Ketzür – Bagow – Päwesin. Der Beetzsee und der Weg zum gebackenen Glück.

Hallo! Heute sind wir am Beetzsee in Brandenburg unterwegs. Von Ketzür über Bagow nach Päwesin. Am Beetzsee, am Riewendsee und am Bagower Bruch. 
Mit einem Ende im Backwahn.

Da meine Kamera sich derzeit als Problemzone erweist, kommen die Fotos zu diesem Text später.

1. Ketzür. Kirche, Bockwindmühle und ein Beobachtungsturm an der Kute

Ketzür. Der Name lässt aufhorchen. Kotzure heisst es in ersten Erwähnungen. ‚Der Ort, wo es Kater gibt’, so lautet die gewagte Annahme einer Übersetzung aus dem slawischen. Ketzür ist ein Dorf, das alles hat. Ein Gutshaus, eine Kirche, eine Bockwindmühle, 260 Einwohner und eine schöne Badestelle. Vom 14. Jahrhundert bis zu ihrem Aussterben 1824 hat das Dorf  den Gutsherren von Brösigke gehört. Anschließend wechselten die Besitzer bis die sowjetische Bodenreform da Rittergut aufteilte. Heute steht vom ehemaligen Rittergut noch da Gutshaus, es ist unauffällig bis auf einen Renaissancegiebel. 
Die Hauptschönheit des Ortes ist die Kirche in Ketzür. Sie ist anders als die Anderen. Wo andere geradlinig scheinen, ist sie eckig. Wo andere rund sind, ist sie gerade. Während andere mit ihren Namen protzen, bleibt sie namenlos. Ein Blick aus der Vogelperspektive würde die schiefe Konstruktion ihres Baus zeigen. Das Mittelstück stammt aus dem 13. Jahrhundert und ist ein siebeneckiger Raum. 1599 wurde der rechteckige Chor angebaut, der abrupt wie abgeschnitten in Renaissance endet. Der gotische Turm aus dem 15. Jahrhundert steht mit seiner barocken Haube schräg vor dem Kirchenschiff. Zusätzlich gibt es zwei Anbauten, die den separaten Zugang zu den Logen im Kirchraum ermöglichen. 
Die wahre Schönheit kommt innen. Die Kirchentür knarrt leise beim Öffnen. Der schummrige Innenraum ist unerwartet reich ausgestattet. An der Decke des Chores schwebt ein wolkengleicher Himmel in Ornamentmalerei. Der Blickfang ist das raumgreifende Epitaph, die Gedenktafel für den Gutsbesitzer Heino von Brösigke und seine Familie. Es stammt aus dem 17. Jahrhundert und zeigt vier männliche und sechs weibliche Figuren, die angefertigt aus teurem Alabaster vor der Darstellung biblischer Szenen knien. Heino von Brösigke war mehr als ein einfacher Landadliger. Als er starb hatte er den Posten des Hofschenks des Kurfürsten von Brandenburg inne und seine Familie konnte sich den teuren Grabmal-Auftrag bei Christoph Dehne aus Magdeburg leisten. 
Die älteste Tochter kniet hinter der Mutter. Wie alle dargestellten Frauen trägt sie eine Haube und einen sorgsam gefälteten Renaissancekragen. Mit weit aufgerissenen, entsetzten Augen schaut sie dem Kirchenbesucher direkt ins Gesicht. Sie trug übrigens den interessanten Namen Hyppolita. Das monumentale Epitaph wird von zwei starken Figuren getragen. Es sind Adam und Eva. Eva, mit ihrem langen lockigen Haar, schaut nach oben und zeigt sich derweil dezent auf die Brust. Kunst ist Entdeckung. Altar und Kanzel gehören seit der Renaissance dazu.
An den Seitenwänden der Kirche sind die Patronatslogen der früheren Gutsbesitzerfamilien von Brösigke und von Hagen aufgeständert. Von hier oben schaue ich mich um und bin den gemalten Engeln ganz nah. „Der Herr bewahre deinen Eingang und Ausgang von nun an bis in Ewigkeit“ steht in großen Buchstaben im Bogen schräg über meinem Kopf. 
Etwas landeinwärts steht auf dem Mühlenfeld in Ketzür eine der wenigen erhaltenen Bockwindmühlen des Havellandes und dreht seit 1862 hier manchmal ihre Flügel. Jetzt steht sie still und ihr inneres mit dem Hausbaum und zwei Böden ist verschlossen. Im Sommer ist die Windmühle Ketzür sonntags geöffnet. 
Die Badestelle am Beetzsee liegt ruhig, Feuchtigkeit liegt in hauchseidenen Schwaden auf dem See. Ein kurzer Spazierweg führt uns linkerhand zum Beobachtungsturm „Kranichland“. Er steht an der Kute von Ketzür. Kute, wer es nicht kennt, ist das berlin-brandenburgische Wort für eine Senke, eine flache Niederung. Die Kute liegt in der natürlichen Schmelzwasserrinne der letzten Eiszeit und wurd im 19. Jahrhundert von Menschen vertieft. Hier wurde Ton abgebaut, um Ziegel anch Berlin zu verschiffen. 1910 war der Betrieb, so lese ich, bereits beendet. Jetzt ist die Kute ein Paradies für Brut- und Zugvögel. Heute ist es ganz still. Im nebligen Grau verschwimmen die Konturen der Gänse und Kormorane.
Bollmannsruh lassen wir rechts liegen und erreichen Bagow.

2. Bagow. Schloss, Kirche und der Bagower Bruch.

Der Dorfname verweist auf „Bog“, den „göttlichen Ort“. Bagow liegt in einer kleinen Senke und beherbergt das backsteinerne Gutshaus derer von Ribbeck. Bauherren waren 1545 die Familie von Schlieben, die es nach dem 30jährigen Krieg weiterverkaufen musste bis es seit 1772 den von Ribbecks gehörte. 
Die Kopfsteinpflasterstraßen des Dorfes sind still, der frühe Winter liegt zwischen den Bäumen der Allee. Der Dorfgasthof ist lange ausgestorben. Große stabile Scheunen wecken mein Interesse. Erst dann entdecke ich das Schloss. Es liegt fast am See. Die Fassade und erst recht die Nebengebäude sehnen sich nach Instandsetzung. Ohne zu denken spaziere ich über den Rasen und entdecke spät erst das Schild „privat“.
Für die Ribbecks war das Gebäude nie ihr Hauptinteresse und so konnte es seine Renaissancegestalt vor etwaigen Umbauambition retten. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog eine Schule und dann eine Gedenkstätte des antifaschistischen Widerstands ein. (Sie erinnerte  daran, dass hier nach Ende des Zweiten Weltkriegs befreite politische Gefangenen aus dem Zuchthaus Brandenburg eine erste Nacht in Freiheit verbrachten) 1997 kaufte die Familie von Ribbeck den Besitz zurück. 
Wir wandern weiter und wollen auf den Weg in den Bagower Bruch. An der Straßenkreuzung steht die rosarote Jugendstilkirche, fein herausgeputzt in ihrem in dieser Gegend so seltenen Gewand. 1906 wurde sie vom Architekten Georg Büttner geplant, nachdem ein Feuer die alte zerstörte. Von hier aus wandern wir auf dem idyllischen Weg durch den Bagower Bruch unter uralten Eichen zum verwunschenen See. Der Rundweg „Naturlehrpfad Bagower Bruch“ ist gut ausgeschildert und in zwei Stunden sind die sechs Kilometer auch mit kleinen Pausen leicht zu schaffen. Am See haucht der Wind durch das Schilf und der Atem schöpft die ganze Stille. Zum Schluss der Runde steigen wir auf den ehemaligen Mühlenberg. Von oben schweift der Blick weit in die Ferne, über den Beetzsee und den Riedwendsee zu den Kranichen und Gänsen und Störchen und den Windrädern in der Ferne.

3. Päwesin. Tortenglück und Kirche.

Vorher ins Kuchenglück oder danach, die Entscheidung fällt uns nicht leicht. Päwesin ist ein kleines Dorf mit 560 Einwohnern, drumherum ist viel Landschaft, Wasser und Erholung. 
Mitten im Ort steht die Saalkirche von 1727 mit ihrem flachen Zwiebelturm. Er ist ein barocker Zeigefinger im sonst Feld- und Backstein geprägten Havelland.

Die Kirche überragt den kleinen Weiler, höchstens ein Storch kommt ihr ganz nah. Sonst scheint hier alles, als wäre nichts. Ich drücke die schmiedeeiserne Klinke an der blauen Türe und stehe im von Holz dominierten Kirchenraum. Alles ist ruhig.

Ketzür - Bagow - Päwesin. Der Beetzsee und der Weg zum gebackenen Glück.

Doch nur wenige Schritte neben der Kirche wartet in gläsernen Vitrinen das verführerische gebackene Glück und davor eine lange Schlange. „Backwahn“ ist eine besondere Bäckerei, denn sie wird von buddhistischen Mönchen und Nonnen betrieben. Sie haben in Päwesin ihr Kloster Ganden Tashi Choeling in einem alten Gutshaus und der verlassenen Dorfgaststätte aufgebaut. Backwahn einfach Bäckerei zu nennen ist eine Untertreibung. Die Verkaufsvitrinen lassen meine Augen größer werden, sie sind ein Schlemmerland. Obstkuchen, Schmandkuchen, Linzertorte, Cheesecake, Sahneschnitten, Croissants, Brot und vieles mehr. Seit 2012 backen die buddhistischen Kleriker mit wahnsinnigem Erfolg. Doch für sie bleibt das Backen Nebensache. Die Bäckerei und ein Friseursalon sind lediglich ihre finanzielle Lebensgrundlage. 
Satt und erfüllt beenden wir unsere Wanderung von Ketzür über Bagow nach Päwesin im Havelland. 

Das waren die Reisefrequenzen. Heute unterwegs in den Dörfern Ketzür und Päwesin, am Bagower Bruch und in der Bäckerei Backwahn.

♥️ Unser Lieblingsort: Die Kirche in Ketzür, der Bagower Bruch, Backwahn in Päwesin.

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