Fürstenberg/Oder. Impressionen aus der originären Altstadt von Eisenhüttenstadt.

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Fürstenberg/Oder. Impressionen aus der originären Altstadt von Eisenhüttenstadt.
Fürstenberg/Oder. Impressionen aus der originären Altstadt von Eisenhüttenstadt.
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Hallo! Hier sind die Reisefrequenzen. Heute unterwegs in Fürstenberg an der Oder, dem ältesten Stadtteil von Eisenhüttenstadt. Als Eisenhüttenstadt noch nicht existierte, war Fürstenberg schon eine jahrhundertealte Stadt.

Fürstenberg/Oder ist wohl unter allen Fürstenbergs eines der Unscheinbarsten. Am 13. November 1961, vor 60 Jahren, ist Fürstenberg selbst seines Namens verlustig gegangen. Seitdem ist es der kleinste Teil von Eisenhüttenstadt oder „Iron Hut City“, wie Tom Hanks die Stadt nannte.
Das historische Fürstenberg liegt markant und gut sichtbar wie ein Wachturm über der Oder und hat eine lange Geschichte hinter sich. Es ist das einzige Ortsbild entlang der Flusses, dass im Krieg nicht weitgehend zerstört worden ist. 
Für alle, die in der Nähe sind, lohnt sich ein Stopp. Eine kleine Pause in einem ruhigen kleinen Ort.
Meine erste Vermutung, es gebe nicht viel zu sagen, trügte. Und so wird es doch ein recht langer Bericht über den Besuch an der Oder.

Fürstenberg/Oder. Impressionen aus der originären Altstadt von Eisenhüttenstadt.

Wir starten unseren Minirundgang durch Fürstenberg/Oder auf dem Marktplatz. Hier steht das ehemalige Rathaus von 1835 und scheint im herbstlichen Licht. Davor stehen Bänke, sie sind alle besetzt. Jeder kennt jeden, die Damen kommen angeradelt und haben vorher für einen Kaffee to go beim Bäcker gestoppt. Der Marktplatz ist zugeparkt, schade fürs Foto. Donnerstags gibt es einen Wochenmarkt. 

Fürstenberg wurde im 13. Jahrhundert von den Wettiner Markgrafen gegründet, ihnen soll die Siedlung den Namen verdanken. Vom Markgraf zum Fürsten ist es schließlich nicht weit. Später kam der Ort unter die Herrschaft der Zisterzienser aus Neuzelle. 1370 kaufte Kaiser Karl IV. im strategischen Machtspiel zwischen Böhmen, den Wittelsbachern und den Brandenburgern das kleine Fürstenberg den Zisterziensermönchen für sechzehnhundert Schock Prager Groschen ab und ließ eine Burg errichten. Von ihr ist nichts mehr zu sehen. Der Kaiser erwarb nicht nur Fürstenberg, sondern wesentliche Teile Brandenburgs zur Sicherung und Vergrößerung seines Machtbereichs. 

Um Fürstenberg strategisch zu nutzen und die Wirtschaft voranzutreiben, lässt Kaiser Karl eine Brücke über die Oder bauen. Den alleinigen Brückenschlag gönnt er den konkurrierenden brandenburgischen Frankfurtern nicht. Bis 1603 hat diese Brücke wahrscheinlich Bestand, falls sie tatsächlich je fertig wurde. 1859 wurden bei einer archäologischen Sicherungsgrabung Rammpfähle aus Eiche im Erdreich entdeckt. 
Die größte Vision des Kaisers war ein Kanal von der Oder zur Elbe. Doch dann kam 1372. Kaiser Karl IV. konnte Frankfurt gewinnen. In Sekundenschnelle fiel das kleinere Fürstenberg wieder in den Tiefschlaf zurück. 

Auf Platz und Straße ist es sehr still. Im eigenständigen hinteren Teil des Rathauses verweisen uns Schilder auf den „Kunsthof“. Ich öffne die Eingangstür und treffe unvermutet auf ein wuseliges Stimmengewirr und ein volles Lokal. Im Café des Kunsthofs ist auch der letzte Stuhl besetzt. In einem Hofladen gibt es lauter schöne Dinge und Informationen zu Fürstenberg und der Umgebung. Die eilig beschäftigte Kassiererin meint mit hektisch freundlichem Kopfnicken, sie habe gerade gar keine Zeit. Der Kunsthof ist ein guter Ort, um rechtzeitig anzukommen.
Wir schlendern weiter. Gegenüber gab es mal einen Partyservice, manches Geschäft ist leer. Die öden Fenster versuchen das nicht zu verbergen. Vor der Wende hatte Eisenhüttenstadt 54.000 Einwohner, heute 23.300. Die Arbeitsplätze in der Stahlindustrie sind nicht ganz jedoch fast Geschichte. Die stärkste Partei wurde die SPD bei der letzten Wahl, knapp dahinter die AfD. 

Mitten in der Stadt leuchtet das „Lesezeichen“, die Fürstenberger Buchhandlung. Und ein paar Schritte weiter ist der Bäcker.

Wie biegen erstmal zur Kirche ab. Sie ist ein gotischer Backsteinbau aus dem 14. Jahrhundert. Jetzt strahlt sie neu und wiederaufgebaut, den Krieg hatte sie nicht unbeschadet überstanden. In den letzten Tagen des 2.Weltkrieges ist sie abgebrannt, wahrscheinlich am 23. oder 24. April 1945. Was genau passierte, wird vielleicht nie geklärt. Denn mit dem Zusammenzug sowjetischer Truppen an der Oder wurde Fürstenberg am 3.Februar zur Festung erklärt und die Menschen mussten ihre Stadt verlassen. Nur noch 29 Einwohner, lese ich nach, blieben in Fürstenberg. So bleibt die Vermutung massiv aber offen, dass Wehrmacht oder Hitler-Jugend die Kirche selber in Brand steckten.
Jetzt steht sie wieder stolz auf ihrem Hügel. Innen ziert sie ein Sterngewölbe und die neuen farbigen Fenster, die Annelie Grund 1999 gestaltete, leuchten. Die Glasfenster erzählen Szenen aus der Legende des heiligen Nikolaus, denn 1964 wurde der Sakralbau dem Schutzpatron der Schiffer geweiht. Damals wurde mit dem Wiederaufbau begonnen, der dann bis zur Wiedervereinigung stoppte. 
An diesem sonnigen Tag fällt das Licht durch die klar gegliederten Scheiben und brennt die Farben ins Kirchenschiff. 

Zwei Kirchenwärter ermöglichen die offene Kirche.
Die Frau stellt sich uns als Pathologe vor. Kurze Haare, standfeste Art und etwas älter, erzählt sie uns von den inneren Zuständen des Menschen. Und von der miesen Renovierung des Bahnhofs für Nutzer mit Handicap. Sie Pathologin zu nennen würde ihr wahrscheinlich widersprechen. Ich frage sie nach der zerstörten Oderbrücke. Sie zeigt mir den Weg durch die Kirche und auf die andere Seite. Dort ist der Panoramablick. Die Turmbesteigung sei heute leider nicht möglich, von dort wäre die Sicht noch weiter.
Unterhalb der Kirche lag früher der Fürstenberger See, jetzt ist hier der Beginn des Oder-Spree-Kanals über den die neue Deichbrücke führt. Auf der anderen Seite, hinter dem noch recht dichten Laub der Bäume, mache ich die Reste der alten Oderbrücke von 1919 aus. Nach genauerem Schauen ist sie recht gut zu sehen. Damals war die andere Seite deutsch, heute polnisch.
Am 3. oder 4. Februar 1945 sprengte die Wehrmacht die Verbindung. Seitdem gibt es keinen Weg mehr von hier nach Polen. „Ich würde schon gerne öfter mal bei denen da drüben stehen, ich war schon mal dort“ erzählt der Pathologe. Zwischen Frankfurt und Guben existiert keine Brücke.

In der Kirche wacht ein zweiter etwas müder Wächter. Ich werfe ihm den Gesprächsball mit dem Stichwort „Korbmacher“ zu. Der Herr wird munter und beginnt über die handwerkliche Tradition vieler Fürstenberger Familien und wohl auch seiner eigenen zu erzählen. Seit Jahrhunderten wurden Weiden geschält und geflochten. Die großen Stubenholzkörbe waren das wichtigste Produkt, später kamen Kinderwagen für das Fabrikat ZEKIWA aus Zeitz hinzu. „Das war top feine Qualität“ sagt er. „Ich würde gerne noch mal in so einem Wagen liegen“ ist sein letzter Satz und er lacht, bevor er wieder seine Position auf der Kirchbank einnimmt.
Frau Pathologe muss jetzt los, die Kirche könne ich doch gut selber erkunden.
In der hinteren Ecke hängen die Fotos des zerstörten Gebäudes und des jahrzehntelang stoppenden Wiederaufbaus. Der Kirchturm und das Herbstlaub draußen sind jetzt ein schönes Bild.

Fürstenberg/Oder. Impressionen aus der originären Altstadt von Eisenhüttenstadt.
Das alte Pfarrhaus

Unten am Wasser liegt der Kiez. Einst standen dort die kleinen Häuser für Schiffer und Fischer. Doch die Oder wurde leer gefischt, der letzte Lachsfang 1847 nachgewiesen. Inzwischen sind die Häuser größer und mit der wachsenden Bedeutung Fürstenbergs durch den Oder-Spree-Kanal entstand das Verwaltungsgebäude der „Dampfer-Genossenschaft Deutscher Strom- und Binnenschiffer e.G.m.H.“ am Bollwerk. Hier können heutzutage Fahrgastschiffe anlegen. Jemand hat auf der anderen Seite der gesprengten Brücke eine Deutschlandfahne aufgehängt. 

Gegenüber der Kirche steht ein Haus mit einem hohen Schornstein von 1907, seine Aufgabe bleibt uns unbekannt.
Wir gehen zum Bäcker Dreissig. Eine Warteschlange steht draußen vor dem Laden. Ich entscheide mich für den leckeren und super zuckrigen Zuckerkuchen. 
Auf dem Marktplatz vor dem Rathaus ist jetzt eine Bank frei. Kuchenpause.

Fürstenberg/Oder. Impressionen aus der originären Altstadt von Eisenhüttenstadt.

Heute gehört Fürstenberg zu Eisenhüttenstadt, doch die Industrialisierung begann längst vor dem Bau der Stalinstadt. Schon 1846 kam die Eisenbahn auf der wichtigen Strecke zwischen dem Berliner Schlesischen Bahnhof und Breslau hier vorbei. 1891 wurde der Oder-Spree-Kanal fertig und damit der Wasserweg nach Berlin frei. Fürstenberg war der Hauptumschlagplatz für Waren aus Schlesien, insbesondere für die in der Hauptstadt begehrte und bis Fürstenberg auf dem Wasser geflößte schlesische Steinkohle.
1939 zogen Rüstungsbetriebe nach Fürstenberg. Nördlich der Stadt entstand ein Großkraftwerk, dass niemals fertig wurde und heute lost place ist. Das zweitgrößte brandenburgische Kriegsgefangenenlager Stalag III B wurde gebaut. Zwischen 1940 und 1943 mussten die Kriegsgefangene am Oder-Spree-Kanal einen neuen Binnenhafen als „Umschlaghafen des Generalbauinspektors“ Albert Speer errichten. Dort lagerten großformatige Granitblöcke für die geplante Welthauptstadt Germania. Nach dem Krieg dekorierten sie das zentrale sowjetische Ehrenmal in Berlin und als Gehwegplatten die Magistrale in Eisenhüttenstadt.
Vieles darüber erfahren wir im Museum. Das Haus der Ausstellung gehörte einst einem Reeder.
Hier lesen wir von der großen Glashütte, die 1864 ihren Betrieb aufnahm und Lampenschirme, so wird gemunkelt, nicht nur an die Berliner Unter den Linden sondern sogar nach London und ins Washingtoner Weiße Haus geliefert hat. Heute stehen die Wohngebäuder der 1952 geschlossenen Glashütte nicht weit vom Bahnhof Eisenhüttenstadt unter Denkmalschutz.
Der Tag wird kühler und über die Oder ziehen die Gänse. Der Himmel ist weit und der Ort bleibt still.

Das waren die Reisefrequenzen, das war unser Besuch in Fürstenberg/Oder. Seit 60 Jahren ein Teil von Eisenhüttenstadt. 

Unsere Tipps für Euch zu den Sehenswürdigkeiten in Fürstenberg/Oder
Kirche: Öffnungszeiten der Nikolaikirche: Mo, Mi und Fr 10 bis 14 Uhr, Di und Do 10 bis 16 Uhr. Den Schlüssel, um auf den Turm zu steigen, bekommt man beim Aufsichtspersonal. Sicherheitshalber anrufen. Tel.03364 2439
Museum: https://www.museum-eisenhuettenstadt.de
Inspiration: Kunsthof. Café, Ausstellung, Hofladen, Veranstaltungen. Lindenplatz 4 http://www.kunsthof-fuerstenberg-oder.de/
Food: Bollwerk 4 im Deutschen Haus https://www.bollwerk4.de/
♥️ Unser Lieblingsplatz: Der Kirchplatz mit Aussicht. Der Kunsthof.

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