Ribbeck. Üppige Früchte. Birnen für alle.

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Ribbeck. Üppige Früchte. Birnen für alle.
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Hallo! Hier geht’s zu den Reisefrequenzen. In die Ferne hören.
Oder: Nah ist’s auch schön.

Wir nehmen Sie mit, so wir wie es immer getan haben, zu unserem heutigen Ziel. Nach Ribbeck, zu den Birnen im Havelland. Theodor Fontane, der unermüdliche und nie wandernde Chronist der Mark Brandenburg verfasste 1889 sein berühmtes Gedicht.
“Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn’s Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll.
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: »Junge, wiste ‘ne Beer?«
Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb ‘ne Birn.« (…)”

Fontane sei Dank ist Ribbeck bekannt.
Nicht nur zur Herbsteszeit kommen Gäste hereingeschneit.
Denn auch im restlichen Jahr ist Ribbeck wunderbar.

Die Autorin als Dichterin, ein Versuch.
Ohne Theodor Fontanes Gedicht über den alten und sterbenden Herrn von Ribbeck, der seinem habgierigen Sohn trotzt und an die Kinder des Dorfes denkt, wäre Ribbeck im Havelland wohl kaum in aller Munde. Das Gedicht erinnert an Hans Georg von Ribbeck, mit siebzig Jahren ist er 1759 gestorben.
In einer kleinen Umfrage unter uns ermitteln wir dilettantisch den Bekanntheitsgrad des gereimten Textes. Die süddeutsche ältere Dame zitiert alle Strophen auswendig, für die Augsburger Freundin hat das Gedicht immer „den Norden“ symbolisierte. Die seit Jahrzehnten in Deutschland wohnende Mexikanerin kennt die erste Strophe, die Berlinerin hat es mit den Töchtern gefühlte hundertmal als Schulstoff geübt, die Thüringerin bildet das Fragezeichen. Wenige Tourismusmanager sind so erfolgreich wie Theodor Fontane.

„Wiste’ne Beern?“ flüstert es aus allen Ecken. Das märkische Angerdorf hat sein Thema gefunden. Wir gehen auf Erkundung. Vor der lachsfarbenen und mehrfach umgebauten Dorfkirche beginnen wir mit einer Fontane-Ribbeckschen Andachtsminute. Hier steht der Birnbaum. Genauer, hier steht ein Birnbaum der nach vielen weiteren Jahren als der einzig Wahre eine gute Figur machen wird. Der Birnbaum den Fontane sah, er steht nicht mehr. Am 20.02.1911 wurde er vom Sturm gefällt. Der Stumpf ist heute in der Kirche. In den 70er Jahren wurde ein Bäumchen nachgepflanzt, später dessen Wuchsform, Standort und Sorte bemängelt. Im Jahr 2000 wurde erneut nachgepflanzt, diesmal direkt vor der Kirche zu sehen. Wir schauen in den neuen Baum. Selbst jetzt, im hohen Herbst, hängt er voll kleiner grüner Birnen, während alle anderen der vielzähligen Ribbecker Birnbäume längst abgeerntet sind. Als spätherbstliches Wunder wächst eine „Römische Schmalzbirne“. Welch unpoetisch fremder Eindringling. Doch von gleicher Sorte wird auch der ursprüngliche Baum gewesen sein, der damaligen Kälteperiode entsprechend hartgesotten. Ein fruchtbringender süßer Römer in der Mark.

In diesem Moment kommt Fontane vorbei. Zumindest sieht der Schauspieler Gernot Frischling in Frack und Zylinder ihm sehr ähnlich. Wir tauchen ein in die Geschichte. Die Ribbecks sind seit 1375 auf Ribbeck ansässig, ein Vorfahre Henricus de Ritbeke wird bereits 1237 erwähnt. Das berühmte Gedicht gedenkt an Hans Georg von Ribbeck, der in einem Vorgängerbau des heutigen Schlosses lebte und ein nobler barocker Herr war. Kurz zuvor konnte sein Vater, der kurfürstliche Kammerrat, ein prächtiges Haus in der Berliner Stadtmitte direkt neben dem Stadtschloss als Prestigebau finanzieren.
Der Birnbaum wächst 1875 aus der Feder einer Frau. Auguste Hertha von Witzleben, Nachfahrin der Ribbecks, schreibt ein Gedicht über Hans Georg und die Birnen. Daraus macht gute zehn Jahre später der Neuruppiner Lehrer Karl Eduard Haase eine Erzählung. Fontane greift die Idee auf und nutzt sie zur Zweitverwertung.
Bis 1947 bleiben die Ribbecks Herren auf Ribbeck. Dann werden sie enteignet.


Alles in Ribbeck steht auf Birne. In der alten Brennerei, die wieder der Familie Ribbeck gehört, werden die Früchte der tausend neu gepflanzten Bäume zu Schnaps gebrannt und zu Essig vergoren. Der Ribbäcker stellt Picknickkörbe für ein Gelage im alten Gutspark bereit und im Alten Waschhaus, in dem die geweißte Wäsche durch den Raum flattert, gibt es die gerühmte Birnentorte. In Ribbecks Gärten wachsen die verschiedensten Birnensorten an geraden und schiefen, an großen und kleine Bäumen. Und in den ländlich stylishen Lokalen verlockt ein vielfältiges Birnenangebot.
Doch zunächst setzen wir unsere Dorfrunde fort. Die große Scheune, 75 Meter lang und 14 Meter hoch, ist wieder hergestellt. 1844 wurde sie in Kalk-Pisé-Weise errichtet, einer im Märkischen selten erhaltenen Bauweise einer Stampfwand aus Sand und Kalk. Sie wurde als Teil des Wirtschaftshofes für die Lagerung der gesamten Dorfernte gebaut. Nachdem sie viele Jahre bröckelte, ist die „Kulturscheune“ nun saniert und auch in CoronaZeiten für Veranstaltungen groß genug.

Im Herbst locken die duftenden reifen Früchte, im Frühjahr die blühenden Streuobstwiesen und im Sommer nisten die Störche auf den Dächern der Häuser. Das Angerdorf ist zu jeder Jahreszeit malerisch und fruchtig.
Im Birnengarten hinter der Brennerei wächst die „Schweizer Wasserbirne“, einige Früchte liegen noch im Gras und schmecken wie sie heißen. Nebenan beobachten wir die „Gute Luise von Avranches“ und die „Köstliche von Charneu“ im Duett. „Madame Verte“ hat sich dazugesellt und die „Conferencebirne“ managet das Meeting. Dazu reicht die „Kongreßbirne“ die „Oberösterreichische Weinbirne“. Schon die Namen sind eine illustre Gesellschaft und ein kleines Paradies.
Wir kehren durch den Pfarrgarten zurück. Zwischen niedrigen Buchsbaumhecken blühen noch die letzten Rosen. Ein fast verwunschener und sehr gepflegter Ort. Etwas versteckt steht schon eine Weihnachtskrippe aufgebaut und an einem Baum hängen tönerne Birnen mit guten Wünschen für frisch verheiratetes Glück.


An der Backstube des Ribbäckers vorbei kommen wir zur Alten Schule. Sie wurde 1841, als von berühmten Birnen noch keine Rede war, im Auftrag des Herrn von Ribbeck für die Kinder seiner Landarbeiter gebaut. Wir schauen kurz hinein. Ein Schulmuseum rechterhand und ein Café linkerhand. Im alten Klassenzimmer stehen die historischen Schulbänke, die ältesten haben schon mehr als 150 Jahre auf dem Buckel. Schiefertafeln und Kreide liegen bereit, Tintenfässer stehen in kleinen Vertiefungen und die Schulranzen hängen ordentlich an Haken an der Wand. Als seien die Schüler nur kurz zur Pause hinaus auf den Dorfanger gerannt. Der in sanft-bräunliches Licht getauchte Raum erinnert an Erzählungen unserer Eltern und Großeltern. Es riecht leicht muffig nach vielen Jahren büffeln. Noch bis 1968 lernten die Ribbecker in dieser Schule. Auf den Fotos, die an den Wänden hängen, sehen manche Kinder ziemlich frech aus, andere sind eher traurig, lustlos oder angestrengt. In den Regalen liegt ein Fundus historischer Schulbücher. Im Nationalsozialismus wurden im Fach Rechnen die Panzerzahlen addiert und ab 1941 galt die uns geläufige lateinische „Normalschrift“ im Schönreiben. Der zweite Klassenraum ist ein Café, es gibt Buchstabensuppe und Dorflehrerstulle und einen mittelmäßigen Birnenkuchen. Auf der Speisekarte in einem Schulheft sind Rechtschreibfehler mit roter Tinte korrigiert und zum Weiterlernen gibt es in der Schule ein buntes Angebot.

Ribbeck wäre ohne den spendablen Ribbeck ein recht gewöhnlicher märkischer Flecken. Die Bundesstraße 5 nach Hamburg führt mitten hindurch. Früher einmal war sie die Transitstrecke. Wachsame Posten standen an den Zufahrten zu den sandigen Seitenstraßen und sowjettypische Betonelemente sperrten das Dorf ab. Lange schon Geschichte.

Schloss Ribbeck mit der Skulptur Havel
Das Schloss mit der Skulptur “Havel” im Vordergrund

Der größte Bau im Dorf ist das neobarocke Schloß, errichtet 1895. Da war Fontane schon fort, er kannte nur den Vorgängerbau. 1947 wurde Familie Ribbeck enteignet und das zweigeschossige Haus seines Schmuckes beraubt als grau verputztes Altenpflegeheim genutzt. Nach jahrelangem Rechtsstreit wurde 1999 ein Vergleich geschlossen. Die Ribbecks verzichteten auf Rückübertragung und erhielten eine formale Berechtigung und Entschädigung nach dem Vermögensgesetz wegen Enteignung durch die Nationalsozialisten. Das Schloß Ribbeck ist Eigentum des Landkreises Havelland und wurde für 5,6 Millionen Euro saniert.
Es ist renoviert und hellbeige gestrichen. Vor dem Schloß liegen die dunklen Frauen der Figurengruppe “Havel” von Knuth Seim. Im Inneren wartet die Ausstellung über Baugeschichte, die Kulturgeschichte der Region und selbstverständlich über den Reisenden Theodor Fontane heute vergeblich auf uns. Wir ignorieren die interessanten Exponate bei diesem strahlend schönen Herbstwetter. Im Schlossgarten, der doch nur ein großer Platz ist, haben alle 16 Bundesländer je einen Birnbaum spendiert. Rheinland-Pfalz hat sich für die „Frühe von Trevoux“ entschieden, Thüringen für die „Nordhäuser Winterforelle“. Die Birne “allerersten Ranges” wie es uns ein Obstbuch von 1806 erklärt, hat auf der Schale Punkte wie der Fisch. Forellenbirne. Bremen wählte die „Pastorenbirne“ und Berlin vielsagend die „Flaschenbirne“.
Das heutige neue Haus der Ribbecks steht dem Schloß gegenüber und erinnert mit dem Krüppelwalmdach und der Anordnung der Fenster wohl an das herrschaftliche Haus, das einst Fontane kannte.
Fast versteckt hinter einer Pforte befindet sich der kleine Friedhof, einst für drei tote Kinder angelegt. Für Ernestine, Hans Georg Friedrich Werner und für Margarethe, gestorben innerhalb einer Woche. An Dipheterie. Auf dem Friedhof liegen die Gräber der Ribbecks aus dem letzten Jahrhundert und ein Granitgedenkstein für den letzten Herrn auf Ribbeck.
Hans Georg Karl Anton von Ribbeck wurde 1944 unter nicht ganz geklärten Umständen verhaftet und im Frühjahr 1945 im KZ Sachsenhausen umgebracht. Er war, so ist zu lesen, ein überzeugter Monarchist und NS-Gegner und wurde, so bleibt hier umkommentiert, als „Feind des Volkes“ ermordet.

Auf der anderen, gegenüberliegenden Seite der Bundesstraße 5 herrscht gewöhnliche märkische Normalität. Die große Ausnahme ist der neogotische Schafstall, Bauästhetik für das Vieh. Heute werden hier Gästezimmer im Landhaus Ribbeck angeboten und das namentlich leicht irritierende Café Monet.
Wir hören die Kraniche übers Luch ziehen und gehen auf dem Weg zum Parkplatz. Auf Tischen mit Kassen des Vertrauens werden Kürbisse und frische Blumen verkauft und, wen überrascht es noch, natürlich Birnen. Birnen, die nicht so aussehen, als seien sie aus Brandenburg, auch nicht nach einem eingewanderten Römer. Verdeckt unter der Tischplane wartet der Nachschub in Plastikverpackungen aus dem Supermarkt, die Netze drumherum noch fest verschlossen. „Der neue freilich, der knausert und spart,“ (Theodor Fontane. Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland)

Ein Besuch in Ribbeck ist wie ein aufgeschlagenes Bilderbuch.

Für die Bildung, um die Schönheit eines märkischen Dorfes kennenzulernen, um entspannt unter einem Birnbaum zu liegen, um Leckereien zu genießen, um Birnen in ihrer Vielfalt zu erkunden. „So spendet Segen noch immer die Hand – des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“.

Ribbeck. Üppige Früchte. Birnen für alle.


Wo: Ribbeck
Was: Das Dorf, das Schloss, die Brennerei, die Alte Schule, das Alte Waschhaus, der Ribbäcker, das Theater, die Gärten.
Inspiration: Theodor Fontane. Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.
Fontane ist tatsächlich fast nie gewandert. Seine Ziele hat er mit der Eisenbahn und der Kutsche erreicht.
Friedrich Christian Delius. Die Birnen von Ribbeck
♥️ Unser Lieblingsplatz: Der Birnengarten und der Pfarrgarten, bei Sonnenschein mit Picknick.

Das waren die Reisefrequenzen, heute in Ribbeck. Nah ist’s auch schön.

6 Gedanken zu „Ribbeck. Üppige Früchte. Birnen für alle.“

  1. Eine wunderbare Überraschung das ” Ribbeck im Havelland” so bunt erzählt kennen zu lernen! Nun werde ich jede Birne genauer betrachten und kosten. Mich beeindruckt auch die mittels Bauten und Einrichtungen erzählte Fürsorge der Familie Ribbeck für die Dorfbewohner. Danke, dass ich vieles in heutigem Zustand sehen kann. So gewinnt das altbekannte Gedicht von Fontane Gestalt.
    Alles so schön erzählt , vermittelt auch mir zuhause ein vielgestaltiges Bild vom sagenhaften Ribbeck im Havelland!

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    • Hallo Ellen, danke für Deinen Kommentar! Ich verweigere mich auf den „Reisefrequenzen“ etwas der Schnelllebigkeit und Eile unserer Zeit. Weil sie uns jedoch antreibt, kann man die Texte auch hören. Beim Bügeln, beim Staubwischen, beim Sortieren der Steuererklärung :)…..

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  2. Liebe Marike
    Ich habe grosse Lust einmal Ribbeck zu besuchen. Dass die Bremer einen Pastorenbirnenbaum gespendet haben freut mich. Der Text regt an und macht mich auf einen mir unbekannten Ort (das Gedicht ist bekannt) aufmerksam.
    Auch in unserem Pfarrgarten steht ein riesengrosser alter Birnenbaum, der seine unzähligen saftig aromatischen Birnen jedes Jahr abwirft und viele glücklich macht. Welche Birnensorte es ist will ich mit den noch verbleibenden wenigen Birnen auf dem Markt herausfinden.
    Danke für den so gut geschriebenen Text.

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    • Vielen Dank für den schönen Kommentar! Vielleicht ist der wunderbare Birnbaum im Pfarrgarten auch eine Pastorenbirne? Ich bin gespannt! In Ribbeck fand ich interessant zu sehen, daß die verschiedenen Sorten auch im Wuchs ganz unterschiedlich aussehen.

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