Blankensee. Ein anglo-italiano Paradies in der Mark Brandenburg.

Brandenburg
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Blankensee. Ein anglo-italiano Paradies in der Mark Brandenburg.
Blankensee. Ein anglo-italiano Paradies in der Mark Brandenburg.
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Aktualisiert im Mai 2021
Hallo! Hier gehts zu den Reisefrequenzen. Nah ist’s auch schön.
Heute geht‘s zu einem Ausflug nach Blankensee bei Trebbin. Zu Schloss, Park, See und in die Natur.

Wir sind Reiseleiter und wir sitzen fest. Unsere Ziele sind fern und unsere Gäste auch. Also unternehmen wir eine Audioreise in die brandenburgisch schöne Nähe. Eine Tour nach Blankensee während der Corona-Pandemie.

Wir nehmen Sie mit, so wie wir es immer getan haben. Jetzt gleich, zum heutigen Ziel. Vieles ist fern und die Sehnsucht groß. Also geht die Reise an einen Ort, an dem wir eine überraschende, verträumte und typisch märkische Mischung aus italienischer Architektur und englischem Garten finden. Das ist in Brandenburg nicht schwer, es gibt römische Bäder, palladianische Villen, italienische Belvedere und die nach englischen Vorbildern angelegten Parkanlagen von Joseph Peter Lenné. All das besticht nicht nur  durch die Eindrücke aus fernen Ländern, sondern durch die unbestechliche märkische Natur.
Wo? In Blankensee. Im Ort, am Herrenhaus, das einst dem Schriftsteller Hermann Sudermann gehörte, im Park und am See. Südlich von Berlin im Naturpark Nuthe-Nieplitz-Niederung in der Nähe der Stadt Trebbin. Alles draußen im Freien, das kleine Bauernmuseum und die Kirche sind die beiden Stationen unter Dach. Der Schriftsteller Theodor Fontane war auch schon da.
Die Reise geht  ins Zweistromland von Nuthe und Nieplitz. Ab Trebbin haben wir den „Kranichexpress“ bestellt, der Rufbus bringt uns in 15 kurzen Minuten an den Blankensee. Der Blanke See, die Perle einer kleinen Kette.

Wir sind inzwischen CoronaZeiten erprobt und vorbereitet. Im kleinen Rucksack ist das Baumwolltäschchen mit dem Mund-Nasen-Schutz, das Desinfektionsspray, die Wasserflasche, etwas Proviant für den Fall, daß alle gastliche Tische belegt oder geschlossen sind und, altmodisch schön, die Wanderkarte. Später wird sich herausstellen, daß Proviant und Wasser überflüssig waren. Ein Fernglas hätte wirklichen Weitblick ermöglicht und ein Notizbuch für unsere Inspirationen an diesem literarischen Ort hätte uns das Schreiben auf den Rändern der Bäckertüte erspart. Aus den Straßenverkäufen der Bauern und der Bäckerei in der Ortsmitte sind frischer Salat, Kräuter, ein Glas Honig und leckerer Rhabarberkuchen in den Rucksack gewandert. Und ein Stück geräucherter Aal aus der Fischräucherei Brauße.

Spaziergang durch das Dorf zum Bohlensteg am Blankensee

Über den Alleen aus Eichen, Kastanien und Buchen wölben sich frischgrüne Blätterdächer, auf den Feldern steht das Getreide und am Wegesrand blühen rote Mohnblumen und blaue Kornblumen. Die Hecken sind gesprenkelt voll rosafarbener Rosen. Um den See zieht sich ein Band aus Teichen, Sumpfgebieten und Feuchtwiesen, am Ufer stehen Erlen. Ein Schilfgürtel trennt Mensch und See. Nein, zum Baden ist es nichts. Die Frösche quaken.

Junges Schilf am Blankensee
Das Ufer des Blankensees.

Das weite Grün eines brandenburgischen Märchens, unspektakulär und verwunschen. Der Naturpark Nuthe-Nieplitz ist fast doppelt so groß wie Hamburg, er wurde 1999 gegründet und hat 30.000 Einwohner. Während in Berlin 4.000 Menschen auf jedem km2 leben, sind es hier 48. Es bleibt viel Platz für Flora und Fauna. Wir könnten den See umwandern, aber heute bleiben wir auf dem Bohlensteg am See, im Schloßpark und auf den Spazierwegen Richtung Aussichtsturm. Alles ist bestens ausgeschildert.

Je nach Jahreszeit streifen Störche und Kraniche umher, der Seeadler öffnet seine Schwingen, der Kuckuck ruft. Im Herbst stand einmal ein Kranich am Tümpel Seechen direkt neben mir. Sie sind alle Weitgereiste. Nahezu unstoppable auf ihren Routen zwischen Nord und Süd. Ob sie auch das Gefühl der Sehnsucht kennen, frage ich mich? Zu den reisesüchtigen Zugvögeln gehört der seltene Ortolan, eine stark gefährdete Ammer, die hier noch brütet. Beim nahen Dorf Stücken gibt es einen nach dem Ortolan benannten Rundwanderweg. Im wilden „Rauhen Luch“ lebt der fleischfressende Sonnentau und über die Ungeheuerwiesen hoppelt ein Haase.
Früher hieß diese Gegend „Thümenscher Winkel“, benannt nach Familie von Thümen, die bis 1902 die Erb-, Lehn- und Gerichtsbarkeit von Blankensee und Stangenhagen innehatten. Seit 1340 gehörte der Winkel zu Sachsen-Wittenberg und blieb bis 1815 kursächsische Enklave im preußischen Brandenburg. Er war die letzte Rettung für Deserteure der preußischen Armee.

Inmitten dieser Naturschönheit steht das alte Herrenhaus, nun Schloß genannt, um etwas Großartiges daraus zu machen. Das haben weder Haus noch Gegend nötig.

Brücke im Park des Schlosses in Blankensee

Der Schlosspark

Wir schlendern durch den Ortskern und kommen zum Tor des Schlossparks. Dahinter eine kurze Allee, der auch Kaiserallee genannte Hauptweg ist mit Büsten römischer Imperatoren aus dem 17. bis 19. Jahrhundert bestückt. Mit ein paar Schritten ist das Herrenhaus erreicht. Gegenüber blühen die Kastanien rot über einer Balustrade.
Familie Thümen ließ eine Burg bauen und nach verschiedenen Veränderungen entschied sich Amtshauptmann Christian Wilhelm von Thümen 1739 zum fast vollständigen Neubau des Hauses im märkischen Barock. Theodor Fontane hat es später gut gefallen: „Am schönsten gelegen ist das Herrenhaus. In Front ein Elsenbruch, an den Flügeln breite Seespiegel, und zwischen Schloss und Park ein Wasserlauf, (…) – das ist in großen Zügen die Szenerie.“ Heute könnten wir hier heiraten oder ohne Hochzeit übernachten oder einfach im Schloßcafé einkehren.

Skulptur im Park des Schlosses Blankensee
Skulptur im Park

Der Park ist ein verwunschener Traum, ein englisches Gartenparadies. In der Ferne leuchtet weiß eine der Brücken, verschlungene Wege führen neben Wasserläufen. Für die Gestaltung solch verträumte Gärten gab es in Brandenburg den einen großen Zauberer. Joseph Peter Lenné. In der Plankammer von Sanssouci liegt unter den Zeichnungen des Königlichen Preußischen Garten-Directors Lenné ein „Situationsplan Blankensee“ von 1832. Hans Hermann von Thümen träumte von einem modischen englischen Garten und Lenné skizzierte ihn. Drei Arme der Nieplitz trennen den 4,5 Hektar großen Park in drei Bereiche und so spazieren und fotografieren wir durch immer neue Perspektiven.

1902 war für die von Thümens in Blankensee alles vorbei. Der letzte von Thümen, Arthur Victor, musste das Gut mit 10.000 Morgen für 2,5 Millionen Mark verkaufen. Käufer war zunächst die Deutsche Aktiengesellschaft. Ihr Geschäftsmodell war der Kauf landwirtschaftlichen Besitzes zum gewinnbringenden Weiterverkauf zwecks Wohnbebauung. Vom Verkauf der Thümens profitierte ein guter Freund Victors, der sich in den Jahren zuvor schon gerne und begeistert in Blankensee aufgehalten hatte. Der Schriftsteller Hermann Sudermann. Er war schon länger auf der Suche nach einem Landsitz. Schließlich waren Landsitze en vogue, Industrielle wie die Borsigs hatten einen, Rahtenau war noch auf der Suche und Bänkler wie die Gutmanns oder Familie Bleichröder besaßen ebenfalls ihre Landgüter. Hermann Sudermann plante in Blankensee eine Siedlung für wohlhabende Berliner, ähnlich dem Alsenviertel in Berlin-Wannsee. Doch die nächstgelegene Bahnstation ist in Trebbin und der Weg über Kopfsteinpflasterstraßen mitsamt Gepäck und Personal beschwerlich. So blieb es bei Sudermann und seinem Schloß.

Der Dichter Sudermann wird Schlossbesitzer in Blankensee

Hermann Sudermann, ein fast vergessener aber damals sehr erfolgreicher Schriftsteller und Bühnenautor. 1857 wurde er als Sohn einer einfachen Bierbrauerfamilie in einer Kate in Maztiken, heute Litauen, geboren. Später ging er in Elbing zur Realschule, kam nach Berlin und feierte Erfolge im Lessingtheater, das in der Nähe des heutigen Berliner Hauptbahnhofes stand. Sein großer dramatischer Triumph war „Die Ehre“ und sein erfolgreichstes Stück hieß „Heimat“, 1893. Später wurde es mit Zarah Leander von den Nationalsozialisten missbrauchend verfilmt. Sudermann war Chefredakteur einer liberalen Zeitung, setzte sich gegen Zensur zur Wehr, schrieb naturalistische sozialkritische Stücke. Seine Kritiker Alfred Kerr und Alfred Polgar warfen im eine „kurzsichtige Flachheit“ vor. Heute sind, wenn überhaupt, seine „Litauische Geschichten“ sein bekanntestes Werk.  Das Haus in Blankensee ist sein sichtbares Vermächtnis und Zeichen seines sozialen Aufstiegs.
Sudermann beauftragte den Berliner Architekten und Baurat Otto Stahn mit Um- und Anbauten am Haus und der Veränderung des Gartens. Der englische Garten mit seinen Sichtachsen und der geplanten Natürlichkeit wurde italienisch möbliert. Es entstand ein Rundtempel, eine Loggia und 1927, ein Jahr vor dem Tod Hermann Sudermanns, der italienische Garten. Marmorbänke laden in den Nischen der Hecken zum Verweilen, die Statue der Venus wartet an ihrem Teich, Pomona und Flora stehen im Lennéschen  Parkteil. Den Rand einer Wildblumenwiese zieren die Skulpturen der vier Jahreszeiten und Chronos, die Zeit. Götter und Göttinnen tauchen unvermutet zwischen dichtem Baumbestand auf, Vasen stehen auf Sockeln im hohen Gras. Die meisten Skulpturen brachte Sudermann von seinen Reisen nach Italien zurück. Nur Flora, Pomona und Voltumna sind aus dem nahen aus Potsdam angereist und stammen vom Hofbildhauer Johann Peter Benkert. 1750.

1917, während des 1.Weltkriegs, schreibt Hermann Sudermann aus Blankensee an seine Frau Clara: “Übrigens kam mir diesmal zum erstmal das Bewusstsein davon, daß wir hier in Blankensee eigentlich ganz und gar in Italien leben. In Haus und Park kann man nicht einen Schritt machen, ohne auf italienische Erinnerungen zu stoßen. Es ist wirklich ein südliches Stückchen Welt, das wir uns hier aufgebaut haben.“

Italienischer Garten im Park in Blankensee
Der italienische Garten

Ein Italien im englischen Garten.

Sudermann wollte sein Haus posthum einer Stiftung für kranke und schlecht finanzierte Schriftsteller zur Verfügung stellen. Doch das Geld reichte nicht. Am Ende des 2. Weltkrieges plünderten sowjetische Soldaten und zerstörten unter den Augen des Stiefsohnes Rolf Lauckner das Inventar. Die Skulpturen im Garten bröckelnden, die Lennéschen Sichtachsen überwucherten. Das Haus wurde Schule, Kindergarten, Betriebsurlauberheim. Seit 1994 ist die Brandenburgische Schlösser Besitzerin des Anwesens. Das Schloß hat einen neuen Anbau für Tagungen bekommen und der Park in seinen geheimnisvollen Träumen ist wiederauferstanden.

Die Libellen tanzen um die gelbe Lilien, die vor der weißen Brücke wachsen. Efeu und Kletterrosen ranken sich um eine Marmorbank.
Wir können uns kaum trennen. Gäbe es da nicht noch die Sage vom Schatz und den See. Der Weg zum Schatz führt uns an der Bäckerei vorbei. Radausflügler sitzen auf den Stühlen davor und machen eine Pause.

Eine kleine Wanderung zur gotiscen Ruine und dem Aussichtsturm in der Feldmark von Blankensee

Wir folgen der Ausschilderung zum Aussichtsturm. Am Ende des Dorfes steht noch eine vorletzte Bank, über der die Worte eines Schlagers eingemeißelt sind:  „Die kleine Bank steht am großen Stern die hab ich lieb die hab ich gern. Sie weiß so viel von Dir und mir und darum geh ich gern zu Dir.“ In Blankensee enden die Träume nie. Wir folgen dem Wanderweg geradeaus. Im Wald verborgen und romantisch überwachsen steht die Ruine einer gotischen Kapelle. Hier endet der Weg. Hier, unter einem Bocksdornstrauch, soll der Schatz verborgen sein. Wir haben keine Chance. Auch Fontane hat hier schon vergeblich gegraben.

Blankensee. Ein anglo-italiano Paradies in der Mark Brandenburg.

Nach einem Abstecher zur Aussichtsplattform, von der aus sich ein großartiger Rundblick über die herbstlichen Rastplätze der Kraniche bietet, spazieren wir ins Dorf zurück. Die Kirche ist verschlossen. Das Bauernmuseum, eingerichtet in einem stattlichen in fachwerkbauweise errichteten Dielenhaus, ebenfalls. Beides ist den CoronaZeiten geschuldet. Sonst werden hier traditionelle Geräte und regionale Geschichte gezeigt und der beliebte Blankenseer Musiksommer findet in dörflicher Bilderbuchatmosphäre statt.

Ein Ausflug ins märkische anglo-italiano Paradies Blankensee.

Tipps und Sehenswürdigkeiten:

Was: See, Park, Schloß, Dorf, Kirche, Museum, Vogelbeobachtungsturm und entspannt schöne Landschaft.
Wo: Blankensee. Südlich von Berlin und Potsdam, bei Trebbin.
Food: Die idyllische Museumsschänke, die Gaststätte Schmädicke, Brötchen und Kuchen auf die Hand aus der Bäckerei Röhrig, frischer (geräucherter) Fisch von Braußes und zum Bestellen das sehr gute Biofleisch von Möllers Naturfleischerei öko&co.
Alle Tipps sind unsere Lieblingsempfehlungen, unbezahlt und ohne Auftrag.
♥️ Unser Lieblingsplatz: Der wilde Teil des Gartens mit seinen versteckten Skulpturen und Brücken. Der See.
🗝 Wir führen Euch gerne persönlich durch Blankensee oder durch andere Orte der Reisefrequenzen.

Das war die Reisefrequenz in Blankensee. Nah ist’s auch schön.

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2 Gedanken zu „Blankensee. Ein anglo-italiano Paradies in der Mark Brandenburg.“

  1. Mit dem ” Kranichexpress” wird man ins Vogelparadies gefahren und dort von reichem Pflanzenwuchs wohltuend empfangen und auch von leuchtend farbigem Blütenschmuck betört. Die wunderbare englische Parkanlage wirkt mit italienischer Architektur angereichert doch irgendwie irritierend. Und dann empfinde ich den ” Freundschaftsdienst” des Hermann Sudermann gegenüber dem letzten Gutsbesitzer aus dem Haus derer von Thümen wie einen Verrat. Passt das zum dramatischen Triumph ” Die Ehre”, den der neue Gutsbesitzer feiert? Doch ich möchte mich nicht auf den “Ungeheuerwiesen ” aufhalten. In der reichen Natur mit Flora und Fauna und bei der Ansicht all der Kulturzeugnisse die hier zu sehen sind , kann ich reich belohnt werden. Also : auf nach Blankensee!

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