Sacrow. Der königliche Plan für ein altes Gut.

Brandenburg
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Sacrow. Der königliche Plan für ein altes Gut.
Sacrow. Der königliche Plan für ein altes Gut.
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Hallo! Hier geht’s zu den Reisefrequenzen. Heute zum Sacrower Schloß und zur Heilandskirche am Port von Sacrow. Zwischen Jungfernsee und Königswald. Und zu all dem, was zwischen beiden je geschah. 

Wir stapfen durch den tiefen Schnee. Auf der linken Seite liegt der See, der einst der Grüne hieß und nun, ganz eisbedeckt und weiß, der Sacrower See heißt. Ein Wanderweg führt drumherum und auf der anderen, uns weit entfernten Seite, gibt’s einen schönen kleinen Badestrand und ein Lokal zum Draußensitzen. Sie warten auf den Sommer, für solcher Art Vergnügen ist uns gerade etwas kalt. Ein paar Schritte weiter ist rechts ein Tor zum Park. Beim Öffnen knirscht und knarrt es und lässt uns die Märchenwelt. Der große Pulverschnee hat alles und auch uns verzaubert.
Ein Skifahrer kommt langlaufend vorbei, sonst ist es menschenleer an diesem Schneetraumtag. Die Spuren hier sind frisch gezuckert, die Sonne lugt aus ihren Wolken und wirft ein glitzergoldnes Licht über die gedämpfte Zeit.
Das helle Schloß steht zwischen hohen Bäumen und ist erstaunlich klein. Es Schloß zu nennen scheint vermessen, ein Gutshaus würde eher ihm entsprechen. 

Vom Gut zum Schloß Sacrow

Vom landwirtschaftlichen Betrieb zur Essigfabrik, von Undine zum Streichquartett, vom König zu Spürhunden der DDR. So viel Geschichte steckt im kleinen Schloß, so viel Erinnerung im schneebedeckten Park. 

Im Landbuch Kaiser Karl IV. von 1375 wird Sacrow zum ersten Mal erwähnt. Da ist vom König und dem Wald noch keine Rede, die slawische Bezeichnung „za krowje“ deutet auf „hinter dem Gebüsch“. Der See davor gehört den Jungfern. Sie sind Benediktinerinnen aus Spandau, besitzen bis zur Reformation diverse Ländereien und neben diesem See in Sacrow auch ein Heide in Berlin.
Ein agrarwirtschaftliches Gut entsteht und die Besitzer wechseln schnell und häufig. Die von Hakes, die Helbrechts aus Spandau, Georg von Wartenbergk, der Bürgermeister in Spandau war und seine Söhne. 1650 kauft der Kurfürst Friedrich Wilhelm. Sacrow ist erstmals im Besitz der Hohenzollern. 1704 erwirbt Marquardt Ludwig von Printzen, den wir aus Marquardt (Schloß Marquardt / Potsdam. Kulisse und Mythos) kennen, das ganze Areal. Er zahlt 6000 Taler an die letzten Erben. Doch dieser Printzen bleibt nicht lang. Schließlich bevorzugt er Carow bei Genthin und verkauft Gut Sacrow weiter, den Quellen nach für die doppelte Summe von nunmehr 12.000 Talern. Eigentümer wird das Potsdamer Waisenhaus und später das Spandauer Zucht- und Armenhaus. Der Festungskommandant der Zitalle Spandau lässt an der Stelle eines früheren Baus das barocke Herrenhaus errichten.

Schloß Sacrow
Schloß Sacrow

Die Romantik und Undine am See

1779, 23.000 Taler, Heinrich de la Motte Fouqué kauft das Anwesen. Einer seiner Söhne ist der romantische Dichter Friedrich, sein bekanntestes Werk „Undine“. Friedrich de la Motte Fouqué verbringt Kinderjahre an den Seen in Sacrow und träumt zum erstenmal von der verführerisch bezaubernden Wasserfrau. Vielleicht tauchte sie mit roten Haaren aus dem Grünen See, vielleicht erschien sie aus dem Jungfernsee der Havel.
Schließlich veräußern die de la Motte Fouqués das Gut für 30.000 Taler. 
Der erste bürgerliche Besitzer ist der königliche Kommerzienrat und Generalkonsul Jean Balthasar Henry, im Russlandbusiness erfolgreich.

Zwischenschritt. Statt Romantik kommen Essig und Bleizucker aus Sacrow

1816 ist das Jahr der Änderungen für Sacrow. Inmitten der landwirtschaftlich genutzten Flächen werden kleine rauchende und übel riechende Betriebsstätten gebaut. Der Berliner Bankier Johann Matthias Magnus erwarb das Landgut. Geboren als Immanuel Meyer Levi machte er vom Textilkaufmann in Schwedt zum Berliner Bankier mit Sitz in der Behrenstraße Karriere, sobald das preußische Emanzipationsedikt ihm das ermöglichte. Magnus krempelt in Sacrow alles um. Nicht mehr die Spuren der romantischen Undine, die von E.T.A. Hoffmann zur Zauberoper vertont in eben diesem Jahr 1816 im Schauspielhaus uraufgeführt wurde, sondern Essig und Bleizucker bestimmen die Gefilde. Eine Anlage zur Essigherstellung und eine Bleizuckerfabrik entstehen an der Havel. Bleizucker. Wir zucken mit den Schultern. Wikipedia muß helfen. „Bekannt ist Blei (II)-acetat als Bleizucker, da es süß schmeckt und gut in Wasser löslich ist. … insbesondere Weine wurden damit gesüßt“.  Der manchmal saure Wein der Mark hat das anscheinend nötig. 
Doch die Zeit der Familie Magnus war auch in anderer Hinsicht außergewöhnlich. Sie waren mit den Mendelssohns befreundet und der junge, noch jugendliche Mann Felix Mendelssohn-Bartholdy hat hier, in der Ruhe an der Havel, sein Streichquartett in a-moll (Op. 13) komponiert.

Wir gehen um das Schloß herum. Es bleibt ein kleiner Bau, zweigeschossig, zwei mal vier Fenster auf jeder Seite, harmonisch schmucklos. Daneben stehen weitere Gebäude, eines scheint bewohnt, Orchideen wachsen im Blumenfenster. Ein Schuppen sieht aus wie eine Garage, ein anderer ist aus Fachwerk für Geräte gebaut. Über die gleißende Schneefläche hinweg sehen wir die zugefrorene Havel. Im Sommer ist der Seeblick dann verdeckt. 

1828 verhandelt Friedrich Wilhelm III. über einen Ankauf, doch er zeigt sich als Sparfuchs. 100.000 Taler sind zu teuer. Die Nutzung Sacrows bleibt profan. Am Ufer wird, und plötzlich kommt uns unsere Zeit ganz nahe, eine Quarantänestation eingerichtet. 1831 wütet die Cholera im kanalisationslosen Berlin und alle Kähne auf ihrer Fahrt zwischen Potsdam und Spandau werden hier gestoppt. Bis um 1900 standen die Baracken. 

Sacrow wird königlich

Friedrich Wilhelm IV., der Architekturvisionär, früh durch die Grand Tour nach Italien geprägt, erkannte klar die landschaftliche Schönheit. 1840 verhandelt er auf 60.000. Jetzt endlich wird der Wald ein königlicher und aus dem Gutshaus wird das Schloß. Sacrow ist aus dem Schlaf geküßt. Essig und Blei verschwinden. 
König Friedrich Wilhelm skizziert ein Schloß, das heute sehr verändert ist. Die Parkgestaltung überlässt er dem erfahrenen Genie Peter Joseph Lenné. Die tausendjährige Eiche, wenn auch wohl „nur“ 400 Jahre alt, läßt er natürlich stehen. Er plant die Sichtachsen wie Fenster, zum Marmorpalais und zum Babelsberger Flatowturm. Heute schweifen die Blicke auch zur Glienicker Brücke, nach Kongsnaes und zum Schloss Cecilienhof, den späteren Neubauten. Wir gehen über sanfte Hügel abseits der Wege durch den Schnee und stehen vor der Heilandskirche. 

Heilandskirche Sacrow
Heilandskirche

Die Heilandskirche am Port von Sacrow

Welch ein Bauplatz, welch ein Schauspiel. Direkt am See. Direkt am Eis. Knapp über dem braunroten Schilfrohr des Ufers steht Italien. Ein Schiff am Jungfernsee der Havel, aufwendig auf Pfählen gegründet, jetzt festgefroren. Ein grandioser frühbyzantinischer Bau aus Glindower Ziegeln. Friedrich Wilhelm skizzierte die Kirche und der Architekt Ludwig Persius bekommt den Auftrag. Allein die Pfahlgründung verschlang ein Drittel der Baukosten, die Gesamtsumme beträgt 45.243 Talern und ein paar Groschen.
Am 21.Juli 1844 wird die „Kirche des heilbringenden Erlösers im heiligen Hafen“ am Port von Sacrow geweiht. 
Sie ist im doppelten Sinne ein sicherer Hafen bei allen Wettern. Am Port von Sacrow, welch ein Name. 
Der Campanile steht allein, wie auch am Kirchbau prägt ein Muster die Fassade. Gelbliche Ziegelfelder wechseln sich mit blau lasierten horizontalen Backsteinbändern, auf denen gelb lasiert wie Blumen Muster blühen.

Gleich einer Basilika erinnert eine flache Deckenkonstruktion des Gotteshauses an Italiens frühes Christentum. Die Heilandskirche ist ein architektonisches und theologisches Statement des Königs. Und sie ist einfach schön. 

Wir trauen unseren Ohren nicht. Aus der verschlossenen Kirche dringt Musik. Die lauten Töne einer Orgel. Erst glaube ich, es ist vom Band und drücke mein Ohr fest an die geschlossene Eingangstür. Doch dann höre ich einen falschen Ton und eine Wiederholung und bin erleichtert. Jemand spielt hinter den Türen auf der neuen Orgel. Und die Töne klingen bis nach draußen übers Eis. 

Heilandskirche Sacrow

Die einschiffige Kirche liegt fest vor Anker, von einem Arkadengang geschützt. Das ist unser liebster Ort. Nahe der Apsis, am Heck des Schiffs, mit dem Blick zwischen den Säulen zurück.


Nur die Schmierereien an der Kirchfassade stören. Hinz und Kunz war auch schon da und muss markieren. Sehr ärgerlich, diese Art von Nicht-Manieren.
Wir könne uns gut vorstellen, dass die Heilandskirche bei Hochzeitspaaren, Seglern, Filmteams und Besuchern sehr beliebt ist. Doch in diesen inzwischen sonnigen Winterstunden sind wir noch immer fast alleine. Das preußische Arkadien zeigt sich von seiner stillen Seite.
Gegenüber liegt auf Berliner Ufer Krughorn, zum rüberwinken nah.

Raus aus dem Funkloch

Wir schlendern ein paar Schritte zurück und stehen wieder vor dem Glockenturm. Eine auffällige Tafel aus grünem Dolomit hängt über dem Turmeingang. Darauf die Figur des Atlas, der eine blitzesprühende Kugel trägt, er selbst durchbohrt an empfindlichster Stelle. Worte, kaum noch zu lesen. Ein neuer Gott?

Sacrow. Der königliche Plan für ein altes Gut.


1897. Sacrow rückt ins Rampenlicht, besser gesagt aus dem Funkloch der Erfindungen. Georg Graf von Arco und sein Lehrer Adolf Slaby funken drahtlos. Das ist fast revolutionär. Vom Turm der Heilandskirche erreichen sie die 1,6 Kilometer entfernte Matrosenstation Kongsnaes, der Kaiser hatte es gestattet. „Es waren die unterhaltendsten, angenehmsten Studien, die ich je betrieben, in dem herrlichen Laboratorium der Natur unter einem fast immer lachenden Himmel in paradiesischer Umgebung. Die planmäßig angestellten Versuche brachten uns, wenn auch keine Erklärung der Erscheinungen. so doch eine Fülle von Anregungen und wichtige Anhaltspunkte für die weitere erfolgreiche Ausdehnung der Funkentelegraphie.“ beschreibt Adolf Slaby in seinen „Entdeckungsfahrten im Elektrischen Ozean“. Slaby hatte bei Marconi in England gelernt, war fasziniert von den Experimenten des Italieners mit irischen Verwandten und übte nun zuhause weiter. Der Erste Versuch war in Berlin, der zweite hier in Sacrow und der dritte schon der Weltrekord. Da war Marconi auf seiner Versuchsstation an der cornischen Klippe überstrahlt. Funkverbindung Schöneberg nach Rangsdorf, 21 Kilometer. Im Sommer 1898 dann von Berlin nach Jüterbog. Ab 1903 entstand durch Mitbegründer Georg Graf von Arco die Firma Telefunken. 

Auf der Schneedecke stapfen wir entlang der Havel. 
Das 20. Jahrhundert. Die Nationalsozialisten bauten das Schloß zum Dienstsitz des Generalforstmeisters des Deutschen Reiches aus und hängten an das Gebäude Neoklassizismus und einen Gartensaal. Die Posten bekleideten erst Friedrich Alpers und anschließend Dietrich Klagges, dunkle Gestalten des 20. Jahrhunderts. Ebenso wie Alpers war Klagges an brutalen Verbrechen, insbesondere in Stadt und Land Braunschweig, beteiligt. 
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Schloss Sacrow „Erholungsheim für Verfolgte des Naziregimes“. Der fast tödliche Stoß kam 1961. Der Mauerbau. Zwar war die Grenze in der Havelmitte, doch die Mauer wurde durch den Park von Sacrow hochgezogen. Die Kirche stand unzugänglich, umgeben von der Mauer, vollständig abgeriegelt. Unerreichbar. Soldaten ritzten ihre Namen in die Wände. Die Inneneinrichtung wird zerstört. Doch die Kirche steht unsinkbar am Gestade. Vom Westberliner Ufer aus ein Sehnsuchtsort.
Im Schloss wird die Ausbildungsstelle für Spürhunde eingerichtet, der halbe Park zerstört als Übungsplatz samt Hundezwingern und dem Nachbau einer Grenzübergangsstelle. 

1984 beginnen erste Sicherungen der Kirche. 1989, nach dem Fall der Mauer, an Weihnachten der erste Gottesdienst. Ab dann herrscht Aufbruch am Port von Sacrow.
Was für ein Ort. Ins Schöne schleicht sich das Dunkel. Der Schnee deckt es nicht zu, niemals. 

Blick über die zugefrorene Havel bis zur Glienicker Brücke

Wir gehen bis zum Tor am See und einfach weiter auf dem tiefverschneiten Weg bis zur Römerschanze am Kramnitzsee. Unterwegs betrachten wir verrostete Kästen und Betonteile, es sind die wenigen Relikte der Grenzbefestigung der DDR. Es ginge noch viel weiter, doch das Schneestapfen lässt uns die Beine spüren. Wir drehen um. Nocheinmal durch den märchenhaften Winterpark mit Blick auf die Heilandskirche, die zwischen eisigen Schollen am Ufer liegt.

Das waren die Reisefrequenzen. Heute nach Sacrow, zu Schloß und Park und Heilandskirche.

Im Sommer ist es auch sehr schön.

Tipps:

Wo: Sacrow bei Potsdam.
Was: Spazieren durch den Park. Im Sommer mit Badesachen, im Winter mit festem Schuhwerk.
Tipp: Wenn der Lockdown vorüber ist gibt es wieder Gottesdienste und Musik in der Kirche.
Anreise per Boot mit dem gelben „Wassertaxi“.
Inspiration: Für Technikfans: https://technikforum-backnang.de/die-funkentelegraphie-marconis
Für Musikliebhaber Felix Mendelssohn-Bartholdy Streichquartett a-moll, Op. 13. Und E.T.A. Hoffmanns Zauberoper Undine. Für Leser: Friedrich Heinrich Karl de la Motte Fouqué, Undine
♥️ Unser Lieblingsort: Der Arkadengang der Heilandskirche. Undine lesen und auf die Havel schauen.

2 Gedanken zu „Sacrow. Der königliche Plan für ein altes Gut.“

    • Gabriele, vielen Dank fürs Hören! Und vielen Dank für den wunderbaren Kommentar. Reisen für die Ohren sind einfach auch schön.

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