Das Havelländische Luch bei Buckow und Nennhausen. Zu Großtrappen und romantischen Dichtern.

Reisefrequenzen
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Das Havelländische Luch bei Buckow und Nennhausen. Zu Großtrappen und romantischen Dichtern.
Das Havelländische Luch bei Buckow und Nennhausen. Zu Großtrappen und romantischen Dichtern.
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Hallo! Hier sind die Reisefrequenzen. Heute unterwegs im Havelländischen Luch, zwischen Nennhausen und Buckow. Unterwegs zu seltenen Großtrappen und zur Geschichte romantisch – literarischer Runden im Schloss Nennhausen. Unterwegs zu Kultur und Natur.
Das erste Ziel ist die Beobachtung der Großtrappen, das Zweite der Schlosspark in Nennhausen.

Die Tour beginnt für Frühaufsteher und ich nehme Euch wie immer mit. Der frühe Vogel fängt den Wurm, das ist sonst gar nicht unser Motto. Doch heute geben die Großtrappen uns den Takt vor. So sind wir vor dem Aufstehen unterwegs und nach dem Sonnenaufgang schon beim Aussichtsturm. Zwischen Buckow und Garlitz, südlich von Nennhausen, gibt es zwei gut ausgeschilderte Beobachtungstürme für das seltene Naturschauspiel.

Die Großtrappen zwischen Buckow und Garlitz.

347 Tiere. Mehr Großtrappen gibt es in Deutschland nicht. Sie leben alle in Sachsen-Anhalt und in Brandenburg, etwa 120 von ihnen lieben das Havelländische Luch. Das Luch ist ein ehemals vermoortes Feuchtgebiet. Früher gab es diese schönen Vögel in ganz Europa. Jetzt bleibt ihnen fast nur noch das weite Brandenburg, das sie an ihre Steppenheimat erinnert. Das Havelländische Luch ist eines ihrer letzten Rückzugsorte. 
Ehrlicherweise bin ich skeptisch, ob die Trappen wirklich hier sind und ob zu dieser Morgenzeit. Der Beobachtungsturm bei Buckow steht geschützt hinter einer blühenden Hecke, der Blick zu beiden Seiten ist von Ästen freigeschnitten. Jetzt, in Coronazeiten, ist der Turm vom Ordnungsamt gesperrt. Dabei schützen doch nur ein paar Bretter und große Luken das Drinnen vor dem Draußen. Außer uns sind noch zwei ältere, sehr kenntnisreiche Herren aus Rostock angereist. Wir kommen leise ins Gespräch. In der Distanz fährt der Großtrappen-Förderverein Patrouille und schaut, ob sich die menschlichen Besucher rücksichtsvoll benehmen. Wir bleiben also unten und holen die Ferngläser raus. 

Das Havelländische Luch bei Buckow und Nennhausen. Zu Großtrappen und romantischen Dichtern.
Großtrappe ©️ Andreas Trapp

Tatsächlich. Da sind sie! Die Großtrappen. Welch seltenes Naturschauspiel. Am Feldrand gegenüber plustern sie sich auf, stolzieren hin und her und die Männchen verwandeln sich in eine Art von Federball, bereit zur Balz. 
Großtrappen sind die schwersten flugfähigen Vögel der Welt. Jedes Männchen wird bis zu 15 Kg schwer und etwa einen Meter lang. Die älteren Männchen tragen einen auffälligen, lustigen Federbart vom Schnabel bis zum Hals. Ihr Federkleid ist braungescheckt, das Unterkleid beim Männchen weiß. Die Weibchen wiegen nur ein Drittel, sind vergleichsweise unscheinbar und kleiner. Großtrappen sind recht komische Vögel und weil sie so selten sind, streng geschützt. Für sie wurde die ICE-Strecke Berlin-Hannover mit Erdwällen aufwendig gesichert, Freßfeinde wie Fuchs und Marder werden durch Fallen abgehalten, ein Areal zum Brüten ist schützend umzäunt. Um in der Arterhaltung ganz sicher zu gehen, gibt es Brutkästen für gefährdete Eier. 

Für Ornithologen und alle Naturliebhaber ist die Beobachtung dieser stolzen, schönen Vögel ein Highlight. Ich schaue lange durch das Fernglas, fast schmerzen schon die Augen. Erst trappen die Männchen erhobenen Hauptes vorbei, als sei gar nichts sonst los. Dann beginnen sie plötzlich, ihren Federbart zu positionieren und ihre Kehle aufzublasen. Sie klappen den Kopf nach hinten, rudern mit den Flügeln und werden so zur Federkugel. Welch kompliziertes Werben. 
Damit die Trappen überleben, brauchen sie die Wiederherstellung ihrer Lebensräume, ein gutes Angebot an Insekten, Grünfutter, kleine Tieren und sehr viel Ruhe. Das kostet Geld, bereitgestellt aus privaten Spenden, dem jeweiligen Bundesland und der EU. 
In der Mitte des Feldes setzt eines der männlichen Tiere zum Fliegen an. Fast zittere ich mit. Wie eine Zeitlupe kommt es mir vor, gegen den Wind wird gestartet, der schwere Körper bricht den Widerstand und die Flügel nutzen den Auftrieb. 
Neben uns steigt eine Lerche auf. Sie schwingt sich leicht in größte Höhen und zwitschert dabei entspannt gelassen, als sei das für den kleinen Vogel erst der Anfang. Im Gras hocken zwei Rehe, die Ohren wachsam aufgestellt.
Den ganzen Morgen schauen wir den Großtrappen zu. Nach einem Abstecher zum zweiten Beobachtungsturm trennen wir uns von den seltenen Exemplaren.
In Buckow passieren wir die backsteingotische Dorfkirche. Dort gibt es eine Mumie, doch sie ist in diesen Zeiten nicht zu sehen. Uns hungert ohnehin nach Leben.
Am Ortsende ist die Staatliche Vogelschutzwarte und das Besucherzentrum. Wenn die Lockdown-Zeit vorüber ist, gibt es hier wieder viel über die Großtrappen zu erfahren. Fernglas- und Fotosafari im Havelland.
Vor der Vogelschutzwarte steht ein Picknicktisch und obwohl wir an einem der windig-kühlen letzten Apriltage unterwegs sind, genießen wir zur Pause den selbstgebackenen Apfelkuchen unseres Kollegen Holger.

Das Havelländische Luch bei Buckow

Schloss und Park Nennhausen. Ein Refugium der Romantiker.

Wir fahren ein paar Kilometer weiter nach Nennhausen. 
Es sind die alten Bäume und die verwunschenen Blicke auf das Schloss. In blassem gelb steht es zwischen den Ästen. Mit seinen neogotischen Zinnen erinnert es an ein Stück England, mitten in Brandenburg. Der Park lädt zum Verweilen ein und ist für alle Fans romantischer Literatur ein ganz besonderer Ort. Nennhausen ist ein Anwesen voller Geschichte. Einst gehörte es den von Lochows, einer alteingesessenen märkischen Adelsfamilie. 1686 gibt der Große Kurfürst Nennhausen der Familie von Briest als Lehen, weil sie die Schweden aus Rathenow zurückgeschlagen haben. 1737 genehmigt der Soldatenkönig, der gern zur Jagd vorbeikam, die Baustoffe für ein neues barockes Herrenhaus. In diesem lebten dann als Erben das Schriftstellerpaar Baron de la Motte Fouqué, Caroline und Friedrich. Caroline war eine geborene von Briest, die auf Schloß Nennhausen aufgewachsen ist. Mit 16 Jahren heiratet sie Ehrenreich von Rochow, der seinem Namen keine Ehre reicht. Sechs Jahre später war die Ehe geschieden und Rochow aus eigener Waffe wegen Spielschulden tot. 
Mit 28 Jahren schließt Caroline den Bund in zweiter Ehe mit dem ebenfalls geschiedenen Friedrich de la Motte Fouqué, einem Leutnant und frühen romantischen Dichter. Caroline selber verfasst Gedichte, Romane und Kunstmärchen. Zahlreiche ihrer Texte erscheinen im „Frauentaschenbuch“. Sie schreibt über Mode, über weibliche Bildung und ruft zu weiblichem Patriotismus nach der französischen Besatzung auf. Bei ihrem Mann klingt der Widerstand gegen die napoleonische Besatzung Anfang des 19. Jahrhunderts aus heutiger Sicht recht fragwürdig. „Auf, auf zum fröhlichen Jagen“ ist sein „Kriegslied für freiwillige Jäger“. 
Das bekannteste Werk Friedrich de la Motte Fouqués ist das Kunstmärchen „Undine“, von dem weiblichen Wasserwesen haben wir schon in der Stadt Brandenburg gehört. E.T.A. Hoffmann, der oft in Nennhausen weilte, hat den Text zur romantischen Zauberoper vertont.
Das letzte Werk des Dichters in Nennhausen ist der “Parcival”, er beginnt es nach dem Tod seiner Frau. Acht Monate später heiratet er erneut und zieht aus Nennhausen fort. Das ist das Ende des romantischen Musenhofs. Fouqués Parcival wurde erst 1997 verlegt.

Das Havelländische Luch bei Buckow und Nennhausen. Zu Großtrappen und romantischen Dichtern.
Schloss Nennhausen ©️ Andreas Trapp

Wir gehen durch den etwas wilden Park, dem die einst englische Gartenlust anzusehen ist. Während der Sommermonate wurde das Schloss Nennhausen zu einem intellektuellen Zentrum und einem literarischen Salon. Günter de Bruyn, der Bewahrer des Märkischen Dichtergartens, nannte Nennhausen den „Märkischen Musenhof“. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wussten sie alle, daß es im Grünen und im Havelland sehr viel romantischer war als in der Stadt Berlin. Joseph von Eichendorff, Adalbert von Chamisso, E.T.A. Hoffmann, Rahel Varnhagen von Ense und ihr Mann sowie Wilhelm von Humboldt. Sie alle kamen in die Sommerfrische und ließen die Stadt nicht nur bei schönem Wetter hinter sich. E.T.A. Hoffmann reiste gerne an, wohl nicht nur wegen des englischen Landschaftsgartens. So schreibt er in einem Brief an seinen Bamberger Freund und Verleger Carl Friedrich Kunz am 23.12.1815: „Vierzehn vergnügte Tage habe ich in Nennhausen bei Fouqué verlebt. Sie [die Baronin] ist als Hausfrau besser, als sich literarisch drucken lassend. Sie ist geistreich, witzig und noch recht hübsch ….“
Zu ihrer Zeit, zwischen 1803 und 1833, sah das Schloss noch barock und somit anders aus. Die neogotische Fassade erhielt es um 1860 vom damaligen Besitzer Ferdinand v. Arnim. 

Doch den Garten kannten die Romantiker. Er wurde ab 1780 nach englischem Vorbild umgestaltet. Schäferstündchen, Spaziergänge, ein Picknick im Grünen, alles war möglich. Vor uns steht eine barocke Sandsteinvase mit einem männlichen Konterfei, darunter steht der Name Hanns Christoph August Ludwig von Briest. Er war der früh verstorbene Bruder des Gartengestalters August Philipp von Briest. August Philipp von Briest bezog die feuchten Luchwiesen, den “Grashof”, in die Planung seines Parks mit ein und schuf durch Entwässerung eine niederländisch beeinflusste Wasserlandschaft. Zur Züchtung exotischer Gewächse betrieb er eine eigene Baumschule.
Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hat der Park nicht unbeschadet überstanden, seit den 1990er Jahren ist auf dem Weg der Erholung und wartet auf die romantische Liebe. Die alten Pfade sind wiedergefunden, die Teiche sind entschlammt. Die heutige Schlossherrin, Benita von Stechow, ist studierte Gartengestalterin und bringt ein Hauch des alten Flairs zurück.
In der Auffahrt vor dem Hauptportal stört ein parkendes Auto den Fotoblick, typisches Denken der Touristen. 

Schloss Nennhausen, Eingangsseite

Wenn E.T.A. Hoffmann sich nicht von der Arbeit loseisen konnte wurde er ungehalten. „Beide, Hitzig und ich, sind an den Prometheusfelsen, der wie ein Haus aussieht und am Ende der Markgrafenstraße angebracht ist, angeschmiedet, daher gibt es leider keine Feiertage für uns, die wir zu einem Ausfluge nutzen könnten.“ (Brief an Fouqué 03.04.1817). Dieser Felsen des Prometheus war das Berliner Kammergericht (heute das Jüdische Museum), in dem der Jurist E.T.A. Hoffmann als Kammergerichtsrat arbeitete. 
Heutzutage finden im Schloss hin und wieder Veranstaltungen statt und im Gärtnerhaus zeigt eine Ausstellung den Lebensweg von Friedrich de la Motte Fouqué. Der Ort der romantischen Dichter und die bedrohten Großtrappen lohnen jeden Ausflug.

Das waren die Reisefrequenzen. Heute zu Natur und Kultur in der Umgebung von Nennhausen im Havelländischen Luch.

Tipps:

Wo: Nennhausen, Buckow und Umgebung
Was: Beobachtung der Großtrappen. Fernglas nicht vergessen. Die Balz ist am Besten im April und Mai zu beobachten, je nach Wetter auch schon früher. Entweder morgens oder abends, mittags ist es still. Die Großtrappen sind ganzjährig im Havelländischen Luch.
Spaziergang durch den Park des Schlosses in Nennhausen. Der Park ist immer offen.
Inspiration: Undine, ein Film von Christian Petzold.
Die Texte der Romantiker.
Das Zitat aus dem Brief Hoffmanns: Hoffmann, Bd. 6: Werke 1814 – 1822: Briefe: 208. Brief an Carl Friedrich Kunz: 23 Dezember 1815, S. 83, zitiert nach etahoffmann.staatsbibliothek-berlin.de
Fotos: Die gekennzeichneten Fotos, inklusive des Beitragbildes, sind von Andreas Trapp – mit Dank. https://www.facebook.com/andreas.trapp953/
♥️ Unser Lieblingsplatz: Die beiden Vogelbeobachtungstürme

2 Gedanken zu „Das Havelländische Luch bei Buckow und Nennhausen. Zu Großtrappen und romantischen Dichtern.“

  1. Wieder ist Freitag und Marike beschenkt uns mit einer wunderbaren Reisefrequenz. Großtrappen mit phänomenalem Balzverhalten und Balztönen die vielleicht einst keltische Kriegstrompeten inspiriert haben! Und dann kommt ein schloßähnlicher Bau in mein Blickfeld : Ein Musenhof als Heimat und Anziehungspunkt für Dichter und Denker/innen der Romantik weckt mein Interesse. Gern möchte ich Werke von Caroline und Friedrich de la Motte Fouqué lesen, auch wenn ich nur im eigenen Hausgarten sitze. Die Gartenwelt im weiten havelländischen Luch bleibt als Sehnsuchtsort.

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