Luckenwalde. Die Architektur der Moderne, die Hüte und der Pappteller.

Hallo! Hier sind die Reisefrequenzen. Heute sind wir unterwegs in der kleinen Stadt Luckenwalde, eine gute halbe Stunde südlich von Berlin. Am Rande des Flämings, am Flüsschen Nuthe gelegen. Einst war Luckenwalde das Luch im Walde, die feuchte Stelle. Heute ist es mit der RE 3, der ODEG 6 oder dem Auto problemlos zu erreichen. Wir nehmen Euch mit auf unseren Stadtspaziergang zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Luckenwalde ist einer dieser Orte, vor denen ich den Hut ziehe. Früher war Luckenwalde eine Industriestadt, um die sich ein weiter Bogen lohnte. Inzwischen ist die Luft reiner und die Innenstadt in einer Metamorphose schön geworden. Luckenwalde ist die Stadt der Architektur der Moderne, der gründerzeitlichen Industriebauten und die Stadt der schönen vergessenen Türen. Und Luckenwalde ist die Stadt der ersten Fußgängerzone der DDR, die inzwischen neu und einladend gestaltet ist. Luckenwalde war die wichtigste Stadt der Hutproduktion und der Ort, an dem der Pappteller erfunden wurde. Wir nehmen Euch mit zu den Sehenswürdigkeiten und Geheimnissen von Luckenwalde.

Luckenwalde. Die Architektur der Moderne, die Hüte und der Pappteller.

1. Die kalte Grenze des Eises 

Das Eis ist gebrochen. Einst kam es bis Luckenwalde, in die Stadt an der kalten Grenze. Mitten durch die Altstadt schlängelt sich die Brandenburger Eisrandlage. Diese Linie markiert den südlichsten Vorstoß des Inlandeises während der letzten, der Weichseleiszeit. Genau hier endeten die Gletscher, die ganz Nordeuropa bedeckten. Ein Gedenkstein erinnert an dieses vor etwa 13.000 Jahren auslaufende Naturphänomen.
Wir holen uns erstmal ein frisches Eis aus der Luckenwalder Eismanufaktur in der Fußgängerzone.
Selten habe ich eine so liebevoll angelegte und menschenfreundliche kleine Fußgängerzone, die Breite Straße, gesehen. Es gibt Grünpflanzen, Wasserspiele, Sitzplätze, und zahlreiche verspielte Ideen. Sie wurde in den 1980er Jahren angelegt und steht unter Denkmalschutz. Über der Straße wachen die aufgeständerten Hüte und erinnern an den ehemals wichtigsten Industriezweig der Stadt.

2. Ringelpulli und Webstuhl im Heimatmuseum

Unser erster Weg führt zur Touristeninformation neben der Kirche. Dort gibt es interessantes Material zu unterschiedlichen Themen, Rundgänge und Bücher zur Architektur der Moderne.

Im gleichen Gebäude, einer alten Schule, ist das Heimatmuseum eingezogen. Wir steigen die hölzerne Treppe in die Ausstellung hinauf und sind überrascht. Modern gestaltet, vielfältig, inspirierend, nichts ist verstaubt. Im Eingang hängt ein gestrickter Ringelpulli des Studentenführers Rudi Dutschke im Glaskasten. In einer anderen Vitrine sind Pappteller gestapelt, denn diese fast alltäglich genutzte Fast-Food-Unterlage ist eine Erfindung aus Luckenwalde. Wir erfahren Details über das riesige Kriegsgefangenlager und sehen die gefilzte Jacke eines französischen Häftlings. Architekturzeichnungen namhafter Baumeister der Moderne, die Luckenwaldes Stadtbild prägen, spiegeln das Engagement der damaligen sozialdemokratischen Stadtregierung im „roten Luckenwalde“. Ein Webstuhl ist die Erinnerung an die jahrhunderte lange Tradition der Tuch- und Hutmacherei.
Mit vielen spannend aufbereiteten Informationen gehen wir hinaus in die Stadt.

Luckenwalde. Die Architektur der Moderne, die Hüte und der Pappteller.

Nach dem Regen breitet sich eine gewisse Leere aus. Vor dem geschlossenen Kino treffen wir eine blonde Dame. Sie erzählt uns von den schönen Zeiten, als jeder Film noch 50 Pfennig kostete, als sie an jedem Wochenende vom nahen Dorf in die Stadt kam. Nein, Paul und Paula hat sie nicht gemocht, aber Luis de Funès war ihr Held. Man sagt, die Brandenburger*innen seien verstockt. Wer das behauptet, hat nie mit jemandem gesprochen. 
Am Rande des Marktplatzes steht die Pelikanapotheke, die das Wappentier Luckenwaldes im Namen trägt. Der Pelikan, der seine Jungen wieder zum Leben erweckte, ist das Symbol dieser märkischen Stadt und ein Zeichen der positiven Veränderung. 
Wir schlendern auf den Marktturm und die mittelalterliche St. Johannis-Kirche zu.

Luckenwalde. Die Architektur der Moderne, die Hüte und der Pappteller.

3. Unser Besuch in der St. Johannis-Kirche

Die Tür der backsteinernen Kirche ist offen, wir sind überrascht. Eine Reihe von vier massigen achteckigen Säulen teilt die gotische Halle in zwei Schiffe. Es ist eine ungewohnte Perspektive und auffällig fehlt die strebende Höhe. Hier wurde, beeinflusst durch das nahe Kloster Zinna, nach den strengen Regeln der Zisterzienser in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts der existierende Bau zu einer zweischiffigen Hallenkirche mit Kreuzgratgewölben umgebaut. Den Ordensregeln der Zisterzienser folgend blieb das Kirchenschiff ohne Turm. 
1902 wurde der Bau um ein halbes Joch nach Westen erweitert und ein Westgiebel nach dem Vorbild der Kapelle an der Südseite errichtet.
In einer der hinteren Bänke sitzt der Hüter der Kirche und arbeitet konzentriert am Laptop. Zurückhaltend sprechen wir ihn an und kommen gemächlich ins Gespräch über Geschichte und Geschichten, über digitale Gottesdienste und die Angebote in der Gemeinde. Pastor Steinker erzählt uns spannende Details, wir haben Glück, er nimmt sich Zeit. Faszinierende spätmittelalterliche Wand- und Deckenmalereien wurden 1901 unter alten Farbschichten entdeckt und wir trauen unseren Augen kaum, denn wir sehen dort Hüte. Typisch Luckenwalde. Es sind uns unbekannte Arten von Kopfbedeckungen, aus denen belaubte Zweige und Blumen ranken. 


Die rätselhaften Bilder in den Gewölbekappen stellen verschiedenen Erscheinungsformen der Sünde und ihre negativen Auswirkungen dar. Die Gewächse markieren jeweils das Organ, mit dem der Mensch gesündigt hat und die Sünde aus ihm herauswächst. Wobei die Schau züchtig bleibt. Die Sünde geschieht mit Gedanken, mit Worten, mit Werken erklärt Pastor Steinker. Deshalb sehen wir hier Kopf, Mund und Hand. Auch das Auge kann voller Begierde sündigen und die gierige Sünde macht uns zu Narren. Einige Gesichter haben ihr menschliches Antlitz verloren. Ein Totenschädel mit einer Sanduhr mahnt uns an die eigene Sterblichkeit.
Am östlichen Pfeiler steht farblich gefasst ein Sebastian, an der Nordwand Katharina und links am Triumphbogen ist die Wurzel Jesse aufgemalt. 
In einem kleinen Abstand steht seit dem 12. Jahrhundert der Marktturm neben der Kirche. Vielleicht gehörte er einst zu einer Burg, inzwischen ist er aufgestockt auf 38 m und mit einer barocken Haube verziert. Von oben schweift der Blick in die Weite, angeblich bis nach Berlin. Soweit haben wir dann doch nicht gesehen. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts dient der Turm der Pfarrkirche St. Johannis als Glockenturm. 

4. Die rosa Schule und das rosa Theater. Architektur der Moderne im “roten” Luckenwalde

Von der Kirche aus biegen wir auf unserem Rundgang rechterhand in die Theaterstraße ein. Luckenwalde war eine Stadt der Industrie. 25.000 Einwohner, 26.000 Industriearbeitsplätze bis zur Wende. Die Zeugnisse der rasanten Veränderung von der Ackerbürgerstadt zum Industriestandort an der bereits 1841 eröffneten Bahnlinie nach Berlin sind die ambitionierten Bauten der Moderne und die sozialen Entwicklung zum „roten Luckenwalde“ im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.

Schon Theodor Fontane schrieb in einem Zeitungsartikel 1864: „Luckenwalde ist links. (…) Nicht mehr die Kirche bildet den Mittelpunkt geistigen Lebens, städtischer Interessen, sondern der Schornstein, der Stylit des Gewerbefleißes.“ 
1868 wurde der „Arbeiterverein“ gegründet, von 1919 bis 1933 regierte die SPD. Bis zur Machtergreifung der Nazis hatte der jüdische Bürgermeister Dr. Hermann Salomon die Amtsgeschäfte inne. Fast 30% der Luckenwalder waren konfessionslos. Das Symbol für das „rote Luckenwalde“ wurde der rötliche Doppelbau der weltlichen Friedrich-Ebert-Schule mit dem direkt angebauten Stadttheaterin der Theaterstraße. Hans Graf, Rudolf Brennecke und Paul Backes haben es zwischen 1927 und 1930 konzipiert.
Wir stehen vor dem blauen Tor, betrachten den rosafarbenen kubisch gegliederten Bau mit seinem damals höchst umstrittenen Flachdach und sind verblüfft über das damals so engagiert und neumodische Luckenwalde. 
Auf dem Gelände liegt ein unsprengbarer Bunker der Nazis vom Typus Salzgitter wie ein widerwärtiges Zeichen für das Ende der Moderne. Hier bewahrte die „Organisation Todt“ ihre Unterlagen.

In der Stadt stehen Metallstehlen als „Merkzeichen“, auf denen Wissenswertes beschrieben ist. Auch vor dem Theater entdecken wir sie. Sie tragen alle Hut, manchmal mit Nadel, manchmal ohne. 

5. Die Geschichte der Hüte in Luckenwalde

Die Hüte wurden ein Synonym für Luckenwalde. Der Aufstieg zur Hutstadt begann mit der Herstellung von Geweben und Tuchen und der preußischen Idee der Gewerbeförderung. Seit 1680 gehörte die Stadt zum brandenburg-preußischen Herzogtum Magdeburg. 1684 gründete der Zeugmacher Christian Mauhl aus Schandau in Sachsen mit Unterstützung staatlicher Förderung des Großen Kurfürsten ein Unternehmen zur Versorgung der preußischen Regimenter. Weitere Strumpfwirker, Tuch- und Zeugmacher folgten. Der neue Gewerbezweig nahm einen erfolgreichen Anfang.
Nach dem großen Stadtbrand in Gera 1780 zogen 24 Tuchmacherfamilien aus den Ruinen nach Luckenwalde. Friedrich II. erteilte die Konzession für die „Große Fabrik“ am Haag, aus der später der Betrieb Volltuch hervorging. Der Vierseitenhof der „Geraer Fabriquen Etablissements bey Luckenwalde“, der „Großen Fabrik“ ist heute ein gediegenes Hotel und die später errichtete Turbinenhalle ist für Kunst reserviert. 
1828 nahm die erste Dampfmaschine in der Stadt ihren Betrieb auf und schon  1841, bald nach der ersten preußischen Eisenbahnfahrt, hielt der Dampfzug auf der Anhalter Bahn an der Station Luckenwalde. 1901 sind in der Stadtchronik neben 19 Tuch- und Buckskinfabriken erstmals 12 Hutfabriken erwähnt. 21.000 Einwohner, 1.400 Wohnhäuser. 1925 arbeiteten fast 4000 Menschen an Hüten. Luckenwalde war jetzt, nach Guben, die zweitwichtigste Stadt der Hüte in Deutschland. Der Absatz war garantiert. Kein Herr, keine Dame, verließ das Haus ohne Hut. 
Doch die Weltwirtschaftskrise, der Weltkrieg, die Wende und der Wandel der Mode machten den Hüten ein Ende. Die Tuch- und die Hutfabriken gaben alle auf. Bis au eine. Die Firma Esco-Moden produziert und verkauft seit 1999 ihre Sommer- und Wintercollection der Hüte in der Heidestraße.

6. Auf der Suche nach dem ersten Pappteller 

Nach dem Abstecher in die Theaterstraße kehren wir zurück zur Breiten Straße und spazieren an den Gedenksäulen für die Opfer der Kriege über die Nuthe in die Poststraße. Wir sind auf der Suche nach dem Ort, an dem 1867 der Pappteller erfunden wurde. 
Am Anfang der Straße thront das leere verlassene preußische Postamt. Links und rechts sowie in den Seitenstraßen sehen wir imposante und eindrucksvolle Industriebauten der Vorkriegszeit, auch hier Leerstand und teilweise Verfall. Ich liebe diese alten Gebäude, an denen so viele erhaltene Details zu entdecken sind. Hier ein schönes Gitter, dort die Fensterverkleidung, alte Fliesen. Und zahlreiche Türen mit ihrem im Dekor von Jugendstil bis Moderne. Allein die schönen vergessenen Türen Luckenwaldes wären eine eigene Stadterkundungstour wert.

Aus einem unerfindlichen Grund spazieren wir am Ende der Straße über einen staubigen Parkplatz auf eine graue Putzfassade eines Fabrikgebäudes zu. Der Blumenschmuck am Eingang hat uns auf den Hof des LandMarktes mit Paketshop gelockt. Skeptisch kommt ein Herr in weiten Hosen und Pulli heraus. Was wir hier wollen. Ich halte den Fotoapparat in der Hand, wir sind keine Einkäufer. Doch nach dem ersten skeptischen Zögern wird das Gespräch ein Wasserfall voller interessanter und spannender Geschichten. Von den Eltern, die einst nach Luckenwalde zogen, weil es Neubauwohnungen gab. Von den zugezogenen Westlern, denen manchmal das Gespür für erlebte Geschichte hier fehlt. Von der Zustimmung zur jetzigen Zeit. Und zu unserer großen Überraschung von der Geschichte des jetzt noch grauen Hauses. Hier war der Ort. Hier wurde der erste Pappteller gepresst. Später zog die Fabrik ein paar Meter weiter. Dort schauen wir gleich.
Die Kirchenglocken läuten. „18 Uhr und 10 Sekunden“ sagt unser Gesprächspartner.„Die Katholiken sind immer zehn Sekunden zu spät.“ 
Fast am Ende der Poststraße, aber auch hier steht nirgends ein Hinweis, wurde bis 2012 Pappe in Teller gepresst und jahreszeitlich dekoriert. Das Fabrikgebäude ist inzwischen renoviert und anders genutzt, wieder hilft uns jemand mit Informationen weiter, während er gerade Kisten und Kartons verlädt.
Wir gehen zurück Richtung Innenstadt. Auf dem Bürgersteig schimmern die Stolpersteine und erinnern an die einflussreiche jüdische Gemeinde Luckenwaldes und ihr Leid. Vor der 1897 eingeweihten ehemaligen Synagoge in der Puschkinstraße 38 befindet sich eine Gedenktafel, jetzt wird das Gebäude Neuapostolisch genutzt. 

7. Industrie trifft Moderne 

Fast am Ende der Rudolf-Breitscheid-Straße, außerhalb des alten Stadtkerns, liegen die in den 20er errichteten und damals modernen Arbeitersiedlungen. So oder ähnlich entstanden sie auch in anderen Städten. „Auf dem Sande“ und „Am Anger“ sind ihre Namen.
Am Ende der Straße stehen zwei beeindruckende Häuser. Das eine wurde als Kohlekraftwerk mit Verwaltungsbau 1913 errichtet und wird inzwischen von Pablo Wendel als Kunstzentrum betrieben. Seit kurzem produziert es sogar wieder Strom, die erneuerbare Energie heißt entsprechend des Konzepts im E-Werk Kunststrom“. Die Veranstaltungen, von Pablo Wendel und seiner Partnerin Helen Turner kuratiert, sind international bekannt und besprochen.

Luckenwalde. Die Architektur der Moderne, die Hüte und der Pappteller.

Nebenan steht das Stadtbad mit seinen wunderbaren Strukturen der architektonischen Moderne. Es wird ebenfalls für Ausstellungen genutzt. Hans Hertlein, weltweit tätiger Chefarchitekt der Firma Siemens, plante es 1928. Mit der Restwärme des Kraftwerks wurde das Bad beheizt, das Flachdach war die Sonnenterasse.
Beide Institutionen zeigen ihren bröckelnden Charme, sie warten auf ihre Sanierung. 

8. Die geniale Hutfabrik von Erich Mendelsohn in Luckenwalde

Nach einigem Suchen und Fluchen über schlechte Ausschilderung finden wir das berühmteste Gebäude der Stadt. Unser letzter Stop. Die Hutfabrik, heute Mendelsohn-Halle. In der Industriestraße 2, zwischen Gestrüpp und hochgewachsenem Gras, steht die Ikone der expressionistischen Industriearchitektur. Verschlossen, verdrängt, eine großartige ungenutzte Fabrikanlage. Wir nähern uns suchend. Nicht wissend, ob das Betreten des Geländes erlaubt oder verboten ist, der hintere Teil der Anlage ist abgesperrt. Durch staubige Fenster schauen wir in die Halle der aus Eisenbetonrahmenbindern errichteten Kathedrale der Arbeit. Genial. 
Erich Mendelsohn, Sohn einer Hutmacherin und eines Kaufmanns, einer der bedeutenden Architekten des 20. Jahrhunderts, Erbauer des Potsdamer Einsteinturms und der Berliner Schaubühne, qualifizierte sich in Luckenwalde als Architekt der Moderne.
Erich Mendelsohn plante die Industrieanlage zwischen 1921 und 1923. Vier langgezogene Produktionshallen, ein Kessel- und ein Turbinenhaus sowie zwei Torhäuser. Der auffälligste Bau ist die Färbereihalle. Über einer damals modernen Entlüftung der giftigen Dämpfe aus der Färberei erhebt sich die Dachkonstruktion in der Silhouette eines riesigen Fedora-Hutes. Für die Fassadengestaltung nutzte Mendelsohn Glas und Backstein und betonte die klaren Strukturen. 
Als die Hutfabrikanten Salomon Herrmann, Gustav Herrmann, Felix Steinberg sowie Robert Steinberg senior und Robert Steinberg junior 1921 fusionierten, entschlossen sie sich zum Bau dieser neuen Fabrik. Zehn Jahre nach dem Bau, mit der Machtübernahme der Nazis, musste Familie Herrmann emigrieren. Auch der Architekt Erich Mendelsohn floh 1933 aus Deutschland. Ein Jahr später wurde die Hutfabrik an die Norddeutsche Maschinenbau AG verkauft und das markante Dach der Färbereihalle abgerissen. So sollten die Industrieanlagen während des Krieges unsichtbar sein. Bis 1945 lief in der Färberhalle die Rüstungsproduktion, das Kriegsgefangenenlager war nicht weit. Nach dem Krieg reparierte die russische Armee in den Hallen ihre Panzer und im Oktober 1957 nahm der VEB Wälzlagerwerk Luckenwalde seine Produktion auf. In das Kessel- und Turbinenhaus zogen Werkstätten und Büros. Seit 1992 steht die Halle trotz verschiedener Nutzungskonzepte leer.
Wir fühlen uns an einen unzugänglichen lost place versetzt. Und freuen uns, das die Fabrik nicht baulich verloren sondern 2006 – 2011 saniert und seitdem wieder behütet ist. 

Luckenwalde. Die Architektur der Moderne, die Hüte und der Pappteller.
Die Hutfabrik

Gewusst? Zwei berühmte Söhne und eine berühmte Tochter der Stadt

Zwei berühmte und sehr unterschiedliche Söhne. Der eine ist Hermann Henschel, geboren 1843 in Luckenwalde. Henschel war Buchbinder und gründete eine Firma. Irgendwann schaute er über die Bücher hinaus und begann mit der Entwicklung von Lebensmittelverpackungen. Sein größter Coup war die Erfindung des Papptellers. 1867 produzierte er den ersten Teller aus Pappe, den wir als bunten Weihnachtsteller oder als Fast-Food-Träger kennen. Keine Currywurst ohne. Henschel war Tüftler, Erfinder und Kaufmann. So kam er auf die Idee, die Pappbierdeckel mit Werbung zu bedrucken. Beim nächsten Kneipen- oder Restaurantbesuch könntet Ihr folglich an Luckenwalde, die kleine Stadt am Rande des Flämings, denken.
Der andere bekannte Sohn der Stadt ist Rudi Dutschke. Er wurde 1940 in Schönefeld bei Luckenwalde geboren und wächst in Luckenwalde auf. In der evangelischen Jugend engagiert er sich für gewaltfreien Widerstand. 1957 hielt er eine Rede gegen den Wehrdienst, die ihm das Studium der Sportjournalistik in der DDR verbaute. Er lernte Industriekaufmann und verließ Luckenwalde drei Tage vor dem Mauerbau, 1961,in Richtung West-Berlin. An der Freien Universität Berlin studierte er Soziologie, engagierte sich gegen den Vietnamkrieg und gegen die Notstandsgesetze. Er wird einer der wichtigsten Wortführer der Studentenbewegung. Auf dem Kurfürstendamm schießt ein Rechtsextremist ihn nieder, Dutschke wird lebensgefährlich verletzt. Zehn Jahre später stirbt er an den Folgen des Attentats. Im Heimatmuseum in Luckenwalde haben wir seinen selbstgestrickten Pulli gesehen.
Die berühmte Tochter ist deftig, manchmal unflätig, witzig und krass. Vielleicht verbirgt sie deshalb ihre wahre Herkunft und tut so, als käme sie aus Berlin-Marzahn. Ilka Bessin, geboren 1971 in Luckenwalde, ist seit dem Jahr 2000 im pinkfarbenen Jogginganzug die Kunstfigur „Cindy aus Marzahn“. Inzwischen hat sie die Rolle aufgegeben und arbeitet als Comedian unter ihrem eigenen Namen.
 

Das waren die Reisefrequenzen. Heute: Hut ab vor der schönen Stadt Luckenwalde. Nah ist‘s auch schön.

Mit Dank an meinen Kollegen Holger.

Tipps für Euren Besuch in Luckenwalde:
Wo: Luckenwalde
Was: Ein Stadtspaziergang auf den Spuren der Architektur der Moderne, der Hutindustrie und zum Ort der Erfindung des Papptellers.
Ein Besuch in der sehenswerten St. Johannis Kirche.
Einfach durch die sehenswert gestaltete Fußgängerzone flanieren.
Informationen: In der Touristeninformation beim Heimatmuseum. https://www.luckenwalde.de/Stadt/Kultur/Museen/HeimatMuseum/
Das E-Werk und die Ausstellungen „Kunststrom“ https://www.kunststrom.com/startseite.html
Für Sportliche: Luckenwalde liegt direkt am Fläming Skate.
Für Wellness Fans: die Fläming Therme.
♥️ Unser Lieblingsplatz: Die Hutfabrik, das E-Werk, die Fußgängerzone

 

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