Lizard, Cornwall. Eine Wanderung zum südlichsten Punkt Englands.

Reisefrequenzen
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Lizard, Cornwall. Eine Wanderung zum südlichsten Punkt Englands.
Lizard, Cornwall. Eine Wanderung zum südlichsten Punkt Englands.
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Hallo! Hier sind die Reisefrequenzen. Heute mit einer Reise zum „Fernhören “. Das sind Ausflüge zu Sehnsuchtsorten, die pandemiebedingt endlos weit weg erscheinen. Zu Orten, an denen ich unzählige Male gewesen bin. Das Herz schlägt in Brandenburg, die Seele wandert manchmal bis zum äußersten Meer.

Deshalb gibt es auf den „Reisefrequenzen“ ab und zu einen Ausflug zum Ozean
Ich nehme Euch mit zu unserem heutigen Ziel, das in Cornwall im Südwesten Englands liegt. Zum südlichsten Punkt der Britischen Insel, zum Lizard Point. Ich nehme Euch mit auf eine kleine Küstenwanderung von Kynance Cove bis zum Ort Lizard auf dem South West Coast Path, auf dem Langstreckenwanderweg an der südenglischen Küste, dem Schönsten aller Langstreckenwanderwege. Gemütlich gewandert dauert es mit Pausen drei Stunden.

Die Halbinsel Lizard ist ein besonderes Land, bewachsen mit seltenen Pflanzen und sehr dünn besiedelt. In der Vergangenheit war das Gebiet mit den Schornsteinen von über 100 Zinn- und Kupferminen gepunktet. 
Der Name führt schnell auf die falsche Fährte. Lizard ist hier nicht, übersetzt aus dem Englischen, die Eidechse, sondern aus der keltischen Sprache Cornwalls Lys Ardh, das Hohe Gericht. 

Blick auf Kynance Cove bei Sonnenschein
Kynance Cove

Kynance Cove ist Karibik

Unser Startpunkt ist der Parkplatz oberhalb von Kynance Cove. Eine leichte Linkskurve noch, ein paar Höhenmeter und dann stockt uns fast der Atem. Weißer Sandstrand, grünblaues Meer, der azurblaue Himmel und das dunkelrote und grünliche Gestein der einzelnen Felsen sind ein grandioser Kontrast. Die feinen weißen Linien der Wellenschaumkronen ziehen die Grenze zwischen Wasser, Himmel und Küste. Es ist der perfekte Postkartenblick, ein farblich reizvolles Gemälde und ein hervorragender Influencer Spot.
Kynance Cove ist Karibik in Cornwall. Der Himmel ist eine Mischung aus Saphir und Kobalt, das Meer spielt mit Türkis und Smaragdgrün und darüber liegt ein Saum von grasgrüner Wiese. So schön ist die Bucht, während die Sonne von Süden hinein scheint. Wir bleiben auf der Felskante oberhalb stehen, lassen uns den salzhaltigen Wind um die Nase wehen und genießen das Glück des guten Wetters. 
Kynance ist ein cornisches Wort und heißt einfach die Schlucht. Ein Bach will zum Meer und fräst sich tief ein ins Gestein. Zurück bleibt ein V-förmiges sanftes Tal, an den Hängen grün bewachsen und zum Meer hin ein zerklüftetes Mündungsgebiet.
Die erste Influencerin vor Ort, noch ohne Kamera, war Königin Viktoria. Sie kam mit Prinz Albert auf der königlichen Yacht während eines Ausflugs am 6. September 1843 von Falmouth vor Kynance Cove an. Es hat ihnen beiden gefallen, bei nächster Gelegenheit kamen sie wieder. 1846 setzte Albert mit zweien seiner Söhne gar die Füße auf diesen Strand. Die Königinnenfamilie hat Kynance Cove bekannt gemacht. Später folgten ihr die romantischen Dichter und andere begeisterte Besucher der viktorianischen Zeit. Sie nahmen den Zug bis Helston, dann die Kutsche oder den Omnibus und schließlich den Esel zur Bucht hinab. So kamen schon 1866 an manchen Tagen 200 Besucher, ein Unbekannter Zähler hat es notiert. Alfred Tennyson war nach der Anreise sehr begeistert und sah ‘glorious grass-green monsters of waves’. Wir sehen die Monster heute nicht, dass Meer ist zu ruhig und bei unserer Anreise trug uns kein Esel.
Das Zusammenspiel der Gesteine ist der Grund für ihre interessanten Farben und ein wesentliches Moment der Schönheit von Kynance Cove. Das Hauptgestein gehört zur Gruppe der Serpentine. Ich sammle zwei kleine Steinsplitter, sie sind tatsächlich grünlich und rötlich durchzogen und erinnern in den Farbschattierungen an die Haut einer Schlange. Ophiolithisch, nach der griechischen Schlange, ist das Gestein benannt, von den Gewalten der Erde wurde es vor etwa 375 Millionen Jahren geformt und nach oben gedrückt. Hier stehen wir auf der ozeanischen Kruste.
Wir schauen noch immer hinunter in die karibische Bucht. Die Felsen dort unten tragen seltsame Namen. Einer der Größeren heißt „Asparagus Island“ und tatsächlich wächst dort grüner Spargel. Die anderen wurden „Möwe“, „Löwe“, „Bischof“, „Kirchturm“ und der kleinste „Albert“ genannt.
In der Bucht steht seit 1927 ein Pub und rettet bei Regen Besucher. Kynance Cove ist eine filmreife Szene. In England bekannt durch die Verfilmung der Romane „Poldark“ und Agatha Christies „And then there were None“.

Kynance Cove von den Klippen aus gesehen
Kynance Cove

Nach langem Schauen gehen wir los. Das Meer liegt immer rechts von uns und sollte sich das ändern, haben wir einen Fehler gemacht.
Wir wandern über Carthillian und vorbei an einem hölzernen Pfosten, der einstmals zur Rettung Schiffbrüchiger mittels einer improvisierten Seilbahn diente. 
Links über den Feldern sehen wir hin und wieder einige Häuser, die zum Dorf Lizard gehören. Wir gehen auf den Klippen und schauen von oben dem Meer zu, ab und zu steigen wir ab und dann wieder auf, die typische Wanderbewegung an der cornischen Küste.
Kurz vor dem südlichsten Punkt sind die Klippen durch Seile abgesperrt und kleine Warnschilder stoppen alle, die vom Pfad abkommen wollen. 
Hier wird der Wappenvogel Cornwalls geschützt. Ganz selten habe ich sie hier fliegen sehen oder einfach auf dem Gras rumstehen. Die Cornish Chough. Schwarz glänzendes Gefieder, rote Krallen und ein brandroter Schnabel. Auf vielen Wappen und Pubschildern ist sie verewigt, doch in der Wildbahn Cornwalls wurde sie 1973 das letzte Mal gesehen. Erst 2001 tauchte sie wieder auf. Am Lizard. Ihr nächster Verwandter ist die Alpenkrähe, allerdings hat sie in die Alpen nicht ihren auffallend hübschen roten Lippenstift ihres cornischen Familienmitglieds mitgebracht. Cornish chough (CHAF) oder lateinisch Pyrrhocorax pyrrhocorax.
Der Steilhang zwischen uns und dem Wasser ist mit dickblättrigen Pflanzen überzogen, die sich gelb und rosarot der warmen Sonne öffnen. Die eingewanderten Neophyten nennen wir einfach die Mittagsblumen, auf englisch heißen sie fragwürdig Hottentoten Fig. Sie stammen aus dem südlichen Afrika.
Vor uns sehen wir den südlichsten Punkt Englands.

Leuchtturm am Lizard Point
Leuchtturm am Lizard Point

Vom Atlantik in den Ärmelkanal am Lizard Point

Wenn es südlicher nicht mehr geht, ist es am Schönsten. Nichts liegt südlicher auf dem englischen Festland als die felsige Landspitze Lizard Point. Sie ist der einzige englische Landpunkt der südlich des 50. Breitengrades liegt.
Am Ende der Lizard Halbinsel bäumt sich die Steilküste einmal noch auf bevor sie langsam  ins Meer zerfleddert. Von oben erkennen wir gut, wie gefährlich das Felsenriff für die Schifffahrt ist. Wie ein Haifischzahn ragt Englands Süden in die Spur der Schiffe auf dem Ärmelkanal. Nicht alle schafften die Passage, manch Schiff zerschellte am wilden Riff.
Die alte Rettungsstation in der Bucht von Polpeor hat bittere Tage gesehen. Sie wure 1914 errichtet und steht dunkel im Wind. Oben am Weg hängt eine schwarze Tafel mit der Liste der Schiffe, die gegen die Felsen prallten. Immerhin konnten in hundert Jahren 562 Leben durch die Seerettungscrew und ihren Einsatz auf Leben und Tod geborgen werden. 
Am Lizard Point endet der Ärmelkanal und es beginnt der Atlantik. Oder auch umgekehrt. Der Lizard Point ist das Letzte oder das Erste was Passagiere auf Dampfern von England sehen. Ein Ort gefüllt mit den Wellen der Emotionen. Der Ärmelkanal, den die Briten einfach den englischen nennen, ist die drittstärkst befahrene Wasserstraße der Welt. Ab und zu schaut ein Seehund neugierig aus dem Wasser und die Robben wälzen sich auf dem Fels.

Der südlichste Punkt Englands
Der südlichste Punkt Englands

Es gibt ein Café und einen Kiosk der „Gift Shop“ heißt. Verkauft werden Andenken aus hiesigem Serpentingestein, englischer Cream Tea und cremiges cornisches Eis.
Kurz bevor das Land im Meer versinkt steht die kleine Hütte des National Trust. Erstaunt sehen wir auf der dortigen handgeschriebenen Tafel, was geübte Birdwatcher hier alles für Vögel und Wasserbewohner sehen. Ich kaufe mir gegen eine Spende eine kleine metallene Cornish Chough und pinne sie an meinen Rucksack. Nach vielen weiten Reisen ist sie übrigens irgendwann davongeflogen, wahrscheinlich an meinen Sehnsuchtsort zurück nach Cornwall. 

Lizard Leuchtturm mit Jugendherberge
Lizard

Der Leuchtturm am Lizard

Oberhalb des südlichsten Punkts wacht der Leuchtturm. Er ist weiß und hat auf dem Dach des Versorgungsgebäudes, das jetzt Jugendherberge ist, zwei riesige trötenförmige Nebelhörner. Seit 1751 steht er auf der Klippe und warnt alle Schiffe. Nachts und bei Nebel gleißt sein Licht alle drei Sekunden weit übers Meer und bei Nebel dröhnen die Hörner alle fünf Minuten ohrenbetäubend.Ich erinnere mich an Nächte in einem nahen Hotel, Zimmer mit Meerblick, meine Gedanken malten einen Traum. Die Realität war grau und pixelig und alle fünf Minuten wurde der Traum röhrend zum Alptraum. Bei Sonne ist er einfach eine schöne Kulisse. Ein Besuch des Leuchtturms im Rahmen einer Besichtigung ist möglich.

Leuchtturm Nebelhörner Lizard

In diesem südlichen Mikroklima wärmt die Sonne die dunklen Felsen, der Wind ist nicht so rauh wie im Norden. Bei unseren nächsten Wanderschritten entdecken wir gar den fast ausgestorbenen wilden Kohl am Feldrand. Brassica oleracea. Gelb blühend und nur in guter Luft noch gedeihend.
Wiedereinmal geht es hinunter und hinauf, vorbei am Housel Bay Hotel auf die etwa 70m hohe Klippe. 

Besuch in Marconis Funkstation am Lizard Point

Es ist den zwei kleinen dunklen Holzhütten in Sichtweite vor uns nicht anzusehen, dass in ihnen Technikgeschichte geschrieben wurde. Die eine ist Wohnraum, die andere der Raum für die physikalischen Instrumente. Von außen sieht sie aus wie ein Geräteschuppen. Doch ohne das, was in ihrem Inneren geschah, wäre das Mobiltelefon nicht zu denken.
Die Hütte war eine Funkstation und ein Versuchslabor von Guglielmo Marconi. Hier stand der Nobelpreisträger für Physik, experimentierte mit seiner Erfindung und schaute aufs Meer. Jetzt stehen wir auch hier. 
Ich bin überfordert mit allen technischen Details, doch Richard, der ehemalige Wächter dieser Museumsstation, erläutert mit Liebe zum Detail jedes Gerät und die ganze Geschichte.
Lange schon hatte Marconi an der Technik der Übertragung von Daten durch Funken getüftelt. Im Januar 1901 empfängt er am Lizard ein Signal seiner Station auf der Isle of Wight, 180 Meilen, 290 Kilometer entfernt. Damit hatte er bewiesen, dass Radiowellen sich über den Horizont hinwegsetzen können. 
Marconi war schnell mit der lukrativen Vermarktung seiner Idee der drahtlosen Übertragung von Daten beschäftigt. Er gründete die Wireless Telegraph & Signal Company, die spätere Marconi Company. Das erste WLAN, das Wireless Local Area Network, war hauptsächlich für Reeder und die Schifffahrt zur Übermittlung von Nachrichten interessant.  Die Lizard Wireless Station, diese unauffällige Hütte an der Kante der Klippe, war eine von einem Dutzend Stationen, die Nachrichten senden und empfangen konnten. Die Meldungen privater und geschäftlicher Art gingen von Schiff zu Schiff bis zur Küste und die Marconi Company verlangte Gebühr dafür. 
Hier am Lizard wurde 1910 das weltweit erste SOS empfangen, ausgesandt von der Minnehaha, die mit Passagieren und Vieh vor den Scilly Islands auf Grund gelaufen war. Glücklicherweise konnte die Rettung aller Betroffenen gelingen. 
Dramatischer war das berühmteste SOS der Seefahrtsgeschichte. Es kam von Marconis Funktelegraf auf der Titanic und wurde ebenfalls auf dem Lizard empfangen.
Alte Fotos und die Aufzeichnung technischer Daten zeigen die Erfolgsgeschichte des Pioniers der Funk- und Radiogeschichte. Mit dem smart phone fast am Ursprung der Erfindung zu stehen, welch ein Moment. Allein, trotz aller Liebe zu Funken, fehlt mir der Geistesblitz für das technische Verständnis.

Lloyds Signal Station Lizard

Unser Wanderpfad schlängelt sich weiter oberhalb des Meeres entlang. Wir beobachten gierige Möwen und die Feldlerche über der Heide. Früher, im 18. und 19. Jahrhundert, war der Lizard mit seiner zerklüfteten Küste ein Refugium für Schmuggler. Unbeobachtet sind sie seit 1872 in diesem Abschnitt nicht mehr, denn im weißen viereckigen Turm vor uns eröffnete Lloyds Signal Station. Sie empfing die Nachrichten, die vorbeifahrende Schiffe mittels Flaggensignalen übermittelten und sandte sie weiter per Telegrafenkabel. Wie eine Miniburg sieht die Station aus. 2017 stand sie, längst funktionslos, für 750 000 Pfund zum Verkauf.

Wir biegen links ab, um an der Küste zu bleiben und wandern bis zur modernen Kilcobben Rettungsbootstation. Von dort gehen wir landeinwärts. Auf der linken Seite erhaschen wir einen Blick auf die reetgedeckten weißgetünchten Häuser in Landewednacks Church Cove. Dann stapfen wir vorsichtig über ein Viehrost und sind zurück auf der asphaltierten Straße. Links lugt der trutzige Kirchturm der St. Wynwallow Kirche durch die Bäume, die Kirche, in der die letzte Predigt auf cornisch in Cornwall gehalten wurde. 1678. Dann erreichen wir das Dorf Lizard. Ein großer Grasplatz zum Parken und Häuser drumherum. In den Läden gibt es Cornish Pasties, Fish&Chips und vielfarbiges Eis. Fast am Ende der Straße arbeitet noch eine Steinschleiferei. Wie in viktorianischen Zeiten werden in traditioneller Handarbeit Stücke aus Speckstein, Serpentin, geschliffen. Schmuckstücke, Leuchttürme und Briefbeschwerer aus grünem und rötlichen Stein, der poliert glänzend schimmert. Ein typisches Stück Lizard.

Lizard, Cornwall. Eine Wanderung zum südlichsten Punkt Englands.
Cream Tea am südlichsten Punkt Englands

Das waren die Reisefrequenzen. Heute auf einer kleinen Wanderung am Lizard Point in Cornwall, UK.

Tipps:

Wo: Lizard, Cornwall, UK
Was: eine Wanderung von der Kynance Cove (Parkplatz vorhanden) entlang der Küste auf dem South West Coast Path ins Dorf Lizard. Von hier aus gehts in 30 Minuten zurück zur Kynance Cove. Der Wanderweg ist mit der Eichel, dem Wanderzeichen für den South West Coath Path gekennzeichnet.
Unterwegs: Café und Kiosk am Lizard Point (ohne WC). Leuchtturm am
Lizard Point. Marconis Funkstation gehütet vom National Trust. Läden, Pub, Café, Parkplatz (und WC) im Dorf Lizard.
Cornish Chough: Von März bis Juni brüten die Vögel und ziehen ihre Jungen auf
♥️ Unser Lieblingsplatz: Der ganze Weg. Kynance Cove. Marconis Funkstation.

4 Gedanken zu „Lizard, Cornwall. Eine Wanderung zum südlichsten Punkt Englands.“

  1. Ach, wie gern würde ich auch mal wieder an der wilden Küste Cornwalls entlangwandern und dort stehen, wo Königin Viktoria das Influencen erfand! Vielen Dank fürs Mitnehmen, liebe Marike.

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  2. Meine Reiseleiterin führt mich heute zu einer ganz besonderen Örtlichkeit in Cornwall/ England. Auf cornisch heißt Lizard “Hohes Gericht”. Was für ein Rätsel der Geschichte steckt hinter dieser Benennung? Ich staune beim Anblick der felsigen Klippenküste! Dann bewundere ich die cornisch endemische Flora, und meine den Ruf der Cornish Chough zu vernehmen.
    Inmitten der “Wellen der Emotionen” taucht dann die Funkstation des Guglielmo Marconi auf. Toll, dass ich die Ursprungsgeschichte des WLAN erfahre! Durch Marikes Hinführung wurde mir Lizard Point als ganz wunderbarer Sehnsuchtsort gezeigt.
    Ich bedanke mich begeistert!

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