal ist ein Besuch in Vilnius eine kleine Reise in der Zeit.
Die konzentriert ruhige Schaffnerin verkauft im Zug die Tickets, 80 EuroCent pro Strecke. Zwischen der automatisierten mehrsprachigen Begrüßung und der mehrsprachigen Verabschiedung verfliegen nicht ganz 10 angenehme Minuten zum Bahnhof in der Innenstadt von Vilnius.

Kurze Zeit später stehe ich auf dem Bahnsteig und bin fast allein. Meine Vorstellung dachte an Trubel wie in den etwa gleich großen Städten Hannover oder Dresden. Litauer scheinen das Geheimnis des Tarnumhangs zu kennen. Gedränge und Hast sind nicht ihre Welt.
Auf dem abgesperrten Gleis nebenan rollt jeden Tag ein russischer Zug in die Enklave Kaliningrad. Am Bahnsteig hängen große Pressefotos der Kriegsverbrechen in Kiew und Mariupol. Ein Projekt gegen die russische Fake-Propaganda.

Wieder trage ich meinen Koffer ein paar Stufen, diesmal aus dem Bahnhof. Auf dem Bahnhofsvorplatz mit seinem zerrissenen und geflickten Pflaster steht das spannende Projekt eines überdimensioniertes virtuelles Auge durch das ich live in die polnische Stadt Lodz schaue. Die Straßen dort sind morgendlich leer, der Himmel leicht verhangen.

2. Vom Tor der Morgenröte zur Burg und zur Kathedrale

Einige Minuten später stehe ich vor dem Tor der Morgenröte. Ein top Sightseeing-Beginn und eines der ehemals neun Stadttore von Vilnius.

Durch den Torbogen schimmern die Silhouetten der Stadthäuser in herbstlichen Sepiafarben. Ich spaziere durch die dunkle Zufahrt und trete ins Licht.
Rechterhand öffnet eine Tür den Weg zur Torkapelle, die seit 1829 in diesem einst „Spitzen Tor“ über dem Bogen thront. Hier hängt das mit vergoldetem Silber beschlagenen Bild der „Schwarzen Madonna“, der bedeutenden Schutzheiligen für Litauer, Polen und Belarussen. Es ist sehr still. Eine Frau fegt den Fußboden und kurvt mit ihrem Besen um die schweigend Betenden herum.

Die Route: Vom Tor der Morgenröte aus schlendere ich – inzwischen ohne Gepäck – auf dem sanften Bogen der Hauptroute über die Aušros Vartu, die Didžioji und die Pilies Straße hinunter zur Burg und Kathedrale und zur Mündung der Vilnia in den breiten Neris-Fluss.
Unterwegs nehmen meine protestantischen Augen barocke Formen an, sind verwundert über die niedrigen Häuser kleinstädtischen Gepräges und staunen zum Schluss über die Hochhausinsel auf der anderen Seite des Flusses.

Die Fassade der Kirche der Heiligen Theresa schiebt sich weit in die Straße und zieht die Blicke auf sich. Der Sakralbau ist einer der prachtvollsten Beispiele barocker Architektur in Litauen. Wahrscheinlich hat der italienische Architekt Carpoforo Tencalla im 17. Jahrhundert dieses Gesamtkunstwerk für die unbeschuhten Karmeliter konzipiert. Der Innenraum leuchtet im Rosa Rokoko.
Auf der anderen Straßenseite steht hinter einem stattlichen Tor die Heilige Dreifaltigkeitskirche mit ihren Klostergebäuden aus dem frühen 16. Jahrhundert. Der Legende nach erhebt sich die Kirche über dem Tatort eines dreifachen Mordes. Die ersten christlichen Märtyrer Litauens verloren hier ihr Leben. 1347. Litauen war das letzte pagane Land Europas, bis 1413. Heute beherbergt die Dreifältigkeitskirche die ukrainische griechisch-katholische Kirche in Litauen. Neben dem Hochaltar steht die Flagge der Ukraine und vor einem Seitenaltar beten Besucher für das kriegsgeschundene Land.
Die ganze Stadt zeigt die Flagge der Ukraine. Jeder Laden, jedes Restaurant, unzählige Balkone der Häuser. An Straßenecken und an den moderneren Linienbussen mit digitaler Anzeige leuchtet „Vilnius ♥ Ukraine“. Es gibt keinen Zweifel, auf welcher Seite die Litauer stehen. Obgleich gut 10 Prozent der Einwohner von Vilnius Russen sind und oft russische Sprachfetzen an mir vorbeifliegen steht kein russisches Wort geschrieben.

Im Hof des Klosters erinnert eine Gedenktafel an den litauisch-polnischen Dichter und Nationalhelden Adam Mickiewicz. Weil er am Freiheitskampf gegen Russland teilnahm wurde er hier 1823/24 inhaftiert. Polen, Litauer und Ukrainer verehren und beanspruchen ihn gleichermaßen, wir haben seine Statuen auch während unserer Rundgänge durch Szczecin/Stettin. Ein Stadtrundgang und der zweite Blick und Lemberg/Lviv. Geschichte und Gegenwart – eine Reise in die Metropole der westlichen Ukraine.gesehen. “Litauen! Vaterland! Du gleichst dem Wohlbefinden. Wie groß Dein wahrer Wert ist, kann nur der ergründen, der Dich verlor“ schreibt Mickiewicz auf polnisch über seine litauische Heimat.

Die kurze Geschichte Litauens und der Stadt Vilnius.
Litauen wird erstmals 1009 in den Quedlinburger Annalen schriftlich erwähnt. Jahrhunderte später ließ Großfürst Mindaugas sich 1251 christlich taufen, denn nur getauft wurde er vom Papst gekrönt. Seine Untertanen allerdings blieben dieser Aktion fern. Mindaugas wird 1253 der einzige König Litauens. Der Aufstieg zur mächtigen litauisch-polnischen Personalunion, deren Gebiet sich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer erstreckte, begann im Mittelalter. Und 1323 nennt Gediminas die längst existierende Stadt bei ihrem Namen: Vilnius. Jahrhunderte später folgte die Besatzung. Von 1795 bis zur Unabhängigkeit 1990 gehörte Vilnius zu Russland und der nachfolgenden Sowjetunion. Unterbrochen wurden die zwei Jahrhunderte von der ersehnten Eigenstaatlichkeit 1918–1920, von der anschließenden polnischen Annexion bis 1939, einem kurzen Zwischenspiel verursacht durch den Hitler-Stalin Pakt und der furchtbaren deutsche Besatzung 1941-1944.
Bis zum Holocaust war ein Drittel der Bevölkerung jüdisch und über die Hälfte polnisch. Während die jüdischen Einwohner vernichtet wurden und die polnischen vertrieben, blieb die Kulisse der Häuser weitgehend erhalten und überstand größtenteils auch die Abrissbirnen sowjetischer Zeiten.

Auf der anderen Seite der Straße steht die andere, die russisch-orthodoxe Heiliggeistkirche. Nach einem Brand wurde sie ab 1749 von Johann Christoph Glaubitz neu errichtet. Ein ungewöhnlich auffälliger Stilmix zwischen Barock und Rokoko in einer orthodoxen Kirche. Menschen küssen die Ikonen oder fotografieren sie und lassen sich vom grasgrünen barocken Hochaltar nicht schrecken. Während der sowjetischen Zeit war die Kirche ein Museum des Atheismus und jede Schulgruppe zum Besuch verpflichtet. Heute liegen vor der Ikonostase in einem gläsernen Schrein die mit edeln Stoffen verhüllten Märtyrer Antonius, Johannes und Eustachius. Nur ihre Schuhspitzen schauen zum Beweis ihres Daseins unter den Tüchern hervor.

In den Geschäften entlang der Straße wird Bernstein und litauisches Leinen verkauft. Stolze alte Adelspaläste beherbergen Botschaften und Museen. Restaurants bieten die deftige litauische Küche an. Auf mehrfache Empfehlung hin probiere ich Zeppelinas, mit Hackfleisch gefüllte Kartoffelklöße und jede Menge Sauerrahm dazu. Ein gutes deftiges Essen für die herbstliche Zeit. Gegenüber steht das Gebäude der Litauischen Nationalphilharmonie in Vilnius. 1904 zog die erste litauische Buchhandlung ein. 1905 tagte der erste Große Sejm und forderte die politische Autonomie Litauens. 1906 wurde die erste litauische Oper –„Birutė“ von Mikas Petrauskas – uraufgeführt.
Linkerhand geht es zur einzig erhaltenen perfekt restauriert Bastion an der einstigen Stadt- und Wehrmauer von Vilnius. Der Ausblick lohnt sich!

Zurück auf unserem Weg. Die auffällig schön getreppte Kuppel der Kirche St. Kasimir ist von vielen Standorten aus eindrucksvoll zu sehen. 1615 ließen Jesuiten diesen ersten barocken Bau der Stadt errichten und weihten ihn St. Kasimir, dem Nationalheiligen Litauens. Langsam schwirrt mein Kopf barock.
Jetzt weitet sich der große gepflasterte Marktplatz an dessen Kopfende das unerwartet klassizistische Rathaus steht. Drumherum parken teure SUV’s unter kleine Ahornbäume statt unter den alten Linden, die früher ihre Blüten klebrig auf Autolack verteilten. Auf dem Platz wirbt ein knallrotes Riesenmegaphon für die große Geburtstagsfeier. 2023 wird Vilnius 700 Jahre alt.

Ein kleiner Abstecher führt zur Universität, die 1578 als eine der ältesten im Osten Europas gegründet wurde. Ursprünglich war sie ein Jesuitenkolleg im Schatten der vom protestantischen Johann Christoph Glaubitz erbauten barocken Johanneskirche. Ein Campus mitten in der Altstadt. Es ist erstaunlich still und ich schlendere fast ehrfürchtig unter den Arkaden des Großen Hofes. Ab und zu eilen Studenten mit ihren Büchern und Skripten vorbei. Das schönste Gebäude ist der alte Lesesaal.

Fast um die nächste Gassenecke öffnet sich ein weiter Platz vor dem klassizistischen Präsidentenpalast. Einst war er Sitz des russischen Gouverneurs in Vilnius. Mitten in der Stadt arbeitet in diesem kolonialen Gebäude heute der in direkter Wahl gewählte Präsident Nausėda. Die Säulen der Fassade tragen die Farben der Ukraine und an den Fahnenmasten wehen neben den Farben Litauens die Flaggen der EU und bemerkenswerterweise auch der NATO.
Am späten Nachmittag wird der grüne Innenhof für Besucher geöffnet und bietet interessante Perspektiven.

Ich schlendere vorbei an weiteren Kirchen, an gotischen Häusern mit neumodischen Giebeln, schaue in das Sammelsorium der Hinterhöfe mit ihrer teils zerfallenden und teils sanierten Bausubstanz, studiere Speisekarten der Restaurants mit ihren Angeboten von Biberfleisch bis Vegan und erreiche den riesigen offenen Platz vor der Kathedrale und dem wiedererrichteten Schloss unterhalb der Burg. Zentrum Vilnius.
Die Armee wirbt um Mitglieder, Kinder spielen mit Luftballons, Paare flanieren zur Einkaufsstraße und inmitten des Pflasters unweit der Kathedrale liegt die Fliese eines Künstlers mit dem Wort Stebuklas. Wunder. Ich drehe mich auf dem Stein dreimal um mich und mein Wunsch dreht sich mit.
Zwischen Schloss und Kathedrale steht die kantige kraftstrotzende Statue des Stadtgründers Gediminas auf einem hohen steinernen Sockel neben seinem hübsch gesattelten Pferd. Der Großfürst Gediminas sah im Traum einen eisernen Wolf, verstand dies als ein göttliches Zeichen und gründete an der Stelle eines alten Kultplatzes die heutige Hauptstadt Vilnius. Vilnius hat auch ohne Wolf Biß.

Vor der Kathedrale streckt sich solitär der Campanile gen Himmel, einst war er ein Wehrturm der alten Stadtmauer. Hier treffe ich Dalia, die mir einen Vormittag lang mit Charme, Wissen und spannenden Details ihre Stadt zeigt.
Wir bleiben vor dem Abdruck zweier Füße im Straßenpflaster stehen. Sie erinnern an die Menschenkette. Hunderttausende mutiger Balten spannten sie am 23.08.1989 durch die damaligen Sowjetrepubliken und demonstrierten für die Unabhängigkeit. Dalia erzählt mir, wie gefährlich die Situation damals war.

Wir öffnen die schwere Tür zur klassizistischen Kathedrale St. Stanislaus und St. Ladislaus. Im Inneren der weißen Kirche wehrt sich der Raum gegen alles Helle und Leichte, nur die Melodien eines Geigenspielers verzaubern die nüchterne Atmosphäre. Die erste schlichte Seitenkapelle steht für das Gedenken aller in sowjetischer Zeit nach Sibirien deportierten Litauer. Die letzte Seitenkapelle bewahrt zwischen überbordendem Prunk die Reliquien des Heiligen Kasimirs in einem silbernen Sarg. Sie wurde auf Initiative des polnischen Königs 1603 gebaut, nachdem der einer zweihundertjährigen Leichenstarre trotzende und vollkommen unversehrte Leichnam Kasimirs entdeckt worden war. Seitdem ist er der Nationalheilige Litauens. Auf den Fresken ist der Tote mit gebundenen Füßen dargestellt, so wie es heute noch vor Bestattungen in Litauen üblich ist.

Vilnius. Die baltische Schönheit im Zentrum Europas.

Neben der Kathedrale steht das Großfürstliche Schloss. Ein seit 2013 wieder aufgebautes Disneyland mit identitätssuchenden Ausstellungen zur Archäologie des Ortes und den Kopien untergegangener Repräsentationsräume. Draußen scheint die Sonne schöner. Der kleine Renaissancegarten erinnert an Bona Sforza, Tochter des Herzogs von Mailand und Ehefrau Sigismund von Polens. Sie brachte die Zutaten der italienischen Küche und die Renaissance nach Litauen. In ihrem rekonstruierten kleinen Garten blühen die lila Herbstzeitlosen.
Im Neuen Arsenal der Unterburg besuche ich als tatsächlich einzige Besucherin das Litauische Nationalmuseum. Die didaktisch etwas altmodische Ausstellung öffnet mir dank englischer Beschilderung die Augen. Unterdrückung, Rebellion und Freiheit sind die großen Themen Litauens. Vytautas, der 1410 die Schlacht bei Tannenberg gewann. Die Kleidung exhumierter Soldaten aus der Grande Armee Napoleons, die in Vilnius erfroren. Der Dichter Stendhal hat überlebt. Eine weiße Büste Katharinas der Großen, die Litauen annektierte und Russland einverleibte. Die Portraits der Rebellen gegen die russische Besatzung im 19. Jahrhundert. Der schwarze Schmuck des Widerstands. Und schließlich die traurigen Gesichter geschnitzter Heiligenfiguren.

Vor dem Arsenal sitzt die Skulptur des Königs Mindaugas. Seine Statue war zu Sowjetzeiten verboten. Nicht weil der König eine zwiespältige Gestalt, sonder weil er einziger König der Litauer war. Er missbrauchte seine Schwägerin und wurde von deren Mann ermordet. Ende des litauischen Königreichs. 
Wachsam hoch erhaben steht über dem Platz auf einem Hügel als einzig erhaltener Bau der alten Burg der backsteinrote Gediminas-Turm. Die ganze Stadt zu meinen Füßen!

3. Der Gediminas Boulevard in Vilnius. Von der Kathedrale zum Parlament

Der Gedimino prospektas liegt wie ein Lineal zwischen der Kathedrale und dem Parlament. Eine breite, gepflegte Straße. Shoppen, Ausgehen, Flanieren. Auf den ersten Blick ist nichts Besonders. Den zweiten Blick öffnet mir Dalia. Sie erzählt von der Bedeutung der Avenue für alle Litauer. Seit 1836 zogen die Einwohner raus aus der alten Stadt. Heute stehen hier das Schauspielhaus des Nationaltheaters mit den Figuren der drei Musen, die Litauische Bank und etwas abseits das große klobige in sowjetischer Zeit gebaute Nationaltheater für Oper und Ballett. Mein Besuch des Hauses glich einer architektonischen Zeitreise in eine gelungenen Aufführung.
Das Museum der Okkupationen und Freiheitskämpfe im ehemaligen KGB Hauptquartier zeigt eine sehr sehenswert bedrückenden Ausstellung. Wer glaubt, Freiheit sei selbstverständlich, irrt. Auf den Außenmauern des Gebäudes sind die Namen der vom KGB Ermordeten in den harten Stein gemeißelt.
Bis zur Biegung am Fluss Neris passieren wir die Akademie für Musik und Theater, die Staatsbibliothek und erreichen das 1980 fertiggestellten Parlament Seimas. Untergebracht in einem sowjetischen Protzbau.

Unterwegs passierten wir zwei Plätze voller Identität und Geschichte. Der Vincas-Kudirka-Platz, früher nach einem sowjetischen Armeegeneral benannt, ist heute dem Dichter der litauischen Nationalhymne gewidmet und trägt deshalb seinen Namen. In der Nähe des LukiškėsPlatz stand einst die Moschee der litauischen Tartaren. Nach dem antirussischen Aufstand von 1863 fanden auf dem Platz öffentliche Hinrichtungen statt und zwischen 1944 und 1947 wurde er zum Symbol des Terrors. Dort wo bis 1991 die größte Lenin Statue Litauens stand weht jetzt im Abendwind die Fahne mit dem Vytis vor einer barocken Kirche.
Der Gediminas Boulevard ist ein schmerzlich-stolzer Spiegel insbesondere des 20. Jahrhunderts.
Ein paar Schritte abseits irritiert mich ein düster-schmuckvolles Gebäude hinter Stacheldraht verbarrikadiert. Über Zaun und Mauer ragt die Kuppel einer einst prachtvollen orthodoxen Kapelle. Jetzt hat das Mauerwerk Risse und das bedrohliche Stahltor steht weit offen. Das Lukiškės-Gefängnis von 1904, zuletzt mehr als 1000 Gefangene. Seit 2019 geschlossen und inzwischen eine beliebte Event-Location. Im Hof amüsieren sich Besucher an einer Bar, Gruppen werden durch Zellen geführt, man kann hier auch übernachten. Mir gruselt an diesem Ort.

4. Bummel durch Užupis und zur St.Annen und Bernhardiner Kirche

Mein Bummel zum Tee mit Živilė. Živilė mit ihren leuchtenden Augen und ihren spannenden Erzählungen lerne ich über das fantastische und kostenlose „Meet the Local“ Angebot des Stadtmarketings von Vilnius kennen. Ein Glück. Im herbstlichen Sonnenlicht bummeln wir durch den gepflegten Bernhardinischen Garten, der im 19. Jahrhundert von Franziskanermönchen liebevoll angelegt wurde. Seit 1469 verwalteten sie hier ihr Kloster und das Gelände des heutigen Parks. Flanieren, Plaudern und Kindern am Springbrunnen zuschauen. Živilė erzählt von ihrer Arbeit, angenehmer für ausländische Konzerne als für einheimische, vom Leben in ihrem Viertel mit ihren russischen Nachbarn, vom Alltag. Und ich stelle ihr tausend und eine Frage. Dann überqueren wir auf der Fluxus-Brücke die Vilnia und erreichen Užupis. Užupis, „jenseits des Flusses“, ist ein auf drei Seiten vom Wasser umschlungener kleiner besonderer Stadtteil. Kreative Lebenskünstler haben ihn 1997 zur Unabhängigen Republik inklusive eigener Verfassung und dem darin festgeschriebenen Recht auf Glück erklärt. In vorrepublikanischen Zeiten waren die Häuser des Viertels vernachlässigt und marode, vor dem Holocaust wohnten viele jüdische Bürger hier. Inzwischen läuft die Gentrifizierung auf schnellen Touren. Das neue und angesagte japanische Teelokal hat noch geschlossen. Wir sitzen in der Sonne, trinken Sanddorntee und sprechen übers Leben. Auf einem kleinen Platz wacht auf einer Säule hoch oben der trompetende Engel Gabriel und verkündet seine andere Botschaft. An der Spundwand des Flusses sitzt die Meerjungfrau und träumt von ihrer Zukunft. Street Art, Ateliers und neue Restaurants sind die typische Mischung. Užupis sind ein paar Straßen, niedrige charmant vergilbte braungelb leuchtende Häuser, interessante Projekte und unerwartete Entdeckungen.

Am oberen Ende des lebendigen Viertels liegt der verwunschene Friedhof der Bernhardiner, gegründet 1810. Um manche der alten Grabkreuze aus polnischer Zeit sind Bänder in den rot-weißen Landesfarben Polens gewunden.

Über die Brücke deren zartes Geländer mit zahllosen Schlössern behängt ist verlasse ich die Republik. Unweit des anderen Ufers steht linkerhand die weiß leuchtende russisch-orthodoxe Kirche der Himmelfahrt der Gottesmutter. Fast geradeaus wird hinter den massiven Mauern in der museal genutzten Michaelskirche sakrale Kunst gezeigt. Rechterhand glüht die Backsteingotik im rötlichen Licht. Flammende Gotik der katholischen St. Annenkirche. Ihre Fassade scheint nach oben zu züngeln. Einzigartig, flamboyant.

Der aus Prag kommende Architekt Benedikt Ried schuf um 1500 dieses Meisterwerk der litauischen Gotik. Direkt nebenan liegt behäbig und steinern die Bernhardinu (St. Franziskus und Bernhard) Kirche von 1795.
Davor stützt sich Adam Mickiewicz auf eine in der Mitte gespaltene Säule die für die Länder seines Lebens steht. Litauen und Polen. Am 23.08.1987 versammelten sich an seinem Monument mutige Litauer und erinnerten demonstrierend an den Jahrestag des Hitler-Stalin Paktes. Die erste nicht genehmigte Demo in Vilnius seit 1972.

Vorbei an einem kleinen Bernsteinmuseum schlendern wir durch die Literatengasse, in der mit phantasievollen Erinnerungsplaketten an einer blaugrauen Wand an Poesie und Drama und auch an Günter Grass erinnert wird, zurück ins Zentrum. Adios, Sudie, Živilė. In der fast parallelen Sv. Mykolo Gasse gibt es Cafés und Restaurants für eine Pause.

5. Das ehemalige jüdische Viertel

Die Mauern der alten Steinhäuser, der bröckelnde pastellfarbene Putz, die in ein Gassenlabyrinth führenden Torbögen, die langen schuppigen Mauern alter Klöster. Ich bummele durch das alte jüdische Ghetto und die schmalen Straßen des Glasmeisterviertels. Seit 1551 durften Juden in Vilnius siedeln. Seitdem wurden sie bis zum Holocaust geduldet, vertrieben, von Jesuiten unterstützt, neu angesiedelt. Das Ghetto, das man auch die schwarze Stadt nannte, war ein quirliges Altstadtrevier. Juweliere, Glasbläser und arme Einwanderer lebten und arbeiteten im Netz der Gassen. Mittelpunkt war die Große Synagoge. Sie wurde nach 1661 errichtet, im Zweiten Weltkrieg zerstört und in den 1950er Jahren abgerissen. 

Von 1941 bis 1944 ermordeten deutsche Besatzer mit Hilfe des freiwilligen litauischen Sonderkommandos des Sicherheitsdienstes SD ungefähr 56.000 bis 70.000 Juden und 17.000 bis 20.000 Polen am Stadtrand von Vilnius. Das jahrhundertealte jüdische Viertel wurde ausgelöscht. Hauptverantwortliche für die grausamen Morde waren Franz Murer und Bruno Kittel.
Heute sind die Altstadtgassen charmant durchwirkt mit Cafés, Restaurants, kleinen Geschäften, spannenden Hinterhöfen und laden zum lohnenden Besuch ein. Und doch liegt über vielen Wegen durchs Viertel und die angrenzenden Quartiere eine leere Schwere. Das Handwerk fehlt, auch die einst drängende Enge. Beim Spazieren entdecke ich ein altes hebräisches Schriftzeichen, fast verschwundene Adelswappen und barocke Kirchen. Das Kleine und das Große Ghetto, getrennt ausgerechnet durch die seit alters so bezeichnete Deutsche Straße (Deitsche Straße, lit. heute Vokiečių gatvė). Ich gehe durch die Straßen der polnisch-jüdischen Architektur und frage mich, wie das Leben hier vor der Hölle war. Inzwischen hat sich, wie auch in anderen osteuropäischen Städten, ein Ausgehviertel als das schöne Folie über die Vergangenheit gelegt. Interessante Denkmäler erinnern. Vor der Figur des 1935 gestorbenen Doktors Tsemakh Schabad, Arzt, Leiter der jüdischen Gemeinde und Gründer der Folkspartei, fragt mich ein älteres israelisches Paar auf deutsch nach dem Weg ins Zentrum.
Ein paar Winkel weiter entdecke ich die Büste „Der Weise“. Sie erinnert neben seinem ehemaligen Wohnort in der  Žydų-Straße 8 an Gagoen rabeinu Elijahu, den heilige Lehrer und Talmudkenner  Elijah Ben Salomon Salman (1720 – 1797), genannt der Gaon. Vilnius war mit vielfältigen jüdischen Kulturinstitutionen und inspirierenden Theologen das „Jerusalem des Nordens“. Im Holocaust Museum des Grünen Hauses in der Pamėnkalnio g. 12 wird auf altmodische Weise und deshalb um so eindrücklicher an die Geschichte erinnert. Etwas außerhalb der eigentlichen Altstadt laufe ich an der Choral Synagoge vorbei, der einzig erhaltenen Synagoge in Vilnius. Ich habe die Besichtigungszeit knapp verpasst. Das blaue Tor ist verschlossen.

6. Noch mehr Tipps für Vilnius

Ich liebe es durch zu Städte zu Fuß zu wandern. Vilnius ist ideal! Der alte Stadtkern und die gründerzeitlichen Erweiterungen sind ein Paradies für Flaneure. Es gibt viel zu entdecken.
Die Markthallen Halės turgus in der Nähe des Bahnhofs ist eine der typisch malerischen Hallen vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Alles was Litauens Speisekarte bietet, reichhaltig Obst, Beeren und Gemüse, geräuchertes Fleisch, leckerer Käse wird am Marktstand zum Genuß angeboten.
Die in einem Betonufo 1968 auf der anderen Seite des Flusses Neris gelandete Nationalgalerie, die mir einen weitgehend unbekannten Kosmos der Kunst eröffnet.
Das Mo Museum für zeitgenössische litauische Kunst ist eine unerwartete Perle in einem von Daniel Libeskind entworfenen weißen Kubus direkt an der Stadtmauer.
Zum Abschluss gönne ich meinen Augen nochmal Barock. Die Peter und Paul Kirche östlich der Altstadt gegenüber der britischen Botschaft wurde von 1668–1675 nach Plänen des Polen Jan Zaor und des Italieners Giambattista Frediani erbaut. Ihr Äußeres ist für die Restaurierungsarbeiten grün verhängt, ihr Inneres ein barocker Traum in weißer Spitze. Inmitten hängt ein Lüsterschiff von 1905.

An meinen Wegen leuchten Graffitis und immer wieder eine der über fünfzig Kirchen. Vilnius ist überraschend vielfältig. Erfüllt und ein wenig erschöpft versinke ich in den süßen Angeboten der Confiserien. Im Ladies Delight verschwinden Frauen hinter Torten und betörenden Gerüchen. Der Eingang in der Stiklių g. 14 ist ein stilisiertes Blumenmeer. Mein Favorit ist Fiona in der Pilies g. 7.
Vilnius ist ein Genuss!

Das waren die Reisefrequenzen, unterwegs in Litauens Hauptstadt Vilnius.

Mit Dank an Dalia, Živilė und Giedrė.


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