Glashütte/Baruth. Glaszauber im magischen Museumsdorf.

Reisefrequenzen
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Glashütte/Baruth. Glaszauber im magischen Museumsdorf.
Glashütte/Baruth. Glaszauber im magischen Museumsdorf.
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Hallo! Hier gehts zum in die Ferne hören. Die Reisefrequenzen.
Oder: nah ist’s auch schön.

Wir nehmen Sie mit zum heutigen Ziel, der Baruther Glashütte südlich von Berlin. Ein Museumsdorf des 19. Jahrhunderts mit dem Werkstoff Glas in der Hauptrolle.
Fast verwunschen im Wald, zwischen Kiefern und Laubbäumen, liegt das Dorf der Glasmacher. Glashütte/Baruth, umgeben von einem dichten grünen Schutzgürtel, abseits aller größeren Dörfer, ist eine kleine eigene Welt. Die Glashütte war ein Standort der frühen Industrialisierung und ist heute eine Insel der Ruhe im Wald, ein unter Denkmalschutz stehender Kulturort des Lernens über Glas und Kanne, ein Museum und ein Platz der tausend schönen Dinge.

Auf dem Parkplatz vor dem Ort warnt eine Hinweistafel, keine Wertsachen im Auto zu lassen. Wahrscheinlich springen Wilderer und Wegelagere aus dem Dickicht der Umgebung. Nur das vielstimmige Vogelgezwitscher erfüllt die Luft, sonst ist es ruhig.  Wir schauen uns fragend um. Dann entdecken wir den einzigen Weg fort von hier, er führt in den Wald. Nach ein paar Schritten öffnet sich der Blick, rechts gehen wir an einem Kornfeld vorbei und stehen unvermittelt vor dem ersten Haus. Ein gelbes Leuchten in der Sonne. Hier beginnt das Dorf. 
Das gelbe Leuchten ist eine Fachwerkfassade, die zur ehemaligen Schule für die Kinder der Glasmacher gehört. Die Schule ist vorbei, heute ist das Haus mit modernen Anbauten die Museumsherberge zum Übernachten für Gäste. Mitten im Wald.

Die Idee, ein abgelegnes Dorf ohne landwirtschaftlich nutzbare Flächen und abseits bestehender Handelswege mitten im Wald zu bauen, kam von Friedrich Sigismund II., Graf zu Solms-Baruth. Er residierte im Schloss der nahen Stadt Baruth. Was er hier im Wald wollte, war Glas.
Mit Beginn des 18. Jahrhunderts wuchs in der aufstrebenden aufgeklärten Gesellschaft die Begehrlichkeit nach Glas. Die Produktion versprach Profit und die benötigten Rohstoffe lagen in der Mark Brandenburg zu Füßen des Investors. Der Quarzsand stammt aus der Streusandbüchse, der Kalk als weitere Zutat war ebenfalls im Boden vorhanden und Pottasche wurde aus dem Holz der Wälder gewonnen. Die grünliche Farbe des preiswerten Waldglases entsteht durch Verunreinigungen, durch Zusatz von Braunstein wird das Glas klarer.

Bis wir die kleine Siedlung erreichen, werde ich zur Pseudoexpertin über Gepresstes und Geblasenes. Die Produktion war gewinnbringend, jedoch ein riesiger Raubbau am Wald. Aus Wikipedia lese ich „Für die Herstellung von 1 kg Glas wurden damals ca. 1 Raummeter Holz benötigt. Der Holzbedarf einer einzigen Glashütte zur Herstellung von Pottasche und zum Heizen der Glasöfen betrug jährlich 2.000 bis 3.000 Festmeter Holz. Für eine Glashütte wurde somit jährlich der Holzvorrat von etwa 20 bis 30 ha Wald benötigt (ungefähr 30 Fußballfelder pro Jahr) . 80 bis 85 % des Holzes wurde dabei für die Pottaschegewinnung veräschert.“
Während im Mittelalter die Glasmacher durch die Wälder wanderten, wurden sie in der frühen Neuzeit seßhaft. Bevor sie mit der Arbeit beginnen konnte, mussten sie  zu allererst die Glashütte selbst bauen. Der Mittelpunkt des Gewerbes war das Hüttengebäude mit dem Schmelzofen. Drumherum entstanden Wohngebäude, Ställe, Scheunen, die Kneipe und schließlich die Schule von 1853, an der wir gerade vorbeikamen.  

Glashütte/Baruth. Glaszauber im magischen Museumsdorf.

1711 beginnt Graf Friedrich Sigismund II. zu Solms-Baruth mit der Planung. Sein erster Gedanke geht in einen nördlich gelegenen Wald, doch er scheut den notwendigen Kahlschlag der Bäume. 
Vier Jahre später, 1715 kommt  ihm ein Sturm zu Hilfe. Große Flächen des Waldes südlich von Baruth werden entwurzelt und die Baumstämme liegen am Boden. Die Geschichte von Baruth Glashütte beginnt. Ein Dorf für etwa 500 Menschen wird gebaut. Graf Friedrich Sigismund holt den Glasmeister Gottlob Bernsdorff aus Lieberose in die Werksiedlung und sichert sich damit dessen Expertise.
Bis 1815 gehörte die Baruther Glashütte zu Sachsen. Der Wiener Kongress ordnete die Glasstandorte im nördlichen Sachsen jedoch Brandenburg-Preußen zu, der Kampf um diese Wirtschaftsstandorte war für Preußen gewonnen. In Konkurrenz zur Globsower Hütte wurden in Baruth Glashütte Scheiben in zahlreichen Farben, Glasballons und Trinkgläser hergestellt. Eine geniale Innovation gelang in den 1830er Jahren. Durch den Zusatz von Schafsknochen bei der Herstellung entstand ein milchiges, opales Glas. Speziell für die Fertigung reinen Milchweißes betrieb die Hütte einen Ofen mit sechs Häfen. Darin stellte sie monatlich zehntausende Lampenschirme und Zylinder in unterschiedlichster Formgebung für moderne Gaslampen her. Auf der Londoner Weltausstellung 1851 dann der Höhepunkt. Die Glashütte gewinnt einen 1. Preis. Der wirtschaftliche Aufschwung war unstoppable. Immer mehr Arbeitskräfte wurden gebraucht. Jetzt wurde die Schule gebaut. 1861 entstand die „Neue Hütte“.  Dann aber fehlte der weitere Aufschwung, so daß die Gebäude seit 1890 kaum noch verändert wurden. Die letzten Produkte aus dem Schmelzofen während des 20. Jahrhunderts waren, fast ein Synonym für den Zustand des Landes, große birnenförmige Gärballons. Die Blütezeit war längst vorüber.

Wir gehen an den seit 1991 aufwendig renovierten Gebäuden vorbei. Das Fachwerk, teils mit Backsteinen ausgefächert, ist die dorfbildprägende Architektur. Die Häuser sind Schmuck anzuschauen und hier, mitten im Wald, relativ feuersicher gebaut. Alte Bäume stehen zwischen den Häusern, Holzzäune umgeben die kleinen Gärten, in denen Phlox und Sonnenhut prächtig blüht. Unsere Augen wandern überall. Seit 1980 wird in Glashütte nicht mehr produziert. Das im Wald verborgene Dorf ist ein Museum und eine Oase für die hier wohnenden Künstler. Und für uns Besucher.
Das ist für uns das Glück. Es scheint eine einzige Idylle. Zwischen den Werkhäusern liegen die romantisch rostenden Schienen der alten Lorenbahn, die zu den Industriegebäuden und Packschuppen führten. Viele Gebäude stammen aus der Boomzeit des 19. Jahrhunderts, doch einzelne Anwesen könnten von der ersten Zeit im Wald Geschichten erzählen. Das Hegemeisterhaus, etwas zurückgesetzt, stammt von 1715. 

Die zentralen Punkte im Ort sind, neben der Linienbushaltestelle die das 21. Jahrhundert verrät, links der Konsum und rechts der Gasthof Reuner. Der „Alte Dorfkonsum“ lockt mit hausgemachten Wurstspezialitäten, ihr verführerischer Duft legt eine Fährte bis zur Eingangstür. Im historischen Steinofen wird nach alter Tradition gebacken und das Brot frisch und warm verkauft. Gegenüber bietet der Landgasthof Reuner regionale Spezialitäten, im Sommer auch draußen. Das Standesamt hat ein Heiratszimmer eingerichtet und im Gasthof stehen die Übernachtungsbetten bereit. Die Glashütte bietet eine nahezu unendliche Verführung. 
Museum, Handwerk, Kunst und Kulinarik. Gelassen geht ein ganzer Tag vorbei. Moderne Glaskunst, das Reich der Schokolade in der „Albertine“, Weinverkostung, textiles Wohndesign, handgemachte Seifen, Feines aus Filz und Stabiles aus Leinen, Kunst aus den Galerien. In den Gebäuden der Werksiedlung sind heute Ateliers, Geschäfte und Cafés. Ob Bücher aus handgeschöpftem Papier, ob Puppendoktor, ob Käse, Kräuter, Stauden – fast braucht es die Inbetriebnahme der alten Lorenbahn zum Transport der Shopping Queens und ihrer Taschen.

Die  „Neue Hütte“ aus dem 19. Jahrhundert am Ende der Dorfstraße ist jetzt Museum. In der Werkhalle sind alte Werkzeuge, Flaschen, Gläser, Gärballons, Verpackungsmateriel, verschiedene Gebrauchsgegenstände und alte Fotos ausgestellt. Es ist als wären die letzten Arbeiter gerade nach Hause oder in die Kneipe gegangen, als seien wir im 19. Jahrhundert angekommen. Das Licht flirrt wie in einem alten bräunlich verblassten Film. Staub liegt in der Luft und auf den Artefakten. Wir schauen uns die Fotos an und schauen den Arbeitern mit ihren Familien am Anfang des vergangenen Jahrhunderts ins Gesicht. 

Werkzeuge in der Glashütte
Werkzeuge im Museum

Am Ende des Raumes steht in einem vorsichtshalber vom Publikum abgesperrten Bereich vor dem Hafenofen der Glasbläser mit seinem Arbeitsgerät. Er bläst das rotglühende Glas in Form, eine Metamorphose voller Überraschungen. Wie aus einem Glasklumpen ein Trinkgefäß wird sieht so einfach aus. Und ist doch perfekte Kunst. Angespannt still und aufmerksam schaut das Publikum den ruhigen und präzisen Handgriffen des Glasbläsers zu. Die Glaskugel entsteht durch seinen Atem und bleibt zerbrechlich wie die Zukunft. 
Im ersten Stock über der Werkshalle betrachten wir eine Ausstellung über diesen Industriestandort. Alte Fotos zeigen Szenen der Arbeit und des Lebens, hier produzierte Glaswaren, Auszeichnungen und Erläuterungen füllen die Vitrinen und lassen dennoch manche Fragen in den Zeitläuften offen.

Wohnhaus im Museumsdorf Glashütte, davor ein Meer gelber Blumen

1866, am 12. Januar, als die Glashütte auf ihrem ökonomischen Höhepunkt ist, wird im Dorf Reinhold Burger geboren. Er lernte früh die Arbeit mit dem Werkstoff Glas. Kinderarbeit gab es wie überall während der Industrialisierung auch in Glashütte. Reinhold Burgers Namen lernt die Pseudoexpertin erst hier kennen. Dabei ist eine seiner Erfindungen unser ständiger Begleiter. Die Thermoskanne
Im ehemaligen Hüttenbahnhof ist ihm eine Ausstellung gewidmet. Reinhold Burger lebt das Leben eines Entrepeneurs. Nach einigen Jahren bei Siemens & Halske reiste er in die USA und arbeitete in New York, Brooklyn, Boston, Philadelphia und Chicago. Im Jahre 1894 gründete er im Berliner Feuerland nördlich der Torstraße sein eigenes Unternehmen, die erste Glasinstrumentenfabrik in Berlin, die bis 1982 existierte. Thermometer, Laborgeräte, Wasserstandsröhren, Vakuumpumpen und -gefäße und Gasentladungsröhren wurden hergestellt. Hinzu kamen Experimentiergeräte für den Physikunterricht in Schulen und medizinische Diagnose- und Therapiegeräte. Eine der originalen Röntgenröhren die Conrad Röntgen selbst benutzte, liegt im Museum in einer Vitrine. 1903 wurde Burgers Thermosflasche patentiert. Als Grundlage seiner Forschung nutzte er das zweiwandige Dewar-Gefäß. Der Trick in der Thermoskanne ist das Vakuum. Zwischen den Wänden der zweiwandigen Kanne, ist keine Luft. 

Die Museen sind das eine, aber Ambiente, Flanieren, Plaudern und nach schönen Dingen schauen , ist das Andere. 

Glashütte/Baruth. Glaszauber im magischen Museumsdorf.
Teatime in der Potteria

Wir sind die Dorfstraße hinauf und hinunter gegangen, haben geschaut, gelesen, gelernt, haben unsere eigene Glaskugel geblasen und sind am Ende fußmüde. Die Stärkung finden wir im Grünen. In der Potteria des Töpfers Axel Rottstock wird außergewöhnliches Geschirr in Grüntönen und farbigen Mustern lasiert. Es ist einfach sehr schön anzusehen. Und zum Glück für uns gehört zur Potteria ein Café. Kleine Leckereien werden auf den handgefertigten irdenen Tellern serviert. Bei schönem Wetter sitzen wir draußen unter Bäumen auf dem Dorfanger, nebenan ein gelb blühendes Meer. Die Teetrinkerin ist begeistert. In einer geschmackvollen hellgrünen Tasse schimmert der dunkelgoldene Tee, frisch aus losen Blättern aufgebrüht. Die Potteria sagt nein zu den derzeit angesagten Plastikteebeuteln. Die Pseudoglasexpertin und Teekennerin genießt Glashütte/Baruth in vollen Zügen.

Wo: Glashütte/Baruth
Was: Museumsdorf. Museum, Kunsthandwerk. Angebote zum Mit- und Selbermachen. Wechselnde Veranstaltungen. Ausgeschilderte Wanderwege. Fläming Skate. Übernachten.
Food: Gasthaus Reuner, Alter Konsum, Kleinigkeiten in der Albertine und der Potteria
Museum: Neue Hütte. Burger Ausstellung. Digital:https://nat.museum-digital.de/index.php?t=listen&instnr=506
Stay: verschiedene Ferienwohnungen, Museumsherberge
Inspiration: Über Burgers Thermosflasche https://thermosflasche.jimdofree.com/
Die Randnotiz: In der Nähe der Glashütte, im Weiler Lynow, wurde ein weiterer Erfinder geboren. Wilhelm Oskar Barnack, geboren 1879, arbeitete als Entwicklungschef der Firma Leitz in Wetzlar in der Abteilung für Filmkameras. 1913/1914 erfand er die 35-mm-Kleinbildkamera. 1925 brachte er die erste Leica /Leitz Camera) auf den Markt.
♥️ Unser Lieblingsplatz: Überall. In der „Neuen Hütte“ dem Glasmacher zuschauen. Das Grün in der Pott-Teria.

Alle Tipps sind unsere Lieblingsempfehlungen, unbezahlt und ohne Auftrag.

Das war ein Ausflug zur Baruther Glashütte. Glaszauber im magischen Museumsdorf.
Das waren die Reisefrequenzen. Nah ist’s auch schön.

2 Gedanken zu „Glashütte/Baruth. Glaszauber im magischen Museumsdorf.“

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