Sanssouci. Ein sorgloser Winterspaziergang im Park von Potsdam.

Reisefrequenzen
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Sanssouci. Ein sorgloser Winterspaziergang im Park von Potsdam.
Sanssouci. Ein sorgloser Winterspaziergang im Park von Potsdam.
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Hallo! Hier sind die Reisefrequenzen. Heute mit Euch und Ihnen unterwegs in den Park von Sanssouci in Potsdam.

Es hat geschneit, ein bisher seltenes Ereignis in diesem östlichen Winter. Später wird die Sonne kommen. Ein Wintermärchen im Schnee und ohne Sorgen mit Tipps zum ausgedehnten Spaziergang durch den Park von Sanssouci.
Unser Weg beginnt am Hauptbahnhof, nachhaltig mit dem Zug nach Potsdam. Die Bahn zeigt sich von ihrer typisch eingeschneiten Seite und Zugausfälle ruckeln nichts zurecht. Der zögerliche Zugverkehr wird als Notarzteinsatz deklariert, das ist wohl phantasiert.
Der Winterspaziergang endlich wird vergnüglich und leichthin. Die uns sonst eigene Detailgenauigkeit verweht ganz leicht wie eine Schneeflocke. Wir laufen unbekümmert und beschwingt durch diese weiße Pracht.

Von Potsdams Hauptbahnhof über die Lange Brücke, die Havel und den Wasserarm der Alten Fahrt. Am Ufer unter uns stehen die Angler und warten auf den Fisch oder genießen einfach nur das Winterglück. Nach der Brücke gehen wir schräg rechts am rosafarbenen Schloß, das doch keins ist, vorbei zum Alten Markt. 

Der Alte Markt

Der Alte Markt ist baumlos, strauchlos, zugepflastert preußisch. In der Mitte steht der 25m hohe Obelisk aus Marmor und verleiht dem Platz auf Wunsch Friedrichs II. ein italienisches Ambiente. Die Farben rosa, weiß und hellgelb sind die Leinwand für den fahlen Schnee. Das altrosa Stadtschloß steht an Stelle der alten Burg und Residenz der Hohenzollern. 1751 war es erstmals fertig, konzipiert durch Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff. 1945 zerbombt und vollends abgetragen, 2014 neu errichtet und heute Sitz des Brandenburger Landtags. 
Geradeaus und dominierend erhebt sich über einem für den Baumeister Karl Friedrich Schinkel so typisch breitem Treppenaufgang die wieder aufgebaute Nikolaikirche. Auch und trotz CoronaZeiten ist sie ermutigend geöffnet. 
Rechts daneben steht das Alte Rathaus, ebenfalls aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Es ist durch einen Glasneubau verkettet mit dem früher grünen palladianischen Knobelsdorffhaus, einem Nachbau des Marble Hill House im englischen Twickenham. Das neueste Gebäude am Platz ist ein Fakebau aus Italien. Palazzo Barberini ist die Kopie von der Kopie eines römischen gleichnamigen Palastes. Hasso Plattner, SAP, hat dieses Haus und die hochkarätigen Kunstausstellungen darinnen finanziert. 
Vom Schlossportal aus schaut Fortuna, vergoldet, kaum bekleidet, im leichten Wind sich frierend drehend, auf diesen wieder spätbarock rekonstruierten Platz. 
Es ist ganz still um uns herum. Wir stapfen ein großes Fußspurenherz in den unberührten Schnee des prachtvollen Marktplatzes und ziehen weiter. 

Vom Alten Markt zum Grünen Gitter

Rechts, wo einst die plattengebaute Fachhochschule stand, ist jetzt ein riesen Bauloch. Vor der Neubebauung wird die alte Stadt archäologisch gesichert. Wir queren die breite Friedrich-Ebert-Straße und wenden uns zum trockenen Kanal der Yorckstraße. Der Kanal entstand mit der ersten barocken Stadterweiterung unter Friedrich Wilhelm I. Wie schön müssen sich die Fassaden einst im Wasser gespiegelt haben und obgleich kein Wasser mehr im rekonstruierten Becken steht hat die Straße ihren Charme. 

Vor dem Nikolaisaal, dem Veranstaltungs- und Konzertsaal, stehen die überdimensionalen leeren Notenständer schneebedeckt. Ohne Kultur ist’s ungut still. Welch Heiterkeit, Musik und Tanz hier vor Corona spielte und nun wartet. Wehmütig gehen wir zur Brandenburger Straße. Sie ist die Fußgängerzone der Potsdamer Innenstadt. An ihrem Ende steht das Brandenburger Tor, das ebenso wie seine jüngere Berliner Schwester zur alten Domstadt Brandenburg schaut. 
Über den Luisenplatz in die Allee nach Sanssouci, groß ist der Name und die Straße kurz. Schon stehen wir am Grünen Gitter, der Trennung zwischen Stadt und Park. Zwischen dem Alltag und der heute märchenhaft weißen Welt.

Sanssouci. Ein sorgloser Winterspaziergang im Park von Potsdam.

Der Marlygarten

Hinter den Hecken und Mauern versteckt sich der Marlygarten, ein kleiner Zaubergarten heute und der alte Küchengarten des Soldatenkönigs einst. In ironischer Distanz benannte Friedrich Wilhelm ihn nach einem Schloß des französischen von „Gott Gegebenen Roi-Soleil“. Es gab Orangenbäume und Pomeranzen und typisch preußisch einen Schießstand inkludiert. Von hier aus hat beim Spielen, so erzählt es die Geschichte, Friedrich II. den Bauplatz für sein Schlößchen „Ohne Sorgen“ schräg gegenüber ausgemacht. Inzwischen steht die Friedenskirche hier, ein neorömisch-byzantinischer Bau mit einem extra Campanile. Im 19. Jahrhundert ließ Friedrich Wilhelm IV. sie errichten und beauftragte Peter Joseph Lenné mit der Umgestaltung des Gartens. 

Heute sind trotz der Morgenstunden die ersten Schnee- und Gartenfans schon unterwegs. Die Potsdamer, die Berliner. Sie kennen jede geliebte Ecke, ignorieren das Namhafte und bewundern das Versteckte und spazieren ohne Zögern durch ihren Landschaftspark. Alle fühlen sich zuhause und lassen ihrer Seele Raum. Kein touristisch hektisches Getöse zieht durch den Traum.

Von der Fontäne vor Sanssouci zum Chinesischen Haus

In einer prachtvollen Allee flanieren wir zum Schloß der Schlösser Potsdams. 1745 – 1747 erbaut, nach Plänen von Knobelsdorff und Skizzen Friedrich II., ein Lustschloß für den Sommer und, in der Gruft unter der Terrasse, nun des Königs Friedrich II. Begräbnisort. Am Fuße der breiten Treppenanlage ist das Rondell der Großen Fontäne winterlich verschlossen. Die sie umstehenden römischen Götter und Göttinnen verschanzen sich hinter grauen Holzlatten, selbst der kriegerische Mars traut sich, verordnet durch die Stiftung „Schlösser und Gärten“, nicht heraus. 

Wir bauen unsere eigenen Gött*innen. Aus Schnee, vergänglich schön, viel individueller als die sommers hier gezeigten Skulpturen. Ein Winter-Happening in Progress. Der große Schneemann vor der weit geschwungenen Treppe steht schon da. Am Nachmittag hat der Schneemann dann zwei Seiten. Zum Wasserbecken ist er Mann, zur Treppe plötzlich Frau. Zwei Nasen, vier Augen, zwei Brüste. 

Sanssouci. Ein sorgloser Winterspaziergang im Park von Potsdam.

Neben den breiten flachen Stufen führen rechts und links zwei Rampen auf den Weinberg und zum Schloß hinauf. Jetzt sind sie die Rodelbahn. Eine schöne lange Strecke in diesem flachen Land, jubelnde Kinder, anschiebende Eltern, ein königliches Vergnügen. 
Von der großen stillen Fontäne aus spazieren wir entlang des Schafgrabens zum Chinesischen Haus. Heut thront der vergoldete Mandarin auf einem weißen schneegepuderten Dach über seinem exotischen Haus von Johann Gottfried Büring. Die feiernde Teegesellschaft ihm zu Füßen ist ebenfalls grau eingekastelt.  
Neben dem Chinesischen Haus steht ein geschenktes chinesisches Räuchergefäß. Kein Rauch, kein Feuer erhitzt es je, auch nicht an unserem Wintertag. 

Vom Neuen Palais zum Belvedere

Wir gehen auf der Hauptachse zum Neuen Palais, aus der Ferne hebt es sich farblich deutlich von den klaren Konturen der schwarz-weißen Bäume ab. Groß und rot. Ein schöner Kontrast zum weißen Schnee und dem ersten Himmelsblau des Tages. 

Sanssouci. Ein sorgloser Winterspaziergang im Park von Potsdam.
Das Neue Palais

Die Fanfanorade, die Angeberei, wie Bauherr Friedrich II. das Schloß selbst nannte. Gebaut unter aller Anstrengung und Auspressung nach dem Siebenjährigen Krieg bis 1763,  ein Nachbau des nordenglischen Castle Howards. 970 Zimmer. Der rote Farbkontrast ist aufgestrichen, die echten Backsteine sind nur auf der linken Seite bei der Wohnung, die Friedrich selber nutzte, echt. Hinter dem Palais ist „Mopke“. Eine große Fläche für höfische Feste und Zeremonien des Militärs. Dahinter wiederum stehen die Communs, die große Schaukulisse für Wirtschaftsräume und die Küche. Wie in Versaille. 

Sanssouci. Ein sorgloser Winterspaziergang im Park von Potsdam.

Das weite Halbrund vor dem Schloß glänzt ganz in weiß. Aus der Ferne winken wir dem kleinen Schloß Charlottenhof in der Distanz einen Gruß zu und nehmen unseren Weg vorbei am ochsenroten Antikentempel gen Norden. Die Schuhspuren führen kreuz und quer über die weiten Wiesen, die Wege sind kaum zu erahnen. Mittendrin haben sich zwei eine Schneebank gebaut und auf ihr Platz genommen. Sie picknicken auf ihrer Schneebank, vielleicht zu Ort und Geschichte passend einen Kartoffelsalat. Sie füttern nebenbei ein Rotkehlchen. 

Neues Palais im Park von Sanssouci


Im hinteren Parkteil nehmen wir den Ausgang durch das schmiedeeiserne Tor und queren die Maulbeerallee. Vor uns liegt der Weinberg Nummer zwei – es gibt nicht nur den einen, sondern in Potsdam sicher vier. Die Reben strecken ihre weißbestäubten Triebe, dahinter leuchtet das italienisch anmutende Belvedere. 
Der Aufstieg ist jetzt eine Rodelbahn für Fortgeschrittene, sie kurvt in Serpentinen und lenken muß man hier schon können.

Belvedere im Park Sanssouci über dem Weinberg
Belvedere am Weinberg

Der zweigeschossige, mit zwei Altanen versehene und von einer Kuppel bekrönte Rundbau war ein Rekonstruktionsversuch des Palastes Kaiser Neros. Simpler ging es für Friedrich den Großen nicht. Es ist, 1769, sein letztes Bauwerk hier im Park und das Einzige, das am Ende des  Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Seit 2002 ist es wieder aufgebaut. Das Gelb gibt einen schönen Kontrast zum inzwischen strahlend blauen Himmel, auch wenn sich merkwürdig schwarze Flecken wie Schimmel an die Säulen kleben. 
Vor dem Belvedere, der schönen Aussicht, stehen auf der Brüstung über dem Weinberg kleine Schneemänner mit Weitblick. Aus ihren roten Berberitzenaugen schauen sie hinab ins Tal. In der Ferne die Kuppel des Neuen Palais und des Antikentempels, links glänzt die Spitze des wie ein asiatischer Tempel anmutenden Drachenhauses.

Vom Drachenhaus zum Schloß Sanssouci

Die weite Schneise durch die Baumallee zwischen dem Belvedere und der Orangerie ist einer meiner liebsten Wege. Ein kleiner Abstecher führt uns zum Drachenhaus. Hier ist am Wochenende auch in diesem Winter das Restaurant ab 12 Uhr bis zur Dunkelheit geöffnet, ein fackelbeleuchteter Ort für eine Glühweinpause oder heiße Schokolade.

Das Orangerieschloß ist das letzte im Park Sanssouci errichtete Gebäude und beeindruckendes Beispiel für die Bauten Friedrich Wilhelms IV., des „Romantikers auf dem Thron”. In den Pflanzenhallen stehen die Exoten und harren auf den Brandenburger Sommer. Italiensehnsucht pur, entstanden zwischen 1851 und 1864. Innen hängen die Kopien der Gemälde Raffaels, sie warten bis sie sich wieder zeigen dürfen. Die Orangerie ist eine wahrhaft italienische Kulisse. Nur Heinrich Heine, der nicht etwa im Winter, sondern im Frühjahr 1829 in Potsdam weilte, zeigt sich kritisch und notiert im Mai: „Vorgestern war ich in Sanssouci, wo alles glüht und blüht, aber wie! Du heiliger Gott! Das ist alles nur ein gewärmter, grünangestrichener Winter, und auf den Terrassen stehen Fichtenstämmchen, die sich in Orangenbäume maskiert haben.“
Wir schauen hinunter in das Wintermärchen.  Der Park liegt unter uns, eine doppelte und geschwungene Treppenanlage führt über Terrassen großartig hinauf.
Auch das Wasserbassin hier oben ist gegen den Frost abgedeckt. Auf die Schneedecke hat jemand in großen Buchstaben “Corona” und “Victoria” geschrieben. Wir fragen uns, wie dieser jemand gefahrlos auf das Becken stieg. Ein Wunsch und eine Möglichkeit, zwei Namen. 
Linkerhand liegt Bornstedt. Wir gehen geradeaus und stehen am Besucherzentrum vor der Historischen Mühle. Die Straße und ein Großparkplatz unterbrechen die fast bruegelsche Winterlandschaft. Dafür gibt‘s hier ein offenes WC und wir brauchen diesmal dafür keine Odyssee. 
Gegenüber steht die Historische Mühle von Sanssouci, die Rekonstruktion einer 1787 bis 1791 unter Friedrich Wilhelm II. erbauten Holländerwindmühle vom Typ Galerieholländer.  Auf der anderen Seite liegt erhaben der Ruinenberg, der tut als sei er römisches Italien und ist doch nur ein Teil des Wasserwerks zum Betrieb der jetzt so stillen Großen Fontäne vor dem Lustschloß. Sans.souci. 

Schloß Sanssouci im Winter

Wir gehen über die Maulbeerallee und wieder in den Park hinein, vor uns liegt hinter Säulenkolonnaden der Ehrenhof. Von hier führt der Eingang in ein im Winter bitterkaltes und jetzt verschlossenes Schloß. Gleich vor der Mauer rechts geht’s zu den Neuen Kammern. Der Weg hinunter ist hier abgesperrt, doch unser Blick schweift über dieses Gästehaus. Durch den Hain der Kirschbäume gehen wir nach dieser großen Runde wieder vor zum Schloß Sanssouci. Die Schlittenbahnen rechts und links der Haupttreppe sind nicht mehr wie neu, doch noch gleiten die Kufen übers Eis. Auf den Terrassen stehen schneegezuckert Eiben und an der Mauer wachsen die berühmten Feigen und der Wein. Die Feigen hinter Fensterscheiben sind frisch beschnitten und die ersten Triebe sprießen schon. Die Flächen davor sind ganz weiß spurlos unberührt. Ein Paar in Winterjacken beginnt zu einer imaginären Musik zu tanzen, schneeweiße Spuren eines Contredance. SANS, SOUCI.

Durch das Grüne Gitter erreichen wir die Stadt und nehmen den uns bekannten Weg zurück zum Bahnhof Potsdam. 

Das waren die Reisefrequenzen. Heute ohne Sorgen im Park von Potsdam SANS, SOUCI.

Wo: Potsdam
Was: Ein Winterspaziergang vom Potsdamer Hauptbahnhof zum Grünen Gitter und durch den Park von Sanssouci. Im Winter in gutem festen Schuhwerk.
Food: Eine Pause am Drachenhaus, zur Zeit am Wochenende nach 12 Uhr. Wer nach aller italienisch-englisch-preußischer Kunst Lust auf mehr Exotik hat: De Levante, das syrische Restaurant in der Gutenbergstraße 103
♥️ Unser Lieblingsort: Park Sanssouci. Der Weg vom Belvedere zur Orangerie, ein wenig abseits.
🗝 Wir führen Euch und Sie gerne durch Potsdam und viele andere Orte der Reisefrequenzen.

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