Quedlinburg am östlichen Harzrand ist UNESCO-Weltkulturerbe, eine schmucke Fachwerkperle, Begräbnisplatz eines verschollenen Königs und ein malerischer Entdeckungsort. Zu jeder Jahreszeit lohnt sich ein Besuch zur Erkundung von Schlossberg und Stadt.
Über 2000 farbenfrohe Fachwerkhäuser säumen die breiten Plätze und schmalen Gassen von Quedlinburg. Das älteste erhaltene Ständerfachwerkhaus stammt aus dem 14. Jahrhundert und in den folgenden Jahrhunderten haben die Quedlinburger weiter am schmucken Fachwerkhäusermeer ihrer Stadt gebaut. Über allem thront der Schlossberg. Oben auf dem schroffen Sandsteinfelsen stehen die romanische Stiftskirche St. Servatii mit ihren dunklen Türmen und das dreiflügelige helle Renaissanceschloss. Im hübsch angelegten Schlossgarten kostet ein steinerner Knabe neben blühenden Rosen und duftende Heilkräuter die Fülle der Trauben. Der fantastische Ausblick reicht über die Dächer der Stadt bis weit in die Ferne.
Inhalt:
1. Der Quedlinburger Marktplatz
und seine Umgebung
2. Vom Marktplatz gen Osten bis zur Neustadt
3. Vom Markt zum Schlossberg
4. Auf dem Schlossberg von Quedlinburg
5. Der Münzenberg
6. Tipp: Friedhof St. Wiperti
Quedlinburg nimmt im Wettbewerb aller schönsten Fachwerkstädte einen der ersten Plätze ein. Meine Befürchtung, in der herausgeputzten Stadt ein kitschiges Ambiente zu erleben, stellte sich schnell als falsch heraus. Im blendend restaurierten Flair vergangener Jahrhunderte gibt es viel zu entdecken.


Stadtrundgang durch Quedlinburg mit Tipps
zum Genießen
Vom steinernen Roland am Marktplatz zum Schlossberg und dem leeren Grab Heinrich I.
- 1. Der Quedlinburger Marktplatz und seine Umgebung
1289 wurden die Baustämme für den Dachstuhl gefällt, seitdem steht das mehrfach um- und angebaute gotische Rathaus markant am Marktplatz von Quedlinburg. In den Blumenkästen vor der grünberankten Fassade blüht kräftiges Rot. Früher sollten die vor den Fenstern gedeihenden wohlriechende Kräuter den Stallgeruch aus den dahinterliegenden Amtsstuben vertreiben. Das Stadtwappenfenster aus der Glasmalereianstalt Ferdinand Müller, geschaffen 1901, strahlt im Treppenhaus der Werksteinbaus.


Vor dem Quedlinburger Rathaus steht die Skulptur des Rolands. Als Symbol städtischer Freiheiten und Rechte wurde sie 1460 in einer Rechnung des Rates erstmals erwähnt. In einem Machtstreit zwischen Stadt und Stift zerschlug die Äbtissin des Klosters den stolzen Roland. So verschwand er 1477 und wurde erst 1869 neu aufgestellt.
Neben dem Rathaus lockt das Boulevard Café mit leckeren Kuchen und einer entzückenden Schaufensterdekoration. Zwischen beiden Gebäuden führt der Hoken in dem einstmals die Krämerbuden standen direkt auf das Angebot der frisch zubereiteten Quedlin-Burger zu.



Über den Marktplatz von Quedlinburg wacht die 1173 geweihte Marktkirche St. Benedikti. Ihre unterschiedlich hohen Türme wurden 1901 nach einem verheerenden Brand wieder aufgebaut.
Hinter der Kirche steht am Marktkirchhof das frühbarocke Goetzsche Mausoleum als sei es ein eigenes kleines Haus. Ursprünglich stand das Grab auf dem nicht mehr existierenden Friedhof, nach dessen Auflösung blieb es allein am Ende einer Häuserzeile stehen. Wir sind am Kornmarkt angekommen. Bistro und Biergarten Ruinenromantik laden zu Drinks und abwechslungsreichen Pannini in die ruinösen Reste eines in der Silvesternacht vor 20 Jahren abgebrannten Adelspalais aus dem 16. Jahrhundert ein. Davor erzählt ein von Bernd Göbel gestalteter Brunnen Quedlinburger Geschichten. Der Hund Quedel ist das Wappentier seit 1570 und springt hier flix von dannen. Dorothea Christiane Erxleben war die erste deutsche Ärztin, Friedrich Gottlieb Klopstock ein berühmter Dichter. Die Alte und die Junge kümmern sich um die berühmte Quedlinburger Saatzucht und Mathilde mit Heinrich und Enkelin Mathilde gründeten Stadt und Stift.
In der Marktstraße lasse ich mich von Katrin Ruhnaus gefalteter und gedruckter Kreativität im Papier im 7. Himmel zum Einkaufen verführen und anschließend bummeln wir durch die Hinterhofläden des Quartier 7.



Zurück am Markt scheint uns als würden wir am Brunnen die Töne der Münzenberger Musikanten hören. 1976 hat Wolfgang Dreysse die Figurengruppe der vier fröhlichen Bläser geschaffen. Das lebenslustige Straßenmusikantenquartett erinnert an die Münzenberger, die seit 1580 auf dem Münzenberg außerhalb der Stadtmauern wohnten. Sie waren Ausgeschlossene, Nichtsesshafte, Bettler und Kleinkriminelle die für Musik und Fröhlichkeit unten in der Stadt sorgten.
Am Markt können Besucher in der Stadtinfo und der Quedlinburg-Info Auskünfte erfragen und Stadtführungen buchen.
- 2. Vom Marktplatz gen Osten bis zur Neustadt
Von der Breiten Straße am Marktplatz führen mehrere Wege in die vor über achthundert Jahren östlich der Quedlinburger Altstadt im damals sumpfigen Gelände gegründete Neustadt.
Am Ende der Stieg steht mit der Nr. 16 das prachtvoll zartrosa Fachwerkhaus, im 17. Jahrhundert wohnte hier der kluge Stadtschreiber Christoph Nicolai. In das Gebälk ließ er in seltener Mehrsprachigkeit griechische, lateinische und deutsche Inschriften einstechen.
Die dunkle schmale Jüdengasse beginnt zwischen fensterlosen Mauern ungenutzter Speicher und eines ehemaligen Klosters. Einst mussten die in ihren Rechten stark eingeschränkten Juden ausschließlich in dieser Gegend wohnen, nach 1824 eröffneten sie im Obergeschoß des Speichers eine Schule. Ab 1933 wurden die jüdischen Bürger Quedlinburgs vertrieben, deportiert und ermordet. Eine Gemeinde existiert nicht mehr.
In der nordöstlichen Bockstraße mit ihren stolzen Fachwerkhäusern werden im Puppentheater cirqu^onflexe Geschichten gespielt und Kurse zum Figurentheater angeboten. Das Café Wirbelwind serviert ein frisches Frühstück und für alle die sich weiter in die Ferne träumen liegt der Shop Little Finland gleich nebenan.


Bunt, malerisch und instagrammable lockt der Schuhhof gegenüber vom Rathaus direkt in die Hölle. Hier arbeiteten früher die Flickschuster und Schuhmacher. Das fertige Schuhwerk handelten sie direkt über die Fenstertheken ihrer Handwerkerhäuser. Vorbei am Restaurant Himmel und Hölle mit der Spezialität Flammkuchen schlendern wir weiter durch die Hölle. Woher der ungewöhnliche Straßenname stammt bleibt im Dunkel der Geschichte. Möglicherweise geht der Wortursprung auf plattdeutsch „helde“ für „abschüssig“ zurück. In der angrenzenden Pölle wurde Johann Christoph Friedrich GutsMuths, Lehrer und Erfinder der schulischen Leibesübungen, 1759 geboren. Etwas östlich verläuft der Mühlgraben dessen Arme eine Insel mit dem Namen „Zwischen den Städten“ bilden. Dahinter beginnt die planvoll angelegte Neustadt, in der Mitte steht seit 1222 die Kirche St. Nikolai.


- 3. Vom Markt zum Schlossberg
Wir schlendern zurück zum Markt und starten unseren Weg zum Quedlinburger Schloßberg.
An der Kulturkirche St. Blasii streifen wir mit unseren Fingern über tiefe Kratzspuren und runde eingeschabte Löcher in der steinernen Fassade neben den Kirchentüren. Sie stammen aus vergangenen Zeiten als Menschen an die Wunderwirkung dieses speziellen Steinstaubs glaubten und werden Wetzrillen genannt. Im Innenraum der 1222 erstmals erwähnten Kirche St. Blasii zu Quedlinburg überrascht uns die barocke Ausstattung aus unbemaltem Holz. Nur der farbig gefasste Kanzelaltar leuchtet in orangegoldenen Farben. Mich fasziniert das durch Türen zwischen den Bänken mehrfach unterteilte Kirchengestühl. Wo zwei oder drei zusammenkommen sollten sie doch besser nicht zu dicht beisammen sein.



Rechts vor der Kirche wird eine riesige Magnolie von Holzpfählen gestützt. „Ein großer Ast ist abgebrochen, er ist zu schnell gewachsen. Die weißrosa Blüten sehen aus wie große Tulpen“ erzählt uns der Kirchenwärter während er überlegt, ob die Blüten Tulpen ähneln.
Am Ende der Blasiistraße steht im überdachten Hof der Privatbrauerei Lüdde das kupferglänzende Sudwerk. Der Gastraum sieht gemütlich aus, es riecht nach frischem Bier.
Ein kurzer Abstecher bringt uns zur Steinbrücke und dem auffällig dekorierten ehemaligen Haus der Gas-Wasserbetriebe von 1897. Hinter der Brücke beginnt die übliche städtische Einkaufswelt von Fielmann bis Kind Hörgeräte.
Wir biegen in die Wordgasse ab, deren Namen auf den einst feuchten Grund verweist. Zeit für Eis. Der Quedlinburger StiftsGarten bietet in einem idyllischen Hinterhof über 20 Sorten an. Fast noch mehr als das sehr leckere Speiseeis fasziniert mich die eigentliche Produktpalette des Quedlinburger StiftsGarten, das Saatgut. Im Laden ist die Auswahl imposant, über 1000 Sorten Sämereien werden in den Regalen angeboten. Ein Paradiesgarten in Tüten. Ich entscheide mich für Kohlrabi frostsicher und schossfest bevor ich begeistert abgelenkt an der Kasse meine Kamera vergesse. Die aufmerksame Verkäuferin hat sie glücklicherweise gleich konfisziert.
So kann ich das älteste Hochständerhaus in Deutschland gebührend im Bild festhalten. 1346/47 wurde es aus Nadelholz errichtet und seitdem mehrfach umgebaut. Heute ist es Deutschlands einziges Fachwerkmuseum mit Informationen zu Fachwerkbau und Restaurierung.
Zwischen dem hübsch bepflanzten Mühlengraben und der Stadtmauer steht vierflügelig ein Quedlinburger Adelshof wohl seit dem 13. Jahrhundert. Seine Gebäude aus dem 16. Jahrhundert werden derzeit (2024) noch saniert. In der Hofmitte steht als Wahrzeichen ein mächtiger Taubenturm auf seinem Sandsteinsockel. Auf dem rückwärtigen Parkplatz machen gerade die rumänischen und polnischen Facharbeiter eine Pause.
Am Carl-Ritter-Platz erfahren wir mehr über die Geschichte der Quedlinburger Samenzucht. Über 50 Saatgut- und Vermehrungsbetriebe nutzten bis zum 2. Weltkrieg die fruchtbare Erde der Umgebung als ertragreichen Wirtschaftsfaktor.
Da Quedlinburg die Industrialisierung verschlafen hat, blieben die Fachwerkäuser stehen. 1962 wurden große Teile Quedlinburgs unter Denkmalschutz gestellt, doch der Verfall der alten Bausubstanz ging trotz Verwendung von Materialien abgerissener Häuser aus Halberstadt scheinbar unaufhaltsam weiter. Zur Wende waren geschätzte 400 Fachwerkhäuser in der Stadt unbewohnbar, heute kann ich mich nicht satt sehen an der Quedlinburger Fachwerkschönheit.



Wir folgen in der Carl-Ritter-Straße den Stadtmauerresten und knicken beim Restaurant Fischkaten in die Lange Strasse ab. Langsam beginnt der Aufstieg. Im Schaufenster der Manufaktur Keks-Art türmen sich die Leckereien, süße Versuchung ohne Schnick-Schnack aus einer Bäckerei mit über 100 Jahren Erfahrung und Tradition. Die freundliche Verkäuferin zeigt uns die alte Backmaschine und nennt den Laden das Event-Standbein einer „ganz normalen Bäckerei für Brot und Kuchen“. Hier gibt es abgepackt in durchsichtigen Tüten die Keks-Klassiker zum Überstehen der nahen Winterzeit.
Vorbei am Pfannkuchencafé Kaiser und seiner Fensterwerbung „Die Welt is(s)t eine Scheibe“ erreichen wir den Finkenherd. Der seltsamen Straßenname bezeichnet einen mittelalterlichen Vogelfangplatz auf dem auch Herzog Heinrich seiner liebsten Beschäftigung der Singvogeljagd nachging. Ob ihm tatsächlich hier die Königskrone angeboten wurde gehört vielleicht ins Reich der Legenden. Tatsächlich wird er im Jahr 919 ostfränkischer und damit erster deutscher König.
Ein paar Schritte weiter sind im Museum Lyonel Feininger Druckgrafiken des Künstler ausgestellt. Der Quedlinburger Hermann Klumpp, Kunstsammler und Freund Familie Feiningers, hat vor der Emigration des Künstlers 1937 auf dessen Bitte Grafiken und Ölgemälde in Obhut genommen. Nach Ansprüchen der Erben, Prozessen, Geldinteressen und Staatssicherheit sind die Ölgemälde im internationalen Kunstmarkt aufgeteilt und die Druckgrafiken dank Hermann Klumpp im weltweit einzigen Feininger Museum ausgestellt.



Im Garten des lauschigen Gartencafés Papileo machen wir eine Pause. Das Literaturmuseum Klopstockhaus besuchen wir beim nächsten Mal, das Wetter war zu schön.
Hinauf zu Schloss (derzeit geschlossen 2024) und Stiftskirche St. Servatii führt der Weg über den Schloßberg und die Stufen der Pastorentreppe (Umleitung aufgrund von Bauarbeiten 2024). Oben blühen noch die Rosen und dunkle Trauben reifen. Der Blick reicht über die Stadt ins weite Land.



- 4. Auf dem Schlossberg von Quedlinburg
Auf dem Schlossberg stehen Stiftskirche und Stift Quedlinburg als Nachfolger einer Burganlage. Die zwischen 1070 und 1129 erbaute St. Servatii Kirche gehört zum UNESCO-Welterbe und ist ein beeindruckender hochromanischer Raum im niedersächsischen Stil. 936 wurde in der damaligen Pfalzkapelle der erste deutsche König Heinrich I. von seiner Witwe Mathilde und Sohn Otto begraben. Später wurde die Kapelle umgestaltet, eine erste Kirche brannte ab und schließlich in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts der heutige Dom errichtet. Im 14. Jahrhundert hielt der neue Stil der Gotik Einzug in den hohen Chor, heute scheint der Ostabschluß des Domes romanisch. Der pseudo-romanische Rückbau ist das Werk nationalsozialistischer Funktionäre. Für Heinrich Himmler, Reichsführer SS, wurde der Dom baulich in das 11. Jahrhundert versetzten und angeblich die Gebeine Heinrich I. in einem Sarg aufgetrieben. Heinrich Himmler verstand sich als Inkarnation Heinrich I.. Den Dom ließ er unter Entfernung aller religiösen Symbole in eine NS-Kultstätte verwandeln. Nach dem Einmarsch der US-Amerikaner feierte die evangelische Gemeinde ab Juni 1945 wieder Gottesdienste in St. Servatii.
In der Krypta liegen die Königsgräber von Heinrich und Mathilde. Auf das Grab ihrer Enkeltochter Äbtissin Mathilde hat jemand ein paar Blumen gelegt. Hinter einer Tür wird der kostbare Domschatz gezeigt, der Kassenwärter hat uns dezidiert darauf hingewiesen – und sich über die langsame Restaurierung des Stifts nebenan durch die Stadt beschwert (2024 geschlossen). Im schummrigen Dunkel werden goldenen Reliquienkästen und das Samuhel-Evangeliar als Prachthandschrift aus dem 13. Jahrhundert aufbewahrt. Ein Glanzstück ist der Kamm Heinrich I. der wohl nie das königliche Haar berührte.
Neben der Kirche steht das Stift Quedlinburg. Auf Betreiben Mathildes, Heinrichs Witwe, wurde es als hochadeliges Damenstift gegründet. Eng verbunden mit den ottonischen und salischen Kaisern war es ein Ort der Erinnerung an den ersten deutschen König und seine Nachfahren.
Ohne Stift, Dom und die bedeutende königliche Grablege wäre Quedlinburg vielleicht niemals mittelalterlich bedeutsam geworden. Der Standort in einer sehr fruchtbaren Gegend nicht weit von den Bergwerken im Harz entfernt wurde früh von wichtigen politischen Akteuren dominiert. In einer Urkunde aus dem Jahr 922 schenkt Heinrich I. die „Villa, die Quitlingaburg genannt wird“ seiner Frau Mathilde als Morgengabe.
Später genießen wir den Sonnenuntergang und die ruhige Abendstimmung auf dem Schlossberg über den Häusern von Quedlinburg.


- 5. Der Münzenberg
Gegenüber des Schlossbergs erhebt sich der Münzenberg. Wir steigen durch menschenleere, fast autofreie Gassen hinauf und gewinnen zwischen blumengeschmückten Hauseingängen und einem Schönheitswettbewerb der Gartenzwerge den Eindruck einer anderen Welt. Eine Bäckerin sagt uns freundlicherweise, dass der einzige Sitzplatz für Gäste in ihrem Laden heute in der heißen Sonne liegt. Einst haben hier außerhalb der Stadtmauern die fahrenden Leute, Bettler, Musiker und Kesselflicker gelebt. Im Mittelalter soll das fast verschwundene Kloster St. Marien in Höhe und Gestalt dem gegenüberliegenden Stift Konkurrenz gemacht haben. Nahe der stadtseitigen Haupttreppe öffnet sich unerwartet ein steinernes halb unterirdisches Refugium. Bis heute sind die Grundmauern einer ottonischen Basilika samt Apsis, Quer- und Langhaus erkennbar. Das 986 für den in Italien verstorbenen Kaiser Otto II. gegründete Benediktinerinnenkloster wurde 1536 mit der Reformation aufgelöst, zweckentfremdet, abgerissen und die Steinen in den kleinen damaligen Hütten verbaut. Erst 1994 wurden wesentlich durch Siegfried Behrens die verblieben Mauern der Kirche wieder entdeckt. Wir beugen uns über eines der in situ liegenden mittelalterlichen Skelette als aus dem Dämmerlicht des Gewölbes die Wärterin auftaucht. Sie beginnt spannend zu erzählen und findet kein Ende. Früher hat sie mit ihrer Familie hier gewohnt, die Existenz einer Kirche und der mehr als 60 Gräber war unbekannt. Die Krypta war ihr Partykeller, gemütlich und praktisch schallisoliert. Sie schwärmt vom Zusammenhalt der Münzenberger und davon, dass sich seit Neuestem auch Quedlinburger auf die Anhöhe trauen.

Wir schlendern durch die Straßen. Eine Frau schneidet Zweige von ihren über den Zaun hängenden Rosensträuchern und ihre Nachbarin ruft von gegenüber, ob sie auch eine Tasse Kaffee möchte.
Tipp:
Die romanische St. Wiperti Kirche liegt am Stadtrand von Quedlinburg. Nicht nur die Kirche des ehemaligen Königshofs sondern auch der Friedhof lohnt einen Besuch. In nachreformatorischer Zeit wurden 55 Grüfte in drei Stockwerken übereinander in den Fels geschlagen. Die einzigartige renovierte Grabanlage wird neu belegt und hinter geöffneten Türen stehen die Urnen, der Tod ganz nah. Auf dem Hügel darüber mit schöner Sicht auf Stadt und Schloß Quedlinburg steht ein einfaches Holzkreuz.