Götzer Berg und Havel. Ein doppelter Sehnsuchtsort.

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Götzer Berg und Havel. Ein doppelter Sehnsuchtsort.
Götzer Berg und Havel. Ein doppelter Sehnsuchtsort.
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Hallo! Hier geht‘s zu den Reisefrequenzen. Heute, zum Jahreswechsel 2020/2021, zu einem Ort mit Aussicht. Zum Götzer Berg und zur Havel. Auf halber Strecke zwischen Potsdam und Brandenburg.

Veröffentlicht am 01.01.2021
Wir steigen auf einen Hügel, der in unserer Gegend schon als Berg zählt. Zum Aussichtsturm Götzer Berg mit Fernsicht ins Havelland. Zum Blick auf Sonnenuntergänge und Sonnenaufgänge. Zu einem Ort der Sehnsucht, des Fernwehs, des Weitblicks. Zu einem Symbol dieser Jahreswende. Zum Blick auf das Vermisste und das Gefundene. Zur Sehnsucht nach dem, was uns fehlt und dem, was kommen wird.

Der Weg zu diesem Ort ist eine kleine Wanderung. Feste Schuhe, wetterpassende Kleidung, die Thermoskanne, ein kleines Imbißpicknick und zum Abschied des vergangenen und Gruß des neuen Jahres ganz unten im kleinen Rucksack ein paar Wunderkerzen.
Nebel liegt über dem Land, der Himmel schwebt im Zwielicht. 

Startpunkt am Bahnhof Götz. Wir wandern durch das Dorf hindurch in den Wald hinein. 80 m fast atemloser Aufstieg durch den Kiefernwald. Die Gegend ist ungewohnt hügelig im sonst so flachen Havelland, ein Hauch von Mittelgebirge. Die sandige Moräne staucht sich 108,60 m über dem Meeresspiegel und 80 m über der unten schläfrig fließenden Havel. Der Waldboden rechts und links des Weges ist dicht mit Moos bewachsen, in den grünen Furchen und Schatten spielt ein eigenes Leben. Ein Specht klopft rhythmisch aufs Holz.

Die Luft riecht nach sanftem Kiefernnadelbad. Schemenhaft taucht vor uns der Aussichtsturm auf dem Götzer Berg auf. Der Turm ist eine riesige stählerne Pyramide, ihre Spitze ragt verschwindend in den Nebel. Im Inneren der offenen Konstruktion führen Treppen gen Himmel. Mir ist mulmig. Es riecht modrig. Durch jede der Stahlstufen hindurch sehe ich den Erdboden, der, je höher wir steigen, immer weiter nach unten weicht. Bis zur Aussichtsplattform sind es 27 m. Der Aussichtsturm auf dem Götzer Berg ist der höchste Punkt am ganzen langen Fluß der Havel. 27 plus 80 oder plus 108 über dem Meer. Am 14. Juni 2012 wurde er eröffnet. 

Blick vom Aussichtsturm am Götzer Berg nach unten

Auf Höhe der Baumwipfel schöpfen wir Atem, dann steigen wir über sie hinaus. Oben angekommen. Der Blick schweift durch den lichter gewordenen Nebel bis zum Fluß. Ich mag diesen Nebel, der uns umhüllt. Wir hören einige Kraniche, die hier geblieben sind und die Gänse, die nicht nach Süden wollten. Unter uns in der Ferne, wie ein Streif am Horizont, die silbrigmatte Havel. Es ist ein Ausblick in ein noch nebliges, dunstiges Land und in das Versprechen, fern gewordene Ziele zu erreichen. 
Am Geländer der Plattform stehen die Hinweisschilder. Buchstaben der Sehnsucht. Sydney. Äquator. New York und London und der Nordpol. 
Oft bin ich dort gewesen. Sydney. New York. London. Kap Arkona. Und noch nie am Nordpol.

Rückblick in das undurchdringlich dunkle Jahr beruflichen Stillstands. 
Rückblick in ein Jahr, in dem Manches den Nebel durchbrach. Dieser Blog.
Das Unterwegssein mit Euch und Ihnen!
Es ist schön hier. Ein weiter Blick über das stille Havelland, meiner unaufgeregten Liebe. Unsere Beziehung hat sich in diesem Jahr unangekündigt intensiviert. Über den Wipfeln ist Ruh, über den Kiefern, den Birken. Der Nebel fühlt sich wie eine leichte Feder an und ist eine Symbol für diese Zeit. Wir zünden die Wunderkerzen an und schauen den funkelnden Sternen zu.

Bei guter Sicht ist ganz in der Ferne klitzeklein der Berliner Fernsehturm zu sehen. Das sind immerhin 53 km Luftlinie. 
Der Turm ist eine Pyramide, die Stützen aus verzinktem Stahl sind mit Holz verkleidet. Seine Form und die Holzverkleidung soll an den Signal- und Beobachtungsturm der Landvermessung erinnern, der hier lange stand. Heute ist der Trigonometrischer Punkt erster Ordnung unter dem Turm vermerkt. Die Aussicht braucht der Landvermesser für seine wissenschaftlichen Aufgaben nicht mehr. 

 

Wir steigen vom Turm und aus den Träumen, wandern weiter durch Götzerberge, wo einst die märkischen Ziegel gebrannt wurden, zur Havel. Rechterhand liegt der „Amazonas der Mark“, profan benannt als „Deetzer Erdelöcher“. Die ehemaligen Tongruben sind längst mit Wasser gefüllt. Überall wuchert das Grün, Lianen hängen herab, Wasser dringt durch das Dickicht, scheinbare Wege verschwinden im Nirgendwo, schmale Pfade rutschen ins Nichts, auf den Wasserflächen gehen Spuren unter. So wild sind die Deetzer Erdelöcher zwischen der Havel und dem Dörfchen Deetz. Die unzähligen Tongruben auf der 51 Hektar großen Fläche entstanden zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und 1963. Auf alten Landkarten ist zu sehen, wie die Löcher von Jahr zu Jahr wuchsen. Der Ton wurde in Knochenarbeit herausgeschaufelt und in sieben Ziegeleien geformt und gebrannt. In einer kleinen Lorenbahn wurden die fertigen Ziegel zum Hafen an der Havel transportiert, auf Lastkähne verladen und verschifft. Es war ein lukratives Geschäft, im Ort Deetz stehen noch die großartigen Villen. Das wäre ein Abstecher vom Weg.

Götzer Berg und Havel. Ein doppelter Sehnsuchtsort.

Der Wanderweg zum Havelblick ist perfekt ausgeschildert. Am Rande des Amazonas erreichen wir den Fluß. Ein stiller Winterblick.
Es ist beides. Ein doppelter Sehnsuchtsort. Das geliebte Havelland und die Sehnsucht nach der Welt.

 

Götzer Berg und Havel. Ein doppelter Sehnsuchtsort.

In diesem Jahr werden wir Euch und Sie weiter durch die Nähe, durch Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen mitnehmen. Und wir werden in den kommenden Wochen die Orte der Welt, die wir aus so vielen Jahren so gut kennen, die voller Erinnerungen und Zukunft sind, erkunden. Die Sehnsucht im Ausblick.

“Und der Wind wiegt unser Leben,
wie er Weide wiegt und Rohr.“ schreibt Peter Huchel in seinem Gedicht Havelnacht.

Aufbruch zurück. Bleibt das Fragezeichen, ob wir es wirklich schaffen wollen, nachhaltiger zu reisen. Nah bleibt‘s auch sehr schön.

Götzer Berg und Havel. Ein doppelter Sehnsuchtsort.

Wo: Götzer Berg und Havelblick, auf halber Strecke zwischen Potsdam und Brandenburg. 
Was: Eine Wanderung zum Aussichtsturm auf dem Götzer Berg und zum Havelblick.
Wegweiser: Teilstück des Lehnin-Havel Klosterweges. Blaues Band der Havel und blauer Kirchturm sind auf den Wegweisern abgebildet
Wanderung: ca. 15 km , 3,30 Stunden, 120 m rauf und wieder runter ab und bis Bahnhof. Kürzerer Rundweg ab Dorf 8,5 km
Der Havelradweg nach Potsdam-Brandenburg führt unterhalb der Götzer Berge entlang. Ein Abstecher zum Turm ist möglich.
Inspiration: Peter Huchel, Havelnacht, Insel-Bücherei Nr. 1487
♥️ Unser Lieblingsplatz: Auf der Plattform des Aussichtsturms Götzer Berg
🗝 Wir nehmen Sie/Euch gerne auf unsere analogen Touren mit.

Das waren die Reisefrequenzen. Heute zum Jahreswechsel 2020/2021 zur Aussicht am Götzer Berg. Nah ist‘s auch schön.

 

1 Gedanke zu „Götzer Berg und Havel. Ein doppelter Sehnsuchtsort.“

  1. Diese Wanderung ist traumhaft schön beschrieben, ein kleines literarisches Kunstwerk!
    Anrührende Besinnlichkeit, ein Hauch Wehmut und dennoch mit Wunderkerzen ein aufstrahlendes Dennoch rühren mich an und geben mir Mut zum Weitergehen im Neuen Jahr.
    Dafür herzlichen DANK!

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