Breitlingsee. Neuendorf – Malge – Kirchmöser. Von Fähren, Stränden und lost places.

Brandenburg
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Breitlingsee. Neuendorf - Malge - Kirchmöser. Von Fähren, Stränden und lost places.
Breitlingsee. Neuendorf - Malge - Kirchmöser. Von Fähren, Stränden und lost places.
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Hallo! Hier sind die Reisefrequenzen. Heute nehmen wir Euch mit auf unsere Tour am Breitlingsee bei Brandenburg. Von der Neuendorfer Fähre geht’s zum Buhnenhaus, zum Strand Malge und weiter bis nach Kirchmöser.

Der Breitlingsee ist breit und doch kein See, sondern eine Bucht der behäbigen Havel. Er liegt westlich der Stadt Brandenburg und seine Ufer sind ein heiteres Ziel mit weitem Blick über das schimmernde Wasser. Statt nur See zu sein ist der Breitling ein Teil der Bundeswasserstraße Untere-Havel. Hin und wieder zieht in der Ferne ein Schubverband vorbei, im Sommer sind unzählige Sportboote unterwegs. Der Breitling ist so groß wie 700 Fußballfelder, fast wie ein kleines Meer.
Wir beginnen unsere Tour an der Neuendorfer Fähre. Dorthin fährt der Bus B522 in einer guten Viertelstunde vom Brandenburger Hauptbahnhof, oder das Fahrrad auf verschiedenen Strecken von überall oder das Auto. Die Ausflugsboote „Frieda“ und „Anna“ kommen vom Brandenburger Salzufer.

1. Die schmucke Fähre Neuendorf

Die kleine Fähre ist ein lächelnder Ort, eine geschmückte Geliebte. Sie pendelt über die verwunschene Brandenburger Niederhavel und der freundliche Fährmann nimmt alle Wartenden mit. An der Seite ihres Geländers hängen Blumenkästen und unzählige Blüten leuchten in gelbroten Farben. Die Niederhavel, durch die sie gleitet, sieht aus wie der brandenburgische Amazonas. Bäume und Büsche stehen im Wasser, kleine Inseln schwimmen im Fluss und im Schilfgürtel am Ufer piept und raschelt es endlos.

Wir kommen etwas unentschlossen hier an. Schon übersetzen oder erst zuschauen fragen wir uns. Der Fährmann entscheidet. „Ich warte auf Euch, habt keine Eile“ ruft er uns lachend zu. So sind wir beim nächsten Übersetzen an Bord. 
Fast hätte es die Neuendorfer Fähre nicht mehr gegeben. Anfangs war sie mit einer Kette am Ufer befestigt und wurde von einem Dieselmotor gezogen. Später wurde aus der Kette ein Seil und die „Neuendorfer Seilfähre“ nahm ihren Dienst auf. Sie war beliebt und galt doch, 1997, als unwirtschaftlich. Nur die Proteste der Neuendorfer retteten ihre Fähre. Längst lohnt sich ihr Einsatz wieder. Sie nimmt sogar kleinere Autos mit. Kinder und Fahrräder reisen gratis.

2. Das Ausflugslokal Buhnenhaus.

Auf der anderen Seite der Niederhavel erreichen wir nach ein paar Schritten das Ausflugslokal „Buhnenhaus“. Die traditionelle Gaststätte liegt fast am Wasser und war einmal das Haus des Buhnenmeisters. Als Wasserinspektor sorgte er für den Uferschutz und wohnte hier am Havelgemünde, kurz bevor die Niedere Havel in den Breitling fließt. Er wartete die Anlagen, inspizierte den nahen Leuchtturm und verkaufte Kaffee, Bier und Kuchen. Zusätzlich schipperte er schon vor über hundert Jahren die Neuendorfer Fähre über den Fluss. Der bekannteste Buhnenmeister war Albert Voigt, vielleicht war er gar der erste Fährmann. Schließlich verkürzte die Fähre den Weg zu seinem kulinarischen Angebot.

Seit 1887 öffnet das Buhnenhaus die Türen und den schönen Biergarten unter den großen Kastanien. Es wird ganz unprätentiös leckeres, handfestes Essen zu fairen Preisen serviert.
Am Wasser liegen die Boote der Dauer- und Tagesanleger und am Steg machen die Brandenburger Ausflugsschiffe fest. Während des Sommers kommen mehrfach am Tage die Dampfer „Anna“ oder „Frieda“ vorbei. Ihre Route ist groß, doch keine von ihnen ist so schön geschmückt wie die kleine Neuendorfer Fähre.
Wir essen Sülze mit Bratkartoffeln und heimisches Wild an Rotkohl. Dann machen wir uns auf den Weg mit sehnsüchtigen Wasserblicken am Ufer entlang zur Malge.

3. Malge. Strand, Restaurant, Biergarten, Camping und Bootsverleih

Die „Malge“ ist das Stichwort für alles. Hier ist die Havel zum Meer geworden, der Sand zum Strand und die Inseln im Breitlingsee zu Schatzinseln. Malge ist ein Freizeitparadies. Es gibt einen großen und mehrere kleine Strände, zwei Restaurants, einen Biergarten unter Schirmen direkt am See und eine Fischräucherei. Die Plätze am Wasser locken bei gehobenen Preisen, doch wir sind noch nicht wieder hungrig.

Am Schönsten ist es am Strand. Der ist fein, weiß und garantiert Ostseefeeling. Und noch schöner ist es sicher zum Sonnenuntergang. 
Ich stelle mir vor, wie im abendlichen Zwielicht die Inseln im See zu Pirateninseln für Schatzsucher werden. Auch wenn sie ganz banal Kanincheninsel, Buhnenwerder, Kälberwerder und Kiehnwerder heißen und als Relikte der letzten Eiszeit nur flach und knapp über die Wasseroberfläche ragen. Mit dem privaten oder gemieteten Boot anlegen, einen Fuß auf die Pirateninsel setzen und den eigenen unter all den anderen verlorenen Schätzen suchen. Sommerabendliches Vergnügen.

Breitlingsee. Neuendorf - Malge - Kirchmöser. Von Fähren, Stränden und lost places.

Wir bleiben am Ufer im hellen Licht der maritimen Malge.

Ein Abstecher in den Wald: Der Hohenzollernstein
Irgendwo im Wald, nach dem Queren der Buckau, zu weit um zu Fuß zugehen, steht der Hohenzollerstein. Nördlich des Hechtgrabens und der Silberquelle, in der Neustädtischen Heide an der neu und glatt asphaltierten uralten Magdeburger Heerstraße, vor einem jungen Baum. Er ist aus Granit und erinnert an einen historischen Moment. Auf dieser Strecke also soll Friedrich I., der Burggraf von Nürnberg, Richtung Brandenburg gezogen sein. Um für die Hohenzollern das Fürstentum in Besitz zu nehmen die dann die kommenden etwa 500 Jahre blieben. Hier also soll ihr Heerweg gewesen sein. Er war wohl nichts als eine staubige Schneise durch Brandenburger Sumpf und Heide. Um nicht zu versinken kam Friedrich I. mit seinem Heer im trockenen Sommer. Am 21. Juni 1412, zur Sommersonnenwende, machte der Fürst sicher den Abstecher zur Malge und sah nach dem Sonnenuntergang die Sterne blinken. Der Stein stammt von 1905, da regierten die Hohenzollern noch immer. Nach dem 2. Weltkrieg verschwand er, wurde 1998 geborgen und ein Jahr später wieder aufgestellt. Mit Hilfe der Bundeswehr. 

Wir wandern von der Malge am Breitlingsee entlang nach Kirchmöser.

3. Kirchmöser. Von der Idylle zur Industrie

Unser letztes Ziel ist Kirchmöser. Der Ort liegt schon nicht mehr am Breitlingsee, sondern zwischen dem Möserschem See, dem Heiligem See und dem Plauer See.
Nach so viel Natur wendet sich das Bild auf der Halbinsel im See. Wir erreichen das alte, 1387 erstmals erwähnte Dorf, das damals noch Möser hieß. Wir schwächeln nach so viel See und brauchen Kuchen, besser noch Torte. Es gibt keinen besseren Ort als das Hofcafé Gränert. Stylish, lecker, perfekt.

Nebenan steht die spätmittelalterliche Kirche aus Feldsteinen, hellgelb verputzt. 
Dann spazieren wir am Möserschen See entlang in Richtung Industrie. Jetzt ändert sich die Ansicht. 
Kirchmöser ist eine Entdeckungstour für Fans der Industriegeschichte und ihrer Architektur. Zwischen denkmalgeschütztem Werksbau und lost places.
Möser war das kleine Kirchdorf, bis hier während des Ersten Weltkrieges ab 2.11.1914 in Windeseile die „Königlich-Preußische Pulverfabrik“ errichtet wurde. Dort, wo vorher die Wohlhabenden ihre Zweithäuser am See hatten, entstanden unter der Bauleitung von Bruno Taut 400 repräsentative Industriebauten und zunächst 172 Wohnungen. Nur Herr von Königsmarck, Besitzer von Schloß Plaue, wehrte sich. Die geplante und dann gebaute Brücke verschandele das Landschaftsbild. Doch im Januar 1915 war Baubeginn für die „Militärisch-technischen Institute bei Plaue (Havel)“. Erst entstanden Kraftwerk und Kesselhaus, dann die Pulverfabrik und Feuerwerkslaboratorium zur Herstellung von Schießwolle, Nitroglyzerin und Trinitrotoluol (TNT). 4000 Arbeiter und bis zu 5000 russische und französische Kriegsgefangene arbeiteten hier. Quasi über Nacht war eine neue Stadt entstanden.

Fünf Jahre später war alles vorbei. Nach dem Versailler Vertrag wurde entmilitarisiert und keine Munition mehr in Kirchmöser produziert. Statt dessen zog 1920 die Reichsbahn auf das Gelände und ließ 880 weitere Werkswohnungen bauen.
Wir schlendern durch den Ortsteil Kirchmöser-Ost. Wohnbebauung der 1920er, Gärten in denen die Dahlien blühen, in der Mitte das Gebäudehalbrund wie eine Festung. Zwei Männer sitzen in einer Garage und haben sich dort einen Picknicktisch mit Vorräten aufgebaut. Gut gelaunt grüßen sie.
Auch Kirchmöser hat eine, unterschätzte und kaum besuchte, Hufeisensiedlung. Die Gartenstadt ist unregelmäßig und locker angelegt, als sei es ein gewachsenes altes Dorf.

Durch ein kleines Kiefernwäldchen hindurch, den Rest des ehemaligen Bewuchses, erreichen wir den Hauptort Kirchmöser. Ein heller Obelisk, rote Klinkergebäude im Stil der neuen Sachlichkeit, Siedlungshäuser, ein Kraftwerk. Eine alte Dampflokomotive der Baureihe 52, hergestellt 1944 in München. Und der 65 m hoher Wasserturm von 1916.

Der bekannteste verlorene Ort ist das Feuerwerkslaboratorium.
Wir folgen den Tafeln des Industrielehrpfades und ihren Erläuterungen durch den damals top modern konzipierten Ort. Kraftwerk und Badehaus, Feuerwerkslabor und Offizierskasino vier symmetrische Torbauten in die Wohnviertel entstanden vornehmlich am Zeichentisch des Regierungsbaurats Teschenmacher.
Im Zweiten Weltkrieg wurde weiter für die Reichsbahn gebaut und gewartet und manchmal stand der Sonderzug Hermann Görings hier unter Dach. Die Produktion wurde auf Panzer und Panzerteile verlagert, gefertigt von Arbeitern und Kriegsgefangenen. Unter schwierigen Bedingungen ging die Arbeit nach 1945 im RAW für Gleisbaumechanik Brandenburg-Kirchmöser und im neuen Walzwerk „Willi Becker“ weiter. 1990 kam die Wende. Das Walzwerk wurde geschlossen, die Reichsbahn gab es nicht mehr, die Arbeitsplätze gestrichen.

Wir gehen durch die wilde Mischung. Die Häuser sind bewohnt und viele hübsch anzusehen, aus manchen Fabrikgebäuden wachsen hingegen die Kiefern. Über hundert Jahre Industriegeschichte sind eine konservierte und spannende Kulisse. 

Schließlich erreichen wir die Brücke nach Plaue. Kurz vorher verlockt am Seeufer das Restaurant „Lago di Garda“ und wir fühlen uns ganz italienisch mitten in Brandenburg.

Zurück zum Bahnhof Kirchmöser, der nah des alten Dorfkerns liegt und den es seit 1916 gibt. Hier sieht’s nicht so schön aus, aber der RE1 Magdeburg – Cottbus hält regelmäßig und bringt uns zurück nach Haus.

Das waren die Reisefrequenzen. Heute unterwegs am Breitlingsee, von Neuendorf über Malge nach Kirchmöser. Unterwegs zwischen Idylle und Industrie.

Breitlingsee. Neuendorf - Malge - Kirchmöser. Von Fähren, Stränden und lost places.

Mit Dank an meinen Kollegen und Mitreisenden Holger.

Tipps am Breitlingsee und in Kirchmöser für Euch:
Wo: Breitlingsee und Kirchmöser (Brandenburg/Havel)
Was: Ein Ausflug von der Neuendorfer Fähre in Brandenburg/Havel nach Kirchmöser, entlang des südlichen Ufers des Breitlingsees. Möglich zu Fuß, per Rad, per Boot, per Auto.
Food & See: Buhnenhaus, Buhnenhaus 1, Brandenburg. Restaurant, Biergarten, Bootsanlegestelle, Camping.
Malge. Restaurant, Biergarten; Anlegestelle, Strand, Camping.
Hofcafé Gränert, Gränertstraße 6, Brandenburg/Havel.
Lago di Garda, Am Seegaften 7, Kirchmöser; Brandenburg/Havel.
Transport: RE1  Stationen in Kirchmöser und Hbf. Brandenburg.
Vom Hbf. Brandenburg Bus B522 nach Neuendorf, Fahrzeit eine gute Viertelstunde.
Fähre Neuendorf, täglich von Anfang April bis Ende Oktober. 
Ausflugsfähren Anna und Frieda zum Buhnenhaus und zum Strand Malge ab Salzufer/Brandenburg von April bis September.
Per Rad auf dem Havelradweg.
Zu Fuß auf Wegen und Pfaden dem Seeufer folgen.
Info: Industriepfad Kirchmöser
♥️ Unser Lieblingsplatz: Die Fähre Neuendorf, das Buhnenhaus, der Strand an der Malge, das Hofcafé Gränert in Kirchmöser, die Industriearchitektur und Lago die Garda.

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2 Gedanken zu „Breitlingsee. Neuendorf – Malge – Kirchmöser. Von Fähren, Stränden und lost places.“

  1. Ein wunderschönes Foto verlockt zum Eintritt in ein mir bisher unbekanntes Freizeit- und Erholungsparadies. Es ist interessant zu hören, wie sich hier Industrien angesiedelt haben und letztendlich auch die idyllische Landschaft übrig blieb. Doch ein Bunker und ein Obelisk verharren hier als stumme Zeugen der Ereignisse vergangener Tage. Ich bedanke mich herzlich für die Beschreibung der Wege und die kulinarischen Hinweise!

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    • Vielen Dank, Aline! Der Breitlingsee und seine Umgebung sind einfach ein schönes und vielfältiges Erholungsgebiet. Natur, Geschichte, Strandlokale – alles ist da. Danke fürs Lesen und Hören!

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