Hallo! Heute nehmen wir Euch mit auf einen Spaziergang durch Sarajevo, der unterschätzten quirligen Hauptstadt Bosniens und Herzegowinas. Umgeben von einem Kranz fast 2000 m hoher bewaldeter Berge liegt die Stadt im Tal des Flusses Miljacka. Aus dem roten Ziegeldachpanorama ragen schlanke Minarette, spitze Kirchtürme und die neuen Hochhäuser außerhalb der Altstadt. East meets West. Die Begegnung der Kulturen und Religionen machen jeden Besuch Sarajevos spannend. Vielfältige Geschichte spiegelt sich zwischen osmanischem Basar, Wiener Gründerzeit und modernen Glasfassaden. Wer mit „Mark“ zahlen möchte ist hier richtig. Wer Entdeckungen liebt für den ist „Sarajevo der einzigartigste Ort in Europa“.*
Die Balkanmetropole ist viel mehr als der Ort des folgenschweren Attentats auf den Habsburger Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie, die am 28. Juni 1914 an der Lateinischen Brücke den tödlichen Schüssen von Gavrilo Princip erlagen. Sarajevo bietet mehr als die Relikte der Olympischen Winterspiele 1984. Sarajevo lebt mit Erinnerungen an die Toten, die Schrecken und Zerstörungen der 1425 Tage langen Belagerung während des Bosnienkrieges 1992-1995 und einer schwierigen Gegenwart.
Die Altstadt von Sarajevo folgt dem Ufer des Flusses Miljacka. Das östliche Basarviertel Baščaršija schmiegt sich zwischen die Berghänge während sich das Tal gen Westen für neuere Stadtteile und Hochhäuser öffnet. Parallel zum Fluss verlaufen die innerstädtischen Hauptstraßen: die Flaniermeile Sarači und Ferhadija. Das Zentrum der von knapp 300.000 Sarajlije bewohnten Stadt ist schnellen Schrittes in gut 40 Minuten durchquert.


Sarajevo präsentiert die Geschichte eines lebhaften Kulturmixes voller Gegensätze und Fragezeichen. Die Stadt bietet orientalische Verführung, Traditionen des Balkans und Impressionen eines spannungsvollen Weges in die Zukunft.
Während wir an einem sonnigen klaren Frühlingstag am Flughafen Sarajevo landen glitzert auf den Gipfeln des Dinarischen Gebirges noch Schnee. Meine Berliner Sitznachbarin erzählt auf dem Flug in die Heimat ausschweifend von ihrer Vorfreude auf erstklassige Kalbsteaks.
Sarajevo ist ein Paradies kulinarischer Genüsse. Ćevapčići und Palatschinken, Krautsalat und Sirnica (Käsestrudel), Baklava und Croissants, Kaffee und Granatapfelsaft. Obgleich Fisch, wie mir versichert wird, nur als Vorspeise zählt und in der Küche schmackhaft zubereitetes Fleisch die Hauptrolle spielt bieten viele Speisekarten vegetarische Optionen an.
- 1. Baščaršija – Sehenswürdigkeiten im Basarviertel von Sarajevo
Exkurs: Bosnischer Kaffee
Exkurs: Die politische Gegenwart Sarajevos - 2. Durch die Ferhadija zur Maršala Tita – Die abwechslungsreiche Flaniermeile Sarajevos
- 3. Entlang der Miljacka
Exkurs: Die Geschichte Sarajevos - 4. Nicht verpassen
- 5. Tipps für die Reise nach Sarajevo
1. Baščaršija – Sehenswürdigkeiten im Basarviertel von Sarajevo
Baščaršija ist das schillernde Basarviertel und der touristische Hotspot. Das türkische Wort Baščaršija bezeichnet den Hauptmarkt des osmanischen Handelsplatzes. Mit ihrem orientalischen Flair und fernöstlichem Kitsch & Kramverkauf ist die Baščaršija der Brennpunkt jedes Sarajevo-Aufenthalts. Ich lasse mich durch die engen Gassen treiben und entdecke zwischen Kühlschrankmagneten und billigen T-Shirts alte Handwerks-Traditionen, schöne Gemälde und interessante Kleinigkeiten. In der Kupfergasse Kazandžiluk spiegelt sich Sonnenlicht in rotgoldenen Kännchen, ein gleichmäßiges Klopfen klingt dumpf aus den Läden und ich schaue den Kupferschmieden bei ihrer Arbeit zu. Die Galerie von Mersad Kuldijas und seiner Frau lockt mich mit dekorativen Postkarten seiner Gemälde. Zwischen orientalischen Diwankissen, Souvenirs aus Patronenhülsen und Mini-Platikmoscheen ist die Stimmung in Baščaršija lebendig und farbenfroh. Der Duft von Wasserpfeifen, von oft mittelmäßigem Baklava, süßem Lokum, leckeren Ćevapčići und bosnischem Kaffee schwebt durch die Gassen. Zahlreiche Restaurants bieten Sitzplätze drinnen und draußen, viele Frauen tragen Hidschab, meist wird Cola oder Wasser getrunken und zu meiner Verwunderung auch in den Innenräumen der Lokale geraucht.



Das Basarviertel entstand im 15. Jahrhundert als Teil der osmanischen Stadtanlage. General Isa Beg Ishaković begann sofort nach der Eroberung mit dem Ausbau von Infrastruktur, Wasserversorgung und muslimischen Gebetsstätten. Moscheen, Medresen, Karawansereien und Hamams wurden prunkvoll und robust aufgebaut. Im Mittelpunkt steht der markante Sebilj Brunnen, der heutige pilzförmige stammt aus Habsburger Zeit. Jeder, der aus dem Brunnen trinkt, wird sicher nach Sarajevo zurückkehren.
In Sichtweite liegt die 1528 erbaute Baščaršija Moschee und schräg gegenüber die 30 Jahre jüngere überdachte Markthalle Brusa Bezistan. Einstmals wurden Seide, Leder und Baumwolle unter ihren sechs osmanischen Kuppeln gehandelt, heute präsentiert das Stadtmuseum seine Funde inklusive eines interessanten Modells des osmanischen Sarajevos. Ebenfalls in der Nähe ist das Sevdah Kunsthaus in ein renoviertes osmanisches Lagerhaus eingezogen. Es widmet den aus einer anderen Zeit stammenden melancholisch von unsterblicher Liebe erzählenden Sevdalinka Liedern.
Weiter gen Westen lag mit dem Kolobara Han seit 1462 die erste von Isa Beg Ishaković beauftragte Karawanserei. Fast fünfhundert Jahre später wurde sie 1935 abgerissen und unter ihrem Namen firmiert um einen großzügigen Innenhof ein orientalisch dekoriertes Restaurant. Nördlich der Sarači-Straße wurde 1551 der Morića Han errichtet. Nach einer Renovierung in den 1970er Jahren ist der ehemaligen Karawanserei kein traditionelles Baumaterial mehr anzusehen. Ursprünglich gehörte zum Han das erste Kafana, das älteste Kaffeehaus Sarajevos und auch das moderne Café im Innenhof ist abends stets gut besucht.



Bosnischer Kaffee
Über Sarajevos Gassen liegt nach der Eröffnung einiger Start-ups wieder der Geruch von frisch geröstetem Kaffee. Zur Zubereitung wird das fein gemahlenen Pulver in eine Kupferkanne gegeben, Wasser hinzugefügt, aufgekocht, kurz vor dem Siedepunkt vom Feuer genommen und in den fildžan gegossen. Dazu bringt ein Stück Würfelzucker je nach Belieben die Süße. Frauen, zumal ältere Damen, gießen traditionell ein wenig Milch hinzu. Die kupfernen Kaffeesets werden in unterschiedlichen Dekorationen in der Kupfergasse zum Kauf angeboten. Ohne einen guten Kaffee fällt das Leben schwer, erzählt mir Muris mit schauspielerisch stark zitternden Händen. Der Verzicht auf Kaffee sei die härteste Aufgabe der muslimischen Fastenzeit und unendlich die Sehnsucht nach gutem Kaffee.
An der Mula Mustafa Bašeskija Straße liegt die schlichte den Erzengeln Michael und Gabriel geweihte alte orthodoxe Kirche auf den Grundmauern einer frühchristlichen Basilika. 1539 soll sie der Legende nach angesichts muslimischer Herrscher mit einem Trick wieder aufgebaut worden sein. Christliche Bauherren versprachen nicht größer als das Leder eines Rindes zu bauen, schnitten die Tierhaut jedoch in Streifen und umhegten so den größeren Bauplatz. Zum Komplex gehören ein Ikonenmuseum und die erste Schule des Balkans.



Der Ruf des Muezzin schallt über die Stadt. Auch vor der 1530 erbauten Gazi-husrev-begova-džamija sammeln sich gläubige Männer. Die kuppelgedeckte Gazi-Husrev-Beg Moschee mit ihrem eleganten pavillonartigen Moscheebrunnen ist eine architektonische Perle. Gazi Husrev Beg war osmanischer Verwalter, erfolgreicher Feldherr in der Schlacht von Mohacs, Enkel des Sultan Bayezid II. und seine Gebeine liegen im Haram der Moschee in einer Türbe begraben. Sein Vermögen vermachte er einer frommen islamischen Stiftung, Vakuf, mit dem Auftrag zum Kauf von Land und Immobilien. So entstanden im 16. Jahrhundert viele der imposanten Gebäude des Baščaršija Viertels. Nach dem Fall Jugoslawiens wurde der Grundbesitz anders als beispielsweise jüdisches Eigentum an Vakuf rückübertragen.
In keinem Reiseführer darf die WC Anlage gegenüber der Moschee fehlen. Seit 1530 funktioniert sie ununterbrochen und ihre längst modernen Türen stehen zur Benutzung offen.



Nebenan ragt der außergewöhnliche Uhrturm, Sahat Kula, in den stahlblauen Himmel. Wahrscheinlich wurde er im 17. Jahrhundert errichtet und das Londoner Uhrwerk zeigt auf dem arabischen Zifferblatt die Zeit „nach türkischer Art“. Nicht um Mitternacht beginnt der neue Tag sondern nach islamischer Tradition zum Sonnenuntergang. Mit dem Verschwinden der Sonne schlägt es 12 Uhr, eimal wöchentlich muß von Hand nachjustiert werden.
In der 1537 erbauten Medrese, der höheren islamischen Schule, werden die Instrumente zur genauen Vermessung der Zeit ausgestellt. Die Kuršumlija Medrese ist nach ihren zehn bleigedeckten Kuppeln benannt. Zwölf beheizbare Kammern und ein Vortragsaal standen den Lernenden zur Verfügung, heute beherbergen sie ein Museum über den Stifter Husrev Beg. In der rekonstruierten Khalwati-tekke (Hanikah) eines Sufi-Ordens nebenan wurden bis zum Zweiten Weltkrieg Derwische ausgebildet. Ein kleines Café bietet wenig schmackhaftes Baklava in malerisch ruhiger Hof-Atmosphäre.


Am nächsten Häuserblock führen Stufen in die zweite der ehemals drei überdachten Markthallen hinunter. Der Gazi Husrev Beg Bezistan ist ein stilvolles Bauwerk aus dem 16. Jahrhundert in dem unter sternengleicher Beleuchtung allerhand Schnickschnack verkauft wird.


Teilweise blieben von den osmanischen Bauten nur konservierte Ruinen. Gegenüber vom Restaurant Pod Lipom – gute traditionelle Küche – kragen die Trümmer eines Hamams aus dem Häusermeer und neben dem Hotel Europa sind die steinernen Reste der einst größten Herberge Tašlihan zu sehen.
Am Laura Papo Bohoreta Platz, benannt nach einer jüdischen Feministin und Schriftstellerin, steht die Alte Synagoge von Sarajevo. Sie wurde um 1580 für die im osmanischen Reich Asyl findenden aus Spanien und Portugal ausgewiesenen sephardische Juden errichtet. Seit 1966 ist die Synagoge Museum in einem der besterhaltenen jüdischen Bauwerke aus dem 16. Jahrhundert. In direkter Nachbarschaft befindet sich die Neue Synagoge unbekannten Baudatums.



Vor der Shoah lebten mehr als 10.000 Menschen jüdischen Glaubens in Sarajevo. 7.092 wurden ermordet. Aktuell gehören etwa 600 Mitglieder der Jüdische Gemeinde Sarajevos an.
Die politische Gegenwart Sarajevos
Der multiethnische demokratische Staat Bosnien-Herzegowina besteht aus zwei Entitäten oder Teilstaaten: der Föderation Bosnien und Herzegowina, mehrheitlich von Bosniaken und bosnischen Kroaten bewohnt, und der mehrheitlich von bosnischen Serben bewohnten Republika Srpska, der Serbische Republik. Hier wird die Fahne Bosnien und Herzegowinas gehisst und dort die serbische Flagge. Zusätzlich existiert ein kleines Sonderverwaltungsgebiet. Die Grenzen sind wie zwischen Bundesländern offen und ohne Kontrollen. Der durch den internationalen Friedensimplementierungsrat eingesetzte Hohe Repräsentant und die militärische Präsenz von 1.100 Soldaten der EUFOR Truppe sollen den inneren Frieden sichern.
Sarajevo befindet sich an der internen Grenze des Landes. Altstadt und Neustadt gehören zur Föderation, einige Vorstädte zur Republika Srpska.
Die schwierige politische Situation verhindert wirtschaftliche Entwicklung wie in Kroatien oder Slowenien. Wut und Trotz ist eine Stimmungslage in vielen Gesprächen.
Bei der Volkszählung 1991 bezeichneten sich 50,5 % der Einwohner Sarajevos als Muslime, 25,5 % als Serben, 13 % als Jugoslawen, 6,7 % als Kroaten und 4,3 % als „Andere“. 2013 hat sich die Situation geändert. 80,7 % der Einwohner bezeichneten sich als Bosniaken, 4,9 % als Kroaten und 3,8 % als Serben. 8,2 % gaben eine nicht-ethnische Zugehörigkeit an. Die ethnische Struktur Sarajevos hat sich nach dem Krieg grundlegend verändert. Christen verließen die Stadt und vertriebene muslimische Landbevölkerung zog ein. Heute ist Sarajevo eine zu 90% muslimische Stadt inklusive neuer von Saudi Arabien finanzierter Moscheen und enger Verbindungen zur Türkei. Ihre Bürgermeisterin ist Benjamina Karić, SDP.
2. Durch die Ferhadija zur Maršala Tita – Geschäfte, Märkte, Kirchen und Moscheen an der Flaniermeile
Plötzlich geht ein architektonischer Riss durch die Stadt. Auf der einen Seite orientalische Basaratmosphäre, auf der anderen Wiener Gründerzeit. Die Gazi Husrev-Begova Gasse ist der Übergang. Bis hier brannte die Stadt 1879 in einem furchtbaren Feuer und das Trümmerfeld wurde in den folgenden Jahren von der Habsburgermonarchie mondän und erfolgreich aufgebaut. Am Ende der trennenden Straße war unser Treffpunkt mit Edin von Meet Bosnia für eine spannend informative Free Tour durch das ostwestliche Sarajevo. Sarajevo Meeting of Cultures. W/E Spin & Go.



Die Flanier- und Einkaufsstraße Ferhadji mit ihren in zarten Farben übermalten Stuckfassaden ist eine scheinbar andere Welt. Weniger Touristen, weniger Tand. Geschäfte für Bekleidung und Schuhe, großzügige Straßencafés und Restaurants, DM und der Fanshop des FK Sarajevos. Hinter Bäumen schimmert im Morgenlicht die Ferhadije Moschee als jüngste der fünf aus dem 16. Jahrhundert stammenden islamischen Kultstätten. 2007 stürzte die Kuppel ein und wurde seitdem restauriert. Die innere Ausstattung soll interessant sein doch blieb mir das Bauwerk verschlossen. Auf dem umgebenden grünen Friedhof stehen Grabstelen kriegerischer Janitscharen und Intellektueller.
Nach ein paar Schritten weitet sich die Straße zum Platz vor der neo-gotischen katholischen Herz-Jesu-Kathedrale aus dem Jahre 1889. Architekt war der in Wien ausgebildete Josip Vancaš und Josip Stadler der erste Erzbischof. Im Inneren zeigt sie eine entspannt freundliche Atmosphäre während vor dem Eingang seit 2022 eine Skulptur Papst Johannes Paul II. steht.



Plakate werben für das Museum der Verbrechen gegen die Menschlichkeit und des Genozids 1992 – 1995, die Erinnerung an die Toten der Massaker wird mit einer grün-weißen Gedenkblume wachgehalten. Rote Farbe in den Kratern der Straßen klagt die Tötung von Zivilisten an, nach fast 30 Jahren verblassen diese „Rosen von Sarajevo“.



Hinter der Kathedrale steht das ehemalige Hamam und der bunt überbordende Obst- und Gemüsemarkt.


Am nächsten Platz präsentiert sich die hellgelb sanierte Markthalle in Neorenaissance mit ihrem Tempelportal. Innen wird eine reichhaltige Auswahl von Fleisch, Wurst und Käse angeboten. Ich lerne das Milchprodukt Kaymak kennen und meine englische Seele liest begeistert, dass schon Reisende des 19. Jahrhunderts auf die Ähnlichkeit von Kaymak mit clotted cream verweisen.


Am Platz der Befreiung, Trg. Oslobodenja, sammelt ein älterer Herr der sichtlich nicht zur Straßenreinigungstruppe gehört morgens den Unrat der Nacht ein. Bänke und Büsten berühmter Schriftsteller umgeben den mittig nackt stehenden Multicultural Man. In der Ecke erhebt sich die 1869 erbaute rötliche neue serbisch-orthodoxe Kathedrale. Mein Besuch endet mit einem abrupten „you tourist, you go“.



In der nahen Zelenih beretki steht die mit einem Tarnnetz verhängte weißgetünchte Kunstgalerie von Bosnien und Herzegowina und zeigt neben lokaler Kunst eine Sammlung von Werken Ferdinand Hodlers. Ihr prachtvolles Haus wurde von Josip Vancaš 1912 für Familie Salom gebaut.



Dort wo die Ferhadija in die Maršala Tita mündet brennt die Ewige Flamme zur Erinnerung an die Toten des 2. Weltkrieges. Gegenüber hat das Iranische Kulturzentrum sein Büro. An der Maršala Tita steht die pompöse Nationalbank von 1931 und das mit Skulpturen geschmückte Salomova Palata in dem die Buchhandlung Svjetlost auch einige fremdsprachige Bücher verkauft. Das Hippy Klupa Café mit seinen giftgrünen Stühlen ist ein guter Ort für eine Pause unter Kastanienbäumen. Unweit erinnert ein gläsernes Denkmal an 1300 die Belagerung Sarajevos nicht überlebende Kinder. Der großzügige Präsidentenpalast wurde von Josip Vancaš im Stil der Florentiner Renaissance errichtet und 1886 fertiggestellt. Er steht in einem kleinen Garten und war mehrfach Ziel politischer Demonstrationen sowie aggressiver Attacken. An der großen Kreuzung erhebt sich vor einem schmuck bebauten Jugendstilviertel die formvollendete im 16. Jahrhundert gestiftete Ali Pasha Moschee. So stehen am Anfang und Ende unseres Weges die Minarette aus der Bauzeit des osmanischen Sarajevos und umklammern die Altstadt.



„Egal um welche Tageszeit, egal von welcher Erhebung man einen Blick auf Sarajevo wirft, man denkt unbeabsichtigt das Gleiche. Es ist eine Stadt. Eine Stadt, die verfällt und stirbt und zugleich neu geboren wird und sich verwandelt.“
Nobelpreisträger Ivo Andrić
3. Entlang der Miljacka durch Sarajevo
Unser Weg entlang der Miljacka beginnt am 1891 im Mudejar-Stil errichteten ehemaligen Rathaus Vijećnica. Am Eingang verbietet ein Schild das Mitführen von Waffen.


In diesem imposanten Gebäude machten Erzherzog Franz Ferdinand und Sophie nach dem ersten Attentatsversuch eine Pause. Den zweiten Angriff wenige Augenblicke später überlebten sie nicht. Am 25.08.1992 brannte das damals als Nationalbibliothek genutzte Gebäude nieder. Tagelang flogen verkohlte Druckseiten durch Sarajevo. Das mit europäischen Geldern restaurierte Rathaus nahm am 09.05.2014 den Betrieb wieder auf. Neben der architektonisch beeindruckenden Halle zeigen zwei Ausstellungen wichtige Momente der Geschichte. In einer Vitrine wird das vom erzherzoglichen Paar genutzte Fahrzeug der „Wiener Automobilfabrik AG“ als Minimodell gezeigt. Eine bedrückend lehrreiche Ausstellung erläutert in den Seitenräumen die Ereignisse des Bosnienkrieges und das Tribunal in Den Haag. Eine Empfehlung.


Auf der anderen Uferseite des kanalisierten Flusses steht das ein Restaurant beherbergende Inat kuća, das Haus des Trotzes. Sein Eigentümer soll sich so lange dem Abriß zugunsten des Rathausneubaus widersetzt haben bis er einen neuen Bauplatz für seine Immobilie und einen Sack Gold bekam.
Die dahinterliegende Hadžijska oder Vekil Harčova Moschee aus dem 16. Jahrhundert war einst Startpunkt aller Pilgerreisen aus Sarajevo nach Mekka. Ihr alter Friedhof bietet ein malerisch verträumtes Bild.
Flußabwärts führt kurz vor der Kaisermoschee ein Abstecher auf der Konak Straße zu einer hohen Gartenmauer. Dahinter ist zwischen hohen Bäumen die ehemalige Residenz osmanischer Gouverneure erkennbar. Der erste Saray an dieser Stelle gab der Stadt ihren Namen. Ein paar Schritte bergauf dehnt sich der große Komplex des um 1900 anstelle von Vorgängerbauten errichteten Franziskanerklosters mit roter Kirche des Heiligen Antonius aus. Nebenan liegt die „Aktienbrauerei Sarajevo„, gegründet 1864. Zur Kaiserzeit brachten Tschechen gehobenen Braustandard nach Sarajevo und erlebten boomenden Absatz des Sarajevsko pivo. Mit der jugoslawischen Verstaatlichung brach das Geschäft massiv ein. Während der Belagerung Sarajevos im Bosnienkrieg war die Wasserquelle der Brauerei einzige Trinkwasserversorgung für ausharrende Städter. Während sie mit Kanistern warteten – wurden sie von Scharfschützen niedergeschossen. Heute produziert die Brauerei wieder Bier und entsprechend der Marktanforderungen auch alkoholfreie Getränke. Der Schankraum präsentiert sein wunderbar altmodisches Ambiente.
An einem Abend schlendern wir durch den Hof der Kaisermoschee Careva džamija. Einige Stühle des Cafés sind noch besetzt und still spirituelles Flair liegt über dem Ort. Die erste damals noch hölzerne Moschee wurde bereits 1462 erbaut und nach dem regierenden Sultan Mehmed II. benannt. Gut hundert Jahre später entstand unter dem berühmten Süleyman I. ein prachtvoller Neubau. Heute ist die Kaisermoschee Wirkungsstätte des Großmuftis von Bosnien und Herzegowina.


Nebenan erstreckt sich der Park At Mejdan um einen von ehemals vier Pavilions. Ein schöner Ort für eine Pause im Freien mit Blick über die Lateinische Brücke. Sie kennzeichnete einst das Katholische Viertel und ist die berühmteste Brücke der Stadt Sarajevo. An ihrem gegenüberliegenden Ende wurden am 28. Juni 1914 der habsburgische Thronfolger und seine Frau vom Serben Gavrilo Princip erschossen. Der erzherzogliche ortsunkundige Chauffeur hatte sich auf seinem Weg verfahren, hielt an, setzte zurück und gab mit diesem Moment dem Todesschützen die Chance. An der Straßenecke des Geschehens sind Fußabdrücke des Mörders und die exakte Position der Autoreifen im Asphalt markiert.
Unser Weg am Ufer der Miljacka führt vorbei an der Synagoge der Aschkenasim. Seit dem 19. Jahrhundert wanderten osteuropäische Juden auf der Flucht vor Pogromen nach Sarajevo aus. Karel Pařík entwarf den proto-maurischen Stil der1902 fertiggestellten drittgrößte Synagoge Europas.
Die Geschichte Sarajevos
Die Einwohner von Sarajevo schauen an diesem west-östlichen Schnittpunkt auf eine turbulente, manchmal tragische Geschichte von Migration und Vertreibung, Gegeneinander und Miteinander zurück. Seit der Steinzeit besiedelt, viel später Teil des Römischen Reiches. Ab dem 7. Jahrhundert wanderten kämpferische Slawen ein und im 10. Jahrhundert hält eine Urkunde des byzantinischen Kaisers erstmals die Landesbezeichnung „Bosnien“ fest. Im 15. Jahrhundert kamen die nach Norden vordringenden Osmanen. Der erste osmanische Herrscher von Bosnien und Herzegowina Isa-Beg Isaković ließ einen Saray errichten und machte den Ort des Palastes zum Zentrum des Landes. Sarajevo. Die multiethnische und multireligiöse Handelsstadt an der Balkanroute florierte. 1550 gründeten sephardische Flüchtlingen aus Spanien die erste Jüdische Gemeinde. Gleichzeitig bestimmten militärische Konflikte der Osmanen und europäischer Mächte jahrhundertelang das Geschehen zwischen Istanbul, Lemberg/Lviv und Wien. 1697 schlug Prinz Eugen von Savoyen die Osmanen zurück. Anschließend ließ er die Stadt Sarajevo niederbrennen. „Man hat die Stadt völlig niedergebrannt und auch die ganze Umgebung.“ Journal de la marche en Bosnie. Tagebuch Prinz Eugen von Savoyen, Oktober 1697. Am folgenden Tag begann der Rückmarsch nach Wien. So endete die Blütezeit der Sarajevos. 1878 kam Bosnien nach über 400 Jahren osmanischer Herrschaft auf Beschluss des Berliner Kongresses zur Habsburgermonarchie und bosnische Muslime verloren ihren privilegierten Status.
Am 28. Juni 1914 wurden im Herzen der Stadt Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este und seine Frau Sophie erschossen. Gavrilo Princip, Mitglied der nationalistischen serbischen Mlada Bosna/ Junges Bosnien, ermordete beide. Vier Wochen später begann der 1. Weltkrieg.
1918 entstand das „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ und nach dem Putsch König Alexander I. 1929 das Königreich Jugoslawien.
Ab 1941 war Sarajevo Teil des faschistischen Ustascha Staates (Unabhängiger Staat Kroatien) und die deutsche Wehrmacht marschierte ein. Von 80 000 Einwohner waren 34% Muslime, 29 % katholische Kroaten, 25 % orthodoxe Serben und 10 % Juden. Bombardierung durch die deutsche Luftwaffe, die US Air Force und britische Kampfbomber folgten. Von den 8000 bis 12.000 Juden überlebten nur etwa 1500 den Terror der Nazis.
1945 wurde Sarajevo durch die Partisanen unter Tito befreit und Teil der Föderativen Republik Jugoslawien.
Mit dem Zerfall Jugoslawiens begann am 6. April 1992 der Bürgerkrieg um serbische oder bosnische Dominanz. Fast vier Jahre lang kesselten Serben die Stadt Sarajevo ein, etwa 14 000 Menschen starben. Über 250.000 Bewohner flüchteten, die meisten kehrten nie wieder zurück. 1995 wurde im Abkommen von Dayton ein bis heute gültiger Friedensplan ausgehandelt.


Auf der anderen Seite der Miljacka stehen die prunkvoll gründerzeitliche Post, das aufwendige Nationaltheater, einige Universitätsgebäude in Stuckfassaden und das Bosnische Kulturzentrum in der ehemaligen von den Nazis geschändeten Großen Synagoge. Gegenüber der modern gestalteten Brücke Festina lente nutzt die besucherabweisende Akademie der Künste das ebenfalls vom prägenden Vielbaumeister Karel Pařík 1899 hinter einer eindrucksvollen Fassade errichtete Gebäude der damaligen evangelischen Kirche. Hier in der Nähe wohnte ich während meines Sarajevo Aufenthaltes in einer schönen Ferienwohnung und trieb damit die Mietpreise in die Höhe.


ehemalige Evangelische Kirche

Dort wo sich das Tal weitet und die Altstadt sichtbar endet beginnt der Brutalismus. Skenderija ist der heute teilweise genutzte Olympische Komplex zwischen Mehrzweckhalle, Kunstmuseum und lost place.
Wir beginnen den Aufstieg zum Jüdischen Friedhof durch die sich den Hang hinaufziehenden Wohnviertel mit ihren Obstgärten und schmucken Einfamilienhäusern. Schließlich steigen wir etwas verstohlen und ungelenk über eine Treppe und eine zusammengebrochene Mauer nur um zu sehen, dass der Zugang zum Friedhof über die Straße Put Mladih Muslimana ganz einfach ist. Der Jüdische Friedhof wurde spätestens 1630 erstmals belegt, die alten Gräber sind in hebräischen Buchstaben auf Ladino markiert, die neueren nennen mit lateinischen Buchstaben vielfach deutsche Namen. Bis zum Holocaust. Während des Bosnienkrieges geriet der Friedhof zwischen die Fronten und es scheint, als seien vandalisierend bewußt Namen und Bilder auf den Grabsteinen zerstört worden.


Gedankenvoll gehen wir hinunter zur Miljacka über die Vrbanja Brücke. Im Krieg war sie Niemandsland umgeben von hohen Gebäuden in denen Scharfschützen stationiert waren. 1995 kam es zu einem verlustreichen Gefecht zwischen französischen UN-Truppen und der Armee der Republika Srpska. Unweit steht das neue Parlamentsgebäude für 42 Abgeordneten eines extrem aufgefächerten Parteiensystems. 28 Abgeordnete aus der Föderation Bosnien und Herzegowina und 14 aus der Republika Srpska.


Gegenüber des Einkaufszentrums verschwindet die Josefskirche aus den 1930er Jahren vor spiegelnden Hochhausglasfassaden. In der Nähe steht das auffällig gelb gestrichene Hotel Holiday. Für die Olympischen Spiele als Holiday Inn errichtet wurde es schnell „the place to be“ und vorübergehend das Zuhause der Karadžić-Familie. Während des Bosnienkrieges quartierten sich internationale Journalisten ein und berichteten über die hier beginnende „Snyper Alley“. Hier gab es auch in düstersten Belagerungszeiten Strom, Licht, Nahrungsmittel.
In der Nähe birgt das Nationalmuseum neben zahllosen anderen Schätzen das wichtigste Kulturgut Bosnien und Herzegowinas. Die Sarajevo Haggadah ist eine nur jeweils für eine Stunde zu sehende um 1350 wahrscheinlich in Barcelona geschriebene Handlungsanweisung für den Seder zum Beginn des jüdischen Pessach-Festes und gehört zum Welterbe der UNESCO. Die Maršala Tita führt zurück ins alte Zentrum.



Sarajevo ist eine unaufgeregte schöne Fragile.
Eine Muslima mit verhüllten Haaren im langen Gewand küsst auf der Straße innig den Hippie-Vater ihres Kindes. Die Entitäten Bosnien und Herzegowinas stellen Reisepässe nach Religionszugehörigkeit aus und doppelte Staatsbürgerschaften etwa mit Kroatien oder Serbien verschaffen ihren Besitzern Privilegien. Allgegenwärtige Korruption schränkt demokratische und wirtschaftliche Entwicklungen ein. Die Geschichte Sarajevos ist ein Wechselspiel von Trennung und Interaktion. Resignation und Bitterkeit sind deutlich spürbar, die Hoffnung vieler Bosnier ist ein Beitritt zu NATO und EU. Beziehungsstatus: sehr kompliziert. Mein kluger Gesprächspartner Kenan mahnt an die Bildung des Intellekts und des Herzens angesichts der Herausforderungen.
4. Nicht verpassen in Sarajevo
Drei Empfehlungen für den Stadtrand:
+ Die alte olympische Bobbahn am Hang des 1627 m hohen Trebević ist heute ein lost place in landschaftlich sehr schöner bewaldeter Umgebung. Mit der Gondelbahn für 20 KM Hin- und Rückfahrt zu einem schönen Ausblick über Sarajevo.
+ Von 1993 bis zum Kriegsende diente ein aufwendig gegrabener Fluchttunnel unter dem damals von der UNO kontrollierten Flughafen als Ausweg und zur Versorgung der belagerten Stadt. Für die Bosnier in Sarajevo war er von entscheidender Bedeutung. Die ersten Meter des engen, bedrückenden Tunnels werden rekonstruiert inklusive einer kleinen Ausstellung für 15 KM gezeigt. Der Tunnel ist ein Besichtigungspunkt bei „Fall of Yugoslavia“ Touren.
+ Ein Aufstieg zur Eintritt freien Gelben Festung durch die Kovači – Gasse mit ihren Teehäusern ist zum Sonnenuntergang ein stimmungsvoller entspannter Tagesabschluß. Tipp: Getränke und Essen mitnehmen. Der Blick für Fotografen ist zum Sonnenaufgang sicher schöner. Am Hang stehen die unzähligen Grabmale der Toten des Bosnienkrieges auf dem Kovači Friedhof der Märtyrer.
5. Tipps für eine Reise nach Sarajevo:
Was: Städtereise nach Sarajevo in Bosnien und Herzegowina
Einreise: Reisepass notwendig, kein Visum
Währung: Die „Konvertibilna Marka“ KM ist im Verhältnis 2 : 1 in festem Kurs an den Euro gekoppelt. Tauschen in Wechselstuben am Flughafen oder der Innenstadt.
Sim Card: Roaming Gebühren. Daher empfiehlt sich der Kauf einer lokalen Sim Card in einem der zahlreichen Telefonläden.
ÖPNV: Straßenbahnen und Busse für ca. 2 KM, Tickets beim Fahrer oder im Kiosk
Öffnungszeiten & Vergünstigungen: Auf der Interaktiven Seite von www.visitsarajevo.ba/interactive-map/ sind genaue Angaben zu allen Museen und Sehenswürdigkeiten, interessanten Shops und Restaurants angegeben.
Achtung: Die Haggadah im Nationalmuseum nur Di, Do und an jedem ersten Samstag im Monat von 12 – 13 Uhr. An Feiertagen geschlossen.
*Das Zitat in der Einleitung stammt von Orhan Pamuk
♥️ Unser Lieblingsplatz: Obgleich touristisch: das Basarviertel Baščaršija. Der Jüdische Friedhof. Die schönen Gründerzeitlichen Fassaden.
Das waren die Reisefrequenzen, heute auf Stadterkundung in Sarajevo, der Hauptstadt Bosnien und Herzegowinas.
Mit Dank an meine Bloggerkollegin Elke, die auf „Kekse und Koffer“ einen informativen Text zu schönen Ausflügen in der Umgebung von Sarajevo geschrieben hat.
Offenlegung: Ich wurde zur Tour „Fall of Yugoslavia“ von Meet Bosnia eingeladen und danke für eine sehr engagierte, informative Führung. Den Eintritt ins Museum „Sarajevo-Tunnel“ habe ich selbst finanziert. Meine Meinungen und Empfehlungen bleiben wie immer unabhängig.
Liebe Marike,
das ist ein ganz toller Sarajevo-Artikel geworden! Bei mir wird’s noch ein bisschen dauern, bis ich meine Eindrücke gesammelt habe. Ich kann’s ganz sicher nicht besser machen! Es waren auf jeden Fall wunderbare Tage mit dir in Sarajevo 😊.
Liebe Grüße
Elke
Liebe Elke,
es waren wunderbare Tage! Lieben Dank für Deinen netten Kommentar. Bin gespannt!
Liebe Grüße
Marike