Petzow. Ein Schloss am See, ein englischer Park und ein Verbrechen.

Brandenburg
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Petzow. Ein Schloss am See, ein englischer Park und ein Verbrechen.
Petzow. Ein Schloss am See, ein englischer Park und ein Verbrechen.
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Hallo! Hier geht’s zu den Reisefrequenzen. Heute im Park von Petzow zwischen dem Glindower See, dem Haussee und dem Schwielowsee. Der kleine Ort Petzow gehört zu Werder, acht Kilometer sind’s bis Potsdam. 

Mit einem Blick auf Himmel und Wetterbericht haben wir festes Schuhwerk angezogen, die Regenjacken eingepackt und die Thermoskanne gefüllt. Der Weg in Petzow ist nicht weit und braucht doch seine Zeit. Zwischen drei Seen liegt das Anwesen, dass es ohne Familie von Kaehne hier nicht gäbe. Ein Herrenhaus, auch Schloß genannt, und Nebengebäude, die Kirche und ein Park am Wasser. 

Schloß Petzow am Haussee.

„Das Ganze ein Landschaftsbild im großen Stil; nicht von relativer Schönheit, sondern absolut”.
Schöner kann es nicht gesagt sein. Das Lob für diesen Ort schrieb Theodor Fontane, der viel gesehen hatte. Zum Lob gesellt sich jetzt die Sonne.
Uns fällt die Entscheidung schwer. Auf der einen Seite steht in der Blickachse einer Baumallee auf einer kleinen Anhöhe die Kirche auf dem Grelleberg. Zur anderen Seite schimmert hinter Häusern und Schloßgut der See.

Geschichte
1419 wurde das Dorf erstmals urkundlich und im Besitz der Herzöge von Sachsen-Wittenberg erwähnt. Später gehörte es den Mönchen aus Lehnin, die um die Qualität der Tonerde hier wussten. Nach der Reformation wechselten die Besitzer mehrfach und nach hundert Jahren übernahm Familie Kaehne nachweislich spätestens 1638.
Am Anfang stand die Immigration. Peter Kaehne kam aus Böhmen und musste, wie 30.000 andere Protestanten außer ihm, Böhmen nach der Schlacht am Weißen Berg bei Prag verlassen. Er lässt sich im von Krieg und Pest gebeutelten Petzow nieder und übernimmt 1648 das Petzower Lehnschulzengut. Der Aufstieg der Kaehnes vom Bauern zum Ziegelbaron, zum Besitzer eines Landschlößchens und Mitglied des preußischen Landadels beginnt. 

Park Petzow

Die Landwirtschaft ist die finanzielle Grundlage der Familie. Im 18. Jahrhundert kommt als neuer Wirtschaftszweig der Abbau der heimischen Goldader, der Tonerde, hinzu.
1734 übernahm Familie Kaehne die Königliche Ziegelei in der Grelle in Pacht, sie liegt gleich unterhalb der Anhöhe. 1752 errichteten sie ihre eigene private Ziegelei in der Löcknitz. Es folgt die Pacht der Ziegelei in Glindow und die der Potsdamer Ratsziegelei. 1819 kaufen Kaehnes die Königliche Ziegelei. 1837 wird das Gut Petzow ein Rittergut und drei Jahre später erreichen die Kaehnes die höchste Stufe ihrer gesellschaftlichen Leiter. Carl Friedrich August von Kaehne wird geadelt. Jetzt sind sie im Kreis der Märkischen Junker angekommen.

Der Park in dem wir stehen, das Ensemble der Gebäude und die hohe Mauer um alles herum sind das Resultat sowohl gesellschaftlicher Ambitionen als auch üppiger Finanzen. Schon 1820 beauftragten die Kaehnes das preußische zeitgenössische Dreamteam. Karl Friedrich Schinkel fürs Bauen und Peter Joseph Lenné für die Gestaltung des englischen Gartens. Obgleich beide mit größeren Projekten beschäftigt waren, gelang ihnen bis 1850 die Gestaltung eines sich im schimmernden Wasser spiegelnden Juwels. Ein entspanntes Stück England mit einem Hauch Exotik in Brandenburg. So wie es die Großen auch hatten nur fast noch schöner.

Dorfkirche in Petzow

Dorfkirche
Ein paar Meter hinauf auf den Grelleberg, dort steht die Dorfkirche, vor uns die Apsis. Grüngelbe Ziegel für die Wände, rötliche Ziegel für das Gesimsband. Das tönerne Farbspiel der Mark. Die grünlich gelben Ziegel sind von hier, die rötlichen der Gesimse stammen aus Rathenow. Ein rechteckiger Bau, ein mit einem Brückenbogen verbundener Glockenturm, gebaut 1840-42. Innen klassizistisch, außen ein Hauch von Neogotik. Am 31.10.1842 wurde sie geweiht und der König, Friedrich Wilhelm IV., war ebenfalls dabei. 
Die Lage ist phänomenal. Links ein See und rechts ein See und einer fast geradeaus. Der Schwielowsee als Teil der Havel in der Ferne, der Glindower See am Fuße des Steilhanges und der kleine rund-ovale Haussee in der Senke. Im Winter ist das Wasserleuchten durch die unbelaubten Bäume so besonder schön zu sehen. Ein Dreiseenblick im Dreamteamambiente. Vor der Kirche stehen drei Bänke. Wir setzen uns mit Abstand, blinzeln in die Sonne und holen die Thermoskanne heraus. Nicht ganz die feine englische Art und dennoch schön.

Jetzt den Berg hinunter Richtung See. Links steht das rekonstruierte Spritzenhaus der Feuerwehr. Der Eingang ist mit Blattwerk überwachsen als verschließe er die Märchenwelt. Weiter unten stehen rechts und links die zum Schloßgut gehörenden Backsteinhäuser. Ziegel sind ein praktisches doch in Serie gebrannt ein störrisches Material, dass nicht alles mit sich machen lässt. Figuren liegen ihm dann nicht mehr, das sich in Form schmiegen ist teuer. Zum Gestalten an den Wänden bleibt die Symmetrie, die hier zu sehen ist.

Gutshaus
Am Ende des Weges kurz vor dem See steht das Gutshaus, auch Schloß genannt. Der Bau ist eine Melange aus Tudor und Italien. Und keine Spur von Backstein beim Ziegelbaron. Die Fassaden sind verputzt und sonnengelb gestrichen, Toscana mit vier zinnenbewehrten Tudortürmen. Zur Südseite lassen neogotische Fenster das Licht in einen großen Raum. Ich stelle mir eine illustre Gesellschaft bei den frisch geadelten Gastgebern zur englischen Teatime mit Blick auf den englischen Garten Lennés vor. Ganz ohne Thermoskanne. Von Kaehnes repräsentieren, als säßen sie schon seit dem Mittelalter in dieser Burg am See.

Ein Anbau an das alte Haus ist neu, wenig erfreulich, nicht angeglichen bis auf einen Giebel und der farbliche Anstrich nicht gelungen. Wohnungen sind hier entstanden, zur Seeseite mit schönem Blick.
Die Erbbegräbnisstätte der Familie von Kaehne liegt etwas abseits und verborgen, inzwischen nach dem Vandalismus vieler Jahre ist sie wieder renoviert. 

Streuobstwiese Petzow
Streuobstwiese

Wir gehen über die Streuobstwiese, in der, sehr malerisch, ein Schuppen auch aus Ziegeln steht. Und kurz dahinter ist der Steg, der weit aufs Wasser ragt. Golden scheinen die Rohrhalme am Ufer in der Sonne, der Blick ist fast unendlich. Als gäbe es kein Gegenüber am Schwielowsee, so fern ist die Linie der anderen Küste.

Vom Steg zum Weg. Das Licht schimmert und bahnt sich zwischen den alten Eichen im Park einen weiten Raum. Eine kurze Wegstrecke bleibt uns bis zur Badestelle am Schwielowsee, die hier an einer Wiese liegt. Kleine Muscheln füllen den Strand und das Wasser ist winterlich glasklar. Auf der gegenüberliegenden Hausseeseite steht das Waschhaus. Früher floß von hier die Seife in den See, jetzt ist es ein Museum. Im Winter ist geschlossen.
Im Haussee spiegeln sich die Wolken als seien es die Alpen. Hauchdünnes Eis liegt auf einem Teil der Wasserfläche und über das noch freie Areal kommen die Enten angeschwommen als hätten wir einen Vorrat für sie in unseren Taschen. Auf einer kleinen Bogenbrücke überqueren wir den Kanal, der den Haussee mit der Havel verbindet und passieren die jetzt private Fischerhütte.

Gedenkstein
Und dann liegt da unvermittelt ein großer Granitstein mit einer eingemeißelten Schrift „Hier wurde der Antifaschist Dr. A. Mehlhemmer am 10.5.1943 durch den Gutsbesitzer v. Kaehne erschossen.“ Plötzlich verdunkelt sich der Blick auf die illustre Teegesellschaft im Gutshaus.

Gedenkstein in Petzow


Neben dem antifaschistischen Gedenkstein der SED von 1986 steht eine grüne Tafel, die sich um Erklärung müht. Im Waschhaus wird eine genauere Aufarbeitung und Dokumentation ausgestellt. Dr. Alfred Mehlhemmer, Besitzer einer Fabrik für Flugzeugpropeller, mietete in Ferch ein Haus und engagierte sich im Widerstand gegen das Regime der Nazis. 1942 wird er verhaftet und in Sachsenhausen inhaftiert. Nach mehr als einjähriger Haft kommt er frei. Er lebt zurückgezogen in Ferch, liebt das Angeln und nutzt die Rechte eines Freundes dazu am Haussee. Eines Tages entdeckt er im Schilf ein merkwürdiges Versteck und blutverschmierte Werkzeuge. Er meldet es der Polizei, ein Hin- und Her ergibt sich, eine Suchaktion beginnt. Am Ende ist Alfred Mehlhemmer tot. Erschossen vom Gutsbesitzer Carl v. Kaehne. Der war, wie schon sein Vater, als schießwütig bekannt und einmal verurteilt und ein Nazi. Schon 1922 schreibt Kurt Tucholsky ein Gedicht auf den alten von Kaehne und die Abhängigkeit und Blindheit der Justiz. Es heißt ganz einfach “Kaehne”. Der Mord an Alfred Mehlhemmer war vielleicht ein Auftrag der Potsdamer Gestapo, vielleicht die Vertuschung von Schwarzschlachterei. Am 8.8.1946 stirbt Carl v. Kaehne IV., selbst inhaftiert in Sachsenhausen, im sowjetischen Speziallager an Hunger und Krankheit. Der letzte Gutsbesitzer ist verstorben, sein einziger Sohn in den letzten Kriegstagen gefallen. Die Geschichte des preußischen Landadels in Petzow ist dramatisch zu Ende. Der Besitz wird enteignet und LPG. Bleibt Margarete Mehlhemmer, Dr. Alfreds Frau. Sie wird zunächst „Opfer des Faschismus“ tituliert, dann denunziert, verhaftet, nach Sibirien deportiert, nach fünf Jahren in den Westen freigekauft. Sie schreibt ihre Erinnerungen und tötet sich 1971 mit eigener Hand. 
Tucholsky: “Du dämlicher Hund liegst blutend im Wald. Ein preußischer Adliger machte dich kalt. –Zitternd stand dein Junge dabei – Mensch, du warst Nummer 103! — Wälz dich im Dreck – aber mach keine Szene. Auf dich schoß nicht schlecht — waidgerecht — Kähne.”
Wir sind erschüttert. Die Idylle hat getrogen. Wie jede Idylle uns zum Narren hält. Mittendrin ist die Geschichte und die Gegenwart und wir schauen über den eisigen See.

Auf einem kleinen Hügel sehen wir nach ein paar Schritten schräg über unserem Blick die Büste von Peter Joseph Lenné. Der Landschaftsgärtner schaut wohlwollend auf seine Schöpfung. Die Möglichkeit einer Utopie.

Obelisk im Park Petzow.
Obelisk im Park

Nach ein paar Minuten sind wir wieder bei der Kirche. Gedankenverloren genießen wir den Dreiseeblick, träumen von Arkadien und trinken noch einen heißen Tee aus unserer Kanne.

Das waren die Reisefrequenzen. Heute im Park von Petzow. Nah ist’s auch schön.

Schloß Petzow am eisbedeckten Haussee

Wo: Park von Petzow, Ortsteil von Werder.
Was: Ein Parkspaziergang. Schnellen Schrittes in einer guten Stunde, aber langsam ist es schöner.
Tipp: Mit dem Fahrrad auf dem Radweg um den Schwielowsee. Baden an der Badestelle. Mit dem Ausflugsdampfer über den See, der Steg ist die Anlegestelle. Per Bus nach Petzow, die Haltestelle ist direkt am Park.
Food: Zwei Empfehlungen: Forellenhof am Schloss Petzow. Sanddorn-Garten Christine Berger, Sanddorn-Produkte und Restaurant. In beiden Lokalen schöne Plätze am See.
Inspiration: Das Gedicht von Tucholsky https://www.textlog.de/tucholsky-kaehne.html
Auf unserem Blog zu Ziegeleien: Glindow. Heiße Ware aus der Ziegelmanufaktur.
Und zum anderen Ufer des Schwielowsee: Caputh. Zu Tussy II und Albert Einstein.
♥️ Unser Lieblingsplatz: Im Winter der Rundgang um den Haussee, im Frühjahr auf der Streuobstwiese. Im Sommer an der Badestelle, im Herbst unter den alten Laubbäumen.
🗝 Wir führen Euch gerne persönlich durch Petzow oder durch andere Orte der Reisefrequenzen.

2 Gedanken zu „Petzow. Ein Schloss am See, ein englischer Park und ein Verbrechen.“

  1. Wo die Wolken im See wie die Alpen anmuten, nimmt mich der Zauber dieser Landschaft ganz und gar gefangen. Fontanes Dichterworte besiegeln dann auch meine wunderbaren Eindrücke.
    Doch dann bricht in diese Idylle die Unmenschlichkeit verführter Ortsansässiger herein. Die Geschichte bitteren Geschehens kann auch uns Zeitgenossen zur Um- und Vorsicht mahnen.
    Schon heute melde ich mich zu einer Führung in dieser Drei-Seen-Landschaft an. Die historischen Gebäude möchte ich im Sonnenschein der Nach-Corona-Zeit sehen!

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