Szczecin/Stettin. Ein Stadtrundgang und der zweite Blick.

Hallo! Hier sind die Reisefrequenzen. Heute unterwegs in Szczecin/Stettin. Die polnische Stadt liegt an der Oder, kurz vor der Flussmündung in den Dammschen See und gehört zur Woiwodschaft Westpommern. Wie immer nehmen wir Euch mit.

Mit dem Zug reisen wir aus Berlin nach Stettin und zuckeln auf einer der ältesten Bahnstrecken Deutschlands. Ab 1842 wurde die Stettiner Bahn in Betrieb genommen, Startpunkt war damals der Stettiner Bahnhof in Berlin. Bei Kilometer 119,6 passieren wir die deutsch-polnische Grenze. Kurze Zeit später passieren wir die ersten Stettiner Viertel aus Siedlungshäusern und Plattenbauten und kommen direkt an der Westoder an. Auf dem historischen Bahnsteig eins, auf dem wieder die alten Sitzbänke stehen, rollt der rote Zug der DB ein. 
Wir verlassen das neue Empfangsgebäude, vor dem Bahnhofsrestaurant stehen Liegestühle. Gegenüber liegt eine der zahlreichen Stettiner Flussinseln, die Teile des Oderdeltas sind. Auf der Insel stehen backsteinerne Industriegebäude des 19. Jahrhunderts, teils genutzt, teils längst verlassen. Stettin war einst der „Berliner Hafen“ und bleibt eine wichtige Industrie- und Hafenstadt. Die Meeresbrise weht vom Stettiner Haff, obgleich es bis zur Ostsee noch 60 km Luftlinie sind. Aber das Delta, der Dammsche See und das Haff sind die Brücke für den Geruch und Geschmack vom Meer.

Szczecin/Stettin. Ein Stadtrundgang und der zweite Blick.
Rynek Sienny/Heumarkt

Nach wenigen Augenblicken begreife ich, diese Stadt ist zerrissen. Und nicht landläufig schön. Sie ist anders. Sie braucht den zweiten Blick des Betrachters. Sie lebt mir der zerstörerischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. 
Was ich nach diesen ersten Momenten noch nicht weiß – es lohnt sich viel länger in Stettin zu bleiben, als wir geplant haben.

1. Der rote Faden

Mit Zlotys im Portemonnaie und mangelnden Polnischkenntnissen gehen wir los und beginnen den Rundgang. Unser Weg durch die Stadt folgt dem roten Strich und seinen erläuternden Punkten. Er ist unser roter Faden. Stettin ist sehr gut für Tagestouristen erschlossen, eine rot auf den Gehweg gemalte Linie bringt den Besucher vom Bahnhof zu allen Sehenswürdigkeiten und wieder zurück. Erklärende Tafeln auch auf deutsch und englisch beschreiben unterwegs die Gebäude und Blickpunkte. Wir folgen, mit einigen Abweichungen auf unbeschriebene Pfade, dem roten Faden auf etwa sieben Kilometerin durch den Kern der 400.000 Einwohner Stadt.

2. Die Post und das Seefahrtsamt/Neue Rathaus

An der ul. Dworcowa steht ein riesiges rotes Backsteingebäude, die alte preußische Hauptpost. Bis in jedes Detail ist es ein glanzvoller Bau im Stil der Neorenaissance. Im Hof, in dem jetzt die Zulieferfahrzeuge parken, wacht noch ein Pferdekopf über die ehemaligen Stallungen der Postpferde. Architekt war Carl Schwatlo, er hatte Erfahrung mit dem Postfuhramt in der Berliner Oranienburger Straße und dem ehemaligen Reichspostminiterium (Museum für Kommunikation). Ein Schild kündigt Renovierungsmaßnahmen mit Finanzierung der EU an.
Gegenüber thront das ehemalige Rote Rathaus von Stettin, nach Zerstörungen wurde es wie ursprünglich neogotisch wieder aufgebaut und beherbergt das Seefahrtsamt.
Auf dem ehemals Grüne Schanze genannten Platz dazwischen steht ein Brunnen, auf dem früher die überlebensgroße Sedina als Personifikation der Stadt Stettin stand. Ihr Kupferkörper wurde im Krieg eingeschmolzen. Jetzt ziert den Brunnen statt der Sedina ein Anker. Im doppelten Sinne symbolisch.

700 Jahre lang war Stettin eine deutsche Stadt. Am Ende des 2. Weltkrieges zu zweidritteln durch Bombenangriffe zerstört. Nach dem Vetrag von Jalta sollten die Gebiete westlich der Oder bei Deutschland verbleiben, doch die Stadt wurde zum sowjetischen Spielball. Am 5. Juli 1945 übergab die sowjetische Besatzung die preußisch geprägte Stadt der polnischen Verwaltung. Die verbliebene deutsche Bevölkerung wurde vertrieben und Polen, wiederum aus ihren Heimatstädten im Osten vetrieben, zogen in die zertrümmerte Stadt. Aus der seit der Reformation protestantischen Stadt wurde ein katholisches Bistum. Die von den Nazis vertriebene und ermorderte jüdische Gemeinde gibt es nicht mehr.
Lange blieb eine gefühlte und gefürchtete Unsicherheit, ob die Stadt bei Polen verbleibt. Stadtentwicklung und Identifikation verliefen zögerlich.
Der sozialistische Städtebau hat die Strukturen der ehemaligen Altstadt zerrissen. Breite Schneisen entstanden dort, wo früher die alte Bebauung war. Der Fluss wurde durch einen viel zu breiten Straßenzug von der Stadt abgeschnitten.
Inzwischen ist Stettin als siebtgrößte Stadt Polens mit einer jungen Bevölkerung auf dem Weg ins 21. Jahrhundert.

Ich bin überrascht, wie hügelig die Stadt ist. Auf altem Straßenpflaster gehen wir zur Oder hinunter. Unterwegs treffen wir einen jüdischen Bürger der neuen, sehr kleinen Stettiner Gemeinde. Wir plaudern über die bei Regen rutschigen Straßen, er zeigt uns die einzigen Reste der ehemaligen Stadtmauer und muss dann weiter zu seinem dienstlichen Termin in eines der älteren Gebäude.


Unsere kleine Gasse heißt Williama Turnera und erinnert daran, daß der berühmte englische Maler William Turner auch einmal hier war. Früher hieß eine breite Straße nach ihm, jetzt bleibt diese Gasse. Seine Stettiner Skizzen sind in der Londoner Tate Gallery.
In der Świętego Ducha Straße steht das älteste sakrale Baudenkmal der Stadt, die Johannes dem Evangelisten geweihte Kirche. Sie stammt aus dem 14. und 15. Jahrhundert und wurde einst von Franziskanern erbaut.
Gegenüber hat in der ehemaligen und sorgsam restaurierten Trafostation eines E-Werks das Zentrum für moderne Kunst seinen Platz.

Hinter der Kirche führt der Weg durch eine Feldblumensteppe auf eine Riesenkreuzung und eine der Oderbrücken zu. Sozialistische Stadtplanung. Sie erinnerte möglichst wenig an die Vorkriegsstadt und schuf breite, die Stadtstruktur zerschlagende Trassen für damals nur wenige Autos.

3. Die schöne Promenade an der Oder

Über die Kreuzung zur Oder. Dort ist alles ganz anders. Der neue Bulwar Piastowski ist eine den Seglern gewidmete Promenade direkt am Fluß, ein langer Holzsteg schafft zusätzlich maritime Atmosphäre. Es gibt Restaurants und Cafés, außerdem Bänke und Stufen zum Sitzen. Hier fahren auch Schiffstouren ab, doch heute ist auf dem Wasser nicht viel los. Unser Blick schweift auf das gegenüberliegende Ufer, dort dreht sich ein Riesenrad, neue Hallen entstehen zwischen der verfallenden Industriekulisse. Davor liegen die Lastkähne und Schubverbände wie faule Flußtiere. Nicht nur aber besonders am Abend ist es ein sehr schöner Platz.

Am Ende der schmucken Promenade dröhnt das Verkehrsrauschen der nächsten Kreuzung. Die Tragpfeiler der Hochstraßen sind Flächen für Street Art. Einer der Künstler schreibt „to much noise“. Yes. Früher stand hier das Katharinenkloster.
Wir kehren von Oder in die ehemalige Altstadt zurück, den Hügel hinauf. 

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4. Vom Heumarkt zum Schloß

Am Heumarkt/Rynek Sienny wurde das Altstädtische Rathaus, ursprünglich aus dem 15. Jahrhundert, in neuer Interpretation wieder aufgebaut und beherbergt das Museum für die Geschichte Stettins.

Szczecin/Stettin. Ein Stadtrundgang und der zweite Blick.
Detail des Altstädtischen Rathauses

An diesem rechteckigen Platz leuchten die beiden quietschbunten pseudobarocken Häuser, die, ebenfalls neu errichtet, ein Zitat der verlorenen Stettiner Altstadt sind. Einen altstädtischen Marktplatz wie in vielen anderen polnischen Städten gibt es in Stettin nicht. Zu unsicher glaubte man lange die politische Lage, erst der deutsch-polnische Grenzvertrag von 1990 legte endgültig den Grenzverlauf fest.
Jetzt sind die Häuser am Markt ein bonbonfarbenes Fotomotiv. Ich drehe mich um und sehe Platte, neu gestrichen. In den Restaurants und Cafés auf diesem unhomogenen Platz sitzen sehr entspannt die Stettiner, wie immer sorgfältiger gekleidet als wir auf der anderen Seite der Grenze es sind. Vielleicht lässt gerade die fehlende Fotogenität der Fassaden und der mangelnde Dauerstrom der Touristen diese selbstverständliche, gelassene Stimmung zu.

Linkerhand ragt der Turm der Kathedrale St. Jakobi zwischen den Häusern hervor. Nur ein paar Schritte entfernt steht der spätgotische Palast der Kaufmannsfamilie Loitz. Doch uns lockt zuerst das hellweiße Spitzenfassadenkleid des Schlosses der Pommerschen Herzöge.

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5. Das Schloss der Greifenherzöge

Das Stettiner Schloss wurde unter Bogislaw X. gebaut und unter Herzog Johann Friedrich aus der Dynastie der Greifen 1573 grundlegend umgestaltet. Der italienische Baumeister Antonio Wilhelmi verlieh ihm in den Grundzügen seine heutige Gestalt.

Szczecin/Stettin. Ein Stadtrundgang und der zweite Blick.

Die in der Sonne strahlenden Schmuckelemente der Fassade verführen zum Träumen. Der “Sommernachtstraum” von Felix Mendelssohn-Bartholdy wurde hier am 20. Februar 1827 uraufgeführt. Mitten im Winter.
Der Schlossbau wird für Ausstellungen genutzt. Die wunderschöne ehemalige Schlosskirche ist ein Konzertsaal. Im großen Innenhof probt ein Narr unter seiner Narrenkappe sein Spiel. Carpe Diem, “pflücke den Tag” steht auf einem Mosaik über dem Schlosshof und wir nehmen diesen Gedanken als Motto mit auf die weitere Stadterkundung.

Auf der anderen Seite des Schlosse stehen Bauten aus den 50er Jahren und ein ungenutzter herzoglicher Pferdestall. Alles, auch das unbewohnte Haus, wird videoüberwacht. Ich gehe durch die Straßen und denke darüber nach, ob all diese Kameras tatsächlich funktionieren und wer wohl Tag und Nacht die Bildschirme überwacht. Vielleicht liegt auch deshalb so wenig Müll auf den Straßen.
Neben dem Schloß ist ein kleines Lokal, das statt Sitzplätzen Hängematten anbietet. Wir widerstehen der Verlockung.
Eine Dame fragt mich nach dem Weg. Anscheinend strahle ich auch in mir fast neuen Städten Kompetenz aus. Sie schaut ungläubig auf mein schweigendes Schulterzucken.

6. Der Ausblick von der Hakenterrasse

Vom Stettiner Schloß gehen wir zur breiten Autoschneise unterhalb der Festung und über eine weitere Straßenkreuzung im Brutalo-Stil.

Szczecin/Stettin. Ein Stadtrundgang und der zweite Blick.

Auf der anderen Seite ist die berühmte Hakenterasse/Waly Chrobrego, benannt nach dem ideengebenden Oberbürgermeistern Hermann Haken. Sie wurde vor dem 1. Weltkrieg auf dem Gelände des ehemaligen Fort Leopolds direkt am Hang über der Oder gebaut. Eine Terrassenanlage für den Blick über den Fluß in die Weite. Für den Blick auf die einst noch geschäftigeren Hafenanlagen. Zum Flanieren, zum Plauschen und Essen, für das Polnische Nationale Seemuseum, den Verwaltungssitz der Woiwodschaft Westpommern und die Seefahrtsakademie. Ein Plateau, eine tiefergelegene Terrasse, breite Freitreppen und stilisierte Leuchttürme. Oben die drei Gebäude, von denen insbesondere das mittlere, heute Museum, durch seine Jugendstilelemente auffällt. Ich kann mich nicht sattsehen an den Details und Schmuckelementen dieser Anlage. In der Mitte steht die Skulptur des “Herkules im Kampf mit dem Kentauren”. So als könne einer Stadt, die einen solchen Helden hat, nichts geschehen. Inzwischen heißt die Hakenterasse in polnischer Selbstvergewisserung nach Boleslav I., einem Herrscher der Piasten aus dem 10. Jahrhundert.

Im Restaurant Columbus – welch Namenswahl für die Sehnsucht von der Oder in die Welt – bestellen wir Piroggen, gefüllte Teigtaschen. Mit Blick auf die träge fließende Oder genießen wir die polnische Nationalspeise. Unser gelungenes touristisches Zugeständnis.

7. Das Denkmal für den Dichter und Patriot Adam Mickiewicz

Stettin ist eine grüne Stadt, die Bebauung im Kern ist nirgends eng gequetscht, es gibt keine hohen Gebäude. Fast sieht sie aus wie ein zu großes Hemd in dem noch viel Platz ist.
Vor uns erhebt sich auf unserer Stadttour das monumentale Denkmal für Adam Mickiewicz. Er war romantischer Dichter und Patriot in einer Zeit, als Polen als Nationalstaat nicht existierte. Mit kantigem Blick, wuchtig, unnahbar steht der Romantiker seit 1960 auf einem Sockel, der früher einer Statue Kaiser Friedrich III. gehörte. Adam Mickiewicz’s Balladen wurden von Carl Loewe, einem Stettiner der das romantische Sololied erfand, vertont. An dieser Stelle wird mir erstmals bewusst, wie wichtig der Beweis der eigenen Identität in und für Polen ist. Wie sehr die Geschichte der dreimaligen Teilung und der Zerstörung durch Nazi-Deutschland Angst schüren kann. Das Denkmal ist ein Symbol der Freiheit. Im März 1968 fanden hier Studentendemonstrationen gegen die herrschende Ordnung statt. Grob und gewaltig steht über uns Adam Mickiewicz, der romantische Schriftsteller.

8. Der Platz der Solidarität und die neue Philharmonie

Unser nächstes Ziel auf dem Rundgang durch die Stettiner Altstadt ist der Platz der Solidarność, der Ort wichtiger Institutionen und geschichtlicher Ereignisse.
Bei Unruhen nach Preiserhöhungen im Dezember 1970 wurde das an der Seite des großen Platzes stehende Gebäude des Woiwodschaftspolizeipräsidiums in Brand gesetzt. 16 Menschen wurden erschossen. Die erste Werft wurde besetzt.
Die Aufstände gegen die Herrschenden setzten sich mit einer erneuten Streikwelle im August 1980 fort. Am 30. August 1980 wurde in Stettin die erste Vereinbarung zwischen Streikenden und der Regierung geschlossen. Daraus entstand die Solidarność.
Dieser historich bedeutsame Platz ist inzwischen ein einziges Museumsdach. Schräg ansteigend, begehbar. Ein Junge versucht sich auf dem Skateboard, jemand eilt mit der Aktentasche hinüber. Das “Museum des Dialogs“, das fast im Boden versunken ist und auf dessen Dach wir stehen, ist der Solidarność und dem Aufstand von 1970, den 16 Toten, gewidmet. Es zeigt die jüngere polnische Geschichte, die Gewalt der Nazis, der Kommunisten, die Vertreibung, den Ausstausch der Bevölkerung. Den Antisemitismus, schließlich die Aufstände. Alles, was die Geschichte Stettins im 20. Jahrhundert bedeutete. Nach dem Besuch bin ich eine Andere.
Am Rande des Museumsdachs wacht seit 2005 ein überdimensionaler bronzener Engel der Freiheit nach einem Antwurf von Czeslaw Dzwigaj. Er erinnert an den Aufstand von 1970. Alle Namen der 16 Opfern sind zu seinen Füßen vermerkt.
Gegenüber steht das Polizeipräsidium im wilhelminischen Stil, Kristalisationspunkt der Auseinandersetzungen.
Während sich die Architektur des Museums des Dialogs, 2016 vom Welt-Architekturforum als “Gebäude des Jahres” ausgezeichnet, in den Platz zurücknimmt, ist der ebenfalls geniale und auffälligste Bau die neue Mieczyslaw-Kalowicz-Philharmonie.

Szczecin/Stettin. Ein Stadtrundgang und der zweite Blick.
Mieczysław-Karłowicz-Philharmonie

Ein Eisberg in der Stadt, eine Gespensterhülle, eine Schutzhaut über einem verletzlichen Gebäude, die neue Philharmonie. Das italienisch – spanische Architekturbüro Barozzi Vega erhielt 2015 für diese Philharmonie den Mies-van-der-Rohe Award. Sie sieht wie ein Geheimnis aus. Wie ein verpacktes Versprechen. Auch wenn an der Aussenhaut die Spuren der Zeit ein wenig vom strahlenden Weiß rauben. Moose und Flechten beginnen sich vorsichtig über die weißen Glasblöcke mit ihren an mittelalterliche Kaufmannshäuser erinnernden Giebeln zu ziehen. Spinnen leiben die Ecken und färben weiß gräulich. Wer moderne, spannende Architektur liebt ist in Stettin richtig.

Am Rande des Platzes verweist ein Gebäude auf den langen Atem der Geschichte. Die backsteingotische Peter und Paul Kirche, nach Vorgängern aus dem 15. Jahrhundert, zeigt im Inneren ein mit biblischen Szenen bemaltes Gewölbe.
Auf der anderen Seite des Platzes steht, verkehrsumstost und ein wenig versunken, das Königstor. Der preußische Adler und die Initialen König Friedrich Wilhelm I. zeugen von der preußsichen Geschichte des ehemaligen Anklamer Tors als Teil der strategisch wichtigen Festung Stettin.
Wieder trennen riesenhafte Krakenstraßen die alten Wege. Rechterhand geht es in die noch teilweise gründerzeitlichen Viertel und zum Platz Grunwaldzki, einer der sternförmigen Stadtanlagen. Hier steht noch die historische Bausubstanz in ihrer grünen Umgebung.
Während ich mich bislang fragte, wo die Stettiner einkaufen, finde ich die Antwort in der Galeria Kaskade. Eines der großdimensionierten Einkaufzentren, eine der fast auswechselbaren Shopping Malls.

9. Die Kathedrale St. Jakobi

Wir gehen zurück in die Kernstadt. Vorbei an wieder aufgebauten barocken Palais und einer modernen, grauen Hauswand, an der uns ein Schild stoppen lässt.
Hier wurde die russische Herrscherin Katharina II. als Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst geboren. Ihre Kindheit hat sie im Stettiner Schloss verbracht. Später sorgte sie für die Teilung Polens zugunsten der Vergrößerung ihres russischen Machtbereichs.
Erschöpft, voller Eindrücke, erreichen wir den belebten Rossmarkt/Orla Bialego. In der Mitte steht der Adlerbrunnen von 1732. Uns dürstet nach so vielen Schritten. Der Brunnen ist trocken, doch die blumengeschmückte Trattoria Toscana ist ein guter Ort für eine letzte Pause.

Szczecin/Stettin. Ein Stadtrundgang und der zweite Blick.

Vor uns zeigt der Turm der Jakobikathedrale weit in den Himmel, es sind nur wenige Schritte bis zur größten Kirche Pommerns.
Stettin wurde von Otto I. von Bamberg christianisiert. Er unternahm zwei Missionsreisen, 1124 bis 1125 und 1128, und wird seitdem von der katholischen Kirche als „Apostel der Pommern“ benannt. Zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert wurde die große Jakobikirche erbaut, im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und inzwischen samt einem spitzen Helm der an den Vorgänger des 17. Jahrunderts erinnert wieder aufgebaut. Bis zur Reformation war sie katholisch und seit 1945 ist sie das wieder. Der Innenraum spiegelt die Zerrissenheit der Stadt und ihr Wiederentstehen. Die Zerstörungen bleiben auch nach der Rekonstruktion durch Farbgebung und Materialwahl sichtbar. Ich finde einen einzigen deutschsprachigen Grabstein, eine kleine Spur der Vergangenheit. Sie ist in Stettin fast verdrängt.
Während ich die Details betrachte, geht eine alte Frau ungefragt neben mir her. Sie spürt, daß ich fremd bin. An jeder Seitenkapelle, an jedem Ausstattungsstück, bleibt sie mit mir stehen und bekreuzigt sich. Am Ende unseres nun gemeinsamen Rundgangs nicke ich ihr lächelnd zu. Auch sie nickt mir zu, deutet gen himmlisches Kirchengewölbe und lächelt jetzt auch. Sie hat für uns beide um göttlichen Segen gebeten, sagt sie auf deutsch.

10. Zurück am Stettiner Hauptbahnhof

Wir folgen der roten Linie zum Bahnhof. Gleis eins. Der Zug steht bereit. Auf Gleis sechs fährt ein Zug nach Lübeck. Gerade sind die Züge aus Lodz und aus Breslau in die Station eingerollt.
Stettin ist eine verwundete Stadt voller positiver Überraschungen. Eine grüne Metropole der Veränderungen. Ein Besuch ist auf den ersten Blick verwirrend und ein wenig enttäuschend und dann eine echte Entdeckung.

Szczecin/Stettin. Ein Stadtrundgang und der zweite Blick.

Das waren die Reisefrequenzen. Heute unterwegs in Szczecin/Stettin. Ein Besuch bei den Nachbarn in Polen.

Anmerkung: Innerhalb des Textes habe ich mich für den deutschsprachigen Stadtnamen “Stettin” entschieden. Dies ist selbstverständlich keine politische Aussage.

Tipps zu Stettin/Szczecin für Euch:
Ein-/Ausreise: Grenzkontrollen finden nicht statt, Einreisedokumente müssen mitgeführt werden.
Die aktuellen Coronabedingungen unter ://www.auswaertiges-amt.de/de/ReiseUndSicherheit/polensicherheit/199124
Von Berlin aus fährt der Zug im Zweistundentakt, die Fahrtzeit beträgt pro Strecke gute zwei Stunden.
Info: https://visitszczecin.eu/pl
Inspiration: Im Stettiner Vorort Finkenwalde/Zdroje leitete Dietrich Bonhoeffer das Predigerseminar der Bekennenden Kirche. Seit 2012 befindet sich dort der Garten der Stille und Meditation.
♥️ Unser Lieblingsplatz: Der Platz der Solidarität. Kunsthalle Trafo. Das Schloss der Pommerschen Herzöge. Die Promenade am Ufer der Oder.

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8 Gedanken zu „Szczecin/Stettin. Ein Stadtrundgang und der zweite Blick.“

  1. Liebe Marike,

    ich war vor ein paar Wochen da und Stettin ist tatsächlich auf den ersten Blick keine Schönheit, hat aber ein paar schöne Ecken. Falls du noch nicht da warst: Breslau hat mich total überrascht und begeistert.

    Liebe Grüße
    Britta

    Antworten
    • Liebe Britta,
      danke für deine Zeilen! Ja, Breslau kenne ich und es ist sehr schön! Auf jeden Fall eine Reise wert. In letzter Zeit habe ich jedoch eher mal Lust, mich abseits der Hauptpfade umzuschauen. So bin ich nach Stettin gekommen. Als ich zurückfuhr war mir eins superklar: Nie wieder Krieg! Und ich habe tatsächlich spannende Ecken und Museen entdeckt.
      Liebe Grüße
      Marike

      Antworten
  2. Hallo Marike,

    ein toller, informativer Beitrag mit vielen Fakten und persönlichen Eindrücken. Besonders schön finde ich, dass die interessante Geschichte polnischer Städte zwischen deutscher und polnischer Identifikation beschrieben wird. Dies begegnet uns in vielen polnischen Städten, bspw. auch in Danzig.

    Viele Grüße
    Julia

    Antworten
    • Hallo Julia,

      vielen Dank für deinen lieben, aufmerksamen Kommentar. So wie Du schreibst empfinde ich es auch. Zwei Identifikationen im für Viele schlimmen Verlauf der Geschichte. Und Danzig ist auf jeden Fall eine Reise wert! Nicht ganz so weit von der Grenze finde ich auch noch Posen/Poznan spannend.
      Liebe Grüße
      Marike

      Antworten
  3. Hallo Marike. Wow, was für ein gehaltvoller Beitrag – der ehrlich gesagt unfassbar Lust auf diese Stadt macht. Vielen Dank dafür! Lg Sandra

    Antworten
    • Hallo Sandra
      Danke für dein Kompliment. Ja, hinfahren. Und wenn man möchte, kann man auf einem Hausboot im Hafen übernachten. Liebe Grüße, Marike

      Antworten
  4. Liebe Marike,
    schon lange überlege ich, ob es sich wohl mal lohnen würde, nach Stettin zu fahren. Schließlich ist das ja nicht weit von Berlin. Nach deinem Bericht weiß ich zwar nun immerhin schon mal etwas genauer was mich erwartet. Der rote Faden ist ja eine gute Idee!
    Danke fürs Mitnehmen und liebe Grüße
    Angela

    Antworten
    • Liebe Angela,
      stimmt, es ist nicht weit. Vielleicht noch ein kleiner Hinweis: an Sommerwochenenden sind die Züge sehr voll, denn die Radler wollen in die Uckermark. Dann würde ich früh hin. Den roten Faden fand ich auch super. Es gibt für Erkundungen, die über die direkte Innenstadt hinausgehen, noch zwei weitere „Fäden“.
      Danke dir und liebe Grüße
      Marike

      Antworten

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