Genshagen. Der Schlosspark. Ein Kleinod und ein lilablaues Band im Frühling.

Genshagen. Der Schlosspark. Ein Kleinod und ein lilablaues Band im Frühling.
Brandenburg

 
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Hallo! Hier sind die Reisefrequenzen. Heute unterwegs in Genshagen. Ehemals ein Gutsdorf, seit 1997 ein Ortsteil der Stadt Ludwigsfelde südlich von Berlin. 

Wir sind erst skeptisch und dann verwirrt. Staunen, streicheln alte Bäume und flüstern mit den mehr als tausend Blüten im Schlosspark Genshagen.

Genshagen. Eingeklemmt zwischen der Autobahn „Berliner Ring“ A 10 und der zur Schnellstraße ausgebauten neuen B 101. Der kleine Abstecher “Ausfahrt Genshagen” lohnt auf jeden Fall. Um 1300 wurde das Dorf erstmals erwähnt. Im 21. Jahrhundert ist es zwischen den auf Landkarten dick gelb markierten autogerechten Streifen fast verschwunden. Die Wegweiser zeigen zum „Brandenburg Park“. Das Wortspiel ist moderne Ironie und ein Platzhalter ganz ohne Park. Fast 60 Firmen sind hier angesiedelt, ein Gewerbegebiet im großen Stil. Es begann mit der Daimler-Benz Motoren GmbH seit 1935 an der damals neuen Autobahn, Flugzeugmotorenwerke für die Rüstungsproduktion wurden hier gebaut. Dann VEB Automobilwerke Ludwigsfelde, Lkw IFA L60 und W50 bis 1990. Heute Daimler AG, Sprinter. 
Doch wenige Augenblicke später ist alles anders. Das kleine Dorf ist doch noch da. Die Dorfstraße, einige der typisch märkischen Bauernhäuser samt ihren stolzen Ziegelscheunen, die Kirche und das Schloß.
Wir stoppen vor einer Mauer aus roten Ziegeln und gelben Backsteinbändern, sie ist restauriert und ein wenig schief. Dahinter steht fast weiß das Schloß Genshagen. Ein großes schmiedeeisernes Tor zum Park scheint leicht angelehnt und damit offen. Hinweisschilder klären die Regeln, der Park ums Schloß ist öffentlich. 

Das Schloß in Genshagen

Das Schloß stammt aus der Zeit der Reichsgründung nach 1870. Die Fassade gleicht einer neobarocken „Promenadentoilette“ ganz a lá Mode. Es ist zweistöckig, ein betonter Mittelrisalit, zwei großzügige Freitreppen und ein kleines Türmchen obenauf. Die Eingangsseite etwas schlichter, die Gartenseite ist geschmückter.

Schloss Stiftung Genshagen


Vor dem Eingang im moosigen Gras liegen zersplitterte Löwengesichter. Gewollte Ruinen, Spiel mit der Antike und doch in Wirklichkeit nichts anderes als der Verfall einer Mauer vor nicht allzu langer Zeit.
2004 haben sich Gerhard Schröder und Jaques Chirac an diesem Ort getroffen. 2006 fand hier die erste Klausurtagung unter Kanzlerin Angela Merkel statt.
Das Schloß ist der Prestigebau der Familie von Eberstein an einem alten Platz und heute Sitz der „Stiftung Genshagen“. Das Dorf wird erstmals 1289 urkundlich genannt und heißt Jamshagen, Janshagin, Janshein oder ähnlich. Wahrscheinlich kam hier ein Johannes an, der für sich und seine Sippe einen Platz zum Siedeln rodete. Ein mittelalterlicher Brandenburg Park sozusagen.
Vor dem Dreißigjährigen Krieg lebten 1625 sechs Hufner (Bauern mit Grundbesitz und Gehöft), 11 Kötter die eine Kate besaßen aber kaum Land, ein Hirte, ein Laufschmied, vier Paar Hausleute und die Schäfer im Ort. 23 ohne Knechte, ohne Kinder, ohne Frauen und ohne die durchs Land ziehenden Schäfer. Sie alle wurden nicht gezählt. Nach dem Krieg waren nur noch acht Kötter, sechs Söhne – Töchter wurden nicht notiert – und zwei Knechte in dem Ort. Acht, wenn wir so zählen wie vor dem Krieg.
In den Zeitläuften wechselten die Gutsbesitzer. 1704 erbte Levin Friedrich von Hake das Gut von seinem Vater und lässt ein neues Gutshaus bauen. Die von Hakes bleiben bis 1838 und verkaufen dann nach Überschuldungsproblemen an Justizrat Ferdinand Schulz. Gut Genshagen war immerhin eines der größten Güter im damaligen Kreis Teltow. 1839 wird die heute noch existierende Brennerei errichtet. 1854, im September, heiratet Friederike Pauline Schulz den Generalmajor Max Baron von Eberstein, Spross eines der ältesten deutschen Adelsgeschlechter. Als Geschenk zur Hochzeit reicht der Vater ihr Genshagen. Wer einen Baron heiratet braucht eine Mitgift. Man selbst zu sein genügte nicht.
Das alte Gutshaus wird abgetragen und ein Neues aufgebaut. 1878/79 entstand nach Plänen des Bauinspektors Lindemann das neue Gutshaus, zunächst war es einstöckig und Neorenaissance. 1910 kam ein zweiter Stock hinzu und das fast weiße Kleid im wilhelminischen Barock.

Krokusse in Genshagen

Der Park

Friederike Pauline von Eberstein, Mutter eines Sohnes, Leberecht. Er wird der letzte Besitzer von Schloß und Gut Genshagen sein. 
Der Park ist die Verwirklichung ihres Traums. Friederike Pauline ließ das flache Land gestalten, sanfte Hügel modellieren, einen kleinen See anlegen und Sichtachsen sorgsam planen. Vor ihren Augen wächst auf 7,5 Hektar Land ein erstaunlich abwechslungsreicher englischer Garten. Wir flanieren durch den Park, bewundern die Vielfalt der Bäume und schauen in die Kronen. Stieleichen, Zerreichen, Silberpappeln, Feldahorn, Silberahorn, der Mädchenhaarbaum oder Ginkgo, die verschiedenfarbigen Kastanien. Als wäre es ein Arboretum.

Der See dazwischen ist eine Idylle. An seinen Ufern wächst das Rohr, auf dem Wasser balzt das Blesshuhn. Manche der alten Bäume sind geplagt. Alter, Umweltschäden und der Klimawandel setzen ihnen zu. Wir streichen über die so unterschiedlichen Muster ihrer Rinden und hören ihren geflüsterten Geschichten zu. Wir wissen, ohne Baum wären wir hier nichts. Wenn die ersten Blätter sprießen sind ihre Farben und Formen zum Entdecken.
Doch die große Doppeleiche ist gefällt. Der Künstler Dirk Richter schuf aus ihrem Holz ein orangefarbenes Kunstwerk und nannte es die „Verwandlung“.
Seit 2003 wird der Park wieder hergestellt. Zu Friederike Paulines Zeiten gab es ein Gärtnerhaus, die Gärtnerei und das Palmenhaus. Das alles fehlt nun.

Das große Schauspiel in diesen Märztagen wird auf der Wiese aufgeführt. Das ist jetzt der Triumph des Parks. Ein See von Krokussen und Schneeglöckchen wächst zwischen den ersten grünen Halmen. Ein Teich aus blau und weiß. Hunderte und tausende der kleinen Blüten bringen uns zum Staunen.

Die weitere Geschichte

Die Geschichte von Genshagen macht einen kleinen Seitenschritt. 1891 heiratete der damalige Landrat Ernst von Stubenrauch die Freiin Frida von Eberstein, eine Nicht Max von Ebersteins. Von Stubenrauch, der den Teltow Kanal und den Berliner Grunewaldturm bauen ließ, der das Baden im Wannsee erlaubte und sich um die Infrastruktur des Kreises kümmerte, weilte oft in Genshagen und Frida blieb als Witwe dort.
Der letzte Besitzer war Leberecht von Eberstein. Ein Fünftel seines Gutes wurde 1935 für den Bau der Flugzeugmotorenwerk der Daimler-Benz AG konfisziert. Häftlinge aus Ravensbrück mussten die Zwangsarbeit leisten. Nach dem Krieg wird Genshagen enteignet und schließlich Abteilung Weiterbildung des Wissenschaftlichen-Technischen Zentrums WTZ.
Viel später wird Rauthgundis von Eberstein, Tochter von Leberecht und Frau von Franz Bachmann, ein Buch über ihre Zeit in Genshagen schreiben. Über die Besuche ihres Großvaters Heinrich von Boetticher, der die ersten Sozialgesetze unter Bismarck mitschuf. Über die abendliche Rückkehr aus der Berliner Oper. Über die Besuche Alfred Hugenbergs und anderer. Über die Treffen im „Grüne Salon“.
Wir wandeln auf den schön angelegten Wegen zwischen bläulichen Krokussen durch den Park. Vorbei an einem neuen Gebäude in rostrot, dem Jugendhaus, das jetzt das Haus des Gärtners ersetzt, schlendern wir zurück zum Schloß. 
Es wurde seit 1999 vom Berliner Architekt Claus Kampmann renoviert, ein Tagungshotel mit 21 Zimmer. 


Seit 2005 gehört es der „Stiftung Genshagen“, die von der Bundesrepublik und dem Land Brandenburg finanziert wird. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit ist der „Europäische Dialog“ inklusive der deutsch-polnischen und deutsch-französischen Zusammenarbeit. Der Ort ist gut gewählt. Wenige Kilometer entfernt steht im Kreisverkehr Großbeerens das riesige Denkmal an die „Schlacht von Großbeeren“. 1813 Preußen gegen Frankreich, kurz gesagt. Preußen siegte. Zweihundert Jahre später gibt es im weißen Schloß jetzt Dialog, Partnerschaft und Kooperation. 

Die Kirche und die Gräber

Wir schauen uns um. Draußen, auf der anderen Seite der Mauer ist das Dorf. Neue nullachtfünfzehn Häuser ohne Charme und Atmosphäre werden gerade aufgebaut. Gegenüber steht die alte „Brennerei“ im eigentlichen Gutshof. Die „Kulturbrennerei“ ist jetzt ein Ort für Kreative, rote Backsteinarchitektur zum Tagen und Tanzen sobald das wieder geht.
Hinter der niedrigen Friedhofsmauer steht die kleine Kirche mit ihrem hölzernen Turm. An der verputzten Wand lehnen die echt barocken Grabsteine der einstmals besitzenden Adelsfamilie. Den Grabstein von Levin Friederich von Hake und den seiner Frau Maria Dorothea geb. Schaefferin können wir gerade noch entziffern. Die Schrift verwittert, der Stein beginnt zu splittern. Die Gräber der Ebersteins und das vom Landrat Ernst von Stubenrauch sind neueren Datums und gut erhalten. 


Und zwischen allen und über manchen Gräber, den alten und den ganz neuen der Dorfbewohner, wächst das Meer aus blauem Grund und weißer Gischt, die Krokusse und Schneeglöckchen. 

Genshagen. Der Schlosspark. Ein Kleinod und ein lilablaues Band im Frühling.

Das waren die Reisefrequenzen, heute im Schlosspark von Genshagen. Ein blauweißes Frühlingsblumenmeer.

Wo: Genshagen
Was: Flanieren durch den Park
Wandern:  Am Ende der Straße „Am Wald“ beginnt ein Weg durch den Genshagener Busch, „Fauna-Flora-Habitat Natura 2000“. 5 km Rundweg in Niedermoor und Auenwald mit Weitblick auf die Diedersdorfer Heide. 
Food: Dampfmaschinenhaus Café in der Löwenbrucher Straße 2
Literaturtipp: Eine Frau zwischen Tradition und Weltoffenheit. Die Geschichte einer der ältesten deutschen Familien. Von Rauthgundis von Eberstein. 2008.
♥️ Unser Lieblingsplatz: In den Sichtachsen des englischen Gartens. Im Erlenbruch auf dem Rundweg am Dorfende.

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