Ziesar. Die Bischofsresidenz in der Burg, ein Wanderweg durch die Wiese und eine romanische Kirche.

Hallo! Hier sind die Reisefrequenzen. Heute sind wir unterwegs und nehmen Euch mit nach Ziesar. Ziesar ist ein kleines Städtchen zwischen Brandenburg und Magdeburg, das auch durch die Aussprache seines Ortsnamens auf sich aufmerksam macht. Ziesar.

Das I und das E in der Mitte sind nicht vereint sondern getrennt in zwei Silben. Der Hiatus, die Kluft zwischen den Vokalen, bleibt in Erinnerung.
Blühende Rapsfelder, leichte Bodenwellen, der unspektakuläre Rand des nördlichen Flämings. Endlich sind wir hier. Ziesar liegt im Westen Brandenburgs kurz vor der Landesgrenze Sachsen-Anhalts. Eine Kopfsteinpflasterstraße führt unter hohen Alleebäumen in den Ort, der Kobser Bach fließt fast stehend durch die Gemeinde, mittelalterliche Türme ragen über den Wiesen hoch aus dem Stadtbild. 
Einst lag hier eine slawische Siedlung mit dem Namen Za jezero, „hinter dem See“. Die jetzige Stadtanlage folgt einem Schachbrett-Stadtplan und ist mit dieser Struktur eine Gründung germanisch-westlicher Siedler. 948 wird Ziesar in einer Urkunde als Civitas Ezeri erwähnt und von Otto I. dem Brandenburger Bischof geschenkt. Fast 40 Jahre später wird Ziesar von Slawen zurückerobert und bleibt 200 Jahre in ihrer Hand, die christlichen Bischöfe begeben sich ins Magdeburger Exil. Im 12. Jahrhundert gelingt Albrecht dem Bären mit seinen Truppen der Sieg in diesem Konflikt. Bis 1571 gehört Ziesar zum Hochstift Brandenburg. Von 1327 bis 1560 ist Ziesar eine Residenzstadt der dortigen Bischöfe. Mittelalterliche Blütezeit.
Die Bischöfe kannten die strategisch und verkehrspolitisch günstige Lage an der alten Heerstraße von Berlin nach Magdeburg. Deren Verlauf übernahmen in den 1930er Jahren die Bauherren der A2

Ziesar. Die Bischofsresidenz in der Burg, ein Wanderweg durch die Wiese und eine romanische Kirche.

Die Bischofsburg in Ziesar

Unser erstes Ziel ist die ehemalige Bischofsresidenz. Sie wurde als Niederungsburg in die feuchten Wiesen gebaut und ist mit ihrem Bergfried, Palast und Nebengebäuden aus Feld- und Backsteinen eine typische Anlage des 13. und 14. Jahrhunderts. 
Auf dem großen Parkplatz vor der backsteinroten Burg steht ein Reisebus und die munteren, grauhaarigen Gäste verspeisen stehend oder sitzend die vom Busfahrer heiß gemachten Würstchen. Während wir jetzt noch ein wenig die Nase rümpfen werden wir uns später nach diesem wohlwissend besorgten Proviant sehnen. 

Am Eingang grüßen wir einen steinernen armlosen Ritter und beginnen die Burg zu erkunden. Die nach Restaurierung und Wiederaufbau piekfeinen Bauten der wehrhaften, von einer Mauer umgebenen Anlage stehen im Oval um den weiten Burghof. Das gotische Gebäude mit dem auffälligsten filigranen Fassadenschmuck ist die Burgkapelle. Auftraggeber Bischof Dietrich IV., geweiht 1470 auf den Namen St. Peter und Paul, Baumeister unbekannt. Wahrscheinlich auch in Werben und Tangermünde tätig. Die zierlichen Schmuckelemente an ihrer Mauern erinnern mich an einen orientalischen Schleier, an ein andalusisches Formenspiel. So fein und dekorativ sind sie aus Ton gearbeitet.

Daneben steht der Palast, den Bischof Dietrich von Stechow aufwendig und teuer umbauen ließ. In Kürze werden wir eintreten.
Der Wermutstropfen ist die um den hohen Bergfried gewickelte grauweiße Folie. Unter ihr werden aktuell die Spuren der Zeit geheilt. Bis zum Sommer 2022 soll er wieder strahlend schön sein.
Davor liegt knapp über dem Hofpflaster ein Einbaum. Das Original dieses Nachbaus wurde im „Alten See“ gefunden und vor über tausend Jahren aus dem Baumstamm gehauen. Heute liegt es im Archäologischen Museum Brandenburg.

An der Kasse sitzen zwei Damen und kassieren den Eintritt der Besucher. Ansprechend gestaltete informative Flyer über die Burg, die Stadt und die Umgebung liegen bereit. Wir gehen hinein und schauen uns in den gediegen, edel restaurierten ehemaligen Bischofsgemächern um. Von der einst prunkvollen Innenausstattung ist nichts verblieben. Doch die Restaurierung zeigt jede kleine Spur vergangener Zeiten, jeden Wandaufriss, den Einblick ins Fachwerk und die imponierenden azuritfarbenen Reste einer einst imposanten und teuren farbigen Fassung der Wände. Zunächst spazieren wir über die mittelalterliche Fußbodenheizung. Kräftige Backsteingewölbe bilden ein märkisches Hypokaustensystem. Wie bei den Römern wurde viel heiße Luft unter die Fußböden geblasen um so die bischöflichen Räume zu erwärmen. In dieser nördlichen Heizungsvariante lag zwischen Hypokausten und Fußboden noch eine Schicht Findlinge aus Granit. Stein speichert Wärme.
Die ehemalige Bischofsresidenz wurde im 18. Jahrhundert zum barocken Amtshaus umgebaut. Schon an der Aussenfassade sind diese Umbauten sichtbar. Jetzt wird hier die Ausstellung „Wege in die Himmelsstadt. Bischof – Glaube – Herrschaft (800 bis 1550)“ des Museums für brandenburgische Kirchen- und Kulturgeschichte des Mittelalters präsentiert. Es ist eine Ausstellung auf zwei Wegen. Der eine zeigt die Nutzung der Burganlage in Ziesar durch die Zeiten, der andere die Geschichte der Christianisierung im Raum Brandenburg bis zur Reformation. Beide Pfade führen in der Licht-Klang-Installation des Jerusalemsaals unter dem 1995 freigelegten Wandgemälde des Himmlischen Jerusalems zusammen.
Die Ausstellung ist eine Leseausstellung. Gut aufbereitet, Sitzplätze zur entspannten intensiven Lektüre, informativ. Ich lerne die Reisewege Bischofs Dietrich von Stechows kennen und erfahre die Namen der vor der Christianisierung bestehenden slawischen Heiligtümer. Der Aufruf Bernhard von Clairvaux zum Wendenkreuzzug erschüttert mich in diesen Zeiten des Krieges. Die Wahl Ziesars als eine bischöfliche Residenz wird nachvollziehbar. Hörstationen präsentieren Lieder des Mittelalters und der Reformation. Die “Wege in die Himmelsstadt“ zeigen wenig Exponate und viele Zusammenhänge.

Die Burgkapelle

Nach dem Besuch des Museums nimmt eine der beiden Kassendamen den großen alten Schlüssel und geht mit uns über den gepflasterten Hof zur Kapelle. Die Tür in der reich verzierten Fassade öffnet sich. Innen füllt ein Riesengerüst den Raum. Noch bis kurz vor Pfingsten 2022 müssen Teile am Gewölbe repariert werden. Doch die Schönheit des hochgezogenen Sakralraumes bleibt erkennbar. Grünmonochrome Rankenmalereien füllen die Kirche. In drei nördliche Joche wurden übergroße Szenen gemalt. Die Mondsichelmadonna, die Wurzel Jesse und ein weiterer ungeklärter Stammbaum. Vielleicht die Familiengeschichte der Maria. Abgeschlossen werden die Szenen durch eine Vorhangmalerei, die wir schon aus den Kemnaten der Burg kennen. Die um 1500, spätestens 1540, in einer zweiten Malphase entstandenen Malereien sind eine prachtvolle Aufführung kurz vor der Reformation.
Weil die Ende des 17. Jahrhunderts einziehenden Calvinisten die Farbigkeit im Sinne ihrer Religion übertünchten blieb sie erhalten. 1819 wurde die Burg verkauft, 1829 die verfallene Vorburg bis auf den Storchenturm – auf dem tatsächlich ein Weißstorch brütet – abgerissen und die Calvinisten zum Auszug gezwungen. 1917, im Ersten Weltkrieg, kaufte der Geheime Kriegsrat Paul Schneider die Burg Ziesar und betrieb bis zur Enteignung 1945 hier ein landwirtschaftliches Gut.
In der Mauer neben der Kirche steht in einer Nische die Skulptur der Madonna. Die Kassendame mit dem Schlüssel und dem Verweis, das vor 1989 alles viel besser war, erzählt uns ihre Geschichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Burg zur Flüchtlingsunterkunft. Viele der aus dem Osten und Süden Geflüchteten waren katholisch und im lutherischen Brandenburg kaum willkommen. Ein Priester rettete aus seiner Heimat die kleine Marienfigur. Jetzt steht sie allen Wettern ausgesetzt als Erinnerungsstück zwischen den Feldsteinen der Burgmauer und birgt ihre Geschichte in sich.
Seit 1952 ist die Peter und Paul Kirche auf der Burg von Ziesar wieder katholisch. So wie sie es am Anfang war. Die weiteren Gebäude der Bischofsresidenz wurden Schule, Internat, Lagerraum. Zur Wende stand die Anlage wegen mangelnder Erhaltung und Fürsorge kurz vor dem Abriß. Durch Investitionen von mehr als 5 Millionen Euro strahlt sie jetzt in seit sehr langer Zeit nicht gekanntem Glanz und wird als Kapelle, Museum und Verwaltung des Amtes Ziesar genutzt.

Der Spaziergang zum “ Alten See“

Es ist ein heißer, fast schon ein Sommertag. Trotzdem locken uns die Wiesen der Umgebung. An der Kasse des Museums haben wir den Flyer mit Wanderungen und Spaziergängen rund um Ziesar entdeckt und wählen die einstündige Wandertour mit der Kennnummer 51.
Sie führt um den ehemaligen seit dem 19. Jahrhundert trockengelegten See und zu der Stelle, an der einst der Einbaum schwamm. Der Weg ist liebevoll angelegt, sehr gut ausgeschildert, mit erklärenden Tafeln bebildert und es gibt sogar schön und abwechslungsreich angelegte Picknickplätze. Zwischen Weiden, Kiefern und alten Eichen wachsen auf dem trockenen Grund des “Alten Sees“ Orchideen und Schachbrettblumen. Ein Reh springt über die Wiese. Alles grünt im frischen Frühling. Kurz vor dem Ende des Weges 51 am ehemaligen Hof Bardeleben in Ziesar stehen die Gallowayrinder auf der Weide und schnuppern am Flieder.
Der einzige Nachteil ist seit 1936 die nahe A2.

Die romanische Kirche St. Crucis

Wir sind dilettantisch ohne Snack und Getränke losgelaufen und erinnern uns sehnsüchtig der auf dem Parkplatz speisenden Busreisenden. Doch dann sind wir typisch die Reisefrequenzen und lassen uns trotz Hunger und Durst auf unserer Suche nach Einkehr von der Schönheit der Kirche St. Crucis ablenken. Vor der Kirche liegt ein romantischer Hof der einst zu einem Kloster gehörte. Seit 1210 lebten hier Franziskaner und später Zisterzienserinnen. Inzwischen ist das Kloster verschwunden doch die ruhige Atmosphäre immer noch da. Das gelbe Haus nebenan gehörte zur Stiftung des Generals von Anhalt, die sich um ein besseres Schulwesen kümmerte.
Dahinter steht die beeindruckend große spätromanische Kirche aus Feldsteinen. Ihr monumentales Westwerk überragt die kleine Stadt Ziesar. Wahrscheinlich haben die Laien der Mönche des Prämonstratenser-Ordens sie zwischen 1200 und 1240 errichtet. Um 1400 wurde an den Chorabschluß eine niedrige Chorapsis aus Backstein gebaut. Beim Rundgang um die Kirche entdecken wir Spuren von Zerstörung und Wiederaufbau im Granitdesign.

Während der kommenden Jahrhunderte wurde die Kirche im Inneren drastisch verändert. Um 1870 zog mit Hilfe Anton von Werners eine Mischung aus Klassizismus und Neoromanik ein und Ziesarer Bürger stifteten drei neue Bleiglasfenster.

An der Orgel des Magdeburger Orgelbaumeisters Carl Friedrich Wilhem Böttcher probt der Radelnde Organist für ein Konzert und lässt die Klänge durch den Kirchraum hallen.
Alles Wissenswerte ist über die in den Kirchenbänken angebrachten QR Codes zu erfahren. Es gibt Informationen für Kinder und für Erwachsene und die kleine Ausstellung über die Geschichte des Klosters inklusive zweier Puppen in Ordenstracht erweitert die Kenntnis. Ein Herr führt uns mit seinem charmanten Lachen durch die Kirche. Er zeigt uns die Tafel mit den Namen derjenigen, die 1863 nach den Befreiungskriegen noch überlebten. Und die Grabplatte der Brüder Tilo und Ghereke Kothe, gestorben im 14. Jahrhundert.
Unser Herz füllt sich mit Orgelklängen doch der Magen fühlt wieder Hunger.

Die Stadt Ziesar

Drei geschlossene Gasthäuser, eine offene Bäckerei mit gutem hausgemachten Kuchen und ein Döner Imbiß, in dem 0,5 Liter Wasser 2 Euro kosten. Dafür kommt es direkt aus der Türkei.
Die Bank an der Bushaltestelle neben dem scheinbar wenig geliebten Denkmal von Karl Marx wählen wir als unseren Picknickplatz. Bis wir realisieren, dass wir den Treffpunkt der Jugend von Ziesar blockieren. Sie quetschen sich auf die andere Bank, grüßen höflich, verziehen sich zum Rauchen um uns nicht einqualmen und damit wir nicht so genau hinschauen. Sie sammeln unsere verlorenen Pappdeckel ein und fragen schließlich freundlich nach einem Euro für ein Softgeteänk.

Im Pflaster des Bürgersteigs sind alte Handwerkszeichen eingelassen. Wie lebendig muss einst die jetzt schlafende Stadt gewesen sein. Wir entdecken das für Friedrich II. errichtete Gebäude in dem er nie wohnte und die Feuerwehr von 1912 in der Otto-Altenkirch-Straße. Otto Altenkirch wurde in dieser Straße geboren und zog später nach Sachsen. Er war ein spätimpressionistischer Maler, dessen Werke auch 1940, 41 und 43 auf großen Ausstellungen hingen. Sein malerisches Verständnis, seine Begeisterung für die Freilichtmalerei und sein achtsamer Blick auf Ziesar werden in der Ausstellung Otto Altenkirch: Erlebnis Landschaft. Ziesar-Dresden-Siebenlehn in der Burg gezeigt.
Ziesar lohnt jeden Ausflug oder einfach den Stop an der Autobahn A2. Die kleine Stadt hat ihre Highlights sorgsam und liebevoll aufbereitet.

Das waren die Reisefrequenzen. Heute unterwegs in Ziesar. Unterwegs in der ehemaligen Bischofsresidenz, dem Wanderweg, der romanischen Kirche und der Stadt. Nah ist‘s auch schön.

Infos zum Besuch in Ziesar:
Was: Besichtigung der Burg in Ziesar und ein Rundgang um die Stadt
Wo: Ziesar
Infos zum Besuch und Öffnungszeiten des Burgmuseums: 1. März – 1.Dezember Di – So 10-16 Uhr, Mai bis September 10 – 17 Uhr. Im Winter geschlossen. http://www.burg-ziesar.de/de/index.php?uid=261
Infos zum Besuch der Kirche St. Crucis: Di – So 10 – 16 Uhr https://www.ekmd.de/kirche/kirchenkreise/elbe-flaeming/wollin/ziesar/st-crucis-kirche-ziesar/
Spazierwege: https://www.wandern-im-flaeming.de/wanderregion/burg-ziesar/wandern-rund-um-burg-ziesar.html
♥️ Unser Lieblingsort: In der Kapelle der Burg. Auf den Wiesen des Spazierweges.

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