Havelberg. Hansestadt an der Havel.

Reisefrequenzen
Reisefrequenzen
Havelberg. Hansestadt an der Havel.
Havelberg. Hansestadt an der Havel.
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Hallo! Hier sind die Reisefrequenzen, heute unterwegs in Havelberg. Die Stadt liegt in der Altmark, der Wiege der Mark Brandenburg. In einem sanften Knick der Havel, kurz bevor sie in die Elbe fließt.

Wir erkunden Havelberg auf einem Rundgang durch die alte Hanse- und Bischofsstadt und nehmen Euch wie immer gerne zu den Sehenswürdigkeiten mit. Vom Domberg zur Stadtinsel zur Spülinsel und zurück. (Den großartigen Dom betrachten wir ausführlich in einer anderen Folge.)

Vor dem Dom in Havelberg

Wir starten auf der Aussichtsterrasse vor dem mächtigen Dom und wir sind überrascht. Der Blick von dieser eiszeitlichen Hügelkuppe reicht unvermutet weit bis zum fernen Horizont. Der Ausblick ist fantastisch und für die flache Gegend ziemlich ungewohnt.

Blick auf die Havelberger Stadtinsel
Blick auf die Stadtinsel in Havelberg

Uns zu Füßen liegt die Stadtinsel auf ihrem flachen Sander. Die Havel und der Stadtgraben legen sich um diese Insel wie ein sanft geformtes Herz. Geschützt, radial und regelmäßig ist die Altstadt angelegt. Aus den roten Dächern unten ragt der Backsteinbau der Kirche St. Laurentius heraus.
In der Ferne linkerhand schimmern im fahlen Sonnenlicht die Überflutungsflächen der Havel in den Wiesen und rechts vermuten wir die Elbe, verborgen in den Wäldern. Das einzig Störende am Horizont sind die hohen Schornsteine der Zellstoff-Fabrik bei Arneburg. 
Ein Mann führt seinen Hund spazieren und über uns fliegen die Dohlen, die den gewaltigen Westturm des Domes bewohnen. Ansonsten ist es menschenleer.
Ein Stadtmodell aus Bronze steht vor uns auf dem Platz, die Turmspitzen der Kirchen sind vom vielen Anfassen ganz blank gerieben. Die drei Teile der Stadt sind deutlich zu erkennen. Der Dombezirk auf seinem Hügel, die Stadtinsel auf ihrer sicheren Insel und die Berggemeinde am Fuß des Dombergs parallel zum Wassergraben. 

Zar und König in Havelberg

Hier oben treffen wir zwei bronzene Herren in altmodischen Uniformen, sie stehen wartend vor dem Dom herum. Der eine groß, mit Namen Peter, der andere eher klein und rund heißt Friedrich Wilhelm. Der eine ist der Zar von Russland und der andere der König von Preußen. 23. bis 28. November 1716. Die beiden verhandeln um die kriegerische Koalition gegen die Schweden und treffen sich zu diesem Zweck in Havelberg auf dem alten Reiseweg zwischen Magdeburg und den Hansestädten an der Ostsee. 
Während der Beratungsrunde gab es für Zar und König in Havelberg kein Darben. 240 Hühner, 670 Eier, 120 Pfund Butter, 1303 Brote, 1141 Semmeln. Für die Lieferung an den Zaren außerdem 743 Pfund Rindfleisch, 454 Pfund Hammelfleisch, 96 Pfund Kalbfleisch und vier Spanferkel. Krebse, Hechte, Brassen. Allerdings kam der Zar nicht ganz allein, sondern mit einer unbekannten Anzahl Männern im Gefolge, mit 450 Pferden und 50 Wagen. Und er blieb fünf Tage. 
Der Output der Koalitionsrunde war die antischwedische „Havelberger Konvention“ und die leergegessenen Havelberger Keller. Nur der hier angebaute Wein blieb vielleicht unbeachtet, denn, so behauptet es ein alter Spruch, „Märkerwein geht allewege durch die Kehle wie ’ne Säge!“
Für das preußisch-russische Abkommen zahlte jeder einen Preis. Der Zar rekrutierte 200 oder mehr der in Preußen begehrten hochgewachsenen Soldaten, der „Langen Kerls“ für Preußens Gardetruppen und schickte sie zum Dienst nach Potsdam. Friedrich Wilhelm I. gibt eine teure holländische Yacht und sein deutlich preiswerteres Bernsteinzimmer. Das schippert dann wenig später in 18 Kisten verpackt an Havelberg vorbei in Richtung Elbe und weiter nach St. Petersburg.

Natur im Garten

Ein paar Schritte weiter stehen Bänke. Im Rücken haben wir die wärmenden Sandsteine der über 850 Jahre alten Kirchenmauern, im Blick die ganze Stadt und weit hinaus das Land. 
Wir sind im alten Dekanatsgarten, der auch jetzt, wie schön für uns, geöffnet ist. Sein umweltgerechtes Motto lautet „Natur im Garten“. Hier wachsen die heilenden Kräuter, die auch schon die Mönche kannten. Thymian, Rosmarin und die Schlüsselblumen blühen schon, der Flieder zeigt die ersten lila Spitzen. Farbig akzentuiert ist dieser Garten mit tönernen Staffagen der Meisterin Ute Schröter, die gleich um die Ecke produziert. Die Bienen und Schmetterlinge summen von Strauch zu Strauch. 
Alles so schön ruhig. Das ist der Vorteil des frühen Frühlings und der eingeschränkten Zeiten.
Wir gehen weiter durch den Dombezirk. 
Auf dem „Platz des Friedens“ hinter den beiden Bronze-Herrschern steht das Sowjetische Gefallenendenkmal als Obelisk im stalinistischen Stil. 
Dahinter lag das Krankenhaus. Geschlossen 2020. Gesundheitspolitik während der Corona-Pandemie. 

Domherren 8

Ein Kleinod noch besuchen wir hier oben auf dem Berg und nutzen es für eine Pause. Das Codewort heißt D8. Domherrnstraße Nr. 8 in Havelberg. Das Café und der Garten hier sind ein kleiner Zauberort. 
Nach der Auflösung des zum Dom gehörenden Klosters schon 1506 entstanden Häuser für die adligen säkularen Herren der neuen Domverwaltung. 1723 wurde die später den von Bredows gehörende Kurie in der Domherrnstraße erbaut.
Nach dem Krieg begann der langsame Verfall und Ende des 20. Jahrhunderts stand der Abriss des 300 Jahre alten Hauses kurz bevor. In letzter Minute kamen die Feen und Zauberer vom Verein „denkMal und Leben e.V.“ und begannen mit der Rettung der Bausubstanz.
D8 ist jetzt das Fachwerkhaus mit den blaugrünen Balken und der orangefarbenen Tür. 
Ein Schmuckstück ist der öffentliche Garten, sein gartengestalterisches Konzept ist eine märkisch-italienische Allianz. Obstspaliere, Kletterrosen, Weinranken und Hochbeete aus alten Backsteinen gehören zum Projekt. Geometrische Rasenflächen und die bunten Installationen von Ute Schröter setzen die Akzente. 
Ganz hinten im Garten steht manchmal störrisch noch eine besondere Attraktion. Es sind drei Esel und die kleine Else, das junge Eselsmädchen. Wir genießen die Oase.

An der alten Domschule vorbei schlendern wir den Prälatenweg hinunter. Die Narzissen sind in schönster Blüte, das Panorama der Altstadt lockt unsere Kamera. Der Burggrafenstein erinnert an den ersten Hohenzollern, Burggraf Friedrich von Nürnberg, und seinen Einzug in die Mark im Jahre 1412. Bis 1918 sind sie geblieben, mit Nachwirkungen bis heute.
Unten an der Hauptstraße steht die mittelalterliche St. Annen- und Gertraudenkapelle, die einst zu einem Hospital gehörte. Vor ihr, direkt an der Straße, steht die Kopie des Pilgerkreuzes das nach Bad Wilsnack weist, einst einer der wichtigsten europäischen Pilgerorte. 
Alles ist am Fluß. Der Ausblick von der Steintorbrücke ist fantastisch.

Stadtinsel Havelberg

Auf der Stadtinsel herrscht Stille, erst recht in der Coronazeit. Die Straßen scheinen ausgestorben und viele Häuser und Geschäfte stehen leer. Mit Kunst versuchen Initiativen den mangelnden Kommerz zu füllen. Es ist ein schöner Ort. Die Häuser sind teils Fachwerk, teils Gründerzeit und teils nach einstmals absichtlicher Verwahrlosung aus Platte. Havelberg hat 6.500 Einwohner, ungefähr, und etwa 1000 Soldat*innen von der Bundeswehr. 
Ein Teil meines Herzens weint. Bildhübsche Innenstädte voller Geschichte, voller Ideen und voller Anregungen sterben. Ohne Krankenhaus, ohne Infrastruktur, ohne Bahnhof. Und jetzt auch noch ohne Tourismus. Und genau das ist andererseits der große Reiz.

Seit dem 7. Jahrhundert siedelten hier Slawen, seit 1160 war Havelberg als urbs, als Stadt, unter der Grundherrschaft der Markgrafen von Brandenburg bekannt.
Unsere Füße gehen über alte Kopfsteinpflasterstraßen am Wechsel von Verfall und Topsanierung vorbei.
Mitten in der Stadt ist BBC. Wir sehen eine kleine Menschenschlange und stellen uns gleich selber an. Dann warten wir geduldig auf Vanilleeis mit Kürbiskernöl, Erdbeer-Minze oder einfach Mango. BBC heißt das BilderBuchCafé.
Gegenüber steht das klassizistische Rathaus von 1854 in zartweiß. An seiner Seite leuchtet kirschrot ein Berliner Feuermelder. Er erinnert an den schlimmen Stadtbrand von 1870. Soldaten, damals in fast jedem Haus einquartiert, zündelten im kalten Winter und steckten so versehentlich die Stadt in Brand. Die Havelberger setzten alle Kräfte in Bewegung um ihre Stadt zu retten, doch schließlich sahen sie keine Chance mehr. Nach zwölf Stunden zähen Kampfes gegen die Flammen blieb nur noch aufzugeben. Und dann schaffte es doch noch Ludwig Scabell mit der Berliner Feuerwehr und 159 Mann nach Havelberg. Scabell, der Gründer der Berliner Berufsfeuerwehr, wurde per Telegraphie alarmiert und kam samt seinen Leuten und Geräten mit dem Zug. Ein Riesenschaden war entstanden, aber immerhin die halbe Stadt dann doch gerettet. Seit über hundert Jahren steht der Berliner Feuermelder da und erinnert an die schrecklichen Ereignisse und den Nutzen einer Feuerwehr.
Ein paar Schritte weiter ruht die backsteingotische Hallenkirche St. Laurentius wie ein rötlicher Fels in der Brandung. Sie hat das Inferno überstanden.
Wir folgen der Langen Straße, der Handelsstraße in der Innenstadt, bis zum Salzmarkt. Einst hat das Privileg zum Salzhandel der Stadt viel Bares eingebracht. Hier steht die stark verbaute mittelalterliche Hospitalkapelle St. Spiritus. Der Weg aus der Stadt führt über die zweite wichtige Brücke, die nach dem nahen Sandau benannt ist.

Spülinsel

Havelberg bietet von fast jedem Standpunkt aus Theater. Wir spazieren entlang des Saums der Spülinsel gegenüber der Innenstadt mit Blick auf das gesamte Bühnenbild. Es ist Nachmittag, die Sonne steht schon tief im Westen und die backsteinernen Kirchen und die Dächer leuchten rot.
Knallbunte Fische, die seit der BUGA 2015 als Kunstobjekte stehen, geben ein schönes Fotomotiv. Nach dem Fischblick folgt die Kanueinsatzstelle, für die, die ihre Runden auf dem Wasser drehen. Wer länger bleibt kann auch campieren.

Blick von der Spülinsel in Havelberg

Werften

Gegenüber liegen die sonst so knatternd lauten bunten BunBo Hausboote jetzt ganz ruhig da. Etwa an diesem Platz war einst die „Kurfürstliche Werft Havelberg“. Dort baute der niederländische Reeder Benjamin Raule aus Vlissingen im Auftrag des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg im Jahre 1687 eine Werft für die kurbrandenburgische Marine und ließ die Schiffe für die neue Brandenburgisch-Afrikanische Compagnie des Kurfürsten zimmern.  Die brandenburgische Kolonie hieß Friedrichsburg, ihr einstiger Standort gehört heute zu Ghana. 
Für die Schiffe dieser meerestauglichen Größe war die Havel viel zu flach. Die halbfertigen Schiffe wurden mühsam nach Hamburg verbracht und dort seetüchtig gemacht.  Es gab den „Fliegenden Drachen“ der 450 Sklaven von Afrika nach Indien lieferte. Oder die Charlotte-Louise, 200 Sklaven von Afrika nach St. Thomas. Havelberg und der globale Sklavenhandel. Der habgierige Traum der Hohenzollern von einem Kolonialreich ähnlich dem der europäischen Seemächte verlief schon 1717 dann im Sand.
1779 wurde von der Königlichen Haupt-Nutzholz-Administration die Königliche Seeschiffswerft in Havelberg unter Leitung des schwedischen Schiffbauers Johann Samuel Sepelius gegründet. 
Heutzutage ist Havelberg immer noch eine Stadt des Schiffbaus. Die Kiebitzwerft auf der anderen Seite arbeitet mit über 100 Mitarbeitern und lieferte die ersten innovative CO2-neutrale Solarschiffe nach Berlin.

Havel und St. Laurentius in Havelberg

Wir schlendern entlang der Havel zurück zur Steintorbrücke und dann hinauf zum Dom. Erfüllt und ein ganz klein wenig müde sinken wir auf eine der schönen Havelberg-Bänke und schauen auf die Stadt und ihren buchtenreichen Fluss, kurz bevor er sich verliert und in die Elbe mündet.

Das waren die Reisefrequenzen, heute in der alten Hansestadt Havelberg zwischen Havel und Elbe.

Tipps:

Wo: Havelberg, Sachsen-Anhalt
Was: Ein Rundgang durch die Stadt vom Domberg zur Stadtinsel mit den schönsten Sehenswürdigkeiten.
Inspiration: Haus der Flüsse https://www.haus-der-fluesse.de
Informationszentrum zum Biosphärenreservat Mittelelbe
Food & Stay: D8 https://domherrn8.de
Bilderbuchcafé https://www.dasbilderbuchcafe.de. Zwei Empfehlungen.
Lesen: aus der “Fremde Freund” von Christoph Hein, der in Havelberg wohnt: „Ich vermeide es, enttäuscht zu werden. Ich wittere schnell, wo es mir passieren könnte. Ich wittere es selbst dort, wo es mir nicht passieren könnte. Und ich wittere es dort so lange, bis es mir auch dort passieren könnte. Ich bin auf alles eingerichtet, ich bin gegen alles gewappnet, mich wird nichts mehr verletzen. Ich bin unverletzlich geworden. Ich habe in Drachenblut gebadet, und kein Lindenblatt ließ mich irgendwo schutzlos. Aus dieser Haut komme ich nicht mehr heraus. In meiner unverletzlichen Hülle werde ich krepieren an Sehnsucht.“
♥️ Unser Lieblingsplatz : Die Havelberger Bank mit Aussicht vor dem Dom.

8 Gedanken zu „Havelberg. Hansestadt an der Havel.“

  1. Heute begleitet Marike mich virtuell in eine mir bisher unbekannte Hansestadt. Vom Domberg aus stellt sie mir die vielgestaltige Bebauung vor. Dann lenkt sie meinen Blick auf die Havel, die wie ein sanft geformtes Herz diese Stadt irgendwie liebkosend umfließt bevor sie in die Elbe münden wird. Inmitten der reichen Geschichte Havelbergs mit schwungvollem Salzhandel und der Seeschiffswerft tauchen dann vor meinen Augen, gut in Bronze gestaltet, der Zar von Russland und der König von Preußen auf! Was will man mehr? Allerdings ist das lukullische Mahl auch Geschichte. Doch bei BBC gibts leckeres Eis! Und wenn ich mir noch ein Mitbringsel wünschen dürfte, würde ich gern die großartige Domfassade als Fotoblickfang für mein Wohnzimmer haben. Noch besser: Hiermit melde ich mich zu einer Havelberg-Führung an!

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    • Liebe Irmgard,
      vielen Dank.
      Havelberg ist eine Reise wert! Außerdem liegt es am Rande eines sehr schönen Naturschutzgebiets. Das ist auch sehenswert!

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  2. Gerne möchte ich mal Havelberg selbst durchlaufen und erkunden.
    Vielen Dank für den schönen Rundgang liebe Marike und die Einblicke, die du uns ermöglichst.
    Wenn ich dort dann auch am Ende in dem Gartencafe und dem BBC die kulinarischen Köstlichkeiten probieren darf und die hübsche junge Eselin Elsa sehen kann …..
    Ich bin schon gespannt auf die Folge wenn du den Dom zukünftig näher beschreiben wirst.

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    • Liebe Annette, Havelberg ist einen Besuch wert und auch die Umgebung ist wunderschön! Danke für den Kommentar!

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