Gent – Sehenswürdigkeiten auf einem Stadtrundgang durch das Highlight Flanderns

Hallo! Pulsierendes Leben, studentisches Flair, mittelalterliche Gassen, kulturelle Highlights, leckeres Essen, vielfältiges Shoppen und idyllisches Flanieren am Ufer der Leie – Gent ist ein funkelndes Schmuckstück in Flandern. Besonders faszinierend ist die Entdeckung architektonischer Schönheiten, interessanter Geschichten, unerwartet offener Räume und der Genuss verführerischer Pralinen. Eine mehrtägige Reise nach Gent lohnt sich zu jeder Jahreszeit.
* Gent ist per Bahn gut zu erreichen und die Sehenswürdigkeiten der Innenstadt lassen sich auf einem Stadtrundgang prima zu Fuß erkunden.

  • Mein Tipp für die Route vom Bahnhof Gent-Sint-Pieters durch das charmante Herz von Gent:
  • 1. Vom Bahnhof Gent–Sint-Pieters zum Citadelpark und den Kunstmuseen MSK und SMAK
    * Abstecher für Architekturfans
    * Eldorado für Kunstfans
  • 2. Von der Abtei Sint Pieter durch das lebendige Universitätsviertel zur Bibliothek De Krook
    * Empfehlung für Fans schicker Patina
    * Exkurs für Geschichtsfans
  • 3. Die herausragenden Sehenswürdigkeiten im Zentrum von Gent
    * Plädoyer für eine Winterreise
    * Tipps für Fans belgischer Pralinen
  • 4. Ein Abstecher zum Prinzenhof und durch das Viertel Patershol
  • 5. Rückweg durch die Veldstraat zum Bahnhof Gent-Sint-Pieters
    * Der großartige Blick hinter die Kulissen
    * Nachtrag für Kunstkrimifans

Der Hauptbahnhof Gent-Sint-Pieters ist ein prachtvolles Relikt der Weltausstellung von 1913 und derzeit wegen Umbau im Zustand des mittleren Chaos. Belgien ist überschaubar und die Genter Metropolenregion ein Wirtschafts- und Wissenschaftszentrum. Für die 270.000 Einwohner, über 70.000 Studenten und zahlreiche Pendler ist der burgengleiche neogotische Bahnhof ein wichtiger Knotenpunkt. An den Wänden der Eingangshalle wecken großflächige Darstellungen belgischer Städte die Sehnsucht der Reisenden. Segelschiff und Dampfer locken zum Meer nach Ostende, in der Bücherbox auf dem Weg zu den Gleisen liegt ein einziges Buch. Joseph Roth, Die Erzählungen. Ausgerechnet Joseph Roth, der vor den Nazis emigrierte und 1936 seine letzte große Liebe in Ostende erlebte.

Ich trete aus dem Bahnhofsgebäude und bin von einem Meer tausender parkender Fahrräder verwirrt.

* Abstecher für Architekturfans: Das Millionenviertel in Gent
Vom Bahnhof spaziere ich durch die Clementinalaan in der die Fassaden schmaler Häuser im Schönheitswettbewerb zwischen Art déco und Jugendstil stehen. Ab 1905 entstanden hier abwechslungsreiche Belle-Époque-Schauseiten, selbst die schmiedeeisernen Gitter der Vorgartenzäune trotzen windschief den Zeiten. Hinter der Eisenbahnbrücke liegt das Millionenviertel auf dem später parzellierten Gelände der Weltausstellung von 1913. Um den Paul de Smet de Naeyer Park und in den angrenzenden Straßen ist von konservativ bis Neue Sachlichkeit ein vornehm glänzender Spiegel belgischer Zwischenkriegsarchitektur entstanden.

Zurück unter der Bahnbrücke hindurch erreiche ich den Citadelpark. An einer der höchsten, im Angriffsfall nicht durch Wasserflutung zu sichernden Stelle der Stadt, stand eine Festung. Nach 1875 wurde die Holländische Zitadelle bis auf wenige Relikte abgetragen und statt der Bastion ein romantischer englischer Garten mit Konzertpavillon und seltenen Bäumen gestaltet. Perfekt zum Bummeln, eine Pause auf Bank oder Wiese genießen. Ein kleiner Wasserfall plätschert über einen künstlichen Felsen mit Figur auf der Spitze. Sakala wurde 1884 als Zwölfjähriger aus dem Kongo „mitgenommen“ und als der „Wilde aus dem Busch“ vorgezeigt. Gegenwart belgischer Kolonialgeschichte.

* Eldorado für Kunstfans: Am Rande des Citadelparks steht ein Denkmal für den impressionistischen Maler Emile Claus. Das Genter Kunstviertel öffnet mit einem Fanal. Im S.M.A.K. wird zeitgenössische Kunst gezeigt und im MSK, dem Museum der Schönen Künste, warten Werke von van Eyck bis Magritte, von van Dyck bis James Ensor. Besonders beeindruckt haben mich Skulpturen des Bildhauers Georges Minne und die Restaurierung des Genter Altars vor den Augen der ehrfürchtigen Besucher. Während der Arbeitspause am Wochenende werden die Tafeln des Johannes, der Maria auf dem Thron und des Pantokrators in der Werkstatt hinter Panzerglas gezeigt.

Nach einer Kunstpause schlendere ich vorbei an der lange schon regimentlosen Leopoldkaserne zum weitläufigen Sint-Pietersplein. Bis 1796 herrschte hier eines der wohlhabendsten und einflussreichsten Klöster doch nach der Säkularisierung durch die französischen Herrscher mussten die Mönche ihre Sint-Pietersabdij verlassen. Bis heute dominiert die auf karolingischen Fundamenten im Barock prachtvoll neu errichtete Abteikirche St. Peter den Platz, bei meinem Besuch verschwinden ihre Türme im Genter Nebel. Kirche, Museum und Abteigarten sind eine barocke Oase.

Am Anfang der Overpoorstraat steht ein offenes Herrenpissoir und Banner über der Straße erinnern ans „Glasverbod“. Die Erzieher einer vorbeihüpfenden Kindergruppe lotsen ihre Warnwesten-Schützlinge zügig auf den Bürgersteig gegenüber. Doch an diesem nebligen Morgen ist im Studenten- und Ausgehviertel zwischen Molotov, Salto, Rock Circus und den anderen 40 Bars und Kneipen nichts los außer Tote Hose.

Auf dem Weg Richtung Zentrum öffne ich die schwere Eingangstür des berühmten von Henry van de Velde 1933 entworfenen Bücherturms / Boekentoren. Er beherbergt die Unibibliothek, überragt als Wahrzeichen der Wissenschaft die Genter Innenstadt und ist neben Kirchtürmen und Belfried Gents vierter Turm. Das Innere ist von Fußboden bis Buchregal ein am Bauhaus orientierter Büchertraum. Der Eingangsbereich und nach Kontrolle die Lesesäle im Bücherturm sind öffentlich zugänglich, der gläserne Turmaufsatz Belvedere bleibt Führungen und Veranstaltungen vorbehalten.

Vorbei an der interessant gerasterten Fassade des ehemaligen Verlags- und Druckhaus Vooruit und dem derzeit (2025) planenverhängten Viernulvier Kunstzentrum im Veranstaltungshaus der Konsumgenossenschaft Vooruit erreiche ich die Lammerstraat 13.

* Empfehlung für Fans schicker Patina: Durch einen dunklen kühlen Eingang den ich ohne Tipp des Lokalhelden kaum gefunden hätte öffnet sich unter einer flachen Kuppel ein phänomenales Gebäude. Raue Betonwände stützen die große Halle des Winterzirkus der ab 1895 ein Ort für Spaß, Brot und Spiele war. 1944 schloss sich der Vorhang für immer und nach dem 2. Weltkrieg zog in den umgebauten Zirkus Ghislain Mahys Autowerkstatt und seine weltweit größte Fiat-Oldtimer-Sammlung ein, die Auffahrtsrampen und Tanksäulen sind noch erhalten. Inzwischen wird die einmalige Industrie-Atmosphäre nach Umbau als Event und Start-up Location genutzt. Die Halle des Genter Winterzirkus ist kostenfrei zugänglich.

Ein paar Schritte weiter steht die Bibliothek De Krook wie der Ladekran eines Büchermagazins in einer Schleife der Schelde. Wo heute die Bücher lagern landete früher die Steinkohle aus der Wallonie an. Drei spanische Architekten haben u.a. für das einladend transparente Gebäude des Bibliotheksneubaus den Pritzker Architekturpreis erhalten. Der öffentliche Raum ist für alle gestaltet und im Bogen des Flusses lädt ein Café erst recht im Sommer zu wassernahen attraktiven Stadtblicken ein.

* Exkurs für Geschichtsfans: Seit der Steinzeit ist die Genter Region zwischen Schelde und Leie von Menschen bewohnt. Später kamen Römer, Franken, die ersten Christen und im 9. Jahrhundert verwüsteten die Wikinger Gent. In den folgenden Jahrhunderten sorgten die Entwicklung des Hafens und eine kluge Wirtschaftspolitik für einen grandiosen Aufschwung. Die Stadt wurde für die in der Hanse verbündeten Kaufleute nicht zuletzt aufgrund ihrer Lage zwischen England und dem Kontinent zum wichtigen Zentrum des Wollhandels und Markt edler Tuche. 1477 erwarben die Habsburger Flandern und 1500 wurde Karl V. in der Stadt geboren. „Ich könnte Paris in meinen Handschuh/mein Gent stecken“ bemerkte der Kaiser über die Bedeutung seines Geburtsortes. Der Glanz dieser Zeit spiegelt sich bis heute in Architektur und Kunstreichtum. Mitte des 16. Jahrhunderts fiel Gent an Spanien und nach dem letzten erfolglosen Aufstand gegen die katholische Herrschaft begann der Niedergang des stolzen Bürgertums. Die Regenten wechselten von österreichischen Habsburgern zu Franzosen, von den Vereinigten Niederlande bis zur belgischen Unabhängigkeit 1830. Im 1. und 2. Weltkrieg marschierten deutsche Truppen brutal in Belgien ein, Gent blieb von Zerstörungen weitgehend verschont und konnte seine bezaubernde Stadtmitte retten.

3. Die herausragenden Sehenswürdigkeiten im Zentrum von Gent

Über eine der malerischen Brücken erreiche ich das wasserumschlungene mittelalterliche Zentrum von Gent. Hier stehen die drei berühmten Türme der St. Nikolaus Kirche, der St. Bavo Kathedrale und des Belfrieds wie in einem quirligen Freilichtmuseum. Im 19. Jh hat sich der Turm des Postgebäudes dazugesellt. Ein pittoresker Gesamteindruck bietet der Fotospot an der Michaelsbrücke. Die reich geschmückten Hausfassaden an den gegenüberliegenden Ufern erzählen vom Wohlstand in einer Zeit, als Handelsschiffe mit ihren kostbaren Waren bis in die Stadt hinein fuhren. Die alten Kaianlagen Graslei und Korelei sind die unbestrittenen Schönheiten. Wo einst der Tuchhandel blühte laden die breiten Uferwege Einheimische und Besucher zum Bummeln, Verweilen und Genießen ein.

* Zeit für eine Pommes – Pause. Ungesalzen, oft in Rindernierenfett frittiert und mit verschiedenen Saucen serviert sollten die belgischen Fritten sein. Es gibt zahlreiche Angebote, mein Lokalheld und Gent-Guide empfahl die Frituur Tartaar in der Heilige-Geeststraat 3.

Am Reep-Kanal schützte die mächtige Festung Duivelsteen einst den Portus Ganda. Auf ihrer wasserabgewandten Seite thronen seit 1913 die Brüder van Eyck als Denkmal vor jener Kapelle der Kathedrale, in der ursprünglich ihr berühmter Altar „Die Anbetung des Lamm Gottes“ stand.
Die St. Bavo Kathedrale ist ein überwältigend majestätisch gotischer Bau mit stilbrechenden barocken Einbauten. Die älteste aller Genter Kirchen war ursprünglich Johannes dem Täufer und ist seit 1559 dem belgischen Heiligen Bavo geweiht. Noch zu Johannes Zeiten beauftragten der Schöffe Joos Vijd und seine Frau Elisabeth 1432 die Maler Jan van Eyck und seinen Bruder Hubert mit der Anfertigung eines großflächigen Altars für die Vijdskapelle.
-> Die Geschichte des Genter Altars gleicht einem dramatischen Krimi. Ich habe ihn am Ende dieses Blogposts für Euch zusammengefasst.
Aktuell steht der weltbekannte Genter Altar glasgeschützt in der geheimnisvoll beleuchteten Apsis des Chores. Eingang, Schließfächer und Kasse zum neuen Besucherzentrum befinden sich im Hauptschiff der ansonsten eintrittsfreien St. Bavo Kathedrale. Laut Ticket stehen mir 25 Minuten für die Besichtigung zur Verfügung, doch während meiner winterlichen Reise stehe ich unbegrenzt lange und ganz allein vor der Altartafel des „Mystischen Lamms“. Die laufende Restaurierung hat das menschliche Antlitz des Lammes wieder hervorgebracht, das Göttliche scheint mir direkt in die Augen zu schauen. Ein magischer Moment in Gent.

* Plädoyer für eine Winterreise: Im Winter hüllt Gent sich in mystischen Nordseenebel, das Leben ist entspannt und es bleibt Zeit zum Plaudern. Die berühmten Türme verschwinden im Monochrom des Himmels, Museen und Kulturschätze werden nicht von flimmernden Smartphones blockiert, exquisite Pralinen schmelzen nicht in der Hitze dahin und die Kalorien der belgischen Fritten werden in er Kälte schnell verbrannt. Die Menschen sind ausnehmend freundlich, kein Überdruss vom Overtourism. In den Cafés gibt es belgisches Bier und belgische Waffeln. Während meines Besuches waren Handschuhe und Mütze Wetterpflicht, das Lachen spanischer Touristen hallte durch die Gassen und den grandiosen Genter Altar genoss ich nur für mich. Im Sommer ist Gent anders auch sehr schön.

Vor der St.-Bavo-Kathedrale ragt der Genter Belfried 91m hoch in den Himmel. Seit 1380 ist er Zeichen städtischer Autorität und gehört wie alle historischen Glockentürme Belgiens zum Unesco-Weltkulturerbe. Auf seiner Turmspitze streckt ein goldener Drache die Zunge heraus, inzwischen erledigt eine Kopie diese Aufgaben. Der Legende nach war der Drache ein Beutestück aus Konstantinopel oder die Galionsfigur eines norwegischen Schiffes, vielleicht wurde er einfach lokal hergestellt. Bei guter Sicht lohnt der Aufstieg, ab dem ersten Stock auch per Aufzug. Unter dem monochromen Winterhimmel bevorzugte ich den Shop und die Information im gotischen Kellergewölbe.

Vor der St.-Nikolaus-Kirche sind die Bronzeabgüsse der Knieenden Knaben des belgischen Bildhauers George Minne plaziert. Die schmalen männlichen Figuren knien nachdenklich in sich versunken um einen Brunnen. Auf der Bank dahinter packen dunkelhaarige Männer trotz kühler Temperaturen ihren Supermarkteinkauf zum Picknick aus und lächeln dabei.

Die St.-Nikolaus-Kirche ist der zweite gotische Großbau in der Stadtmitte. Anders als die Kathedrale wurde sie ab dem 13. Jahrhundert von wohlhabenden Genter Bürgern als Symbol ihrer Macht finanziert. Sie ließen exquisiten graublauen Blaustein aus Tournai importieren und wählten den Baustil der sogenannten Scheldegotik. Im teils barock ausgestatteten Innenraum stutze ich, das halbe Kirchenschiff wird renoviert und ist durch eine provisorische Holzwand versperrt (2025).

Auf dem großen Korenmarkt vor dem Westportal der St.-Nikolaus-Kirche fand jahrhundertelang der geschäftige Getreidemarkt statt. Inzwischen werden am Kreuzungspunkt von Flussweg und alter Handelsstraße in zahlreichen Läden Bier, Snacks und Souvenirs angeboten. Der 52 m hohe schlanke Turm des 1910 in schmuckvoller Neorenaissance errichteten Postgebäudes gesellt sich zu seinen drei berühmten Begleitern. Das Innere der vom gleichen Architekten wie der Bahnhof Gent-Sint-Pieter geplanten Post ist inzwischen Hotel und Einkaufshalle. Ein Blick auf die Wandmalereien mit den Abbildungen weltweiter Destinationen lohnt sich. Louis Cloquet ließ die Bedeutung der belgischen Post zur Genter Weltausstellung im Art Déco Stil darstellen.

* Zeit für eine süße Verführung. Mein Tipp für Fans belgischer Pralinen: Nachdem wir das Angebot vernaschten sind meine subjektive unbedingten Empfehlungen die Chocolatier Deduytschaever, Mageleinstraat 2, die Chocolaterie Luc Van Hoorebeke, Sint-Baafsplein 15 und für zwischendurch Leonidas mit mehreren Geschäften.

Über die romantische St.-Michaelsbrücke flaniere ich zu behäbigen gotischen St. Michaelskirche. Der Eingang ist mit Bauplanen verhängt und die Türen fest verschlossen. (Winter 2025) Restaurierungen und Bauzäune an vielen Orten – es ist als sei in Gent kürzlich ein Geldsack geöffnet worden.
Auf der Leie schippert ein weißes Ausflugsboot, Menschen fotografieren sich und andere in entspannter Stimmung.

Hinter den massiven Mauern des Gravensteen steht eine der größten Wasserburgen Europas. Am Zusammenfluss von Lieve und Leie ließen die Grafen von Flandern auf einer künstlichen Motte die stark befestigte Burg erbauen. Eine Luftaufnahme zeigt hinter der abwehrenden Ellipse der Burgmauer das gut geschützte eiförmigen Kastell darin. Auf dem Sint-Veerleplein gegenüber fand bis in die 1960er Jahre der Fischverkauf statt und über dem Eingang zur Touristeninformation schwingt ein Neptun noch immer den Dreizack. Wo bis 1713 Frauen als Hexen getötet wurden strahlt heute das Leben. Alberto Garutti hat eine Straßenlaterne mit einer Genter Entbindungsstation verbunden und sobald ein Neugeborenes das Licht der Welt erblickt können Eltern per Knopfdruck die Lampe erleuchten.

4. Ein Abstecher zum Prinzenhof und durch das Viertel Patershol

Vorbei an interessanten Läden und gemütlichen Restaurants spaziere ich durch ein lohnendes Viertel zum Dunklen Portal das vom Prinzenhof übrig blieb. Hier wurde Kaiser Karl V. geboren, hier demütigte er die Genter Bürger. Seine Wiege ist längst verloren und seine Eltern Philipp der Schöne und Johanna die Wahnsinnige ihrem Schicksal entgegen gegangen.
Das angrenzende Viertel Patershol ist eine Mischung zwischen Nachbarschaft und Besucherstrom. Außer an mystisch verhangenen verschlossenen Tagen lohnt vermutlich eine Kneipen-Entdeckungstour. Ein bemerkenswertes Gebäude ist das Huis van Alijn. In diesem Hospital wurden bereits im 14. Jahrhundert aufgrund einer privaten Stiftung kranke und bedürftige Kinder versorgt. Aktuell ist in den Gebäuden um einen ruhigen Innenhof das Museum des täglichen Lebens eingezogen.

Beim Bummeln faszinieren mich Tapetenläden mit ihrem vielfältigen Angebot. Gemusterter Wandverkleidung von Modern bis Belle Époque lassen mich in geschmückte Innenräume träumen. Langsam beginnt mein Rückweg durch die Veldstraat zum Bahnhof Gent-Sint-Pieters.

5. Rückweg durch die Veldstraat zum Bahnhof Gent-Sint-Pieters

* Tipp für den großartigen Blick hinter die Kulissen:
Der Traum wird unvermittelt war. Ein aufgeklapptes Hinweisschild steht auf der Straße, die schwere Tür braucht Kraft zum Öffnen. Unvermutet stehen wir in der glänzenden Eingangshalle des Herrenhauses von Arnold Vander Haeghen und werden von einem Mitarbeiter freundlich gesprächig empfangen. So also sah es hinter Genter Fassaden Anfang des 20. Jahrhunderts aus. Eingerichtet mit einer über dreihundert Jahre alten chinesischen Seidentapete die schöner selbst der preußische König nicht besaß. Im Erdgeschoß ist zusätzlich das rekonstruierte Kabinett des belgischen Nobelpreisträgers Maurice Maeterlinck untergebracht. Während wir noch mit großen Augen Staunen weist uns der Wächter auf das schräg gegenüberliegende Hotel d’Hane-Steenhuyse hin. Im Vergleich zu diesem großartigen Stadtpalais ist das Vander Haeghsche Anwesen ein Kartenhaus. Ein imposantes Entrée, ein edler Ballsaal und zahlreiche teuer eingerichtete Salons haben schon den französischen König Ludwig XVIII. ebenso wie den russischen Zar Alexander I. und einen Prinz von Oranien beherbergt. (Veldstraat 55 und 82, Öffnungszeiten jeweils Fr, Sa, So Nachmittag / 2025)

Auf dem Kouter Platz bilden 18 verstreute große Bronzeblätter der Künstlerin Jessica Diamond die gemalten Pflanzen des Genter Altars als „Mystic Leaves“ ab. Die Oper und der neoklassizistische Justizpalast stehen am Rand des Platzes, es gibt in Gent noch viel zu entdecken. Ich spaziere zurück durch den Citadelpark zum Bahnhof.

* Nachtrag für Kunstkrimifans: Zur Zeit wird der Genter Altar restauriert. Die oberen Tafeln sind im Museum MSK, die unteren in der St.-Bavo-Kathedrale ergänzt durch präzise Kopien der oberen Tafeln ausgestellt (2025).
Es ist ein Wunder, dass er noch existiert. Zwischen 1420 und 1432 entstanden entging er 1566 nur knapp dem calvinistischen Bildersturm. Anläßlich des Besuches von Kaiser Joseph II. 1781 wurden die Tafeln der nackten Adam und Eva prüde entfernt. 1794 transportierten französische Truppen das „Mystische Lamm“ als Beutekunst in den Pariser Louvre, 1816 wurden die Tafeln an einen Kunsthändler und schließlich sechs der acht Teile dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. verkauft. Er ließ die Holztafeln spalten um Vorder- und Rückseite gleichzeitig zu zeigen. Von 1820 – 1920 war der Aufenthaltsstatus des Genter Altars Berlin. Entsprechend des Versailler Vertrages kam der Genter Altar obgleich rechtmäßig erworben zurück nach Gent. Dort wurden 11.04.1934 zwei Tafeln gestohlen. Während „Johannes der Täufer“ bald wieder auftauchte blieben die „Gerechten Richter“ bis heute verschollen und wurden durch ein Kopie ersetzt. Nach dem Einmarsch in Belgien konfiszierte die Wehrmacht den Altar für Neuschwanstein. Schließlich wurde er im Nazi-Raubkunst-Depot in Altaussee eingelagert und entkam nur knapp der geplanten Sprengung durch den Gauleiter. Seit 1945 ist der Altar wieder zurück in der Kathedrale St. Bavo.

Das Fazit der Reisefrequenzen : Gent ist ein funkelndes Schmuckstück mit vielen Facetten. Ein Aufenthalt von mindestens drei Tagen lohnt sich. Die Anreise mit der Bahn ist eine praktische Option https://www.belgiantrain.be/de.

Ein großes Danke an meinen Lokalhelden und Gent-Guide Johannes.

2 Kommentare zu „Gent – Sehenswürdigkeiten auf einem Stadtrundgang durch das Highlight Flanderns“

  1. Pralinen, Pommes und ganz viel Kunst – das klingt nach einem großartigen Städteziel, liebe Marike! Vielen Dank fürs Mitnehmen ins schöne Flandern :-).
    Liebe Grüße
    Elke

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    • Liebe Elke, auf jeden Fall. Und die Mischung von Kalorien und Kunst macht Flandern auch als Winterziel sehr attraktiv. Danke für Deinen Kommentar! Liebe Grüße!

      Antworten

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