Kloster Zinna. Seit 850 Jahren Abenteuer für Flamen, Mönche und Weber.

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Kloster Zinna. Seit 850 Jahren Abenteuer für Flamen, Mönche und Weber.
Kloster Zinna. Seit 850 Jahren Abenteuer für Flamen, Mönche und Weber.
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Hallo! Hier geht’s zu den Reisefrequenzen. Heute nach Zinna, zum 850 jährigen Jubiläum. Zum ehemaligen Kloster der Zisterzienser und zu einer der wenigen erhaltenen vorindustriellen Werksiedlungen Brandenburgs. Eine Fußstunde nördlich von Jüterbog.

In den Niederungen der Nuthe, zwischen sanften Wellen des Flämings, liegt unser Ziel. Der Fläming ist das hügelige Land zwischen dem Glogau-Baruther Urstromtal und dem Urstromtal der Elbe. Zinna. Der Ort ist ein Viereck aus vier Planquadrate, in der Mitte der Marktplatz. Die Nuthe, die Fluß zu nennen nur bei Überschwemmung zutrifft, schwingt sich in einem Bogen linkerhand am Dorf vorbei. Weiden stehen unten am Wasser. Mönche haben vor über 800 Jahren begonnen, die Nuthe in ein Fließ zu zwingen, um ihre Wassermühlen zu betreiben. Erst nachdem sie das Kloster passiert hat, wird sie wieder wild. Gräben durchziehen dieses feuchte Land in der Senke, die zum Bauplatz wurde.
Am Rande der Siedlung Zinna steht die alte Klosterkirche. Als würde sie sich unsichtbar machen. Dabei war sie die Erste hier.
Die Moränen des Flämings sind staubtrocken und steinreich, die Niederungen sumpfig und naß. Es war keine einfache Gegend zum Leben. Die Urbarmachung wurde die Aufgabe der Mönche und der Flamen.

Die Flamen. Sie kamen in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts aus Flandern und zogen in Trecks gen Osten. In ihrer alten Heimat brachten verheerende Überflutungen und ein schnelles Bevölkerungswachstum große wirtschaftliche Herausforderungen und Not. Auf den sandigen Moränen im wilden Osten waren sie privilegiert. Sie durften unternehmerisch tätig sein und ihr eigenes Recht umsetzen, es gab Steuervergünstigungen und eine ausgesprochene Willkommenskultur. Dafür brachten die Flamen das Wissen um die Entwässerung feuchter Sümpfe, die Kenntnis der Tiefbrunnenbohrung in den trockenen, eiszeitentstandenen niederen Höhen und als Brotzeit die Stulle mit. (Stulle, niederländisch Stull, ‘Kloß Butter, Brocken, Stück, Lappen’, so dass von ‘Klumpen, Brocken Brot’ auszugehen ist.)

Wir stehen vor der Kirche im Gespräch mit dem einzigen anderen Winterbesucher, der aus Hamburg auf den Spuren der Zisterzienser unterwegs und ein wandelndes Geschichtsbuch ist. Mit hochgeschlagenen Mantelkrägen und dankbar über Fellsohlen in den Schuhen folgen wir dem spannenden Bericht.

Der Fläming war während der Landnahme im 12. Jahrhundert ein begehrter Streitpunkt. Axt und Pfeil und Bogen wurden geschwungen und gespannt zwischen den Slawen, den sich in Berlin/Brandenburg festsetztenden Askaniern, den Wettinern aus dem südlichen Sachsen und dem Magdeburger Erzbischof Wichmann von Seeburg.
Wichmann von Seeburg wird entscheidend. Seine Soldaten unterstützen Albrecht den Bären, den Gründer der Mark Brandenburg. Das militärische Team schlägt 1157 den Wendenfürst Jazca von Köpenick vernichtend. Albrecht der Bär bedankt sich bei Wichmann für den Beistand mit dem Land um Jüterbog.
1171 gründete Wichmann von Seeburg das Kloster Zinna, 5 zu Fuß gut zu bewältigende Kilometer nördlich der Stadt Jüterbog. Zur Klostergründung rief er die Zisterzienser aus Altenberg bei Köln. 

Uns schwirrt der Kopf geschichtsbeladen. Pausenzeit. Vor den Klostergebäuden stehen zwei Bänke in der tiefstehenden Sonne. Wir packen Stulle mit Holunderleberwurst made in Fläming aus, unsere Verpflegung haben wir in schwierigen Zeiten extra sorgfältig regional und bio zubereitet.

Das Grab des Erzbischofs Wichmann wurde 2010 im Magdeburger Dom freigelegt. Ein spektakulärer Fund. Goldverzierte Schuhe, eine Mitra aus goldenem Brokat, ein dicker Ring an der erhaltenen knochigen Hand.

Der Beginn in Zinna war schwierig. Zu wenig Leute, Widersacher auf allen Seiten, Sumpf und Sand. 1179 wird Abt Ritzo erschlagen.
Am 15. Mai 1226, fast 60 Jahre nach der Gründung des Klosters, wird in Zinna die Kirche geweiht. Vermutlich ohne Dach, vermutlich nur der Chor. Der Dachstuhl über dem gotischen Gewölbe wird urkundlich belegt erst 1338 fertig.
Die wichtigste Feldsteinkirche Nordeuropas. Phänomenal. Die spätromanisch/gotische Pfeilerbasilika ist aus Granit. Ein faszinierendes, fast unbestechliches Baumaterial. Nicht Ziegel, wie in Lehnin oder Chorin, sondern Granit. In den Moränen des Flämings ist das aus Skandinavien vorgeschobene Material liegengeblieben. Die schweren Steine wurden gefunden, gesammelt, nach Zinna gebracht. Nicht aus einem Steinbruch, sondern von vielen Feldern kamen sie. Das harte Gestein wurde mit Hammer, Schlägel, Zweispitz und Schlageisen behauen und zu Wänden und Pfeilern aufeinandergeschichtet. Unten eher grob, weiter oben penibel genau. 

Kloster Zinna. Seit 850 Jahren Abenteuer für Flamen, Mönche und Weber.

 

Wir öffnen die schwere Kirchentür und folgen dem Herrn aus Hamburg. Überraschend und tröstlich ist die frisch renovierte Kirche auch in CoronaZeiten offen. Es ist als kämen wir in eine andere Welt. Fast archaisch. Die einstige Abgeschiedenheit des Klosters wiederholt sich für uns an diesem Wintertag. Die Welt draußen tritt zurück. Es ist kühl. In fünf Jahren könnten die Steine über 800 Jahre Geschichte dieser Kirche berichten, über Freude und Schmerz und Epidemien. 1226 bis 2026. Für den Moment ist der Raum absolute Ruhe.
Der Innenraum ist weiß gekalkt, die Rippen der Gewölbe rot gefasst. Mächtige Granitpfeiler tragen die Gewölbe, romanische Bögen öffnen sich zu den Seitenschiffen und zum Licht. Die Ausstattung ist sparsam und fast durchgehend nachreformatorisch, die Baer-Orgel aus dem 19. Jahrhundert wieder restauriert. Ein Ort der Kontemplation.

Der Hamburger Zisterzienserkenner mit Erzähltalent berichtet weiter.
Die Mönche schafften den wirtschaftlichen Aufschwung. 1285 kaufte das Kloster die Stadt Luckenwalde und elf umliegende Dörfer. Am Ende des 15. Jahrhunderts war das Portfolio der Abtei auf 39 Dörfer, 14 Mühlen, einen Salzbrunnen, eine Pechhütte und eine Ziegelei angewachsen. Sie unterhielten Stadthöfe in Berlin, Wittenberg und Jüterbog. Die erfolgreichste Investition war Rüdersdorf bei Berlin, 1235 gekauft oder geschenkt. Die dortigen Kalksteinbrüche wurden zur Goldgrube. Das erfolgreiche Klostermanagement Zinna wurde zum größten Kreditgeber der Markgrafen von Brandenburg. Nur über den Mehrwert des ebenfalls zum Kloster gehörenden Ortes Grünheide war damals nichts bekannt.  

Die Reformation ist das Ende. 1553 verlässt der letzte Abt das Zisterzienserkloster. Nichts war mehr in Zinna. Leere Gebäude verfielen. Truppen zogen hindurch, im Dreißigjährigen Krieg, im Siebenjährigen Krieg (1756 – 1763). Das leblose Zinna war an die Grenze gerückt. Das schmale Gewässer der Nuthe teilte Preußen von Sachsen. 
Nur wenige Gebäude des ehemaligen Klosters sind erhalten, die weltabgewandte Einkehr ist aufgebrochen.
Das Konversenhaus steht noch, hier lebten die als Arbeitskraft dringend benötigten Laienbrüder. Am Mauerwerk außen erkennen wir die Reste der Bögen, an denen einst der Kreuzgang ansetzte. Backstein, zweigeschossig, ein typischer nördlicher Zweckbau, das einzige erhaltene Klausurgebäude. Der Herr aus Hamburg malt mit großen Gesten den fehlenden Kreuzgang und die verschwundenen Klostergebäude in die Luft. Einige der Grundrisse sind auch im Boden markiert.

Kloster Zinna
Zinna

Hungrig packen wir die zweite Stulle aus. Wir haben sie mit Forelle von Flämingforelle belegt, passend zur Fischzucht der Zisterzienser. Der Fisch blieb früher meist dem Abt vorbehalten, deshalb sitzen wir beim Speisen auf der Bank vor seinem Haus.
Die Neue Abtei mit ihrem gotischen Staffelgiebel ist der Blickfang des Areals. Im 15. Jahrhundert ließ sich der Abt ein neues Wohn- und Verwaltungshaus mit eigener Kapelle errichten. Der spätmittelalterliche Freskenzyklus ist die bildliche Besonderheit in Zinna. Im Ober- und Untergeschoss wurden die großen rippengewölbten Räume mit heißer, rauchfreier Luft beheizt. Die Küche war im Keller und einen eigene Abtritt gab es auch, alles top modern und teuer.
Heute ist das Haus des Abtes ein Museum über die Geschichte der Zisterzienser, die Geschichte in Zinna und die Geschichte eines Buches.

Das Psalterium Novum Beatae Mariae Virginis aus der Klosterdruckerei Zinna, ein Stundenbuch, gilt als das älteste gedruckte Buch in Brandenburg. Hermannus Nitzschewitz druckte es 1493. Nitzschewitz kam aus Trebbin, war zu dieser Zeit Kaplan und Protonotar in Frankfurt (Oder) und möglicherweise zuvor Mönch in Zinna. Das mit vielen Holzschnitten und mit breiten Blumenornamenten verzierte Werk wurde mit fürstlichen Geldern finanziert. Seit 1992 wird das kostbare Buch in der Stadt- und Landesbibliothek Potsdam aufbewahrt.


Nebenan steht das ehemalige Siechenhaus, es ist etwas älter und schlichter als das Abthaus und ebenfalls mit einem beeindruckenden Staffelgiebel ausgestattet. Schon in der Entstehungszeit hatte der Ziegelbau eine Heißluftheizung und ein Wasserkanal zur Frischwasserversorgung. Statt Kranke zu heilen wird hier heutzutage Schnaps gebrannt. Unter den gotischen Kreuzrippengewölben stehen die Destillen der Schaubrennerei “Zinnaer Klosterbruder“. Die Idee zu diesem Schnaps kam aus Luckenwalde, die Herstellung läuft inzwischen in den Niederlanden, doch die Legende bleibt in Zinna. Der liebeskranke lebensmüde Klosterbruder Lukas fand das Geheimnis des Brandes aus 26 Kräutern. Der Zaubertrank holte ihn zurück ins Leben und Lieben.

Nach Leberwurst und Forelle kosten wir in der Kälte des Winters den “Zinnaer Klosterbruder”. Die Schaubrennerei bietet in Nicht CoronaZeiten die Verkostung, jetzt haben wir vorgesorgt. Nach dem ersten Schluck muß ich husten, der Herr aus Hamburg lehnt dankend ab und verabschiedet sich freundlich zu weiteren Betrachtungen auf Zisterzienserspuren.

Kloster Zinna. Seit 850 Jahren Abenteuer für Flamen, Mönche und Weber.
Stadtwappen Zinna

Mehr ist nicht übrig vom stolzen, reichen Kloster Zinna.
Nach dem Siebenjährigen Krieg gründete Friedrich II. neben den Klostergebäuden, vor den Toren des sächsischen Jüterbogs, eine preußische Weberkolonie. 220 einfache Einheitshäuser entstanden, die Steine dafür wurden aus Konvent und Nebengebäuden des aufgelösten Klosters gebrochen. Das Baumaterial seines Kolonistendorfes Zinna war für Friedrich folglich kein Problem. Tuche für das Militär und Seidenstoffe für die Luxusmode waren die Produktionsvorgaben. Die Weber wurden wie einst die Flamen mit dem Versprechen großer Privilegien angeworben, sie kamen aus der Oberlausitz. Für zwei Generationen kein Militärdienst, 50 Taler Begrüßungsgeld, zehn Jahre Streuerfreiheit. Außerdem Haus, Grundstück, Garten- und Ackerland. Dafür lohnte sich der Wechsel von Sachsen nach Preußen, die eine Fußwegstunde von Jüterbog nach Zinna.
Im Museum zur Weberei stehen die alten Geräte und Fotos zeigen die späte Manufaktur. Zufällig finde ich auf den Handtüchern meine Initialen.


Nach den Plänen des königlichen Baumeisters Christiani wurden die Planquadrate mit einem achteckigen Marktplatz im Zentrum angelegt und 300 Maulbeerbäume für die Seidenherstellung gepflanzt. Die Verbesserung brandenburgischer Infrastruktur durch neue Siedler funktionierte hier wie im Holländischen Viertel Potsdams und vielen anderen Orten als erfolgreiches Projekt preußischer Herrscher.  
Seit 1864, 100 Jahre nach dem Gründungsaufruf, steht ein Denkmal auf dem Dorfplatz. „Friedrich dem Großen, dem Begründer der Stadt im Jahre 1764, das dankbare Kloster Zinna 1864.“ In den Morgenstunden des 22. Juni 1949 lag der “alte Fritz” in Trümmern, 1994 wurde er neu hingestellt.

Die Industrialisierung war das Ende des Weberdorfes Zinna. Das Leben im Ort stag­nierte. Weber zogen auf der Suche nach Arbeit in die Großstadt. Die Handwerkskammer investierte um 1880 stolze 15 000 Mark, damit die Weber blieben. Versuchte Arbeitsplatzsicherung einer nicht mehr gebrauchten Technik. Erhalten blieb die vorindustrielle Werkssiedlung.
Zweimal Zinna. Fremde Siedler sorgten für Fortschritt.

Das waren die Reisefrequenzen, heute Kloster und Dorf Zinna. Zur Gründung vor 850 Jahren. Nah ist’s auch schön.

Wo: Zinna bei Jüterbog
Was: Besichtigung Kloster und Siedlung
Inspiration: Orgelkonzert, wenn wieder möglich
Klostermseum, wenn wieder möglich http://www.kloster-zinna.com/seite/23492/klostermuseum.html
Museum Webhaus mit Café, wenn wieder möglich http://webhaus-kloster-zinna.com
Mehr Zisterzienser in Brandenburg Kloster Lehnin. Die Vision unter der Eiche.
Hinkommen: auch per Rad oder Skate, Fläming Skate http://www.flaeming-skate.de/de/strecken/rundkurs-3.php
Food: zum Vorbereiten. https://www.flaemingforelle.de https://www.flaeminger-genussland.de
♥️ Unser Lieblingsplatz: Im Klostermuseum und auf der Bank davor.

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