Kloster Lehnin. Die Vision unter der Eiche.

Brandenburg
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Kloster Lehnin. Die Vision unter der Eiche.
Kloster Lehnin. Die Vision unter der Eiche.
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Hallo! Hier gehts zu den Reisefrequenzen. Oder: nah ist’s auch schön. Heute zum Kloster Lehnin.

Wir nehmen Sie und Euch mit zu unserem heutigen Ziel, zum Kloster in Lehnin. Es ist einer dieser Orte, bei denen die falsche Betonung alles verändert. Doch hier geht es nicht um eine Person, sondern vermutlich um eine Kuh. Und um einen Traum. Die Hauptrolle in der Vision spielt eine Hirschkuh, ins slawische übersetzt die „Lanye“. Den Zusammenhang zwischen der slawischen Hirschkuh „Lanye“ und dem Ort Lehnin beschreibt der böhmische Chronist Pulkawa von Hradenin exakt in jenem Jahr 1373, in dem der böhmische Kaiser Karl IV. Besitzer der Mark Brandenburg wird und einen Bezug zum Hauskloster der Vorbesitzer, den Askaniern sucht. Das ist das Jahr, in dem Otto I. träumt.

Doch bevor wir mehr über die Träumereien erzählen, zitieren wir Theodor Fontane. Darüber, daß der Chronist auch schon hier war, täuschen wir keine Verwunderung vor. „Der Weg …, führt durch alte Klosterdörfer mit prächtigen Baumalleen und pittoresken Häuserfronten, die Landschaft aber, die diese Dörfer umgibt, bietet wenig Besonderes dar, und setzt sich aus den üblichen Requisiten märkischer Landschaft zusammen: weite Flächen, Hügelzüge am Horizont, ein See, verstreute Ackerfelder, hier ein Stück Sumpfland, durch das sich Erlenbüsche, und dort ein Stück Sandland, durch das sich Kiefern ziehen. Erst in unmittelbarer Nähe Lehnins, das jetzt ein Städtchen geworden, verschönert sich das Bild, und wir treten in ein Terrain ein, das einer flachen Schale gleicht, in deren Mitte sich das Kloster selber erhebt. Der Anblick ist gefällig, die dichten Kronen einer Baumgruppe scheinen Turm und Dach auf ihrem Zweigwerk zu tragen, …..“ schreibt er im Herbst 1863. 

Kloster Lehnin, Chor
Die Klosterkirche von Osten

Die Anlage des Zisterzienserklosters in Lehnin

Wir stellen uns einen um Jahrhunderte zurückversetzten Drohnenblick auf die Anlage vor. Eine klar gegliederte Struktur rot leuchtender Backsteine inmitten des Grüns der Wälder und der blauen Seen. Ein paar unauffällige Hütten stehen nebendran. Dann zoomen wir uns dem Irdischen näher.

Im morgendlich träumenden Herbstlicht liegt das klösterliche Anwesen, als hätte jemand einen goldrosafarbenen  Seidenschal darüber gelegt. Leise und fast ein wenig zögerlich treten wir in das ruhige Ambiente. Die Bäume mit ihrem grünen, langsam vergilbendem Laub sind ein schönes farbliches Gegenspiel zum roten Stein der Mauern. 
Hier stehen wir in einem Synonym für Standhaftigkeit und Ruhe, für Ordnung und Hierarchie, für den Ausbau der Landwirtschaft und die Hilfe für Kranke.

Vom Marktplatz kommend sind wir fasziniert vom gotischen Blendwerk am ersten gut sichtbaren Gebäude. Vom Wechsel zwischen Backstein und Putz, von den Zierbändern zwischen den spätgotischen Spitzbogenfenstern. Dieser reich gegliederte Giebel gehört zum Königshaus. Über die langen Jahrhunderte hat es verschiedene Nutzungen hinter sich. Ein Königshaus zu sein war erst die zweite Bestimmung, zunächst war es das Siechenhaus oder Hospital, am äußersten Rande des Klosters errichtet. Kurz vor der Reformation ließ der letzte Abt des Klosters, Valentin, 1530 die Unterkunft für Kurfürst Joachim I. umbauen. Der hatte die reichen Jagdgründe um Lehnin für sich selbst entdeckt. Nach der Säkularisierung 1542 vereinnahmte er gleich die ganze Gegend. Aus dem Siechenhaus wurde ein Jagdchalet mitsamt neuem Kamin und die Kranken waren vergessen. Den Ausbau zum heutigen Königshaus regte Wilhelm IV. an, ein Fan der Neogotik.
Nebenan, etwas zurückgesetzt, steht das aus dem späten 15. Jahrhundert stammende Falkonierhaus. Ehemals war es das Gästehaus, später der Wohnsitz des für die Jagd benötigten Falkners, heute die Kita. Gegenüber stützen schwere Holzbalken die einzig erhaltene Wand des ehemaligen Schlosses, das in kurfürstlicher Zeit errichtet worden war.  
Nach ein paar Schritten sehen wir hinter dem Cecilienhaus die Apsis der Klosterkirche. Ein halbrunder romanischer Chorabschluß, unauffällig fast, ragt mehrstöckig aus der Gebäudeflucht. 

Die morgendliche Stimmung weicht der Geschäftigkeit des Tages. Kloster Lehnin gehört zum Evangelischen Diakonissenhaus Berlin Teltow Lehnin. Sowohl die erneuerten Konventsgebäude als auch die Neubauten hinter dem ehemaligen Klosterbereich und die Klinik gehören zur Diakonie, die sich hier auf geriatrische Leistungen und ein Hospiz spezialisiert hat. 

Das Kloster Lehnin war ein märkisches Zisterzienserkloster. 1180 wurde es durch den zweiten brandenburgischen Markgraf Otto I. gegründet, die ersten Mönche kamen 1183 aus Sittichenbach im Mansfelder Land. Die Zisterzienser sollten die regierenden Askanier im Landesausbau und bei der Christianisierung wesentlich unterstützen. Zudem bildete der in der Mark Brandenburg den Askaniern verpflichtete Orden eine Festung gegen die steten Ansprüche der Wettiner, der südlich begehrlichen Sachsen. Die Wahl des Ortes war gelungen, es gab Wasser und üppige Wälder und die hier vorkommende Tonerde konnte für die Eigenproduktion der Backsteine zum Bau von Kirche und Kloster verwendet werden. Die Gegend war trotz der relativen Nähe zu Stadt und Dom in Brandenburg entsprechend der Vorstellungen der Zisterzienser einsam und abseits gelegen. 

Die Gründungslegende

Doch kein mittelalterliches Kloster kommt ohne legitimierten Gründungsanspruch in die Welt. Exakt an diesem Ort tritt die Hirschkuh auf. Otto I., Sohn Albrecht des Bärens, sinkt unter einer großen Eiche in den Tiefschlaf und träumt vom wiederholt gefährlichen Angriff einer weißen Hirschkuh. In letzter Not rettet ihn sein christlicher Glaube vor dem wilden weiblichen Tier. Seine Ritter werden zu Traumdeutern. In der Hirschkuh sehen sie die paganen Slawen und entscheiden, daß der Baum, unter dem Otto schlief, der richtige Ort sei, um aus Dankbarkeit ein Kloster zu stiften. Für den Bau des Klosters musste der Baum weichen. 

Georg Wilhelm Häring, bekannter unter seinem Pseudonym Willibald Alexis, wäre der bedeutendste Dichter der Mark, wenn später nicht Theodor Fontane gekommen wäre. Willibald Alexis beschreibt in einem seiner Romane diese Vision und Gründungslegende des Klosters.  
Um nach der Legende wieder zu klarem Kopf an der frischen Luft zu kommen, gibt es heute einen ausgeschilderten Willibald-Alexis-Wanderweg mit beschreibenden Informationstafeln, der zum Mittelsee und zum Gohlitzsee führt.

Kloster Lehnin. Die Vision unter der Eiche.
Blick auf das Kirchenschiff vom Kreuzgang

Der Anfang für die Zisterzienser war schwierig. 1190, kurz nach dem Baubeginn der Kirche, wird ihr Abt Sibold erschlagen. Wie Theodor Fontane berichtet. „Abt Sibold, so erzählen sich die Lehniner bis zu diesem Tag, wurde von den umwohnenden Wenden erschlagen, …. und statt des Grabsteins des Ermordeten, der fünf Jahrhunderte lang seinen Namen und die Daten seines Lebens bewahrt hatte, erzählen nur noch die beiden alten Bilder im Querschiff die Geschichte seines Todes.“  Für die Restaurierung des Bildes werden jetzt Spenden gesammelt. Nach neuen Forschungen könnten es tatsächlich Slawen gewesen sein, die den Abt erschlugen. Möglicherweise war Ottos Eiche ein heiliger Ort der Slawen, gefällt von den Zisterziensern.

Erst das wichtigste Kloster der Mark, dann der Verfall

1260 ist die Kirche fertig und wird Zentrum des wichtigsten Klosters in der Mark, Hauskloster und Grablege der Askanier. Die Mönche werden erfolgreiche Geschäftsleute. Sie liefern das Getreide bis nach Hamburg und vergeben Finanzkredite an die Städte Erfurt und Lüneburg. Selbst die Raubritter der Umgebung, die Rochows und Quitzows, halten sie erfolgreich in Schach.
Als das Kloster 1542 in der Reformation säkularisiert wird, umfasst sein Besitz rund 4.500 Hektar Wald- und Ackerfläche, 54 Seen, 9 Wind- und 6 Wassermühlen, 39 Dörfer und die Stadt Werder. In Werder hatten die Mönche 1317 für 244 brandenburgische Mark den Berg gekauft, auf dem sie den Brandenburgern die Grundregeln des Weinanbaus zeigten. (Zum Weinanbau in Werder https://reisefrequenzen.de/podcast/werder-wachtelberg-saale-unstrut-an-der-havel/)
Nach der Reformation schlug die Vernachlässigung zu. Nicht mehr genutzt, nicht mehr repariert. Zwischen 1770 und 1820 stürzten Teile des Kirchendaches ein, die Lehniner bedienten sich am Backstein im Klosterformat und verbauten ihn in ihren Dorfhäusern und Scheunen. Die drei westlichen Joche des Mittelschiffes der Kirche, das nördliche Seitenschiff, der Kreuzgang, die Klausur, das Brauhaus und das Jagdschloss verfallen in Trümmern. Nur der romanische Ostteil mit dem Chor blieb als Gemeindekirche, vornehmlich für die in Lehnin angesiedelten flämischen und französischen Migranten, erhalten. So sieht es Fontane bei seinem Besuch und die Spuren des ehemaligen Verfalls sind bis heute deutlich erkennbar.
1811 ging das Domänenamt Lehnin in Privatbesitz über. Der Rittergutsbesitzer Robert von Loebell trieb die schon vom romantischen König Friedrich Wilhelm IV. angedachte Restaurierung voran. 1871-1877 wurde Kloster Lehnin wieder aufgebaut. Für die Restaurierung wurden sogar die alten Tongruben wieder geöffnet, um die originale Rottöne der Backsteine zu brennen. Am 24. Juni 1877, dem Johannistag, weihte Kronprinz Friedrich die Kirche erneut ein. 
Seit 1911 beherbergt das Kloster das Diakonissenhaus Luise-Henrietten Stift. Benannt ist es nach der Kurfürstin Luise-Henriette von Oranien, die sich gerne in Lehnin aufgehalten haben soll.

Kirche innen, Kloster Lehnin

Wir öffnen die kleine Tür, die neben dem Chor in die St. Marien Kirche führt. Die Küsterin drückt uns ein laminiertes, frisch desinfiziertes Blatt mit Informationen über die Kirche in die Hand. Wir gehen noch ein paar Schritte und stehen vor dem hohen Chor.
Ein heller Raum öffnet sich, gegliedert durch die roten Backsteinbänder. Ein paar Stufen führen zum Hochaltar. Der eigentliche Lehniner Schnitzaltar ist im Brandenburger Exil, an seine Stelle wiederum wurde 1948 ein kleinerer Schnitzaltar aus Brandenburg getauscht. In biegsamer gotischer S-Form stehen die weiblichen Heiligen, etwas strenger die Apostel an den Seiten. 
Das schlichte Triumphkreuz in der Vierung wurde aus der Dorfkirche Groß-Briesen hierher verbracht. Dendrologische Forschung verweist auf eine Entstehung der Christusfigur um 1240.

Der Ort des Traums war die Eiche

Plötzlich hakt der Fuß. Ein leichtes Stolpern. Aus den Treppenstufen des Altars wächst ein Holzblock. Das ist sie, die sagenhafte verkieselte und dadurch erhaltene Eiche, genauer die Baumscheibe des ehemaligen Baumes. Hier also lag Otto I. als ihm visionär träumte und damals, statt der Kirche, hier Baum und Gras wuchsen. Hier also stand, vielleicht, das pagane Heiligtum der Slawen. Ein hartes Stück Holz im gebrannten Ton der Treppe.
Daneben steht die einzige erhaltene Grabplatte des askanischen Hochadels in Lehnin. Otto VI., gestorben als junger Mönch. 
Der Blick schweift durch das imposante Kirchenschiff, hellbeiger Putz und Backstein sind die Spielfarben der schlichten Eleganz. So wie es die Regeln der Zisterzienser verlangten. Die Sonne scheint durch die bildlosen Fenster und haucht der Kirche Gold ein. Nichts ist überladen, die Dimensionen sind perfekt. Ein Moment der Ruhe. An den Kirchenbänken sind Kerzenhalter angebracht und einige Wachsreste zu sehen. Wir stellen uns das Kirchenschiff im flackernden sanften Licht vor. 

Draußen rafften früher die Mönche ihre Kutten und gingen durch die Streuobstwiese. Äpfel und Pflaumen sind reif, die Kirschen längst geerntet. Im Kräutergarten wachsen Verbene, Lavendel, Oregano, Dill und Ringelblumen. Das Pfauenauge ruht sich auf den Blüten aus, die Hummeln finden die letzte Herbstnahrung. In der Mitte ein kleines Café, das schade, keine Pächterin mehr hat. 
Neben der Streuobstwiese steht das große steinerne Kornhaus, in dem Getreide gelagert wurde und der Zehnte, die Pflichtabgabe der Bauern. Es ist nur noch ein Torso seiner selbst und immer noch gewaltig. Ursprünglich war es dreischiffig, die Bogenansätze sind noch gut zu sehen. Jetzt gleicht es einer Halle. 

Kornhaus, Kloster Lehnin.
Der Speicher „Kornhaus“

Wir gehen durch den Hof am Elisabethhaus vorbei auf die Rückseite der Konventsgebäude. Über einen Zaun hinweg schauen wir in den ehemaligen Kreuzgang. 
Eine Diakonisse mit weißer Haube und langem blauem Mantel führt ihren Hund an der Leine aus. Eine Katze schleicht um unsere Beine.  
Im barocken Amtshaus von 1696 ist ein Museum eingerichtet. „Wo Himmel und Erde sich begegnen“ zeigt das Leben im Kloster und die Umsetzung des Mottos „ora et labora“, „bete und arbeite“.

Sonnenblumen und Cosmeen blühen, die Malven welken schon. Die Umgebung ist ganz die Mark. Seen und Wälder und Felder und Seen. Der Steg am Mühlenteich, der Willibald-Alexis-Wanderweg und das Naturschutzgebiet am Rietzer See zur Beobachtung der 260 Vogelarten sind attraktive Möglichkeiten zur Erkundung. Bei der Wanderrunde um den Klostersee horchen wir, wie es sich anhört, unter einer Brücke der Bundesautobahn A2 zu wohnen und lernen die Geschichte des Ziegeleiortes Nahmitz kennen. Am Ende des Weges kommen wir wieder zum Ziel. Kloster Lehnin ist ein betriebsamer Ort der Kontemplation, einst das wichtigste Kloster in der Mark.

Das war ein Ausflug zum Kloster Lehnin. Die Vision unter der Eiche. Das waren die Reisefrequenzen. Nah ist’s auch schön.

Wo: Kloster Lehnin.
Was: Kirche, Kloster, Speicher, Museum, Spaziergang zum Mühlenteich, Spaziergang um den Klostersee (es wird etwas laut aber bleibt interessant). Veranstaltungen in der Kirche. 
Food: Hefekuchen vom Bäcker Kirstein. Und das Ufercafé. 
Inspiration: Theodor Fontane. „Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Havelland, Die Wenden, Kloster Lehnin“
Ein Blogbeitrag zu interessanten und schönen Kirchen weltweit, zu denen selbstverständlich auch das Kloster Lehnin gehört, ist hier zu finden https://www.nicolos-reiseblog.de/schoensten-kirchen-der-welt/
Information: ganz genau zu allen Ortsteilen Lehnins https://mil.brandenburg.de/media_fast/4055/Lehnin.pdf
Extra: Auf der Suche nach dem weißen Fräulein. Theodor Fontane hat es gesehen „Dabei wird es kalt und kälter; das Abendrot streift die Kirchenfenster, und mitunter ist es, als stünde eine weiße Gestalt inmitten der roten Scheiben. Das ist das weiße Fräulein, das umgeht, treppauf, treppab, und den Mönch sucht, den sie liebte. Um Mitternacht tritt sie aus der Mauerwand, rasch, als habe sie ihn gesehen, und breitet die Arme nach ihm aus. Aber umsonst. Und dann setzt sie sich in den Pfeilerschatten und weint.“
♥️ Unser Lieblingsplatz: Es gibt zwei. Der Innenraum der stillen, klar gegliederten Kirche. Die Streuobstwiese mit Kräutergarten neben dem imposanten Speicher.

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2 Gedanken zu „Kloster Lehnin. Die Vision unter der Eiche.“

  1. Ich hab grad den Artikel gelesen und würde am liebsten gleich hinfahren, So bildhaft beschrieben, ich würde den Willibald-Alexis-Weg suchen und um den Klostersee herumlaufen wollen. Ich freue mich über den Artikel sehr, er kommt ins Archiv, und im Frühling…., danke und liebe Grüße an die Autorin

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    • Vielen Dank, liebe Frau Keil! Ich freu mich schon jetzt mit Ihnen auf den Frühling und das Losfahren und Loswandern. Kommen Sie gesund durch den Winter.

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