Fliegen wäre schön. Otto Lilienthals Übungsorte.

Brandenburg
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Fliegen wäre schön. Otto Lilienthals Übungsorte.
Fliegen wäre schön. Otto Lilienthals Übungsorte.
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Aktualisiert im April 2021.
Hallo! Hier geht’s zu den Reisefrequenzen. Nah ist’s auch schön. Heute zu den Übungsorten Otto Lilienthals nach Berlin und Brandenburg. Nach Berlin/Steglitz, nach Derwitz und nach Stölln. Drei Orte an drei Tagen.


Wir sind Reiseleiter und sitzen fest. Unsere Ziele sind fern und unsere Gäste auch. 
Also ist die Phantasie das Luftschiff und wir beginnen die Reise. World closed – mind open. 
Wir nehmen Sie mit, so wie wir es immer getan haben.
Jetzt gleich. Zum heutigen Ziel: Weil nur Fliegen noch schöner wäre, geht die Reise zu einem Ort, an dem der erste Mensch mit dem Prinzip „schwerer als Luft“ in einem selbstgebauten Luftapparat mit Tragflächen geflogen ist: Otto Lilienthal. Genauer gesagt geht es zu drei Orten, an denen der berühmte Flugpionier mit seinem Gleitapperat das Fliegen erforschte und übte.

Wo? In Derwitz bei Werder/Havel, in Steglitz/Berlin und in Stölln – zum bitteren Ende. Alles draußen im Freien, keine Innenbesichtigungen, kaum jemand sonst unterwegs hier.

Otto Lilienthal in Derwitz

Wir machen uns auf und reisen über Werder und Groß Kreutz nach Derwitz. Nein, nicht Drewitz am ehemaligen Berliner Checkpoint, sondern Derwitz, ein kleines Dorf inmitten der typisch flachen und lichten Landschaft der Mark Brandenburg. Hier steht die Kirche in der Mitte des Angerdorfes, etwa 500 Einwohner wohnen drumherum. Es ist eine der für diese Gegend so typischen Feldsteinkirchen. Sie wurde um 1500 aus groben Granitsteinen aufgemauert und ist mit einem backsteingotischen Giebel geschmückt. Das Innere ist unaufgeregt und lädt zur stillen Einkehr und zum Gebet ein. So gut, so Mark.

Neben der Kirche steht das kleine „Lilienthalgedenkhaus“, wir rütteln mal am Türgriff. Geschlossen. Macht nichts. Es gibt eine Lilienthalgedenktafel und einen Lilienthalgedenkstein und wir werden gleich erkunden, warum.

An der Friedhofsmauer ist eine Bücherbox mit Büchern zum Mitnehmen installiert, da gibt es Bildbände über die Gotik und Belletristik und ein kleines Heft über Otto Lilienthal. Zum Träumen, ganz unerwartet im kleinen Dorf Derwitz. Wir gehen los bis zu dem Punkt, an dem Otto Lilienthal seine Träume wahrmachte. Entlang der Landstraße wandern wir aus dem Dorf hinaus, vorbei an den Feldern in ihrem frischen Grün, zum Übungsplatz von Otto Lilienthal. Der Abflughügel liegt vor uns.

Zwischen Derwitz und Krielow oben auf der Hügelkette

Oder, präziser und nicht so übertrieben, oben auf den Sanddünen, steht ein Denkmal. Aus der Ferne können wir es erahnen.
Otto Lilienthal wurde 1848 in Anklam geboren, ist in Potsdam zur Schule gegangen, hat später in Berlin gewohnt und ist 1891 zwischen Derwitz und Krielow als erster Mensch mehr als 25m weit durch die Luft geflogen.
Nach Derwitz reiste er zur Verwandtschaft. Der Onkel seiner Schwägerin Karl Otto Bournot war Pfarrer an der Feldsteinkirche, predigte auf dem Kanzelaltar und war ebenso technisch interessiert wie Lilienthal. Zum Ausflug nach Derwitz kam Lilienthal mit der Eisenbahn. Auf der Berlin-Magdeburger Strecke stieg er vielleicht in Berlin-Lichterfelde ein, der Station, die seinem Wohnort am nächsten lag. In Groß Kreutz stieg er mit seiner Familie wieder aus. Schon bei der ersten Anreise 1891 muß er aus dem geöffneten Zugfenster kurz vor Groß Kreutz den gewaltigen Abhang und die Sandgrube am Spitzen Berg auf der linken Seite kurz vor dem Ziel gesehen haben. Von da an ist ihm diese ideale Versuchsstelle erstmal nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Der Steilhang ist 1846 durch Sandabbau für den Bau der Berlin-Magdeburger Eisenbahn entstanden. So gesehen ist das ältere Verkehrsmittel die Bedingung für das Neue, Jüngere.
Wir sind auf dem Fahrrad/Fußweg an Obstplantagen vorbei gewandert und stehen unterhalb des Hügels, auf dem oben das filigrane Denkmal glitzert. Kein Schild, kein Weg. Im letzten Haus bellt ein Hund. Das muß das Haus des Müllers sein, bei dem Lilienthal damals, als es noch ganz anders aussah, seinen riesigen Flugapparat in der Scheune abstellte. Skeptisch schaue ich, wie es weitergeht. Wir stapfen durch den märkischen Sand am Feldrand den Hang hinauf. Oben angekommen, wow! Eine unerwartet weite Sicht bis nach Ketzin in die Ebene hinunter, wir stehen auf dem letzten Hügel vor der Weite der Mark. Unter uns in der Ferne rauscht die Regionalbahn vorbei. Das muß die Strecke sein, auf der auch Lilienthal anreiste. Es sieht aus wie ein vom Berliner Maler Adolf Menzel gemaltes Bild, auf dem ganz klein eine Eisenbahn zu sehen ist. Fast. Auf jeden Fall ist es ein landschaftsdramatischer Ort.

Denkmal Flugapparat Lilienthal Derwitz

Hier oben steht das Denkmal für Otto Lilienthal, heute im glänzenden Sonnenlicht. Es ist aus Metall und ahmt den Gleiter nach. Verankert auf dem „Spitzen Berg“ – und drüber nichts als Himmel. Hierher ist er sonntags mit Karl Otto Bournot und Helfern gekommen, hat seinen Gleitapparat vorher aus dem Lager in Müller Hermann Schwachs Scheune abgeholt und die 18 Kg und zunächst 7,5 Meter Breite auf den Hügel geschleppt.

Otto Lilienthal: „Fast all sonntäglich und auch wenn meine Zeit in der Woche es erlaubte, befand ich mich auf dem Übungsterrain zwischen Werder und Groß Kreutz, um von den dortigen Hügeln Tausende von Malen den Segelflug gegen den Wind zu üben. Ein Techniker meiner Maschinenfabrik und ich wechselten uns derart ab, dass der eine vom Berg herabsegelte und gleich darauf den Apparat wieder zur Höhe trug, während der andere sich ausruhte und sofort einen neuen Sprung vornahm.“

Bei seinen Flugversuchen schützte sich Lilienthal mit einem rotem Pullover und knielangen gepolsterten Hosen. Dazu trug er hohe Schuhe mit dicken Gummisohlen, die Fußgelenke waren bandagiert. Er und die Flugübungen wurden zu Attraktion der Berliner, die zum Sonntagsausflug anreisten, am Fuße des Berges lagerten und picknickten und jede Flugaktion mit Beifall kommentierten.

Aber wo flogen er und sein Kollege eigentlich genau? Dort wo heute das Edelstahldenkmal „Erste Flüge“ von Wilfried Schatt steht? Wahrscheinlich nicht. Der unbewaldete „Spitze Berg“, der die für unsere Gegend nicht unerhebliche Höhe von fast 65m erreichte, existiert nicht mehr. Für den Bau des Eisenbahndamms in Potsdam-Charlottenhof wurde die schon für die erste Bahnlinie von 1846 teilweise weggeschaufelte Moräne von 1904 bis 1906 weiter abgebaut. Und in den 1930er Jahren wurde der gute märkische Sand für den Autobahnbau A2 weiter abgebaggert und per Lorenbahn wegtransportiert. Deshalb sieht heute hier alles anders aus als im Jahre 1891. Wir finden einen Trampelpfad, der in den Kiefernwald führt. Direkt an einer unvermuteten und gewaltigen Hangkante entdecken wir ein weiteres kleines Denkmal, daß an den ersten Flug erinnert. Heute wachsen hier hohe Kiefern. So kann es damals nicht gewesen sein, der Gleitapparat mit den weiten Schwingen hätte sich sofort im Geäst verfangen. Der exakte Ort, an dem Lilienthal diesen großen Schritt der Menschheitsgeschichte im Gleitflug übte – ist im märkischen Sand verweht.
Lilienthals Traum vom Fliegen wurde wahr. Er soll zwischen 1891 und 1896 mindestens 2000 Gleitflüge absolviert haben, baute dafür mindestens 21 Gleitapparate. 1894 ging sogar ein Gleitflugzeug in seiner eigenen Fabrik in Serienproduktion. Seine Maschinenfabrik könnte also als die erste Flugzeugfabrik der Welt gelten.
Nebenbei war er im Hauptberuf Industrieller, schrieb Theaterstücke, engagierte sich sozial, war verheiratet und Vater von vier Kindern.

Die Rauhen Berge in Berlin-Steglitz


Schließlich schien ihm der Hang zwischen Derwitz und Krielow nicht mehr optimal und die Anreise mit allem Gerät zu aufwendig. Otto Lilienthal suchte einen neuen Berg. Er bevorzugte nun die Nähe zu seinem Wohnort. Keine zeitaufwendige Bahnanreise, Flugübungen quasi zwischendurch. Er fand 1892 die „Rauhen Berge“ in Berlin Steglitz, eine Moränenlandschaft, die später noch der Ort für manch Fantastisches wurde. Auch hier gab es eine durch industriellen Abbau entstandene Sandgrube, in der Lilienthal halbwegs sanft landen konnte. Das 19. Jahrhundert war die BoomZeit der Stadt und das dringend benötigte Baumaterial Sand glücklicherweise spätestens seit der Eiszeit fast wie am Meer vorhanden. Seit 1919 steht auf den „Rauhen Bergen“ ein spektakulärer Wasserturm, in den 1920ern wurde die Gegend als Filmkulisse für „Das Weib des Pharao“ in eine ägyptische Stadt samt Tempelanlage verwandelt. Ab 1921 wurde an der Stelle des Traums vom Fliegen ein hier vorhandener Friedhof erweitert.

Der Fliegeberg und Otto Lilienthal in Lankwitz


Unser nächstes Ziel ist der 15m hohe Hügel, den Lilienthal 1894 extra aufschütten ließ. Mit dem Abraum der Heinersdorfer Ziegelei, am Rande der alten Tongrube, außerhalb der alten Bebauung, nicht weit von zuhause und für die vielen Schaulustigen gut erreichbar. (Das alte Fabrikationsgebäude ist jetzt ein Nachbarschaftsheim) Wie eine grasüberwachsene Maya Pyramide steht der Hügel in Lichterfelde. Am Fuß sind die Gedenktafeln für Lilienthal und seine Mitarbeiter und Monteure angebracht. Die Hänge sind ziemlich steil. 

Denkmal Lilienthal
Auf dem Fliegeberg

Alte Fotos zeigen Otto Lilienthal im Landeanflug, unten sitzen die gespannten Berliner Zuschauer, dazwischen ist sogar ein Fotograph in schwarz-weiß zu sehen. Heute ist der Hügel eine Gedenkstätte und per bequemer Treppe erreichbar. Ziel ist die Weltkugel auf der Hügelspitze, 1990 erneuert nach einem ursprünglichen Entwurf von Fritz Freymüller. Von oben blicken wir über die Baugebiete der Nachkriegszeit und ein Wasserbassin zu unseren Füßen. Das ist die umgestaltete Tongrube der einstigen Ziegelei. Jetzt im Frühjahr blühen die hier japanische Kirschbäume dicht an dicht, Kinder rollen sich mit Vergnügen den Hügel hinunter und werden in unterschiedlichsten Sprachen von ihren Eltern zur Vorsicht ermahnt. Lilienthal schrieb in einem Brief an den Sozialreformer Moritz von Egidy, dass die Fliegerei zur Völkerverständigung und zum ewigen Frieden beitragen könne und die Grenzen der Länder ihre Bedeutung verlören.

Stölln im Westhavelland und der Tod Otto Lilienthals

Ein Ort steht uns noch bevor. Der tragische Schlußpunkt dieser weltbewegenden Geschichte. Der Ort des Sturzes. Stölln. Genauer gesagt der Gollenberg im Ländchen Rhinow im westlichen Havelland. Wie in Derwitz fand Lilienthal hier 1893 einen damals unbewaldeten Abhang an einer relativ gut zu erreichenden Bahnstrecke. Beste Voraussetzungen. 109m über dem Meeresspiegel. Anders als im fast verschwiegenen Derwitz, wo alles begann, sind wir hier nicht allein. Es gibt ein Museum, nebenan steht „Lady Agnes“ zu der wir noch kommen werden und es gibt keinen Platz mehr für uns im Café. Wir gehen los und halten uns an den ausgeschilderten Rundweg, denn seit 1990 steht der Gollenberg mit seinem Waldbestand und Trockenrasenflächen unter Naturschutz und mal ins Unterholz treten ist keine gute Idee. Wir gehen los. Gleich am Fuß des Hügels steht das erste Mahnmal. Der Gedenkstein für Paul Beylich. Beylich war Lilienthals Mitarbeiter und er war Augenzeuge des tödlichen Sturzes. Dank ihm ist genau bekannt, was sich damals am 9. August 1896 ereignete. Der Gedenkstein für Otto Lilienthal steht direkt an der Absturzstelle am Nordhang, mitten im Gelände. Nachdenklich steigen wir hinauf, die letzten Meter sind eine kleine Kletterpartie. Oben angekommen bleiben wir atemlos. Phänomenaler Ausblick! Vor uns liegen die weiten Niederungen von Rhin und Dosse. Gut daß es hier oben Bänke zum Verschnaufen gibt, Informationstafeln erläutern die Umgebung und das, was hier geschah. Uns stockt der Atem. Was wir sehen, war der fast letzte Ausblick Otto Lilienthals. 9. August 1896. Es ist sonnig. Lilienthal ist über 2000 mal erfolgreich geflogen. Trotzdem stehen wir erschüttert oberhalb der Stelle, an der Otto Lilienthal senkrecht abstürzte. Beim Aufschlag verletzt er sich lebensgefährlich. Noch bei Bewusstsein wird er mit einem Pferdewagen und dann im Waggon eines Güterzuges in die Berliner Universitätsklinik transportiert. Bereits unterwegs fällt er ins Koma. Er stirbt vermutlich an den Folgen einer schweren Hirnblutung oder an einem Halswirbelbruch am 10. August 1896. Wir schweigen erschüttert.

Inzwischen hat das Zentrum für Luft- und Raumfahrttechnik das Unglück genau untersucht und nachgestellt. Ein Sonnenbö genannter Aufwind hat den Gleiter in der Luft aufgerichtet und zu einem Strömungsabriss geführt. Der senkrechte Absturz folgte. Die Angaben zur Flugfähigkeit bestätigen nun auch die DLR-Tests mit dem Nachbau. Der Gleiter sei vom damals 70 Meter hohen Gollenberg bei einer Geschwindigkeit von 50 Stundenkilometern bis zu 250 Meter weit geflogen, teilten die Experten mit. Lilienthal gelte zu Recht als erster belegter Flieger der Menschheit. Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrttechnik (DLR) Neben uns klingen leise im Wind die Töne der „Windharfe“. As Denkmal steht an der historischen Absprungstelle. Wie zum Flug nach vorn gebeugt steht die 1,30 Meter hohe Figur aus Aluminiumguss auf einer Stele aus Sandstein. Die ausgebreiteten Arme mit ihren montierten Schwungfedern (Spannweite ca. 2,40 m) setzen gerade zum Flug an. Die mit der Figur verbundenen Spanndrähte klingen wie eine Harfe. Unten steht „Lady Agnes“. Die Lady ist eine Iljuschin IL62, die letzte Interflugmaschine. 1973 gebaut, 1989 ausrangiert, von einer couragierten und kenntnisreichen Crew auf der nur 860m langen Landebahn des Segelflugplatzes Stölln sicher gelandet und dann in Lady Agnes, nach der Frau Otto Lilienthals, umbenannt. Wir ignorieren sie heute, ebenso wie das Museum. Wir ignorieren den Buga Park und die Tatsache, dass in der Iljuschin geheiratet werden kann. Nachdenklich lernen wir von Liliethal, dass die gründliche und genaue Beobachtung der Natur spektakulären Fortschritt bringen kann. „Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst.“ Darin der zutiefst philosophische Gedanke „Alles Fliegen beruht auf der Erzeugung von Luftwiderstand, alle Flugarbeit besteht in der Überwindung von Luftwiderstand.“ — Otto Lilienthal. Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst, Berlin, 1889. Wehmütig denke ich an den Otto-Lilienthal-Flughafen in Berlin. Neuerdings werden Flughäfen eher nach Politikern benannt. Und damit wird wohl auch die Lilienthal Skulptur in TXL verschwinden. 
Ein Ausflug zum Fliegen.

Tipps:

Was: Hügel, Aussichtspunkte, Denkmale, weite Landschaft. In Wanderschuhen.
Wo: Derwitz und Stölln in Brandenburg und in Berlin-Lichterfelde
♥️ Unser Lieblingsplatz: Auf allen Hügelgipfeln.

Das war die Reisefrequenz. Heute in Derwitz, Steglitz und in Stölln. Unterwegs mit Otto Lilienthal. Nah ist’s auch schön.

2 Gedanken zu „Fliegen wäre schön. Otto Lilienthals Übungsorte.“

    • Liebe Elke, sehr gerne! Unglaublich, was die Pioniere geleistet haben. Ich war bei der Recherche selbst recht beeindruckt. Liebe Grüße

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