Reckahn. Schloss und Schule. Vernunft fürs Volk und Bildung für alle.

Reckahn. Schloss und Schule. Vernunft fürs Volk und Bildung für alle.
Brandenburg

 
Play/Pause Episode
00:00 / 15:03
Rewind 30 Seconds
1X

Hallo! Hier sind die Reisefrequenzen. Heute unterwegs in Reckahn, südlich von Brandenburg.

Zu Schloss, Kirche, Park, Fischteichen und mit Griffel und Schwamm in die reformpädagogische Schule von Reckahn eilend. Unterwegs in einem kleinen Dorf und zum Ausgangspunkt einer großen Idee. Auf den Spuren eines Gutsbesitzerpaares, dass durch eine neue Pädagogik die wissenschaftlichen, ökonomischen und rationalen Denkansätze der Aufklärung aufs Land holte. 

„Vernunft für das Volk“! Vernunft durch Bildung. Für alle. Für Jungen und Mädchen aller Stände. Das war das Motto von Friedrich Eberhard von Rochow, Domherr zu Halberstadt und Gutsbesitzer in Reckahn (1734 – 1805)  und seiner Frau Christiane Louise geb. von Bose (1734 – 1808). Lesen, Schreiben und Rechnen sollte zur win-win Situation sowohl für die Gutsherrschaft als auch für die untertänigen Bauern werden. Das Ehepaar von Rochow sorgte für wichtige Voraussetzungen, um sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Sie bauten eine Schule im Dorf und bezahlten einen guten Lehrer. Heinrich Julius Bruns, hochbegabt, Organist und Pädagoge in protestantischer Tradition, plante zusammen mit Eberhard von Rochow das höchst bemerkenswerte aufklärerische „Muster aller Landschulen“ in Reckahn. Fortan wurde das Dorf zum Pilgerziel aller Philanthropen.

In Gedanken schultere ich den Ranzen und gehe, fast ein wenig tanzend, über die kopfsteingepflasterte Straße und nehme Euch, wie immer, mit. Das Licht flirrt. Die Blütenpollen und der feine märkische Sand fliegen an diesem warmen Frühlingstag wie ein zarter Schleier durch die Luft. Bräunlich sind die Farben der noch unbelaubten Bäume und der kleinen märkischen Häuser. Wie ein mit Sepia vergilbtes Bild. 
Reckahn ist eine vorgeschichtliche Siedlung. 1227 wird ein Theodoricus de Recken genannt. Nach ihm wird das Dorf benannt. 

Wir folgen dem Lauf des Flüsschens Plane durch den Ort. Am Ende der Straße steht das Schloss. Ein barocker Bau in zartgelb, einstöckig mit ausgebautem Dachgeschoß, ländlich unprätentiös. Ein Sommerhaus, ein lichter Ort für laue Tage. Schließlich besaß man noch andere Gutshäuser in der Umgebung und großzügige Stadtpalais zur Abwechslung. Bauherr des Schlosses war 1729 der preußische Kriegsminister Friedrich Wilhelm von Rochow. Die von Rochows sind ein altes Adelsgeschlecht, dass mit der Landnahme Albrecht des Bären in die Mark Brandenburg kam und bis zur Enteignung ihrer Güter 1946 blieb. 

Gästehaus der Rochow-Akademie

Ein auffälliger Giebel stiehlt auf den ersten Blick dem Schloss die Schau. Neben dem Schloss prahlt er in Neorenaissance und verbirgt darin seine Geschichte. Ein Wittenberger Baumeister errichtete 1605 dieses alte Gutshaus, dass nach vielen Um-, Aus- und Neubauten, nach finanziellen Förderungen durch Bund und Land, jetzt Gästehaus der Rochow-Akademie und ein kulturelles und bildungspolitisches Zentrum ist. 

Schloss Reckahn Hoftor im Abendlicht
Hoftor Schloss Reckahn im Abendlicht


Wir gehen durch ein Tor. Hinter den herrschaftlichen beiden Häusern, dem Schloss und dem alten Gutshaus, jetzt Gästehaus, lag der Wirtschaftshof mit Scheunen, Ställen und Remisen. Im Wesentlichen wurde er nach 1945 abgerissen. Das einstige Entrée ist einem sandigen Parkplatz gewichen. Zwischen dem hellen Gelb der Häuser parken blaue und schwarze Müllcontainer.

Schloss Reckahn Hofansicht
Schloss Reckahn Hofseite

Der Reckahner Park

Die Sonne leuchtet und bevor wir lernen und aufgeklärt mehr wissen, zieht es uns in den Park. 21 ha „schöne Gartenkunst“ mit Thiergarten, Küchengarten, Obstgarten, Lustgarten. So soll es einst gewesen sein. Man kannte Wörlitz, die Anlagen des Jagdgenossens Fürst von Anhalt-Dessau und sehnte sich, obgleich nicht mit den Mitteln eines Fürsten ausgestattet, nach einem ebensolchen englischen Landschaftspark en miniature. Um 1760 war das in Preußen noch recht neu, nur Graf von Finckenstein war mit der Mode schon dabei.(Alt Madlitz. Ein Herz im romantischen Landschaftspark.) Einst gab es zwei kleine Teiche und einen Graben, jetzt zeugt davon nur noch die schöne neue Brücke. Wir stellen uns vor, wie die illustren Gäste durch den Park spazierten, scherzten, lachten, debattierten und in Kähnen über Teich und Plane schwankend paddelten. Der Blick auf das Gesamtensemble ist immer noch ländlich perfekt. Schloss, Kirche, Schule und der Park. Darinnen stehen Bänke der Freundschaft auf der Wiese und ebenso im Grotto aus Gebüsch. Sie laden zum Verweilen, zum Gespräch und zum aufklärerischen Dialog. Nachdenken, Räsonnieren, bei Vogelgezwitscher die Welt verbessern. Ich setze mich und schreibe in mein Tagebuch.
Die große Magnolie vor dem Schloss zeigt ihre ersten Blütenspitzen, die Veilchen grüßen dunkelviolett und die Narzissen öffnen österlich ihr Sonnengelb.
Zwei Denkmale stehen im Park. Das eine für Herrn Frosch, Prediger und Gründer der „Schullehrer-Konferenzgesellschaften“. Friedrich Wilhelm Gotthilf Frosch erkannte die Notwendigkeit, die Lehrerausbildung durch dezentrale Weiterbildungsinstitute entscheidend zu verbessern. 

Denkmal für den Lehrer Bruns in Reckahn

 

Denkmal für einen Lehrer

Das zweite Denkmal ist von schlichter Eleganz und edler Größe. 
„Er war ein Lehrer“. Der einfache und berührende Satz ist in Stein gemeißelt. Eine Urnenvase steht auf einer Stele, darauf die Worte „H.J. Bruns. Geboren 1746. Gestorben 1794. Alt 48 Jahr“ Heinrich Julius Bruns war Organist und Lehrer und wichtigster Mitarbeiter der von Rochows in Sachen Schulreform. Das Denkmal steht in der Sichtachse zwischen Schule, Kirche, Schloss und des Lehrers Grab auf dem Friedhof vor der Kirche.

Das Schlossmuseum in Reckahn

Wir flanieren durch den Park zurück zum Schloss. In Gedanken unsere feinen weißen Baumwollkleider raffend schreiten wir die breite Ehrentreppe hinauf und treten in den Gartensaal. Hier laden die Rochows in ihre Besucherrunde ein. Über 1.100 Gäste kamen in fast 30 Jahren, in feinsäuberlicher Handschrift sind ihre Namen im Gästebuch vermerkt. Und das in einer Zeit, als Kutschen über schlammige Wege rumpelten und eilig gar nichts ging. Künstler, Wissenschaftler, Fürsten und Minister aus dem In- und Ausland reisten nach Reckahn zum Herrn von Rochow und seiner Frau. Die Sensation dort war das geistreiche Gespräch der aufgeklärten, intellektuellen Runde, das erzieherisch philanthropische Konzept der neuen Schule und, ja auch, die Jagd.
In der Museumsrunde sind schon vier Teilnehmer anwesend, wenn auch nur ihre Büsten und aus Gips. Das Ehepaar von Rochow ist mit dem Fürst von Anhalt-Dessau und dem Minister Zedlitz in ein Gespräch vertieft, das aus Zitaten ihrer Briefe und Schriften vorgelesen wird. In ihrer Runde mit dem schönen Gartenblick ist für uns Besucher ebenfalls noch Platz. Friedrich Eberhard von Rochow und seine Frau Louise erläutern ihre Vorstellung der guten Schulbildung und der heute aufgeklärte Gast hört zu. 
Eberhard von Rochow veröffentlichte seine Überlegungen im „Diskurs über die Nationalerziehung“ und im “Kinderfreund. Ein Lesebuch zum Gebrauch an Landschulen”, das über hundert Jahre lang immer wieder neu aufgelegt wurde. Dem Dilettantismus und der Unwissenheit der Landbevölkerung wollte er ein Ende setzen und damit die landwirtschaftlichen Erfolge und das Zusammenleben fördern. „Ohne Aufklärung gibt’s keine Moral“, folgte er dem Gedanken Mirabeaus. Wo bis dahin nur Lesen und ansatzweise Schreiben reichte, fand er auch Rechnen eine gute Idee. „Ich denke doch nicht, dass man den Verstand eines Bauernkindes und seine Seele für Dinge einer anderen Gattung hält als den Verstand und die Seele der Kinder höherer Stände“. Noch 16 Jahre bis zur Französischen Revolution. 

Schloss Reckahn Gartenansicht
Schloss Reckahn Parkseite

Wir schauen uns in den Räumen des Museums um. Die zahlreichen Ideen des Hausherrn werden vorgeführt. Dazu gehört ein Wettbewerb um einen leistungsfähigeren Pflug, zur Verbesserung der Bodenbearbeitung nach englischem Vorbild. Die Obstmodelle, um Birnen nicht mit Äpfeln zu vergleichen. Die Wetterkunde, um zum richtigen Zeitpunkt zu säen und zu ernten. Die zweite Schutzschicht über Bleiglasuren auf irdenem Geschirr, um vor Vergiftung zu bewahren. Das Tierarzneibuch zur Rettung der Nutztiere. Das Plädoyer für die gleiche Spurweite aller Wagen in einer immer globaleren Welt. Die Mitbegründung der „Märkischen Ökonomischen Gesellschaft“ zur Verbesserung der Agrarwirtschaft und des Untertanenrechts. Die Fabrikation von Seide in Topqualität, besser als in Frankreich. Die Kichererbse als Kaffeeersatz, eines seiner, zugegeben, auf die Dauer weniger erfolgreichen Projekte. 
Die Rochows zeigten, wie Moderne auf preußisch funktioniert.
Der gute Audioguide führt uns durch die Geschichte. Und so wie von Rochows einst den pädagogischen Fortschritt propagierten, so abwechslungsreich ist die Museumsdidaktik hier in Reckahn heute. Mitmachen, Filme schauen, selber ausprobieren, einfach zuhören oder Objekte betrachten. Alles ist möglich. 
Wir gehen durch das Haus, in dem 1741 Hans Heinrich von Katte, der Vater des hingerichteten Freundes Friedrich II. starb. Oben ist das Heiratszimmer und an den Wochenenden öffnet ein kleines Café.

Grab des Lehrers Bruns auf dem Kirchhof in Reckahn
Grab des Lehrers Bruns

Das Grab des Lehrers auf dem Kirchhof

Nocheinmal flanieren wir durch den Park, ein Zitronenfalter flattert Blumen suchend schnell vorbei. Auf einer Brücke queren wir die schmale Plane. Rechts an der Straße steht die barocke Kirche. Auf dem frisch geharkten Friedhof ist das Grab von Heinrich Julius Bruns. Über 200 Jahre nach seinem Tod ist die Grabstelle noch da und stilvoll frisch bepflanzt. Nach Jahrhunderten ruhen seine Gebeine immer noch zwischen denen der Reckahnern. Mittendrin.

Die Schule

Jetzt wird es höchste Zeit zur Schule. Am 2. Januar 1773 wurde sie geöffnet. An der Fassade steht das Motto. „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht“. Ohne Prügel, ohne Strafe, ohne Zucht. Das Schulgebäude sind zwei Räume links, zwei Räume rechts und ein zweites Stockwerk darüber. In den Unterrichtsräumen stehen die Bänke unter großen Fenstern, Schiefertafel, Schwamm und Griffel liegen für Schriftübungen bereit. Wer mag, darf hier, im einzigen Schulmuseum Brandenburgs, die Schulbank drücken. 
Die Beobachter im 18. Jahrhundert waren überrascht, dass der Gutsherr manchmal selber rechnen lehrte. Und dass die Kinder gerne zur Schule gingen. Es gab kein „Memorienkram, Herbeterei und Mechanismus“, sondern das Gespräch. Kein Frontalunterricht, sondern die U-Form. Auch wir sind überrascht. Der Ausgang aus der Unmündigkeit war die Schule und Schule ist nur so gut, wie ihre Lehrer es sind.

Unser letzter Besuch gilt dem Grab der von Rochows auf dem „Neuen Friedhof“ am anderen Ende des Dorfes. Im Giebelfeld des Steins sind die Profilportraits des Ehepaares eingemeißelt. „Sie schätzten sich im Leben sehr und wünschten auch im Tode nicht getrennt zu sein“ Eberhard von Rochow und seine eigenständige und liebevoll beschriebene Frau Christiane Louise. 

Die Fischteiche von Reckahn

In der Dämmerung spazieren wir zu den Fischteichen. Einst kam von hier der Fisch frisch auf den gutsherrlichen Tisch. Heute sind die Teiche ein Vogelparadies, gut 160 Arten wurden schon gezählt. Je nach Jahreszeit rasten die Zugvögel, brüten, ziehen ihre Jungen groß. Auf riesigen Betonröhren stehen festverschweißt bequeme Bänke. Wir klettern auf kleinen Stahlleitern hinauf und schauen in den Sonnenuntergang. Hier oben sitzen und den beiden Kranichen zusehen. Gänse fliegen schnatternd hin und her, die Blesshühner piepsen aufgeregt und lautstark vor sich hin, der Graureiher hat leichte Beute. Hinter den Bäumen steht die Kirche von Meßdunk. Die Sonne geht langsam unter und lässt den Himmel und die Teiche in einem roten Leuchten. 

Fischteiche in Reckahn

Wir übernachten im alt-neuen Gästehaus der Rochow Akademie. Zwischen alten Balken und moderner Kunst. Bei einer illustren Gesellschaft in praktischen Zimmern und bei sehr freundlichen Gastgebern.

Ach ja. Fontane war nicht hier. So hat er ziemlich viel verpasst.  

Das waren die Reisefrequenzen. Heute beim revolutionären Bildungsideal derer von Rochow in Reckahn.

Wo: Reckahn südlich von Brandenburg/Havel
Was: Schlossmuseum, Schule, Park, Fischteich, Gästehaus. Schule zum Mitmachen, wenn es wieder möglich ist. Konzerte und Kunstausstellungen im Schloss, sobald es wieder geht.
Pädagogik in Reckahn: “Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen”. Stiftung “Der Kinderfreund”.
Stay: Gästehaus der Rochow-Akademie. So hat man abends und am Morgen den Park und auch die Teiche fast für sich. https://gaestehaus-reckahn.de/
♥️ Unser Lieblingsplatz: Im Gartensaal des Schlosses. In der Schule.

2 Gedanken zu „Reckahn. Schloss und Schule. Vernunft fürs Volk und Bildung für alle.“

  1. Das macht große Lust auf einen Frühlingsausflug nach Brandenburg zu flirrendem Licht, Kranichen und wieder einem neuen der vielen Brandenburger Schlösser. Vielen Dank fürs Mitnehmen!

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Wir freuen uns über Feedback

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Mit Absenden Ihres Kommentars werden Ihre Einträge in unserer Datenbank gespeichert. → weitere Infos in unserer Datenschutzerklärung