Hallo! Hier sind die Reisefrequenzen. Heute ist unser Ziel Land‘s End in Cornwall, das westlichste Ende Englands. Eine Wanderung auf dem traumhaft schönen South West Coast Path. Von Porthcurno nach Sennen Cove.
Dieser Text ist ein Sehnssuchtsbericht und wie immer nehmen wir Euch mit auf den Weg. Wir beginnen die Wanderung auf dem schmalen South West Coast Path und folgen immer der Meeresküste. Von Porthcurno nach Land‘s End und weiter in die Bucht von Sennen. Die Wellen rauschen stets auf der linken Seite und in etwa drei Stunden ist das Ziel erreicht.

1. Start in Porthcurno nach Land’s End
Die Bucht von Porthcurno ist einer der Orte an der cornischen Küste, die keine Postkarte scheut und als Fototapete die Südsee vorspielen könnte. Ihr Sandstrand zwischen den steilen Felsen ist bilderbuchschön und vor hohen Wellen auf natürliche Weise geschützt. Hier beginnt unsere Wanderung. Am Ort einer revolutionären Veränderung.
Die ganz große Geschichte des kleinen Porthcurnos ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich und liegt tief verborgen im Wasser. Das Geheimnis des Dorfes waren die Telegrafenkabel, die Porthcurno zum Sammelpunkt aller britischen Daten zwischen der Alten und Neuen Welt machten. 1870 wurden von hier die ersten beiden Kabel nach Portugal und zu einer Signalstation auf einem umgerüsteten Sklavenschiff vor Land’s End verlegt. Betreiber war die Eastern Telegraph Company. Zwischen den beiden Weltkriegen gab es 14 Seekabel, sie vermittelten die Kommunikation bis nach Indien, in die USA und Australien. Porthcurno war einst die größte Seekabelstation der Welt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde zum Schutz der Kommunikationszentrale eigens ein Bunkersystem gebaut. Seit 1970 ist das alles Geschichte. Genau hundert Jahre nach der Datenübertragungsrevolution wurden die Telegrafenkabel stillgelegt. Der Strand wird jetzt von mehreren Seekabelbetreibern als Anlandepunkt für moderne Glasfaserkabel genutzt.
Wir gehen los. Die Straße bergauf erklimmen wir gemächlich die erste Klippe. Oben erreichen wir den subtropisch bepflanzten Parkplatz des Minack Theaters.
2. Das Minack Theater in Porthcurno
Das Minack Theater bleibt uns zügig Vorbeiwandernden verschlossen, es gibt keine Bresche, um von oben hineinzuschauen.
Mit Anmeldung und Eintritt ist es zu sehen, es ist ein modernes in den Granitstein gehauenes Amphitheater. Steile Sitzreihen im Halbrund über einer offenen Bühne und ein fantastischer Ausblick. Das alles ist das Werk einer Frau. Rowena Cade hat das Theater mit Hilfe ihres Gärtners Billy Rawlings in den Granitfelsen geschlagen. Die 800 Plätze sind nicht überdacht, alles Freiluft wie in der Antike vor der Traumkulisse des Meeres und der Küste.
Minack bedeutet der felsige Ort. Die erste Aufführung wurde im Sommer 1932 gespielt, passend zum cornischen Wetter war es „Der Sturm“ von Shakespeare. Rowena Cade hatte zuvor den Sommernachtstraum des örtlichen Theaterensembles auf einem Feld gesehen und war der Meinung, der Truppe stünde eine bessere Bühne zu. So begann die Geschichte vom Minack Theater. Nicht nur die in den Granit gehauene Struktur ist bemerkenswert, sondern auch der faszinierende Garten. Die Sukkulenten, die Agapanthen und Kakteen, die Yukkas und die Aloen lieben das warme Gestein und lassen ihre Blütenfarben leuchten. Das Theater, das Meer und die ganze Welt ist eine Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler.
Im Sommer 2021 war das Theater die Kulisse für das Ehegattenprogramm der G7.
3. Auf dem South West Coast Path vom Minack Theater nach Porthgwarra
Am Ende des Parkplatzes biegen wir scharf rechts ab und folgen dem Wanderzeichen der Eichel auf den South West Coast Path.
Nach ein paar Gehminuten entlang einer dornigen Brombeerhecke in der im Frühling der Honeysuckle, das Geißblatt, blüht, erreichen wir einen glattgeschliffenen Felsvorsprung auf der Kante der steilen Küste. Nach gefühlten hundert Klicks der Kamera wird der Blick frei für die steilen Granitfelsformationen, die sandige Bucht von Porthcurno und das karibische Grünblau.
Auf dieser felsigen Nase Pedn-men-an-Mere ist ein merkwürdig aussehendes kleines drehbares Eisengerät aus drei Metallkreisen verankert. Das war die Basis für eine 52 m hohe Antenne der Eastern Telegraph Company ab 1902. Damit wollte sie ausspionieren, was Marconi auf dem Lizard in Sachen Funktechnik trieb.
Ich erinnere mich an den Tag, als wir auf der Klippe standen und knapp unter der Wasseroberfläche der Bucht den Riesenhai (basking shark) sahen. Er zeigte uns seine Schwanzflosse, der riesige Körper lag wie ein Schatten im Meer. Er war dunkel, etwa 10 m lang, und glücklicherweise nicht ganz nah. Der Riesenhai ist der zweitgrößte Fisch der Welt. Plötzlich wurde mir bewußt, wie klein wir sind und wie wild das nur oberflächlich idyllische Cornwall.
Wir folgen dem South West Coast Path und statt weiterzugehen, möchten wir in jeder Minute stehenbleiben und die wechselnden Farben und Formen von Meer und Granit unter dem sonnigen Wolkenhuschen sehen.


Der Küstenweg bleibt auf halber Höhe, Lichtnelken und Margeriten wachsen an den geschützten Stellen, unten sind kleine Buchten.



Oberhalb von Porthchapel Beach steigen wir zu einer Quelle, die etwas abseits des Hauptwanderpfades liegt und nach dem keltischen Heiligen Selevan benannt ist. Ihr heiliges Wasser soll gegen Zahnschmerzen helfen. Als wir die trübe leicht grünliche Wasserstelle sehen, glauben wir ohne zu Zweifeln, dass nach dem Genuss des Heiligen Wassers mögliche Zahnschmerzen in anderen Beschwerden untergehen.
4. Der Pausenort auf der Wanderung ist Porthgwarra
Wir folgen dem Pfad Richtung Land‘s End und steigen ab in die nächste Bucht nach Porthgwarra. Die letzten Meter führen durch einen dunklen Tamariskenhain, dann sind wir unten.
Porthgwarra sind ein paar Häuser, ein Café mit Plätzen nur draußen und eine Minibucht am Wasser zwischen den Klippen.
Schwimmkörper und bunte Bojen für Fischernetze liegen neben Fischreusen auf dem Trockenen. Die kleine Bucht wird noch immer von Fischern als Hafen genutzt. Wir schauen interessiert in einen kurzen Tunnel und sehen auf der anderen Seite das Meer. Was heute Romantik ist war früher ein Arbeitsplatz. Fischer ließen ihre Boote zu Wasser, Muschelsammler suchten nach Schalentieren und Kinder und Frauen klaubten den Seetang zusammen. Seetang, der an der cornischen Küste reichlich vorkommt und den ich in seinen grünbräunlichen Blasen und Strängen liebe, war ein Grundstoff für Pottasche und für den Dünger auf Feldern. Heute ist der Seetang eine Delikatesse in der feinen Küche, die „Seaweedcompany“ bietet verschiedene Sorten in stylishen Verpackungen an. Damals kamen die Seetangsammler mit Pferdegespannen zum Abtransport ihrer Ernte an die Küste. Damit sie bis zum Strand fahren konnten, sprengten Bergarbeiter aus St. Just den schmalen Tunnel in den Fels.



Mein Lieblingsort ist das kleine Café, auf die Pause dort freue ich mich seit Porthcurno. Auf dem Rasen stehen ein paar Tische, nebenan eine typisch britische rote Telefonzelle. Es gibt Eis oder einen englischen Tee und einen kleinen Plausch.
Mit geschlossenen Augen sehe ich Aiden Turner als Ross Poldark, der hier fast nackt verführerisch in den Fluten schwamm. Oder war es ein Stuntman. Filmlocation Poldark Porthgwarra.
Dann folgt der Aufstieg auf die nächste Klippe.
5. Von Porthgwarra zum Gwennap Head Richtung Land’s End
Wir sind dem Wind ausgesetzt, die Vegetation wird spärlicher und die Heide gibt nun den Farbton an. Unvermutet tauchen am Wegesrand nach einer sanften Kurve zwei spitze Riesenhüte auf, die scheinbar von Zwergen oder Zauberern abgesetzt und hier vergessen worden sind. Der eine ist schwarz-weiß und der andere knallrot. Die wie Zauberhüte aussehenden Pylonen sind alte Seezeichen, die auf Gefahr im Wasser verweisen. „Runnel Stone“ heißt die gefährliche Spitze, die vor Gwennap Head aus dem Atlantik ragt und das Ende für manches Schiff bedeutete. 1821 wurden die farbigen Kegel zum Schutz der Schifffahrt aufgestellt, dennoch schepperten bis 1923 über 30 Dampfschiffe gegen den „Runnel Stone“. Seitdem hilft modernere Technik und die Zauberhüte bei Gwennap Head bleiben als historischer Hinweis in der Heide stehen.

Gwennap Head oder Tol Pedn, wie Gwennap Head in der keltischen Sprache Cornwalls heißt, ist ein Ausguck der National Coastwatch Institution. Mit Argusaugen beobachten ihre Mitarbeiter die Küste, um rechtzeitig alle Schwierigkeiten am Riff zu melden. Wir winken dem Mann mit dem Fernglas zu, er öffnet sein Fenster, grüßt uns und wünscht einen schönen Tag.
Tol Pedn bedeutet die löchrige Landzunge. Das ist die passende Beschreibung für einen kleinen natürlichen Trichter im Gras, durch den wir vorsichtig vom ungesicherten Rand aus bis zum Meer senkrecht hinunterschauen. Es hört sich an, als sei das Rauschen der Wellen darin dramatisch vervielfacht.
Am Beobachtungposten hängt eine handgeschriebene Tafel mit den aktuellen Wetterdaten und dem Vermerk besonderer Sichtungen. Ich bin erstaunt, wie niedrig die Temperatur ist, so kühl fühlt sich die Luft gar nicht an.
Vorne am Meer stehen die Felsen wie eine Festung. Eine Gruppe von Kletterern seilt sich über dem Ozean ab und die Möwen ziehen über sie hinweg.
Der Küstenpfad folgt jetzt auf halber Höhenstufe dem Meer. Auf den Felsen liegen Robben, mit dem Fernglas können wir sie gut beobachten. Der Ginster sorgt für den Farbkontrast zwischen gelben Blüten und dem türkisfarbenem Spiegel des Wassers. Auf den Magerwiesenhängen leuchten helllila tausende kleiner Strandnelken.
Vorbei am Nanjizal Beach wandern wir weiter, es ist nicht mehr weit bis Land‘s End. Von der nächsten Anhöhe aus sehen wir die Gebäude dort als einen weißen Punkt.

Wenig später stehen wir unerwartet vor einem Tor im Atlantik. Aus den Fluten ragen eigenartige Felsformationen mit noch eigenartigeren Namen. Dr. Syntax, benannt nach einem Cartoon aus dem 19. Jahrhundert, und nebenan Dr. Johnson, Namensgeber war ein Reiseschriftsteller. Nicht weit entfernt stehen die „Irische Lady“ und der „Bewaffneter Ritter“. Und dort, zwischen Ritter, dem Longship Leuchtturm und dem Festland steht das Tor als Naturdenkmal im tosenden Wasser. Enys Dodnan, die Insel mit einer fruchtbaren Kappe, ist der keltische Name. Es ist ein schöner Ausblick auf das Felstor und Land’s End, ein perfektes Fotomotiv.
Jetzt begegnen uns immer mehr Menschen, das westliche Ende des Landes ist nicht mehr weit.

6. Land‘s End
Der westlichste Punkt Englands. Wild, windig, Salz auf den Lippen. Vor 270 Millionen Jahren aus dem heißen Erdinneren nach oben gedrückt und langsam zu Granit erstarrt.
Irgendwo auf der anderen Seite ist New York. Unterbrochen ist der Weg dorthin nur von den Scilly Islands, die 45 km vor Land’s End im Atlantik liegen. Wir können sie sogar sehen, so klar ist das Wetter.
Direkt vor Land’s End steht auf der Insel Carn Bras der graue Leuchtturm, das Longship Lighthouse. Und irgendwo zwischen diesen Felsen und den Scilly Inseln liegt vielleicht das versunkene Lyonesse, die Heimat von Tristan.

Auf den Klippen zeigt ein weißer Pfosten die Entfernungen in verschiedene Städte der Welt. Nach New York sind es 5242.82 km oder laut Schild 3147 Meilen.

In Land’s End ist man nie alleine und die touristische Infrastruktur nimmt die letzten Klippen Englands inklusive Großparkplatz weiträumig ein.
7. Von Land’s End nach Sennen Cove
Während der letzten knappen halben Stunde unseres Weges sind wir, nicht ganz aber fast, wieder mit der Landschaft und uns im Alleingang. Wir wandern bis in die Bucht von Sennen.
Unten im Riff liegt das, was vom Wrack der 2003 gesunkenen RMS Mülheim noch übrig ist. Die Crew konnte gerettet werden aber der Plastikmüll aus der Autoindustrie, den das Schiff geladen hatte, ließ nach dem Unglück die Delphine verenden.


Unser letzter Stop auf dieser unendlich beeindruckenden Steilküste ist der RNL Watchtower kurz vor Sennen Cove. Der Blick schweift über die Whitesand Bay zum Cape Cornwall und die Gedanken schweifen bis ans Ende der Welt.
Dann gehen wir in die Bucht hinunter.
Der Strand ist wie alle cornischen Strände bei Ebbe riesengroß und bei Flut fast nicht da. Wenn die Wellen auf den Sand prallen ist hier das westlichste Surferparadies Englands.
Das auffälligste Gebäude im Ort ist das Roundhouse. Dieser zweistöckige unter Denkmalschutz stehende Bau beherbergt die Gallery „West of Eden“ und im Erdgeschoss des Hauses liegt noch die alte Ankerwinde, die einstmals in einer Zinnmine arbeitete und später die Boote vom Meer an Land zog. Sie ist ein Stück cornische Industriegeschichte.
Wir sind erfüllt vom salzigen Wind, vom in der Gischt tausendfach gebrochenen Sonnenlicht, von der Schönheit der Bilder, vom türkisblau des Wassers, den Robben, den Möwen, dem Ginster, der Heide. Wir sind erfüllt von Cornwalls malerischer Seite, die sich am Schönsten auf Wanderungen zeigt.

Das waren die Reisefrequenzen. Heute mit einer Wanderung nach Land’s End in Cornwall, dem westlichsten Punkt Englands. Von Porthcurno über Land’s End nach Sennen Cove.
Tipps zur Wanderung von Porthcurno nach Land’s End für Euch:
Wo/Was: Eine Küstenwanderung von Porthcurno nach Sennen Cove mit Stop in Land’s End. Wanderschuhe sind unbedingt empfehlenswert. Regenschutz, Sonnenschutz und Trinkwasser mitnehmen.
Weg: Der Weg ist mit der Eichel als Symbol ausgeschildert, er folgt immer der Küste und ist nicht zu verfehlen. Es ist ein gut ausgebauter Pfad. Anstige und Abstiege gibt es öfter, jeweils ca. 60 – 100 m. Kein Schatten, kein Windschutz, kein Regenschutz unterwegs. In Porthcurno am Parkplatz, in Porthgwarra und Land’s End gibt es ein öffentliches WC.
Zurück ab Sennen nach Porthcurno am Besten per Taxi (ca. 20,- Pfund) oder ab Land’s End einmal täglich per Bus.
Inspiration: „Porthcurno Telegraph Museum PK“ https://pkporthcurno.com/visit/visiting-the-museum/
♥️ Unser Lieblingsplatz: Die ganze Strecke der Wanderung.

Liebe Marike,
ich kann deine Sehnsucht so gut verstehen und finde deinen Bericht sehr gelungen. Ich kenne einige der Stellen die du beschreibst und konnte sie direkt vor meinen Augen sehen. Danke dafür. Und auch für die vielen Infos, die ich noch nicht kannte. Sehr gelungen! LG Christiane von der-2te-blick.de
Liebe Christiane,
vielen Dank! Das innere Auge bietet glücklicherweise auch gutes Kino. Obwohl die Sehnsucht dennoch bleibt. Irgendwann sind wir wieder dort!
Liebe Grüße, Marike
Hallo, Marike,
das sind sehr gelungene Reiseberichte von Cornwall mit ganz tollen Fotos und sehr guten Informationen. Ich plane, nächsten Sommer dorthin zu reisen. Die Bezeichnung „Land’s End“ und den lustigen „Wegweiser“ mit der Entfernungsangabe nach New York muß man natürlich aus der Sicht von Engländern des 19. Jahrhunderts verstehen, die ihr eigenes Land nie verlassen haben. Das „Ende der alten Welt“, als das Land’s End bisweilen auch bezeichnet wird, ist es mitnichten: Irland und erst recht Portugal liegen noch viel westlicher. So richtig zuende ist Europa eher am Torre de Belem in Lissabon.
Constantin
constantinstephan.wordpress.com
Hallo Constantin,
lieben Dank für Dein Feedback! Schon jetzt wünsche ich Dir viel Spaß für Deine Cornwall-Reise im nächsten Jahr. Derweil stöbere ich ein wenig auf Deinem Blog und war dort gerade in Wien.
Cornwall wird sicher wunderschön. Mit dem Ende der Welt hast Du natürlich komplett recht. Hoffen wir, dass es nie kommt.
Herzliche Grüße, Marike